Kalkriese: Die Örtlichkeit der Varusschlacht

Titel
Kalkriese: Die Örtlichkeit der Varusschlacht.


Hrsg. v.
Fachgebiet Alte Geschichte - Universität Osnabrück, DE <altgesch@rz.uni-osnabrueck.de>
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Oliver Linz, Lehrstuhl für Alte Geschichte, Universität Potsdam

Web-Site: Kalkriese: Die Örtlichkeit der Varusschlacht
www.varusforschung.de
Harausgeber: Karsten Bunz, Dr. Wolfgang Spickermann, Alte Geschichte, Universität Osnabrück

Rezensiert von:
Oliver Linz, Lehrstuhl für Alte Geschichte, Universität Potsdam, olinz@uni-potsdam.de

Die archäologischen Funde von Kalkriese beschäftigen seit nunmehr fast anderthalb Jahrzehnten die Gemüter der Fachwelt und erregen das Interesse einer breiten Öffentlichkeit. Der publizistische Niederschlag, den die vermeintliche Lösung des Rätsels um die „Schlacht im Teutoburger Wald“ in Zeitung, Funk, Fernsehen und Internet gefunden hat, ist für ein althistorisches Thema in seiner Quantität bemerkenswert. Die archäologischen Ergebnisse in Kalkriese haben scheinbar ein vergleichbares wissenschaftliches Potential, die Erkenntnis über historische Ereignisse im antiken Deutschland zu verändern bzw. zu präzisieren, wie der Fund des Augsburger Siegesaltars 1993 oder die Grabungen in Waldgirmes [1]. In der Vehemenz, mit der die verschiedenen Meinungen gegeneinander vorgebracht werden, und der Heftigkeit der Auseinandersetzung gleicht die Diskussion um die Interpretation der Funde von Kalkriese zeithistorischen Streitigkeiten mit allen ihren verbalen Geschmacklosigkeiten und Zumutungen [2]. Dabei wird oft die Besonderheit vergessen, ein antikes Schlachtfeld archäologisch erkunden zu können – egal, ob es sich nun um die Überreste der clades Variana oder der Schlacht an den pontes longi handelt.

Im Rahmen einer althistorischen Übung zum Thema „Geschichte und EDV“ an der Universität Osnabrück, die die Grabungen in Kalkriese betreut, wurde 1997 eine umfangreiche Homepage zur Thematik „Rom und Germanien“ erstellt, deren Inhalt den Grabungen in Kalkriese und ihren Interpretationen bezüglich einer Identifikation mit der Varusschlacht gewidmet ist. Die Homepage richtet sich an den interessierten Laien, Studenten wie auch an jene Fachwelt, die einen ersten Überblick über die Grabungsergebnisse haben wollen. Mit der sehr umfangreichen bildlichen Darstellung und inhaltlichen Erschließung einer Vielzahl von Grabungsergebnissen soll der Fundort Kalkriese als Ort der Varusschlacht identifiziert und die Argumentationen für diese Zuordnung nachvollziehbar gemacht werden [3].

Der Aufbau der Homepage folgt dem Schema eines Buches mit zehn Kapiteln und drei Unterkapiteln, die sich jeweils in einer neuen Seite öffnen. Nach einer Einleitung, welche die Erstellung und Absicht des Unternehmens beschreibt, folgt eine Seite mit zwei Karten, an denen sich die Entwicklung der römischen Unternehmungen in Germanien mit den vielen nachgewiesenen Lagern rechts des Rheins nachvollziehen lässt. Ferner besteht die Möglichkeit, über einen Link Zugriff auf eine Karte zu erhalten, auf der die Vielzahl der örtlichen Zuordnungen der Varusschlacht im Raum Westfalen und Lippe verzeichnet sind. Das nächste Kapitel (3) gibt einen kurzen, aber sehr gelungenen Überblick über die Germanenpolitik in augusteischer-frühtiberischer Zeit und versucht zu bewerten, welche Ziele mit den militärischen Maßnahmen in Germanien verfolgt worden waren. Leider sind die einzelnen Autoren nicht kenntlich gemacht. Ergänzt wird der Text auf der nächsten Kapitelseite (4) mit einer Zeittafel.

Kapitel 5 widmet sich den schriftlichen Quellen zur Varusschlacht. Paterculus, Tacitus, Florus und Cassius Dio werden mit den betreffenden Passagen im Originaltext und der deutschen Übersetzung zur Verfügung gestellt, die Autoren ferner in einigen wenigen Zeilen vorgestellt[4]. Auf einen Kommentar und auf Erläuterungen zu den einzelnen Passagen wurde verzichtet, stattdessen erfolgt am Schluss ein kurzer Vergleich der aufgeführten literarischen Quellen, der jedoch nicht eine explizite Interpretation bezüglich der Örtlichkeit der Varusschlacht vornimmt. Ein Verweis führt ferner zum Caelius-Stein, der in ansprechender Form auf einer eigenen Seite wiedergegeben, kommentiert und interpretiert wird.

