Stätten grenzüberschreitender Erinnerung. Spuren der Vernetzung des Saar-Lor-Lux-Raumes im 19. und 20. Jahrhundert

Titel
Stätten grenzüberschreitender Erinnerung. Spuren der Vernetzung des Saar-Lor-Lux-Raumes im 19. und 20. Jahrhundert.


Hrsg. v.
Hudemann, Rainer
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Dominik Rigoll

Herausgegeben von Rainer Hudemann unter Mitarbeit v. Marcus Hahn u. Gerhild Krebs, Stätten grenzüberschreitender Erinnerung. Spuren der Vernetzung des Saar-Lor-Lux-Raumes im 19. und 20. Jahrhundert. / Lieux de la mémoire transfrontalière. Traces et réseaux dans l'espace Sarre-Lor-Lux aux 19e et 20e siècles.

Als Lucien Febvre in den 1920er Jahren seine Geschichte des Rheins verfasste, widmete er einen Gutteil seiner Ausführungen der Kollegenschelte. Dass Historiker und Geographen ihre wertvolle Zeit größtenteils damit verbrachten, die territorialen Ansprüche ihrer Zeitgenossen historisch zu legitimieren, war in seinen Augen nicht nur politisch verantwortungslos, es war auch wissenschaftlich untragbar. Schließlich handele es sich bei den Einzugsgebieten des Flusses in erster Linie um "Länder, die zwischen zwei Welten liegen und ständig ihr politisches oder geistiges Lotharingen dazwischenschieben." [1] Wer Grenzgebiete detailliert und vorurteilsfrei erforschen wollte, kam nach Febvre nicht umhin, sich ausführlich mit der Entstehung nationaler Mythen auseinander zu setzen - und mit den Menschen vor Ort. Zumindest Febvres erste Forderung betreffend hat die Geschichtswissenschaft in den letzten Jahrzehnten Beachtliches, auch außerhalb der Fachwissenschaft Beachtetes geleistet. Das vorliegende Web-Angebot der Universität Saarbrücken, das Beiträge zur Geschichte eines anderen, Luxemburg, das Saarland und die französische Region Lorraine umfassenden Grenzraumes versammelt und systematisch präsentiert, nähert sich dem Problem gleichsam vom anderen Ende der von Febvre skizzierten Skala aus [2].

Im Zentrum stehen die Menschen ,sur le terrain' und die materiellen "Spuren der Vernetzung", die sie im Laufe der letzten 200 Jahre an "Stätten grenzüberschreitender Erinnerung" hinterließen. Auch wenn der Titel auf den ersten Blick etwas anderes zu suggerieren scheint, handelt es sich dabei nicht um ‚Erinnerungsorte' im Sinne Pierre Noras, sondern um "architektonische Objekte [...], topographisch fassbare, sichtbare Spuren, in denen sich Zusammenarbeit und Gegensätze, gute Nachbarschaft, Freundschaft und Spannungen widerspiegeln" (Einleitung, 1. Grundlagen der Vernetzung in einer konfliktreichen Region). Orte im ursprünglichen Sinn also, an denen die Errichtung, Nutzung oder Konzeption eines Bauwerks "eine direkte Voraussetzung und/oder eine Folge grenzüberschreitenden Handelns" waren, gleichgültig ob es sich dabei um gesteuerte oder unbeabsichtigte, verbindende oder abschottende Prozesse handelte und unter Berücksichtigung sowohl privater als auch staatlicher Akteure (ibid., 3.1 Eine Landkarte der Erinnerung). Für die Fragestellung entscheidend ist der grenzüberschreitende Bezug selbst, sei er internationaler oder eher regionsspezifischer Art. Ganz bewusst wurden auch solche Stätten berücksichtigt, deren grenzüberschreitende Bedeutung vergessen oder verdrängt wurde. Es gelte, den Blick zu schärfen für die "oft verborgene Vielschichtigkeit im äußeren Erscheinungsbild der Region" (ibid., 2.1 Grenzüberschreitende Erinnerung). Gleichwohl gehen die methodischen und inhaltlichen Zielsetzungen der Autoren weit über regional- und grenzraumgeschichtliche Fragen hinaus. Ihr Anliegen besteht nicht zuletzt darin, dort weiterzuarbeiten, wo die am nationalen Rahmen orientierten Konzepte ‚kollektiver Erinnerung' oder ‚nationaler Identität', wie sie in den ‚Lieux de mémoire' und ihren Folgeprojekten Anwendung fanden, an die Grenzen ihrer Erklärungskraft stoßen: "Über sie hinauszugelangen ist der Kern dieses Unternehmens und der Kriterien für die Auswahl der dargestellten Orte." (ibid.) Die ausgesprochen umfangreiche Präsentation dieser Orte - insgesamt werden fast 200 "Erinnerungsstätten" in detaillierten, teilweise bebilderten Texten vorgestellt - soll den Nutzern veranschaulichen, dass Erinnerungsgeschichte ‚von unten' zumal in Grenzregionen ein äußerst komplexes Forschungsgebiet darstellt, das eigenen Gesetzmäßigkeiten gehorcht und viel interpretatorische Behutsamkeit erfordert.

