Titel
archäologie online.


Hrsg. v.
archaeomedia <http://www.archaeomedia.de/>
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jutta Ronke

'Das Internet ist aus der Praxis auch der Archäologie nicht mehr wegzudenken. Mit allen anderen Wissenschaften teilen die archäologischen Disziplinen die Erfahrung einer Revolutionierung ihrer Kommunikations- und Publikationsgepflogenheiten'. Mag auch das Büchlein 'Internet für Archäologen. Eine praxisorientierte Einführung [1], das Schicksal der Schnellebigkeit unserer Informations- und Kommunikationsgesellschaft teilend, zwischenzeitlich leicht veraltet scheinen: seine einführenden Sätze haben freilich ihre unbestrittene Aussagekraft bewahrt und seien deshalb diesen Ausführungen vorangestellt. Selbst der fortschrittsresistenteste Geisteswissenschaftler, der sich lange Zeit dem computergestützten Wissenschaftsbetrieb verweigert hat, sieht mittlerweile die Notwendigkeit des Einstieges in diesen Weg der Arbeit und Kommunikation ein, ist zum -mehr oder weniger- mündigen Bürger des Cyberspace geworden, weiß als Netizen, als aktiver Konsument, die Angebote des World Wide Web zu schätzen und die neue Informationstechnologie für seine Zwecke zu nutzen. So hat auch die Archäologie (richtiger: haben die Archäologien)[2] ihren Weg auf dem Datenhighway, ihren Weg in die netbasierte Forschung gefunden - oder ist doch zumindest darum bemüht, ihn sich zu bahnen.[3]

Um einen Überblick über die Archäologie im Internet zu erhalten, bieten sich neben den Online-Zeitschriften (wie z.B. Journal of Field Archaeology; Society for American Archaeology `(SAA)-Bulletin; Internet Archaeology) weitere 'Quellenarten' an: Sites mit dem Bereich Archäologie befasster Institutionen (wie archäologische Institute, Museen oder Denkmalämter) oder Internet-Portale. Ziel gerade der letzteren ist es, archäologische Web-Quellen, also die wichtigsten im Internet zur Verfügung stehenden Informations- und Arbeitsmaterialien, als Ausgangspunkt für Exkursionen ins Internet zusammenzustellen und so einen idealen Start für die Informationssuche zu ermöglichen. Unter ihnen möchte sich, wie der Name plakativ vermitteln soll, das Portal 'Archäologie online' (http://www.archaeologie-online.de) als die Internet-Zugangspforte zur Welt der Archäologie, als Eingangsmöglichkeit in die virtuelle Welt der Archäologie, verstanden wissen. Es hat erklärtermaßen die Absicht, anspruchsvolle, die für Fachwissenschaftler und interessierte Laien wichtigsten und aktuellsten Online-Ressourcen zur gesamten Archäologie aus dem Meer des WWW herauszufischen und verfügbar zu machen, auf diese Weise sozusagen das 'Aktuellste vom Ältesten'[4] zu bieten. Unter der Prämisse, eine kompetente Seite zu archäologischen Themen, quasi einen Führer in versunkene Welten, ins Netz zu stellen, sind die Autoren bemüht, fundierte archäologische Online-Ressourcen , d.h. die im Internet zur Verfügung stehenden Arbeits- und Informationsmittel, übersichtlich rubriziert für den innerwissenschaftlichen Austausch, für Forschung und Lehre, aber auch zum Gebrauch durch die interessierte Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen und ihre Besucher über die Archäologie und die Entwicklungen auf dem Gebiet des Archäologiegeschehens auf dem laufenden zu halten. Angesichts der Tatsache der wachsenden Zahl der Internet-Nutzer erscheint ein solches Vorhaben besonders verdienstvoll.[5]