Kapitel 6 beinhaltet eine sehr kurze Skizzierung der römischen Armee, um dann anhand von hervorragenden Fotos und einigen Zeichnungen einige Fundstücke mit militärischem Hintergrund wieder zu geben (Pionierwerkzeug, medizinische Instrumente). Kapitel 7 bildet quasi den Hauptteil der Homepage: Hier werden in drei Unterkapiteln die Grabungsfunde gezeigt und erläutert. Einleitend zu den Unterkapiteln erfolgt eine umfangreiche Darstellung des Fundortes mit Grabungskarten, Fundstellenkarten, Grabungsfotos und Profilzeichnungen, die den besonderen Charakter Kalkrieses (u.a. die Bodenverhältnisse) erläutern und den Fortgang der Grabungen dokumentieren. In den drei Unterkapiteln selbst erfolgt kommentierten Fotografien die Wiedergabe der Kalkrieser Funde, unterteilt in Militaria (Angriffs- und Schutzwaffen), Alltagsgegenständen und schließlich Münzen, die die Kernargumente für eine Interpretation des Fundortes Kalkriese als Ort der Varusschlacht darstellen – und somit auch den Hauptpunkt des Streites um diese These belegen. Sieht man davon ab, dass diese textlichen Beiträge recht kurz und daher Gegenargumente der Kalkriese-Kritiker eventuell etwas zurück gestellt sind, so stellt die inhaltliche Aufarbeitung der numismatischen Funde einen sehr gelungenen Überblick dar.

Die Homepage schließt inhaltlich mit einem Kapitel zur Rezeption der Varusschlacht seit der Frühen Neuzeit ab, das sich hauptsächlich mit dem Bild des Arminius bzw. Hermann für die Ausbildung eines germanisch-deutschen Heldenmythos sowie dem Bau des Hermannsdenkmals beschäftigt. Gegenüber den anderen Inhalten fällt die Quantität und Qualität dieser Rezeptionsgeschichte leider deutlich ab. Es folgt schließlich ein Link zum Museumspark Kalkriese und eine umfangreiche Bibliografie zu den Grabungen in Kalkriese und der römischen Germanienpolitik in augusteisch-tiberischer Zeit.

Layout und Technik der Homepage sind eher konservativ: Kein Popup-Fenster öffnet sich, keine umfangreiche Animation wird gestartet – und dies tut dem Inhalt gut [5]. Die Anordnung der Texte und Fotos folgt dem Stil eines Print-Magazins, wobei sehr schön darauf geachtet wurde, dass Sinnzusammenhänge auf einer Bildschirmseite nachzuvollziehen sind. Zur Übersichtlichkeit trägt auch eine Navigationsleiste bei, die in Form eines Inhaltsverzeichnisses der Gesamthomepage am unteren Rand des Bildschirmes immer sichtbar bleibt. Der Charakter einer elektronischen Buchpublikation bleibt somit erhalten. Das sehr umfangreiche Bildmaterial steht in hoher Qualität zur Verfügung und die einzelnen Bilddateien lassen vernünftige Ladezeiten zu. Jedoch kann die Menge an Bildern in den Kapiteln über die Grabungsfunde bei Modemnutzung ein wenig Geduld verlangen.

Inhaltlich steht und fällt eine Bewertung der Homepage natürlich mit der eigenen Positionierung innerhalb der Kontroverse um die Varusschlacht [6]. Die dezidierten Aussagen auf der Seite selbst sind von Kapitel zu Kapitel unterschiedlich stark akzentuiert: Wird zu Beginn noch sehr vorsichtig von der Möglichkeit der Identifizierung des Varusschlachtfeldes gesprochen, so wird dies bei Beschreibung und Interpretation der archäologischen Funde immer mehr zur Gewissheit. Eventuell ist dies auch Folge der chronologischen Entwicklung der Homepage selbst, denn der Grabungsbericht bis 1999 ist eine Ergänzung der schon 1997 entstandenen Homepage. Inhaltlich ist nach fast zehn Jahren – für das Internet ein erstaunliches Alter – eine Überarbeitung überfällig, gerade weil die fachliche Diskussion eine intensive Fortentwicklung genommen hat. Eine letzte Bearbeitung erfolgte ausweislich 2002 – dies nimmt dem Internet den Vorteil der relativ unproblematischen Aktualisierung. Bei dem Engagement der am Projekt Kalkriese beteiligten Forscher und dem großen Interesse einer breiten Öffentlichkeit ist eine solche Vernachlässigung unverständlich. Bei einer inhaltlichen Aktualisierung geht es nicht so sehr um eine inhaltliche Revision, als viel mehr um wichtige Ergänzungen und Vertiefungen an einigen Punkten. Dabei sollte auch der Einbeziehung gegenteiliger Forschungsansichten mehr Raum geboten und neuere Ansätze in der Interpretation der schriftlichen Quellen genutzt werden [7].

