Titel
Netzwerk Mediatheken.


Hrsg. v.
Netzwerk Mediatheken: Bonn, DE <http://www.netzwerk-mediatheken.de/>
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Claudia Kusebauch, Medien und Kommunikation, Martin Luther Universität

Wer in Deutschland Zugang zu mediengeschichtlich relevantem Material sucht, der muss sich zunächst mit einer sowohl geografisch zerstreuten als auch institutionell unübersichtlichen Archivlandschaft auseinandersetzen. Das gilt für sowohl für Wissenschaftler, Journalisten, Pädagogen verschiedenster Bildungseinrichtungen als auch den allgemein medienhistorisch Interessierten. Film-, Fernseh- und Hörfunkgeschichte liegen in den Händen verschiedener Archive, Bibliotheken und Museen sowie zahlreicher medienwissenschaftlicher Institute. Nicht zu vergessen sind natürlich die Rundfunkanstalten selbst, die eigene fernsehhistorische Editionen produzieren oder Kopien von Sendungen, zum Teil kostenpflichtig, zur Verfügung stellen – soweit sie archiviert wurden. Es mangelt in Deutschland nicht nur an einem zentralen Archiv, sondern auch an einem Zugang der breiten Öffentlichkeit zu dem vorhandenen Material. Der Versuch dazu wurde von Politik, Wirtschaft, Vertretern der Rundfunkanstalten und der Archive zwar in den 1980er-Jahren unternommen. Allerdings hatte das Projekt „Deutsche Mediathek“ lange an Zuständigkeits-, Standort- und Finanzierungsfragen zu knabbern und wird nun in naher Zukunft lediglich in einem „Deutschen Fernsehmuseum“ aufgehen. Bezeichnenderweise hat sich das Projekt von seinem ursprünglichen Titel verabschiedet und wird gerade keine umfassende audiovisuelle Mediensammlung bieten.[1]. Kann man auf den Fundus von käuflich erwerbbaren Kopien des Handels oder den der Rundfunkanstalten nicht zurückgreifen oder sucht man gar nach einer kostengünstigeren Variante, wird man unweigerlich mit besagter Archivlandschaft konfrontiert. Damit verbunden sind unterschiedliche Erfassungssysteme und Zugangsmöglichkeiten sowie teilweise auch unzureichend betreute Bestände, wie zuweilen insbesondere an universitären Mediatheken kritisiert wird.

Wie ein Befreiungsschlag aus dieser, insbesondere aus der Perspektive des Nutzers, problematischen Lage, wirkte und wirkt dabei das Internet-Portal „Netzwerk Mediatheken“, das bereits seit 2002 zur Verfügung steht. Der Verdienst des Projekts ist es, die Möglichkeiten des Internets zu nutzen, um die reichen Bestände mit audiovisuellem Quellenmaterial, spezifischer Literatur und den verschiedensten medienhistorischen Sammelstücken virtuell miteinander zu verbinden. Dabei handelt es sich um einen Selbstzusammenschluss von „kulturell-wissenschaftlichen Angeboten und Dienstleistungen von Archiven, Bibliotheken, Dokumentationsstellen, Museen und Forschungseinrichtung an unterschiedlichen Orten“. Geschäftsführend betreut wird das „Netzwerk Mediatheken“ von der Stiftung Haus der Geschichte. Die Projektleitung haben das Deutsche Rundfunkarchiv (DRA) und wiederum die Stiftung Haus der Geschichte inne, wie dem Impressum zu entnehmen ist.

Berücksichtigung finden Bestände einzelner Häuser, aber auch Angebote bereits bestehender Verbünde oder Zusammenschlüsse wie etwa der „Verbundkatalog Film“ des Arbeitskreises Filmbibliotheken. Zu den Portal-Partnern des „Netzwerk Mediatheken“ zählen neben dem bereits erwähnten DRA das Bundesarchiv, das Haus des Dokumentarfilms, das Klaus-Kuhnke-Archiv für Populäre Musik, das Filmmuseum Berlin/Stiftung Deutsche Kinemathek, zahlreiche Bibliotheken und Mediatheken wie die der HFF Potsdam, der Kunsthochschule für Medien Köln, der Medienwissenschaft Marburg oder des Instituts für Medienforschung Siegen, aber auch Bildungseinrichtungen wie das Zeitgeschichtliche Forum Leipzig oder die Bundeszentrale für politische Bildung, um nur eine Auswahl zu nennen. Sendeanstalten oder ausgewiesene Archive von Sendern gehören nicht zu den Portal-Partnern. Hier klafft eine Lücke im „Netzwerk Mediatheken“, die den Nutzer etwas ratlos zurücklässt. Denn angesichts der Bedeutung der Sender-Archive für die derzeitige Archiv-Situation fehlt dem Internet-Auftritt zumindest ein Hinweis darauf, warum die Sender nicht Netzwerk-Partner sind. Kurios wirkt dabei, dass das Hauptstadtstudio der ARD und die Dokumentationsabteilung des WDR als Teile von zwei Sendeanstalten den Weg ins „Netzwerk Mediatheken“ gefunden haben.