Mit der Feststellung 'Archäologie Online - Die neue Seite der Archäologie' und der Aufforderung ‚Entdecken Sie Archäologie neu' wirbt das Team von 'Archäologie Online' ostentativ um Besuch seines Portals.[6] An dieser Stelle scheint es ratsam, Informationen zu den Gründungsmitgliedern des Teams, Andreas Brunn und Christoph Steinacker, einzuflechten. Nach einem Studium der Ur- und Frühgeschichtlichen Archäologie haben sie im Januar 2000 die Firma 'archaeomedia' (Arbeitsgruppe Archäologie und digitale Medien) etabliert, die es sich, in der Zwischenzeit um weitere Mitarbeiter aufgestockt, zum Ziel gesetzt hat, 'archäologische Inhalte schnell und einfach zugänglich zu machen'[7] und vor allem das Portal Archäologie Online betreibt. Sie streben damit an, ‚Wissenschaftlern eine Plattform zur Veröffentlichung, Recherche und Diskussion' zu bieten, wollen aber auch 'der interessierten Öffentlichkeit, denjenigen, die an Leben und Kultur der Vergangenheit interessiert sind', den Zugriff auf archäologische Informationen erleichtern.[8] Angeboten werden außerdem weitere Produkte und Dienstleistungen rund um den Bereich 'Archäologie und Neuen Medien'. Der Homepage www.archaeomedia.de ist zu entnehmen, daß es sich um die Projekte 'Archäologie digital' (Magisterarbeiten auf CD-ROM) und 'Kalender' handelt.[9]

Der Hinweis auf die wissenschaftliche Herkunft der Herausgeber erscheint insofern unentbehrlich, als sie ihren deutlichen Niederschlag im Portal findet. In leichter Abweichung von erklärten Zielvorstellungen deckt das Portal nämlich weniger den Gesamtbereich der Archäologie ab, sondern offenbart seine -unbestreitbaren- Qualitäten vielmehr im Bereich der vor- und frühgeschichtlichen bzw. provinzialrömischen Archäologie. Das Feld der Klassischen Archäologie dagegen, und einer Klassischen Archäologin mag es gestattet sein, diesen Kritikpunkt vorzubringen, wird geradezu vernachlässigt - sträflich vernachlässigt, sollte man angesichts des anspruchsvoll-allabdeckenden Portalnamens hinzufügen.

Das auf der Startseite vorliegende Angebot ist breitgefächert-reichhaltig, gleichwohl übersichtlich aufgebaut: Das Portal gliedert sich in die vier Rubriken Magazin, Guide, Bibliothek und Forum. Jede Rubrik verzweigt sich ihrerseits wieder weiter (1. Magazin: Thema, Fundpunkt, Nachrichten, Presseschau, TV-Programm, Kalender. 2. Guide: Länder, Epochen, Themen, [mehr] - insgesamt 4454 Links zur Archäologie in 577 Kategorien.[10] 3. Bibliothek: Neuvorstellungen, Rezensionen, CD-ROMs, Galerie, Download. 4. Forum: Diskussionsforum, Kleinanzeigen, Gästebuch, Umfragen).

