Europäische Friedensverträge der Vormoderne - online

Titel
Europäische Friedensverträge der Vormoderne.


Rezensiert für H-Soz-Kult von
Michael Rohrschneider, Vereinigung zur Erforschung der Neueren Geschichte

Es besteht kein Zweifel daran, dass der Quellengruppe der Friedensverträge zentrale Bedeutung für die Erforschung der europäischen Geschichte der Frühen Neuzeit zukommt. In dieser Epoche, die durch eine signifikante Kriegsverdichtung geprägt war - exemplarisch sei auf den Dreißigjährigen Krieg hingewiesen -, dokumentierten Friedensschlüsse besonders eindrucksvoll das Ringen der Zeitgenossen um eine friedliche Gestaltung zwischenstaatlicher Beziehungen. Der Krieg stellte gleichwohl über längere Zeiträume hinweg gewissermaßen den europäischen Normalfall dar, während Friedensschlüsse trotz der zumeist anders lautenden Bekundungen der Vertragschließenden mitunter nur ephemeren Charakter hatten. So sind in dem Zeitraum von ca. 1450 bis 1789 vermutlich bis zu 2000 Friedensverträge in Europa geschlossen worden, was einen nachhaltigen Eindruck vermittelt von dem grundlegenden Spannungsverhältnis zwischen der charakteristischen Bellizität der Epoche einerseits und dem immer wieder im politischen Denken wie auch in der politischen Praxis zum Ausdruck gebrachten Streben der Zeitgenossen nach Frieden andererseits. Die Friedensverträge selbst standen jeweils am Ende des komplexen Prozesses der Friedensfindung. Ihr Stellenwert für die historische Friedensforschung, das Völkerrecht und die Erforschung der Geschichte der internationalen Beziehungen, um hier nur drei traditionell stark beachtete Forschungsfelder zu nennen, kann kaum überschätzt werden. Dagegen steht der ernüchternde Befund, dass es an historisch-kritischen Editionen der Vertragstexte mangelt. Die 1998 erschienene, von Antje Oschmann bearbeitete mustergültige Edition der beiden Friedensverträge des Westfälischen Friedens vom 24. Oktober 1648 im Rahmen der Acta Pacis Westphalicae stellt zweifelsohne eine der wenigen Ausnahmen dar. In der Regel wird man jedoch nach wie vor auf ältere Vertragseditionen, wie zum Beispiel Dumonts "Corps Universel Diplomatique Du Droit Des Gens", zurückgreifen müssen.

Insofern ist es besonders begrüßenswert, dass mit dem hier zu besprechenden Forschungsprojekt nunmehr eine historisch-kritische Edition im Entstehen begriffen ist, die sich ganz den frühneuzeitlichen Friedensverträgen widmet. Ihr erklärtes langfristiges Ziel ist es, die zwischen ca. 1450 und dem Beginn der Französischen Revolution geschlossenen europäischen Friedensverträge umfassend archivalisch nachzuweisen und zu verfilmen, sie anschließend wissenschaftlich zu bearbeiten, zu digitalisieren und nach und nach im Internet zur Verfügung zu stellen. Grundlage der Edition sind dabei nach Möglichkeit die jeweiligen Unterhändlerausfertigungen, die in Archiven über ganz Europa verstreut liegen. Dass diese Aufgabe nur mit großem Aufwand zu bewältigen ist, liegt aufgrund der gesamteuropäischen Dimensionen des Projektes auf der Hand. Von daher ist die Anbindung an das Mainzer Institut für Europäische Geschichte Erfolg versprechend, denn institutioneller Rückhalt ist für ein solches Großprojekt lebensnotwendig. Zunächst in den 1990er Jahren unter der Leitung des Mainzer Emeritus Hermann Weber als Editionsprojekt der Internationalen Kommission zur Herausgabe von Quellen zur Europäischen Geschichte (Monumenta Europae Historica) begonnen, wurde das Vorhaben im Jahr 2000 an das Mainzer IEG übergeben. Geleitet wird das Projekt von Heinz Duchhardt; die Koordination obliegt Martin Peters. Gefördert wird das Projekt durch die Fritz Thyssen-Stiftung und die Deutsche Forschungsgemeinschaft.

