Retrospektive Digitalisierung wissenschaftlicher Rezensionsorgane und Literaturzeitschriften des 18. und 19. Jahrhunderts aus dem deutschen Sprachraum

Titel
Retrospektive Digitalisierung wissenschaftlicher Rezensionsorgane und Literaturzeitschriften des 18. und 19. Jahrhunderts aus dem deutschen Sprachraum.


Rezensiert für H-Soz-Kult von
Guido Naschert, Institut für Neuere deutsche Literatur, Ludwig-Maximilians-Universität München

Die Forschungssituation zu den Zeitschriften des 18. und 19. Jahrhunderts hat sich in den letzten Jahren noch einmal erheblich verbessert. Urteilte Paul Raabe im Jahr 1974 über die Kenntnis und Erschließung der Journale: „Der Inhalt der Zeitschriften ist, aufs Ganze gesehen, so gut wie verloren“[1], so hat sich diese Situation durch eine Reihe einschlägiger Forschungsprojekte grundlegend gewandelt. Die Bedeutung der Periodika und Zeitschriften als Bedingungsfaktoren einer aufklärerischen Öffentlichkeit ist ohnehin unbestritten. Zeitschriften waren ein wichtiger Bestandteil des kulturellen und sozialen Lebens, denn in ihnen hatten − meist um eine zentrale Herausgeberpersönlichkeit gruppiert − trotz Kurzlebigkeit und geringer Auflagenzahlen die verschiedenen kulturellen und politischen Strömungen der Zeit ein Artikulationsforum gefunden.[2] Waren in der ersten Jahrhunderthälfte vor allem die Moralischen Wochenschriften[3] von Bedeutung, dominierten gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts besonders fachspezifische Periodika und staatsbürgerliche Zeitschriften.

Einen Markstein in der inhaltlichen Erschließung der Periodika bildete 1990 der „Index deutschsprachiger Zeitschriften 1750−1815“ (IDZ) der Göttinger Akademie der Wissenschaften, deren Mikrofiche-Ausgabe einst als „eine Art kopernikanische Wende“ im Zugang zu den Inhalten der Zeitschriften bezeichnet wurde.[4] Bereits durch dieses Projekt wurde erstmals ein repräsentativer Zugang zur deutschen Spätaufklärung gegeben. Der IDZ ist für die wissens- und wissenschaftsgeschichtliche Erforschung der ,Sattelzeit‘ seitens der Philosophie und anderer Fachdisziplinen bis heute unverzichtbar.

Die hier zu besprechende Website „Retrospektive Digitalisierung wissenschaftlicher Rezensionsorgane und Literaturzeitschriften des 18. und 19. Jahrhunderts aus dem deutschen Sprachraum“ der Universitätsbibliothek Bielefeld liefert seit einigen Jahren − unterstützt von der Göttinger Akademie der Wissenschaften − eine digitalisierte Version, die auf den Vorarbeiten und Daten des IDZ aufbaut. Die Georg Olms Verlag AG stellt zudem die Mikrofiches von 1990 zur Texterfassung bereit. Das Projekt wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert und will ein Digitalisat der vollständigen Korpora der größten Rezensionsorgane und Literaturzeitschriften bieten. In einer ersten Phase wurden insgesamt 45 Zeitschriften erfasst. Ein weiterer Ausbau der Homepage ist in Vorbereitung.

Die Bielefelder Website stellt folglich − von wenigen Hinzunahmen abgesehen − die Auswahl aus einer Auswahl dar, bei der natürlich jeder Nutzer selbst bei größerer Erweiterung eine je nach Forschungsinteresse variierende Anzahl von Zeitschriften vermissen wird. Das ist nicht als Kritik dieses verdienstvollen und längst etablierten Instruments zu verstehen. Vielmehr sei an dieser Stelle das immense, aber dennoch begrenzte Korpus in seinem Profil hervorgehoben, um es dem Nutzer zu erläutern. Der IDZ ging seinerzeit von der Überlegung aus, eine repräsentative Auswahl dadurch zu erstellen, dass man prinzipiell auf die Moralischen Wochenschriften − ein Korpus, das eigens in ebenso geschlossener Form zu digitalisieren wäre − sowie reine Rezensionsorgane und ausgesprochene Fachzeitschriften verzichtete. Aus den 2000 Titeln, die immer noch verblieben, wurden schließlich die langlebigsten und umfangreichsten zehn Prozent ausgewählt. Es handelt sich dabei um 195 Zeitschriften der Jahre 1750−1815 mit ca. 100.000 Artikeln.[5] Die Bielefelder Website umfasst momentan also knapp ein Viertel des IDZ. Der anvisierte Anspruch auf Repräsentativität kann dabei insgesamt als erfüllt gelten, wenngleich die verschiedenen Interessengruppen noch sehr ungleich angesprochen werden.

