Titel
Das Lebensgeschichtliche Netz.


Hrsg. v.
Rüther, Martin [Redaktionsleitung] <redaktion@lebensgeschichten.net>
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jens Murken, Landeskirchliches Archiv Bielefeld / Agentur ecrit

Bei der Webseite „Das Lebensgeschichtliche Netz“ handelt es sich um eine kleine Sammlung biographischer Dokumentationen zu Zeitgenossen des „Dritten Reiches“. Die derzeit 28 vorgestellten Personen entstammen dem heutigen Nordrhein-Westfalen sowie den Jahrgängen 1874 bis 1929. Ein Viertel von ihnen ließe sich in die Kategorie „Täter“ des nationalsozialistischen Regimes einordnen, bei neunzehn Personen handelt es sich um NS-Opfer mit meist jüdischem Familienhintergrund. Jedes Einzelschicksal soll, so die Intention des „Lebensgeschichtlichen Netzes“, ein exemplarisches Mosaiksteinchen zum besseren Verständnis der Funktionsweisen und Verfolgungsmechanismen des nationalsozialistischen Staates sein.

Projektträger des von der Landeszentrale für politische Bildung NRW und dem Bundesbeauftragten für Kultur und Medien geförderten „Lebensgeschichtlichen Netzes“ ist der Arbeitskreis NS-Gedenkstätten NRW e.V., der mit diesem Internetangebot „neue Wege in der Gedenkstätten- und Bildungsarbeit“ beschreiten möchte. Redaktionell betreut wird das „Lebensgeschichtliche Netz“ von Martin Rüther, einem wissenschaftlichen Mitarbeiter des NS-Dokumentationszentrums der Stadt Köln, das ebenso wie einige andere Gedenkstätten, darunter der „Geschichtsort“ Villa ten Hompel aus Münster, zu den Beteiligten und Zulieferern des Projektes gehört.

Die auf der Webseite zweitverwerteten Lebensgeschichten, die unterschiedlichen Entstehungszusammenhängen und Quellengrundlagen entstammen, beleuchten jeweils die Folgen des Nationalsozialismus für die einzelne Biographie sowie für die individuellen Bewältigungsstrategien dieses lebensgeschichtlichen Wendepunktes: Dabei reicht die Bandbreite von den Karriereverläufen aktiver Stützen des NS-Regimes, so des Generalleutnants der Polizei und SS-Gruppenführers Otto Schumanns (1886-1952), bis hin zu Opfern, wie dem in Treblinka ermordeten Krefelder Textilhändler Richard Merländer (1874-1942), der seinem Verfolgungsschicksal als Jude und Homosexueller hilflos gegenüberstand.

Gerade über jene ermordeten Opfer Nazi-Deutschlands liegen häufig nur spärliche Informationen vor, so dass sich die biographischen Darstellungen auf der Webseite in ihrer Dichte und Aussagekraft naturgemäß stark unterscheiden. Exemplarisch werden zeitgenössische Korrespondenz, Überlieferungen aus privaten und öffentlichen Archiven, mündliche Hinweise, aber auch autobiographische Publikationen, Nachlässe sowie transkribierte und gefilmte Zeitzeugeninterviews für die einzelnen biographischen Dokumentationen herangezogen.

Dabei geraten der inhaltliche Anspruch und die derzeitige Aufbereitungsform der Biographiensammlung „Das Lebensgeschichtliche Netz“ nicht deckungsgleich. Im Menüpunkt „Die Idee“ der gewöhnungsbedürftig zu navigierenden und auf der Startseite vor schwarzem Hintergrund gestalteten Webseite werden zahlreiche gut gemeinte Absichten des Projektes benannt, das „jedem Interessierten auch ohne Vorwissen“ – gedacht ist wohl vor allem an schulische und außerschulische Lerngruppen – „aufschlussreiche Einblicke in die Geschichte der Jahre 1933 bis 1945“ ermöglichen soll. Ereignisgeschichtliche Wissenslücken sollen dabei durch ein parallel zu den Lebensgeschichten auf der Webseite aufrufbares „Lexikon“, das etwas mehr als 400 allgemein- und lokalhistorische Begriffe enthält, en passant behoben werden. Ein moderiertes „Forum“ soll darüber hinaus als „Kommunikationsplattform“ der User dienen (bislang nur zwei Einträge), wie überhaupt das gesamte „Lebensgeschichtliche Netz“ – seinem Namen gemäß – Wissensbestände und biographische Dokumentationen vernetzen helfen soll.

Das Projekt ist auf Zuwachs und Beteiligung angelegt; die ersten Biographien, die von den Projektbeteiligten stammen, sollten hierbei den inhaltlichen Rahmen und die technischen Möglichkeiten aufzeigen und neue Partner zur Mitwirkung ermuntern. Ob dies gelingt, erscheint fraglich, denn jede nicht-kommerzielle respektive nicht hauptamtlich betreute Webseite ohne regelmäßigen Informationszuwachs, ohne intensive Weiterpflege, ohne ausreichende Projektdokumentation und ohne inhaltlichen, technischen oder didaktischen Monopolstatus wird bald zur Webruine. Ein Konkurrenzprodukt aus eigener Herstellung – „Erlebte Geschichte“ Kölner Zeitzeugen der Jahre 1933 bis 1945[1] – präsentiert sich durch seine Konzentration auf eine Stadt und auf ein Medium (Videoarchiv) da schon um einiges konziser. Trotz der Präsentation von durchaus exemplarischen, eindrucksvollen und auch berührenden Einzelschicksalen zur lokalen und allgemeinen NS-Geschichte (man lese und schaue einmal die Lebens- und Verarbeitungsgeschichte von Hannelore Hausmann) kann das „Lebensgeschichtliche Netz“ hingegen keine Originalität beanspruchen, da die Beiträge häufig in anderen Kontexten entstanden sind. Die Darstellungsform, beispielsweise der „Kurzbiographien“, ist aber nicht nur aus diesem Grunde heterogen, sondern vor allem aufgrund der unzureichenden Kommentierung, historischen Kontextualisierung, Auswertung und auch Belegführung der Beiträge (selten werden zum Beispiel genaue Archivverweise gegeben). Hier wurden die Chancen der Vernetzung nicht konsequent ausgenutzt. Gut gemeint ist nicht gut.

Anmerkungen:
[1]http://www.eg.nsdok.de/

Zitation
Jens Murken: Rezension zu: Das Lebensgeschichtliche Netz, in: H-Soz-Kult, 23.06.2006, <www.hsozkult.de/webreview/id/rezwww-129>.
Redaktion
Veröffentlicht am
23.06.2006
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