Diese Zurückhaltung spiegelt sich auch in der Anordnung der Texte wider. Das ‚Inhaltsverzeichnis', ein schlichtes Scrolldown-Menü, folgt rein funktionalen Kriterien und ordnet die Bauwerke ihrer Nutzung bzw. ihrer sozialökonomischen Verortung entsprechend neun Themenbereichen zu (Arbeiter-, Verbands- und politische Kultur; Dorfentwicklung; Gedenkstätten und Denkmäler; Industrie- und Gewerbearchitektur; Infrastruktur und Verkehrsarchitektur; Kultur- und Freizeitarchitektur; Militär- und Grenzarchitektur; Sakrale Bauten; Stadtentwicklung). Jedem dieser Themen, die gemeinsam das Grundgerüst des Internetauftritts bilden, ist eine ausführliche, auch auf Quellen- und Sekundärliteratur hinweisende Einleitung vorangestellt. Die Einzelbeiträge selbst zeichnen in der Regel die Baugeschichte und den regionalhistorischen Kontext nach und legen dar, weshalb das jeweilige Objekt als Teil einer oder mehrerer "grenzüberschreitender Vernetzungen" gesehen werden kann. Dabei arbeiten die sehr nüchtern gehaltenen Texte nicht nur heraus, worin die interregionalen Bezüge der Bauwerke bestanden oder noch bestehen (etwa wenn es sich um die Investition eines saarländischen Unternehmers in Lothringen handelte oder um die Konstruktion einer gegen Frankreich gerichteten Befestigungsanlage). Sie thematisieren auch die Rezeptionsgeschichte der Orte und gehen der Frage nach, inwiefern sich die mit ihnen verknüpften Vorstellungen im Lauf der Zeit, von Region zu Region aber auch innerhalb der Teilregionen selbst unterscheiden, mitunter widersprechen konnten. (Besonders deutlich wird dies natürlich bei Denkmälern, aber auch an Orten, die, wie das ehemalige Schlachtfeld Spichern, erst spät, im Zuge der deutsch-französischen Annäherung zu Orten gemeinsamen Erinnerns wurden.) Ein vorsichtiger Versuch, die funktional-deskriptive Ebene zu verlassen und die in der Region präsenten Vernetzungsarten zu typologisieren, wurde mithilfe eines zweiten Scrolldown-Menüs unternommen, das nur bei als besonders charakteristisch erachteten Beiträgen um unteren Bildschirmrand eingeblendet wird und gewissermaßen als alternatives Inhaltsverzeichnis fungiert. In dieser "zweiten Deutungsebene" (ibid., 3.1 Landkarte der Erinnerung) werden den ausgewählten Erinnerungsstätten zehn "Wirkungsfaktoren grenzüberschreitender Vernetzungen" [3] zugeordnet (Nationale Muster, Grenzraummuster, Nationalstaatsbildung, Regionales Traditionsbewusstsein, Herrschaft, Modernisierungsgefälle, Kommunikationsstrukturen, Bürgerliche Gesellschaft, Mittler zwischen den Nationen, Konflikt und Vernetzung).

