Titel
Bildarchiv Foto Marburg.


Hrsg. v.
Deutsches Dokumentationszentrum für Kunstgeschichte Bildarchiv Foto Marburg, DE <http://www.fotomarburg.de/index.html>
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thomas Hammacher, Agentur scopium

Jeder Kunsthistoriker, der wie der Autor dieser Zeilen, seine universitäre Ausbildung in den 80er/90er Jahren absolviert hat, kennt noch das fast schon rituelle Prozedere vor jeder Vorlesung: die Einrichtung der beiden Diaprojektoren und die Übergabe der Diakästen an die diensttuende studentische Hilfskraft. Die Fotografie war das Leitmedium der universitären Lehre und tatsächlich ist die Institutionalisierung der Kunstgeschichte als einer universitären Wissenschaft Ende des 19. Jahrhunderts untrennbar verbunden mit der Entwicklung neuer fotografischer Techniken und der Definition der Fotografie als einem objektiven und somit den wissenschaftlichen Standards der Zeit genügenden Reproduktions- und Dokumentationsverfahren [1]. Obwohl schon früh vor allem Kunstwerke Gegenstand der neuen Technik Fotografie waren, u.a. auch, um dieser gesellschaftliche Nobilität zu verschaffen, hat es dann doch fast ein halbes Jahrhundert gedauert, seit der Erfindung der Fotografie durch Talbot und Daguerre im Jahre 1839, dass dieses neue Verfahren Einzug in die kunstwissenschaftliche Ausbildung fand. Erstmals 1880 projizierte der Kunsthistoriker Bruno Meyer im Hörsaal des Großherzöglichen Polytechnikums in Karlsruhe kunsthistorische Dokumentaraufnahmen mittels eines Bildprojektors und bot drei Jahre später in einem Katalog 4000 Glasphotogramme für den „kunstwissenschaftlichen Unterricht“ [2]. Doch erst weitere zehn Jahre später, nach einem Aufsatz des Berliner Kunsthistorikers Hermann Grimm in der Nationalzeitung, in der dieser seinen Kollegen „Die Umgestaltung der Universitätsvorlesungen über Neuere Kunstgeschichte durch die Anwendung des Skioptikons“ dringend anempfahl, fand eine breite Einrichtung der Hörsäle mit der entsprechenden technischen Ausstattung statt. Der Bedarf an einschlägigem, wissenschaftlich goutiertem Bildmaterial war nun groß. Ihn zu befriedigen gründete 1913 der Kunsthistoriker Richard Hamann das Bildarchiv „Foto Marburg“, das in den 20er und 30er Jahren zu einem der größten Fotoarchive für europäische Kunst und zu dem wichtigsten Lieferanten von Abbildmaterialien für die Kunstgeschichte avancierte. Zentrale Aufgabe des Bildarchivs ist bis heute die Sicherung, Erhaltung und Überlieferung kunst- und kulturhistorischer Dokumentarfotografien. Dazu sammelt das Archiv nicht nur fotografische Nachlässe und Überlassungen aus öffentlichen Einrichtungen und Privatbesitz, sondern organisiert auch eigene fotografische Dokumentationen vor allem von der Zerstörung und dem Verfall bedrohter Kulturgüter. Das Bildarchiv ist heute eine Einrichtung der Philipps-Universität Marburg und dort dem Fachbereich 9 (Germanistik und Kunstwissenschaften) zugeordnet. Seit 1961 erfüllt es zudem auf Vorschlag des Wissenschaftsrats hin die Funktion des Deutschen Dokumentationszentrums für Kunstgeschichte. Nach eigenen Angaben verfügt es zur Zeit über einen Bildnegativbestand von 1,7 Millionen Aufnahmen und ist damit eines der größten Bildarchive zur europäischen Kunst und Architektur [3]. Die Aufnahmen deutscher Kunst- und Kulturgüter werden seit 1977 auf Microfiche unter dem Titel „Marburger Index – Inventar der Kunst in Deutschland“ veröffentlicht. Indizes zur europäischen und außereuropäischen Kunst ergänzen das Programm.