Insgesamt überwiegt ein durchaus positiver Eindruck der Web-Site. Es ist ein Verdienst, durch sie die Grabungen in Kalkriese schon frühzeitig aus dem Elfenbeinturm der Fachwissenschaft herausgeführt zu haben und die Öffentlichkeit an den Funden und ersten Interpretationen teilhaben zu lassen. Man wünscht sich weitere solcher Projekte.

Anmerkungen:

[1] Zu den beiden Funden zuletzt: Lothar Bakker, Der Augsburger Siegesaltar, in: IMPERIUM ROMANUM. Römer, Christen, Alamannen – Die Spätantike am Oberrhein, hrsg. v. Badischen Landesmuseum Karlsruhe, Stuttgart 2005, S. 96-101; Michael Zink, Rom an der Lahn, in: Abenteuer Archäologie 1 /2006, S. 46-49.
[2] Frank Berger, Aktuelle Varusschlachten, in: Numismatisches Nachrichtenblattt 53 (2004), S. 267-273, beschreibt sehr schön die aktuellen Stilblüten des mit harten Bandagen geführten Kampfes um die Meinungshoheit, bei der viele Schläge direkt unter die Gürtellinie geführt werden.
[3] Publizistisch geschah dies zuletzt durch: Rainer Wiegels / Winfried Woesler (Hrsg.), Arminius und die Varusschlacht. Geschichte – Mythos – Literatur, 3., aktual. u. erw. Aufl., Paderborn 2003.
[4] Es zeigt sich hier die Problematik, griechische Texte im Internet wiederzugeben, so dass der Nutzer sie lesen kann. Die Autoren sind darauf angewiesen, dass der Leser den gleichen Schriftfont nutzt oder – wie in diesem Falle SGreek – sich die Mühe macht, ein Schrifterkennungsprogramm aus dem Internet zu laden. Komfortabler wäre es für den Leser, der griechische Text wäre in der deutschen Umschreibung erfolgt oder stünde als Bilddatei der PDF-Datei zur Verfügung.
[5] Die gilt nicht für zwei kleine Animationen im Inhaltsverzeichnis, die auf die Startseite bzw. den Mailkontakt aufmerksam machen. Doch beide sind so klein, dass sie nicht ins Gewicht fallen.
[6] Eine weitere Ablehnung erfuhr Kalkreise durch: Wilm Brepohl, Neue Überlegungen zur Varusschlacht, Münster 2004, der jedoch mit seiner eigenen These einer Vernichtung des Varus im Zusammenhang einer kultischen Versammlung in der Region Detmold nicht zu überzeugen weiß. Allgemein ist die Identifizierung der Grabungen in Kalkreise mit dem Ort der Varusschlacht schon recht weit in der Wissenschaftsgemeinschaft gediehen. So spricht Jochen Bleicken in seiner großen Augustus-Biografie davon, es handle sich bei Kalkriese um „ein weitgestrecktes Schlachtfeld […], das von seiner Lage und Größe sowie von den bisher gemachten Funden her mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit das der Varus-Katstrophe ist.“ Jochen Bleicken, Augustus. Eine Biographie, Berlin 1998, S. 602. An anderer Stelle druckt er sogar eine Karte des Gebietes der Grabungen als „Örtlichkeit der Varus-Schlacht“ ab. Ebd. S. 601.
[7] So Reinhard Wolters, Hermeneutik des Hinterhalts: die antiken Berichte zur Varuskatastrophe und der Fundplatz von Kalkriese, in: Klio 85 (2003) 1, S. 131-170; Boris Dreyer, Der Fundplatz von Kalkriese und die antiken Berichte zur Varuskatastrophe und zum Heerzug des Caecina, in: Klio 87 (2005) 2, S. 396-420.

Zitation
Oliver Linz: Rezension zu: Kalkriese: Die Örtlichkeit der Varusschlacht, in: H-Soz-Kult, 19.05.2006, <www.hsozkult.de/webreview/id/rezwww-123>.
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Veröffentlicht am
19.05.2006
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