Verdienstvoll ist, um einige zentrale Werke zu nennen, die Aufnahme der Neuen allgemeinen deutschen Bibliothek (1793−1806) Friedrich Nicolais. Darüber hinaus findet man seine Allgemeine deutsche Bibliothek (1765−1796) und das Gemeinschaftswerk mit Mendelssohn, die Bibliothek der schönen Wissenschaften und der freyen Künste (1757−1765), die Briefe, die Neueste Litteratur betreffend (1759−1765/66) oder Biesters Berlinische Monatsschrift (1783−1811). Auch Boies Deutsches Museum (1776−1788) ist enthalten, ebenso Meiners und Spittlers Göttingisches Historisches Magazin (1787−1791). Nicht nur der germanistisch orientierte Forscher wird Wielands Teutschen Merkur (1773−1789) und Neuen Teutschen Merkur (1790−1810) oder Schillers Thalia (1785−1790/91) und Neue Thalia (1792−1793) dankbar nutzen. Erfreulicherweise werden auch weniger selbstverständliche, aber für das Profil der Zeit einschlägige Periodika der Historia literaria wie Meusels Historisch-litterarisches Magazin (1785−1786) und Historisch-litterarisch-bibliographisches Magazin (1788−1794) bereits erfasst.[6] Darüber hinaus weist das Angebot − dem Gesamtprofil des IDZ entsprechend − einen inhaltlichen Schwerpunkt im Bereich der staatspolitischen Zeitschriften und einzelner Fachzeitschriften des späten 18. Jahrhunderts auf.

Lückenhafter und auch in ihrer momentanen Form weniger plausibel ist die Auswahl in einzelnen Bereichen wie beispielsweise der Philosophie oder Psychologie. Warum, so könnte man fragen, wurde etwa Schellings Allgemeine Zeitschrift von Deutschen für Deutsche (1813) aufgenommen, aber noch keine zentrale Zeitschrift des Kantianismus und der empirischen Psychologie? Weder Niethammers Philosophisches Journal einer Gesellschaft Teutscher Gelehrten, noch Moritz’ Magazin zur Erfahrungsseelenkunde (im IDZ enthalten) oder Schmids Psychologisches Magazin usw. sind verfügbar. So ist der Wandel der gelehrten Debatten durch Kantianismus, Anthropologie und Psychologie aus dem Bielefelder Digitalisat noch nicht hinreichend rekonstruierbar. Derartige Lücken − Analoges gilt für die literarischen Zeitschriften − zeigen, dass sich die Digitalisierung trotz des umfangreichen Angebots insgesamt in einer Anfangsphase befindet. Ergänzungen des Korpus werden jedoch bald folgen, oder sie werden schon durch andere Webprojekte geleistet. Hier ist beispielsweise ein Projekt des Forschungszentrums Europäische Aufklärung (Potsdam) zu nennen, das Weisses und Dycks Neue Bibliothek der schönen Wissenschaften und der freyen Künste[7] (1765−1806) für das WWW erschlossen hat. Weitere Periodika der Zeit lassen sich durch das Zentrale Verzeichnis Digitalisierter Drucke[8] (zvdd) ermitteln.