Die Diaprojektoren in den Hörsälen sind heute weitestgehend dem Beamer gewichen und an die Stelle der Microfiches ist die CD-Rom getreten. Digitale bildgebende Verfahren haben breiten Einzug in die Kunstgeschichte gehalten. Dieser Entwicklung ist auch „Foto Marburg“ gefolgt. Seit 2000 betreibt das Archiv zudem eine eigene Homepage.

„Foto Marburg“ ist eine Serviceeinrichtung für die kunsthistorische Lehre und Forschung. Diesem Selbstverständnis ist auch die Homepage verpflichtet. Eye-Catcher der Startseite ist eine turnusmäßig wechselnde Aufnahme aus den Beständen des Archivs, die ausführlich erläutert wird. Die Erweiterung der Bestände erfolgt vor allem durch die Übernahme fremder Archive und fotografischer Nachlässe sowohl öffentlich-rechtlicher wie privater Provenienz. Die Kriterien für diese Übernahmen wie auch die Bestände selber werden ausführlich dokumentiert [4]. Eine Auswahl der hierbei eingestellten Bilder, sowie bibliografische Angaben zur Geschichte des jeweiligen Nachlasses ergänzen diese Dokumentationen. Die Bildauswahl besteht aus clickaktiven Thumbnails, die in einem separaten Fenster als hochauflösende Aufnahmen [5] geladen und von hier aus abgespeichert und ausgedruckt werden können. Daß die weitere Verwendung dieser Bilder gebührenpflichtig ist, versteht sich von selbst. Dennoch ist dieser Service und Vertrauensvorschuss seitens des Archivs keineswegs eine Selbstverständlichkeit.

Als weitere Serviceleistungen bietet „Foto Marburg“ die Erledigung von Bildrecherchen in den eigenen Beständen sowie die Durchführung (gebührenpflichtiger) Reproduktionen in der Form von Kopien, Fotografien, digitalen Scans oder auf Microfilm. Daneben berät und unterstützt das Archiv Museen und verwandte Einrichtungen bei der Einführung EDV-gestützter Dokumenationen und Bestandserfassungen. Kunsthistorische Forschungs- und Dokumenationsvorhaben werden durch die hauseigenen Fototeams unterstützt. Hierbei ist das Archiv in ganz Europa tätig [6].