Dass es den Herausgebern der "Erinnerungsstätten" gelungen ist, beide Deutungsebenen - Empirie und Theoriebildung - auch formal miteinander zu verknüpfen, macht sicherlich den Reiz des Projekts und seine Bedeutung für die Erinnerungsgeschichtsschreibung als ganzes aus. Nicht nur weil die - übrigens als ‚Angebot' verstandene - Typologisierung der Vernetzungsspuren Dank der Doppelstruktur stets nachvollziehbar bzw. hinterfragbar bleibt, sondern auch und vor allem, weil beide gemeinsam daran erinnern, dass es sich allerspätestens dann lohnt, ins regionalgeschichtliche Detail zu gehen, wenn Regionen untersucht werden, die tatsächlich "zwischen zwei Welten liegen". So beschränken sich denn auch die Kritikpunkte auf die technische Realisierung, die trotz der Einfachheit des Aufbaus sehr gewöhnungsbedürftig ist. Die gründliche Lektüre der Einleitung, insbesondere der ‚Bedienungsanleitung', ist für eine sinnvolle Nutzung unabdingbar. In den Scrolldown-Menüs verliert man anfangs leicht die Orientierung, zumal die beiden von den Herausgebern in Aussicht gestellten Navigationshilfen noch nicht realisiert wurden. Es bleibt zu hoffen, dass sowohl die "Index"- als auch die "Routen"-Funktion - die Möglichkeit also, die "Erinnerungsstätten" entlang ausgewählter "Routen" zu erkunden - bald ergänzt werden. Ferner wäre es wünschenswert gewesen, die Potentiale einer elektronischen Darstellung bzw. des Internets konsequenter auszunutzen, etwa durch häufigere intertextuelle Verlinkungen und Hinweise auf andere Internetpräsenzen. Auch die Bereitstellung einer Suchmaschine und eines separaten Inhaltsverzeichnisses (sei es in Form eines Pop-up-Fensters), zumindest aber die Möglichkeit, den einen oder anderen Text in einem eignen Fenster zu öffnen, hätten die Benutzerfreundlichkeit erhöht.

Anmerkungen:

[1] Febvre, Lucien, Der Rhein und seine Geschichte, hrsg. u. übers. v. Peter Schöttler, Frankfurt/New York 1994, S. 30.
[2] Die "Stätten grenzüberschreitender Erinnerung" können bei den Herausgebern auch als CD-ROM bezogen werden.
[3] Eine Art ‚elfter Faktor' - der Nationalsozialismus - nimmt hier eine besondere Stellung ein und gehört nicht zu den "Wirkungsfaktoren" im engeren Sinne: "Eine Ausnahme von dieser Faktoren-Struktur wird hinsichtlich der mit dem Dritten Reich zusammenhängenden Stätten gemacht. Um die Vielfältigkeit der Folgen des Nationalsozialismus in der Region herauszuarbeiten, wird die Mehrheit der NS-Stätten in einem eigenen, objektbezogenen Link ‚Nationalsozialismus' zusammengefasst und nur der kleinere Teil einzelnen Wirkungsfaktoren zugeordnet." (Einleitung zum Thema Wirkungsfaktoren grenzüberschreitender Vernetzungen, die nur über das Scrolldown-Menü am unteren Bildrand zu finden ist.)

Zitation
Dominik Rigoll: Rezension zu: Stätten grenzüberschreitender Erinnerung. Spuren der Vernetzung des Saar-Lor-Lux-Raumes im 19. und 20. Jahrhundert, in: H-Soz-Kult, 10.10.2003, <www.hsozkult.de/webreview/id/rezwww-13>.