Die online-Präsentation des Projektes ist, wie das Vorhaben selbst, noch im Aufbau begriffen. Gleichwohl erlauben die vorliegenden Ergebnisse einen ersten Einblick in die bislang geleisteten Arbeiten und in die zu erwartenden Ergebnisse. Die Startseite bietet - neben aktuellen Informationen - das übersichtliche Menü zur Navigation innerhalb des online-Angebotes. Eine problemlose Orientierung ist hierbei jederzeit gewährleistet. Wie sieht dies im Einzelnen aus? Über den Link "Projekt" gelangt man zu Hinweisen über die Projektgenese bzw. zu einer einführenden, konzisen Projektbeschreibung von Heinz Duchhardt; letztere beinhaltet eine klares Plädoyer Duchhardts für die Nutzung moderner Technologien bei Editionsvorhaben und für den diesbezüglichen Einsatz des Mediums Internet. Der Link "Projektgruppe" führt zu einer kurzen Vorstellung des Leiters, des Koordinators und der derzeit drei Mitarbeiterinnen des Projektes mit ihren jeweiligen Forschungsschwerpunkten. Informationen über die Auswahlkriterien hinsichtlich der edierten Vertragstexte und die Editionsrichtlinien sind bequem über den Link "Edition" greifbar. Hier findet sich unter anderem der Hinweis darauf, daß sich die Editoren bei der Aufstellung der editionstechnischen Regeln nicht nur von den einschlägigen Richtlinien Johannes Schultzes und der Arbeitsgemeinschaft außeruniversitärer historischer Forschungseinrichtungen haben leiten lassen, sondern dass sie in dieser Frage auch auf die langjährigen Editionserfahrungen der Acta Pacis Westphalicae zurückgegriffen haben. Ebenfalls über den Link "Edition" gelangt man zu einer Bibliographie, welche die einschlägigen Vertragssammlungen und weiterführende Literatur verzeichnet. Ein Abkürzungsverzeichnis informiert über die in der Edition verwendeten Siglen und Abkürzungen. Eine Suchhilfe enthält eine Kurzanleitung zur Volltextsuche, die über einen eigenen Link "Suche" benutzt werden kann. Ferner finden sich über den Link "Kontakt" die entsprechenden Kontaktadressen sowie eine knapp kommentierte, sicherlich noch ausbaufähige Linksammlung.

Das eigentliche Herzstück des online-Angebotes sind die Friedensverträge selbst. Ediert sind zur Zeit 36 Friedensverträge, die den Zeitraum von 1491 (Friedensvertrag von Pressburg) bis 1779 (Konvention von Teschen) umfassen. Jeder edierte Friedensvertrag ist im Volltext online greifbar. Dagegen sind noch nicht alle edierten Friedensverträge als PDF-Druckversion verfügbar. Zum Teil besteht zusätzlich die Möglichkeit, über den Link "Buchdruck auf PDF" auf digitalisierte ältere Editionen zurückzugreifen. Sach- und Textanmerkungen sind online durch Ansteuern der im Volltext unterstrichenen Passagen in Form von Einblendungen, die allerdings nur vergleichsweise kurz erscheinen, abrufbar. Darüber hinaus leitet eine Menüleiste oberhalb des Quellentextes den Benutzer hin zu wichtigen editorischen Angaben und inhaltlichen Serviceleistungen: Die Links "Ausfertigungen", "Kopien" und "Drucke" weisen die ermittelten Überlieferungen der Quelle nach; über den Link "Literatur" gelangt man zu Angaben über die Forschungsliteratur zu dem jeweiligen Friedensvertrag; der Link "Inhalt" liefert kurze Inhaltsvermerke zu den einzelnen Vertragsartikeln; die beiden Links "Kontext" und "Kommentar" bieten dem Benutzer eine Chronologie der Ereignisse und eine inhaltliche Verortung des jeweiligen Friedensvertrages. All diese genannten Links zu den Friedensverträgen sind einheitlich und übersichtlich angeordnet; die Navigation innerhalb dieses Angebots erweist sich insgesamt gesehen als problemlos.

In einigen Punkten besteht noch Ergänzungsbedarf. So sollte auf jeden Fall erkennbar sein, wer die Transkription und Kommentierung der einzelnen Friedensverträge vorgenommen hat. Auch sollte deutlich gemacht werden, welchen genauen Stand die Edition jeweils hat, ob z.B. Überlieferungen noch eingearbeitet werden müssen oder ob bestimmte Überlieferungen nicht mehr ermittelt werden können. Zu hoffen bleibt auf jeden Fall auch, dass die Unterhändlerausfertigungen der Verträge in digitaler Fassung zur Verfügung gestellt werden, so dass dem Benutzer ein unmittelbarer Zugriff auf die Vertragstexte möglich ist.

Der vorläufige Gesamtbefund ist jedenfalls eindeutig positiv, wozu die gute Benutzbarkeit und die funktionale, wohltuend zurückhaltende optische Präsentation wesentlich beitragen. Zweifellos hat die elektronische Erschließung der Quellentexte ihre Vorteile: Zu nennen sind hier an erster Stelle die Suchfunktion und die Möglichkeiten der Aktualisierung und Vernetzung. Ob und inwieweit sich diese Editionsform langfristig tatsächlich gegenüber Editionen in Buchform durchsetzen wird, ist jedoch gegenwärtig noch nicht absehbar. Denn in diesem Zusammenhang spielt neben der Frage der Qualität zweifelsohne der letztlich nicht kalkulierbare Faktor der individuellen Vorlieben des Benutzers eine gewichtige Rolle, ganz abgesehen davon, dass derartige Internet-Editionen wie die vorliegende noch die nötige Akzeptanz der Zunft erringen müssen. Die Zukunft wird zeigen, ob online-Angebote, die den Anspruch haben, Editionsvorhaben zu beschleunigen, gänzlich an die hohen Standards der einschlägigen Editionen in Buchform herankommen. Dem vielversprechenden Projekt der europäischen Friedensverträge der Vormoderne sind jedenfalls ein langer Atem und entsprechende finanzielle Mittel zur Realisierung dieses ambitionierten Vorhabens sehr zu wünschen.

Zitation
Michael Rohrschneider: Rezension zu: Europäische Friedensverträge der Vormoderne, in: H-Soz-Kult, 04.03.2005, <www.hsozkult.de/webreview/id/rezwww-112>.
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Veröffentlicht am
04.03.2005
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