Technischer Standard und die unter EDV-Aspekt professionelle Qualität überzeugen: Die Seiten sind übersichtlich strukturiert, graphisch gefällig und laden nachgerade zum Durchblättern ein - es ist ein Vergnügen, durch die verschiedenen Rubriken zu surfen. Die angegebenen Links funktionieren, sind ausführlich kommentiert und können von den Benutzern bewertet werden. Dem lockeren Charakter des elektronischen Medium angepasst, sind die jeweiligen Einzelberichte journalistisch-anregend aufbereitet, für den interessierten Laien gut lesbar und fast durchgehend mit Bildern oder Graphiken bereichert. Als angenehmer Nebeneffekt steht für fast alle Dokumente ein Link für eine spezielle, sparsame Druckversion der aktuellen Seite in der linken unteren Ecke zur Verfügung. Alles in allem stellt das Portal ein florierendes und gepflegtes Navigationsinstrument im archäologischen Wissensmeer dar. Als Beweis hierfür lassen sich statistische Beobachtungen anführen: So erweiterten sich z.B. 2729 Links in 517 Kategorien (Stand November 2001) auf 4296 Links in 577 Kategorien (Stand 1.8.03). Mithin legt die Genese bzw. Statistik des Portals selbst die Schnellebigkeit des Mediums offen - und zeigt gleichzeitig das Bemühen, der damit ursächlich verknüpften Problematik des Aktualitätsverlustes zu begegnen: Das Portal mag als tatsächlicher Treffpunkt für alle Archäologie-Interessierten betrachtet werden, bei dem der Inhalt ‚Archäologie' und die Form ‚hochmoderne Technik' in bestem Zusammenspiel zusammenwirken. Der leichte Zugang zu aktuellen Themen und Problemen der Archäologie ist gewährleistet; es handelt sich beim Portal 'Archäologie Online' um eine etablierte, aber - worauf noch näher einzugehen sein wird - nur teilweise frei verfügbare, eher populäre denn fachwissenschaftlich orientierte Zusammenstellung von Online-Ressource für ein breiteres, allgemein interessiertes Publikum. Es ähnelt einer virtuellen Spielwiese, die für jeden Geschmack, für jedes Bedürfnis etwas bietet - fast wie ein Freizeitpark - und dies dankenswerter Weise noch ohne enervierend-langes Anstehen; dem 'Spaßfaktor'[11] ist mithin Rechnung getragen.

Die Qualitäten des Portals liegen unübersehbar in der Vermittlung - auch aktuellen -archäologischen Wissens an 'Hobby-Archäologen', deren Fragen es im wesentlichen zu beantworten vermag bzw. das seine Besucher über Fortschritte in der Archäologie auf dem Laufenden hält. Wenn auch unter diesem Aspekt das Portal und sein Inhalt als durchaus akzeptabel betrachtet werden dürfen, befremdet den unvoreingenommenen (Fach-)Besucher doch eine für ein Fachportal leicht unlauter anmutende Vorgehensweise, gewissermaßen ein 'Segeln unter falscher Flagge': indem z.B. nur die Mitgliedschaft im Archäologie-Club (bei einem Jahresbeitrag von € 20.-) den Zugang zu einem für wissenschaftliche Zwecke unabdingbar erforderlichen Rechercheinstrument wie einer Zeitschriften-Suchmaschine gestattet. Es ist folglich nur bedingt, d.h. mit gewissen Einschränkungen, als forschungsrelevante Ressource bzw. Fachportal einzustufen. Einen direkteren, nicht ganz so journalistisch 'getunten', u.U. schneller zum Ziel führenden Zugang zum Netz ermöglichen den Fachkollegen u.a. http://www.zeitensprung.de; http://www.britac.uk/portal; http://www-rescue-archaeology.freeserve.co.uk; http://archnet.asu.edu; http://odur.let.rug.nl.arge (Archaeological Resource Guide for Europe) - eine Abfolge von Adressen, die sich beliebig ergänzen ließe. Das Portal 'Archäologie Online' ist der nachvollziehbare Beleg für die Tatsache, dass sich das bereits von den Print-Medien her bekannte Phänomen der sich immer weiter öffnenden Schere zwischen den Interessen von Fachwelt und interessiertem Publikum mutatis mutandis in den Bereich der elektronischen Medien transponieren lässt.