Ein entscheidender Vorteil der digitalen Präsentation ist der mittels Suchfunktion verbesserte Zugriff auf die Zeitschrifteninhalte. Dies betrifft sowohl die Schlagwortsuche wie die Verfasserrecherche. Hierzu hatte man im IDZ-Projekt eine aufwendige Arbeit betrieben, von der die Website profitiert. Die Originalseiten werden in Form von Bitmap-Dateien angezeigt, und die bibliographischen Daten der rezensierten Werke bzw. der enthaltenen Aufsätze sind über eine Datenbank ermittelbar. Als positiv bewertet der Rezensent das schlichte Design und die einfache Navigation, die dem Nutzer eine Auseinandersetzung mit dem Funktionieren der Website weitgehend erspart. Die minimalistische Anlage erscheint in ihrer Reduktion gleichsam zeitlos. Die Benutzerführung ist sofort überschaubar, das Design unterstützt die Funktionalität, die Suchhilfen sind eindeutig und sinnvoll. Schnelle Ladezeit und Stabilität der URL bzw. des Servers sind gewährleistet, Impressum und Ansprechpartner finden sich leicht. Die Einsprachigkeit der deutschen Web-Site ist so auch für den fremdsprachigen Nutzer kein großes Hindernis. Eine Online-Hilfe, FAQ, Sitemap oder Links zu anderen WWW-Angeboten sind nicht vorhanden. Auf historische Kontextualisierungen der Zeitschriften bzw. des Zeitschriftenwesens im 18. und 19. Jahrhundert wird bewusst verzichtet.

Die Lesbarkeit der Digitalisate ist in der Bildschirmansicht wie im Ausdruck in der Regel gut. Nur die Qualität der Abbildungen und Porträts, die einzelnen Zeitschriften beigegeben sind, lässt zu wünschen übrig (vgl. z.B. die Porträts zu Anfang der einzelnen Bände der ADB). Bedauerlich bleibt, dass sich längere Texte nicht geschlossen ausdrucken lassen. Hier muss der Nutzer eine aufwendige Bildspeicherung betreiben oder ggf. jede Seite eines Textes einzeln ausdrucken. Doch fällt dies in einer Gesamtbewertung der Website nicht ins Gewicht. Die Bielefelder Homepage stellt ein unverzichtbares Hilfsmittel für die interdisziplinäre Forschung zur Aufklärung und folgender Epochen dar und beschleunigt nicht nur die Suche nach einzelnen Texten erheblich, sondern vereinfacht vor allem auch das Sichten und Auswerten größerer Textkorpora.

Anmerkungen:
[1] Paul Raabe: Die Zeitschrift als Medium der Aufklärung. In: Wolfenbütteler Studien zur Aufklärung 1 (1974), S. 104.
[2] Vgl. Joachim Kirchner: Die Grundlagen des deutschen Zeitschriftenwesens. Mit einer Gesamtbibliographie der deutschen Zeitschriften bis zum Jahre 1790. 2 Bde. Leipzig 1928−1932; ders.: Bibliographie der Zeitschriften des deutschen Sprachgebietes bis 1900, Bd. 1: Die Zeitschriften des Deutschen Sprachgebietes von den Anfängen bis 1830. Stuttgart 1969; Jürgen Wilke: Literarische Zeitschriften des 18. Jahrhunderts (1688−1789). 2 Bde. Stuttgart 1978 (= Sammlung Metzler 175/176) sowie Paul Hocks u. Peter Schmidt: Literarische und politische Zeitschriften 1789−1805. Stuttgart 1975 (= Sammlung Metzler 121).
[3] Siehe dazu die grundlegende Studie von Wolfgang Martens: Die Botschaft der Tugend. Die Aufklärung im Spiegel der deutschen moralischen Wochenschriften, Stuttgart 1968.
[4] Siegfried Seifert: [Teilrezension] Ausgewählte Bibliographien und andere Nachschlagewerke. In: Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie 39 (1992), S. 58−62, hier S. 60.
[5] Vgl. Akademie der Wissenschaften zu Göttingen: Index deutschsprachiger Zeitschriften 1750−1815. Erstellt durch eine Arbeitsgruppe unter Leitung von Klaus Schmidt. Hildesheim 1990, Beiheft, S. VIII.
[6] Siehe dazu Frank Grunert, Friedrich Vollhardt (Hgg.): Historia literaria. Neuordnungen des Wissens im 17. und 18. Jahrhundert. Berlin 2007.
[7] <http://scout.ub.uni-potsdam.de/fea/digbib/start>, 22.06.2007.
[8] <http://www.zvdd.de/>, 22.06.2007.

Zitation
Guido Naschert: Rezension zu: Retrospektive Digitalisierung wissenschaftlicher Rezensionsorgane und Literaturzeitschriften des 18. und 19. Jahrhunderts aus dem deutschen Sprachraum, in: H-Soz-Kult, 29.06.2007, <www.hsozkult.de/webreview/id/rezwww-140>.