Das Portal wird über ein Hauptmenü mit den sechs Punkten „Ziele“, „Partner“, „Termine“, „Projekte“, „Recherche“ und „Publikationen“ strukturiert. Über den Menüpunkt „Partner“ können umfassende Informationen über einzelne Institutionen abgerufen werden. Nach einem Klick auf den Namen oder das Logo der Institution erscheinen optisch jeweils einheitlich gestaltete Seiten, auf denen die einzelnen Häuser Auskunft über ihr Selbstverständnis geben. Entscheidend sind hier die Informationen über die jeweiligen Bestände, Projekte oder Ausstellungen. Angaben zu Kontaktdaten, Ansprechpartnern und ein Bild des Teams oder des Hauses sowie der Link zur eigenen Homepage ergänzen das Ganze. Sinnvoll wäre an dieser Stelle eine auch inhaltlich einheitliche Gestaltung. Während der Besucher das Filmarchiv vom Haus des Dokumentarfilms durch einen Link unmittelbar erreicht, werden auf der Seite des DRA Datenbanken und Informationsdienstleistungen zwar angepriesen, aber ohne deren Nutzungsbedingungen Preis zu geben.
Alle Projekte sind noch einmal über den gleich lautenden Menüpunkt abrufbar. Alle Veranstaltungen werden über den Menüpunkt „Termine“ bereitgestellt. Hier kann sich der Nutzer über einen ständig aktualisierten Kalender mit anstehenden Ausstellungen, Tagungen und Kongressen informieren. Und das immer drei Monate im Voraus.

Die für den Nutzer wichtigste Funktion des Portals liegt unter dem Menüpunkt „Recherche“, der allerdings einige Tücken birgt. Hier lässt sich einmal über eine Liste von ca. 270 Schlagwörtern von A wie „Akusmatische Musik“ über J wie „Jugendfernsehen“ bis Z wie „Zensur“ recherchieren, welcher Netzwerk-Partner für welches Thema Ansprechpartner ist. Klickt man auf ein Archiv, Institut oder eine andere Dokumentationsstelle, so erscheinen wiederum die bereits oben beschriebenen Informationsseiten mit den entsprechenden Beständen und Angeboten. Diese Verlinkung erweist sich dabei nicht immer hilfreich, da auf den Seiten der einzelnen Häuser, sei es im Text oder durch einen konkreten Hinweis, teilweise der Bezug zu dem Schlagwort fehlt. So bleibt dem Nutzer etwa verborgen, wie und womit ihm das Institut für Medienforschung der Universität Siegen und die Medienwissenschaft der Universität Marburg bei Recherchen zur „Quizsendung“ weiterhelfen können.
Dabei ist die Zuordnung von Schlagwort und Netzwerk-Partner nicht immer verlässlich. So sind den Schlagwörtern „Fernsehserie“ und „Fernsehspiel“ lediglich das Institut für Medienforschung der Uni Siegen und die Medienwissenschaft der Philips-Universität Marburg zugeordnet. DRA und HFF Potsdam dürften jedoch ebenfalls bedeutende Fundstücke in ihren AV-Medien- und Literaturbeständen für beide Genres bereithalten und hätten eines Hinweises bedurft.

Zu erwähnen ist darüber hinaus, dass sich die Partner-Lücke des Netzwerks durch das Fehlen der Rundfunkanstalten in der Schlagwortliste fortsetzt. Denn während unter dem Schlagwort „ARD“ auf das Deutsche Rundfunkarchiv und die Medienwissenschaft der Philipps-Universität Marburg hingewiesen wird, fehlen das „ZDF“, „RTL“, „SAT1“, „PRO7“ oder auch ein Schlagwort „Private“ im Allgemeinen. Gerade für die Schlagwortliste ist es wünschenswert, dass hier nicht nur Angebote und Bestände der Portal-Partner berücksichtigt werden, sondern auch auf andere Archive und Institutionen oder gar auf das Fehlen von Beständen zumindest hingewiesen wird.