Im Hinblick auf einen wissenschaftlichen Stellenwert des Portals nachgerade abenteuerlich mutet der im 'Guide' unter der Rubrik 'Kommerzielles' enthaltene Link auf ein Antiken-Kabinett an, dessen Angebot 'antike Objekte wie: griechische Amphore, römisches Glas, Idole, Bronze, Terrakotta, Marmor-Statuen, keltischen Schmuck' (Linktext) umfaßt. Derlei Angebote mögen zwar das Herz eines Sammlers höher schlagen lassen, auf einer - nach Bekunden der Betreiber - nicht zuletzt auch wissenschaftlichen Zwecken dienenden Website sollte solchen Anzeigen, die jeden Archäologen sofort an den Problemkreis einer illegal-ungesicherten Herkunft denken lassen, sollte einer solchen Verbindung zum Kunsthandel kein Platz eingeräumt werden.[12] Das Portal, so ansprechend gestaltet es sein mag, kann seine kommerzielle Ausrichtung auch an anderer Stelle nicht verleugnen. Angeführt sei hier z.B. die Möglichkeit, über Archäologie Online Reisen zu buchen (Stichwort: Im Rahmen eines neuartigen Bildungs- und Erlebnisurlaubs 'Selbst zum Archäologen werden'), weist andererseits Fehlstellen auf, die eine Verwendung als wissenschaftliches Arbeitsinstrument erschweren, wenn nicht sogar unmöglich machen.

Von einer wahren Fundgrube, einer sprudelnden Quelle archäologischer Informationen, die sich schnell und bequem z.B. zur Ausarbeitung eines Vortrags, zur Fundamentierung einer Untersuchung oder zur Vorbereitung einer Exkursion nutzen ließe, kann also nur mit Einschränkungen gesprochen werden. Die anschaulich-subsumierende Passage ‚the web - as wonderful as it is - ist still no substitute for good, old fashioned research at your local library'[13] mag daher die Darlegungen beschließen. Verdienstvoll ist es allemal, dem Partnerfeld der Archäologie, interessierten Laien, den Weg zur Archäologie zu ebnen, via Internet gangbar zu machen.

Anmerkungen:

[1] Stefan Altekamp/ Paul Tiedemann, Internet für Archäologen. Eine praxisorientierte Einführung (Darmstadt 1999), bes. XI.
[2] Unter dem Aspekt der breitgefächerten Struktur des Faches und ihrer verschiedenen Teildisziplinen sei hier eigentlich die Verwendung des Plurals angeraten - aus Gründen der Praktikabilität wird jedoch nach wie vor der Singular verwendet.
[3] Allg. zu den Vor- und Nachteile einer wissenschaftlichen Nutzung der Internetressourcen: Jessica Lacher-Feldmann in: D.A. Trinkle, S.A: Merriman, A. Scott (Hrsg.): The World History Highway: Guide to Internet Ressources. Armonk 2002.
[4] s. Pressestimmen zu 'Archäologie Online' vom November 2001.
[5] Vergleiche hierzu die Untersuchung (N)Onliner-Atlas 2003 vom Juni 2003 (s. faz.net v. 23.Juni 2003).- Entsprechend verdienstvoll auch das von h-soz-u-kult initiierte Projekt, Online-Ressourcen für die historischen Wissenschaften insgesamt einer kritischen Prüfung und Würdigung unterziehen zu wollen.
[6] Vgl. die Eingangsseite des Portals - die Aufforderung übernimmt hier sozusagen die Funktion eines Untertitels.
[7] s. Selbstauskunft im Internet: http://www.archaeomedia.de/leistung.php
[8] s. Selbstauskunft im Internet: http://www.archaeomedia.de/leistung.php
[9] Dieses Projekt scheint sich auf die einmalige Herausgabe des Kalenders 2002 beschränkt zu haben.
[10] Stand 1.8.2003; ein übersichtlich gegliedertes Webadressen-Verzeichnis zur Thematik.
[11] Eigens erwähnt in den Ausführungen zum 'Archäologie Online Club'.
[12] Sollten solche Anzeigen indes tatsächlich die finanzielle Grundlage des Portals darstellen, erscheint der Zweifel an der Wissenschaftlichkeit des Portals um so gerechtfertigter.
[13] Vgl. Ancient world web: http://www.julen.net/ancient/.

Zitation
Jutta Ronke: Rezension zu: archäologie online, in: H-Soz-Kult, 14.11.2003, <www.hsozkult.de/webreview/id/rezwww-12>.
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Veröffentlicht am
14.11.2003
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