ARTFL Project: Multi-Lingual Bibles

Titel
ARTFL Project: Multi-Lingual Bibles.


Hrsg. v.
Olsen, Mark
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ludger Körntgen

Konkordanzen zur Bibel bilden ein unverzichtbares Hilfsmittel für jede Art von philologischer und historischer Beschäftigung mit der literarischen Tradition, aber auch mit nicht literarisch vermittelten Hervorbringungen der europäischen Kultur. Der Bibeltext gehörte deshalb schon früh zu den exemplarischen Objekten elektronischer Erschließung und Aufbereitung; seit den ersten Tagen des Internet waren oder sind Angebote verschiedener Institutionen oder Einzelpersonen verfügbar, die eine fortlaufende Bibellektüre, philologisch-linguistische Analyse des Textes und die Online-Suche nach Schlüsselwörtern oder komplexeren Ausdrücken ermöglichen. Die universelle Präsenz der Bibel als Referenztext im europäischen Kulturraum und darüber hinaus stellt gerade dem kulturwissenschaftlich arbeitenden Historiker oder Philologen immer wieder die Aufgabe, mit verschiedenen Sprachversionen der Bibel zugleich zu arbeiten; deshalb liegt es nahe, auch die komplexere Recherche über möglichst viele Versionen zu ermöglichen. Das leistet im kommerziellen Bereich die als Einzelplatz- oder Netzwerkversion verfügbare CD "Bibleworks", die neben der hebräischen, griechischen und lateinischen Bibel eine Vielzahl moderner Übersetzungen synoptisch zugänglich macht. Eine wesentlich bescheidenere, aber frei zugängliche Online-Ressource verspricht "Multi-Lingual Bibles", ein Teilprojekt aus dem Project for American and French Research on the Treasury of the French Language (ARTFL), das an der Universität von Chicago beheimatet ist und von französischen und amerikanischen Institutionen getragen wird.

Angeboten wird eine viersprachige Bibelkonkordanz, die eine flexible und komplexe Stellensuche für jeweils eine Sprachversion ermöglicht. Die synoptische Anzeige aller Versionen ist nicht möglich, doch kann von der Ergebnisanzeige einer Recherche aus auf die entsprechenden Stellen der übrigen Sprachversionen zugegriffen werden. Dieses Verweissystem gewissermaßen als programmiertechnische Übung zu realisieren, war gemäß den redaktionellen Vorbemerkungen das eigentliche Motiv des ganzen Unternehmens. Nur wenig Überlegung wurde dementsprechend auf die Frage verwandt, welche Übersetzungen überhaupt und mit Vorrang in einer solchen mehrsprachigen Konkordanz berücksichtigt werden sollten. Ausgewählt wurden offensichtlich solche Versionen, die schon länger elektronisch verfügbar und ohne Copyright-Verletzung zu verwenden waren. Das erklärt, warum die seit dem Frühmittelalter dominierende lateinische Vulgata neben drei moderne Übersetzungen in deutscher, englischer und französischer Sprache gestellt wurde: die Lutherbibel in der 1984 revidierten Fassung, eine aktualisierte Version der King James Bibel und die Bibel des Louis Segond aus dem Jahr 1910. Welchen Zwecken eine solche Zusammenstellung dienen soll, bleibt fraglich; schwerer wiegt allerdings, daß die vorrangige Bemühung um eine lückenlose Verknüpfung der Versionen gerade die Präsentation der Vulgata für wissenschaftliche Zwecke unbrauchbar macht. Zu deren überliefertem Textbestand gehören nämlich auch die nicht in der hebräischen Bibel überlieferten Schriften (bei Luther "apokryphe", im katholischen Sprachgebrauch "deuterokanonische"), die von den Reformatoren aus dem Kanon ausgeschieden worden sind und die deshalb auch in der vorliegenden Konkordanz nicht berücksichtigt wurden. Weitere Unzulänglichkeiten des Vulgatatextes, etwa ein Textabbruch im 3. Kapitel des Buches Daniel, sind dem Anbieter bekannt; seine unter der Errata-Rubrik angekündigte Suche nach einem besseren Public-Domain-Text verweist auf eine grundsätzliche Problematik solcher Angebote, die sich angesichts immer restriktiverer Copyright-Einforderungen im Bereich der Web-Präsentation nicht an der textkritischen Zuverlässigkeit, sondern an der freien Verfügbarkeit ihrer Inhalte orientieren.

Angesichts der problematischen Textgrundlage handelt es sich also nicht um ein verläßliches Hilfsmittel für die historische und philologische Arbeit, sondern eher um ein Liebhaberprojekt, das man unter Beachtung der Einschränkungen zur kurzfristigen Recherche heranziehen kann, wenn professionelle Ressourcen nicht zur Verfügung stehen. Das ist nicht zuletzt deshalb zu bedauern, weil der Server schnell reagiert und offensichtlich kontinuierlich verfügbar ist; während mehrerer Monate konnte jeder Zugriffsversuch realisiert werden. Mit Hilfe der im ARTFL Project entwickelten Software PhiloLogic sind auch komplexe Abfragen durchzuführen, mit den Booleschen Operatoren "und"/"oder" sowie mit Wildcards für einzelne oder eine unbestimmte Anzahl von Buchstaben. Die Abfrage läßt sich über die gesamte Bibel durchführen oder auf einzelne Bücher beschränken; möglich ist die Suche nach Wörtern bzw. exakten Wortfolgen (Single Term and Phrase Search) oder nach mehreren Wörtern in einer beliebig zu definierenden Umgebung (Proximity Searching). Die Syntax solcher Abfragen ist auf dem Suchformular und ausführlicher in einer HTML-Dokumentation der Software erläutert. Die Ergebnisse werden nach Wahl im einzeiligen KWIC-Format oder im umfangreicheren Kontext von mehreren Sätzen dargestellt; möglich ist ferner die Sortierung der Ergebnisse nach der Beleghäufigkeit in den einzelnen biblischen Büchern. Im Hinblick auf technische Umsetzung und Bedienbarkeit erscheint die Seite also als ein durchaus attraktives Angebot; umso mehr ist zu bedauern, daß Auswahl und Textgrundlage der vier Sprachversionen den Ansprüchen wissenschaftlicher Arbeit nicht genügen.

Zitation
Ludger Körntgen: Rezension zu: ARTFL Project: Multi-Lingual Bibles, in: H-Soz-Kult, 07.11.2003, <www.hsozkult.de/webreview/id/rezwww-14>.
Redaktion
Veröffentlicht am
07.11.2003
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