Eine weitere Möglichkeit zur „Recherche“ bietet das Portal über den Menüpunkt „Datenbanken“. Hier sind Mediendatenbanken und Bibliotheken der Netzwerk-Partner aufgelistet, deren Homepage man über einen entsprechenden Klick erreicht. Eine Kurzbeschreibung des Inhalts der Angebote bietet dabei eine Orientierungshilfe. Sich informieren und recherchieren kann man etwa mit Hilfe der Datenbank des Hauses des Dokumentarfilms mit einem Bestand von 8000 Filmtiteln, mit der MOVIE-Datenbank des Medienzentrums der Uni Mannheim oder dem Bibliothekskatalog der HFF Potsdam mit ca. 16.000 nachgewiesenen Videos. Eine interessante Bandbreite weiterer Kataloge, Datenbanken oder auch elektronischer Ressourcen bietet die „Digitale Bibliothek NRW“.

Will der Portal-Besucher jedoch tatsächlich zum Nutzer von Literatur oder AV-Medien werden, steht er wieder vor dem anfangs beschriebenen Problemkreis. Denn nach dem Klick begegnen ihm unweigerlich die unterschiedlichen Standorte von Marbach bis Potsdam, unterschiedliche Nutzungsbedingungen und Recherchesysteme. Lässt sich letztere Hürde noch am leichtesten überwinden, muss man sich eingehend mit den zum Teil sehr unterschiedlichen Nutzungs- und Zugangsbedingungen von Bibliotheks- und Mediatheksverbünden auseinandersetzen, die den Weg zum anvisierten Gegenstand zum Teil erheblich erschweren. So ist für die Bestellung von Literatur mal eine Anmeldung in regional ansässigen Bibliotheken notwendig, mal erfährt der Nutzer nach der erfolgreichen Recherche eines Titels, dass der zuständige Fachbereich nicht am Fernleih-System teilnimmt. Für AV-Bestände gelten freilich aus Urheberrechtsbestimmungen besondere Bedingungen. Die Videobestände vom Haus des Dokumentarfilms wie auch die der Kunsthochschule für Medien Köln oder die Bestände der Digitalen Mediathek des Instituts für Medienforschung Siegen sind nur über Arbeitsplätze vor Ort einsehbar. Das „Wochenschauarchiv“ des Bundesarchivs wiederum bietet immerhin die Möglichkeit, Ausschnitte gegen eine entsprechende Gebühr zu bestellen.

Mit der geografisch zerstreuten und institutionell unübersichtlichen Archivlandschaft mit all ihren Hürden für den Zugang zu AV-Medien und medienhistorisch relevanter Literatur wird sich der deutsche Nutzer abfinden und arrangieren müssen, wenn er dies nicht bereits längst getan hat. Auf diese Konsequenz verweist auch das Selbstverständnis der Netzwerk-Partner, die eine dezentrale Bestandserhaltung ausdrücklich für „bewährt“ halten und die „dezentral-vernetzte Sicherung, Bewahrung, Erschließung und Bereitstellung audiovisueller Quellen und Materialien für die interessierte Öffentlichkeit“[3] zu ihrem Ziel erklären. Die Dezentralität soll dabei durch das Netzwerk Mediatheken überwunden werden, ein Standort ungebundener und systematischer Zugang zu AV-Medien geschaffen sein. Das Konzept des Internet-Portals geht vor allem auf, wenn man sich über entscheidende Sammlungen im audiovisuellen Bereich informieren, diese auffinden oder registrieren will. Den Standort ungebundenen und systematischen Zugang zu AV-Medien im Sinne einer Nutzung wird im zweiten Schritt jedoch nicht geboten. Dazu fehlt ein System mit einheitlichen Recherche- und Nutzungsbedingungen und es ist fraglich, ob sich ein solches bei Erhalt der dezentralen Struktur überhaupt realisieren lässt. Insofern dürfte sich der Besucher des Internet-Portals „Netzwerk Mediatheken“ nicht selten so fühlen, als würde die eine Tür geöffnet, die andere, entscheidende, aber verschlossen gehalten.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Kramp, Leif, Happy-End im Trauerspiel? Die Entwicklungsgeschichte der „Deutschen Mediathek“ und Perspektiven für ein „Deutsches Fernsehmuseum“, in: Rundfunk und Geschichte 31 (2005), 3-4, im Erscheinen.
[2] Vgl. Schmitt, Heiner, Die Selbstversorgung mit AV-Medien in Forschung und Unterricht. Ein Plädoyer für Transparenz und wider das Tabu, in: Rundfunk und Geschichte 30 (2004), 3/4.
[3] Vgl. http://www.netzwerk-mediatheken.de/html/zielsetzung/ziel.html

Zitation
Claudia Kusebauch: Rezension zu: Netzwerk Mediatheken, in: H-Soz-Kult, 14.04.2006, <www.hsozkult.de/webreview/id/rezwww-120>.
Redaktion
Veröffentlicht am
14.04.2006
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