Im Mittelpunkt der Homepage steht jedoch die Möglichkeit zur eigenen Recherche in den Bildbeständen des Archivs. Dazu wird auf die Site des „Bildindex der Kunst und Architektur“ [7] gelinkt, das „Foto Marburg“ mit einer Reihe von Partnerorganisationen betreibt. Zu diesen gehören zahlreiche Museen und Archive, aber auch Denkmalämter und kunsthistorische Institute nicht nur bundesdeutscher Universitäten. Gefördert wird der Bildindex durch die Volkswagenstiftung, die Deutsche Forschungsgemeinschaft und das Bundesministerium für Bildung und Forschung.
Das Bildindex beinhaltet 1,9 Millionen fotografische Wiedergaben von Kunst- und Bauwerken in Deutschland und Europa, von denen der überwiegende Teil aus den Archiv des „Foto Marburg“ kommt, das hierzu bislang etwa einen Drittel seines Bildnegativbestandes digitalisiert hat. Die Mehrzahl der Aufnahmen stammt aus dem Altbestand, es handelt sich somit zum größten Teil um schwarz/weiß-Aufnahmen. Recherchiert werden können die Bilder mittels einer Datenbankabfrage. Diese erfolgt über die Kategorien Orte, Künstler, Themen, Porträts und Expertensuche. Der Kategorie Themen liegt dabei das ikonografische Klassifikationssystem Iconclass zugrunde, das in den 1950-70er Jahren an der Universität Leiden entwickelt wurde [8]. Über die Kategorie Expertensuche können verschiedene Abfrageoptionen verknüpft und spezifiziert werden. Der Aufbau und die technische Umsetzung der Datenbankabfrage sind vorbildlich. Die Nomenklaturen der hier erfassten Aufnahmen basieren auf dem von Foto Marburg in den 1980er Jahren eigens zu diesem Zweck entwickelten Datenbankstandard MIDAS (= Marburger Informations-, Dokumentations- und Administrations-System) [9]. Alle Einträge können händisch vorgenommen oder aus Indexdateien ausgewählt werden. Das Ergebnis ist eine Bildauswahl in der Form von Thumbnails. Diese sind ebenfalls clickaktiv und können in höherer Auflösung [10] in einem separaten Fenster geöffnet werden. Die fotografische Qualität ist eher mäßig, für die Recherche aber vollkommen ausreichend. Die jedem Bild beigegebene Dokumentation entspricht kunstwissenschaftlichem Standard, ist aber leider noch nicht bei allen Aufnahmen gleichermaßen umgesetzt. Ausgewählte Aufnahmen können zunächst in einem Lichtpult genannten Ordner zwischen gespeichert oder direkt in den Warenkorb gegeben werden.
Trotz des Einsatzes moderner Dokumentations- und Datenbanktechnik kann „Foto Marburg“ seine Herkunft aus dem frühen 20. Jahrhundert nicht verleugnen. Die Auswahl der fotografierten und archivierten Kunstobjekte und die Nomenklaturen sind am traditionellen kunstwissenschaftlichen Bild- und Objektbegriff orientiert. Große Bereiche vor allem der zeitgenössischen Kunst, die sich der fotografischen Dokumentation entziehen, wie das Happening, die Performance oder die Videokunst, werden nicht erfasst. Andere, analoge oder digitale Aufzeichnungsmedien finden bislang keine Berücksichtigung. Das Selbstverständnis ‚Foto Marburgs‘ war und ist auch weiterhin der kunst- und kulturwissenschaftlichen Dokumentarfotografie verpflichtet. Hier liegen die Kernkompetenzen des Archivs und hier leistet es vorbildliche Arbeit.

Anmerkungen:

[1] Siehe hierzu auch: Wibke Ratzburg: Mediendiskussion im 19. Jahrhundert – Wie die Kunstgeschichte ihre wissenschaftliche Grundlage in der Fotografie fand, in: Kritische Berichte 1/2002, S. 22-39.
[2] Heinrich Dilly: Die Bildwerfer – 121 Jahre kunstwissenschaftliche Dia-Projektion, in: Zwischen Markt und Museum – Beiträge der Tagung ‚Präsentationsformen der Fotografie‘ am 24. Und 25. Juni 1994 im Reiß-Museum der Stadt Mannheim (= Rundbrief Fotografie Sonderheft 2), S. 39-44.
[3]http://www.fotomarburg.de/organisation/index.html
[4]http://www.fotomarburg.de/bestaende/uebernahmen.html
[5] Im Falle der hier getesteten Beispiele war diese eine Auflösung von 1640 x 2200 Pixel.
[6]http://www.fotomarburg.de/service/neuaufnahmen.html
[7]http://www.bildindex.de
[8]http://www.iconclass.nl
[9] Siehe: Lutz Heusinger: Marburger Informations-, Dokumentations- und Administrations-System [Midas], Handbuch. München u.a.. 1992.
[10] Bei den getesteten Bildern 480 x 600 Pixel, in der Vergrößerung 1120 x 1400 Pixel.

Zitation
Thomas Hammacher: Rezension zu: Bildarchiv Foto Marburg, in: H-Soz-Kult, 03.09.2006, <www.hsozkult.de/webreview/id/rezwww-133>.
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Veröffentlicht am
03.09.2006
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