Portal zum Spanischen Biografischen Nachschlagewerk

Titel
Diccionario biográfico español.


Rezensiert für H-Soz-Kult von
Carlos Zegarra Moretti, Altamerikanistik, Universität Bonn

Das Leben einer Person kann im Verlauf der Zeit unterschiedlich erzählt werden – Nicht die Fakten, aber deren Interpretationen und Einschätzungen durch den jeweiligen Erzähler. Zu den regelmäßigen Veränderungen einer Lebensbeschreibung gehören auch die Anpassung an neue Darstellung von Sammelbiografien. Die neue Version des „Diccionario biográfico español“ (Spanisches Biografisches Nachschlagewerk), das rund 45.000 Biografien von Persönlichkeiten aus der Geschichte Spaniens sammelt und präsentiert, steht jetzt als Online-Plattform zu Verfügung.

Die seit Anfang Mai 2018 verfügbare elektronische Informationsplattform ist mit einer internen Suchmaschine ausgestattet, mit der das gesamte Korpus des „Diccionario biográfico español“ (DBE) durchsuchbar ist. Der Inhalt jedes Eintrags umfasst biografische Grundinformationen und eine Bibliografie, ggf. Werkliste sowie ein Porträtbild. Die Datenbank beinhaltet Biographien zu Personen, die die Entwicklung Spaniens beeinflusst haben und deren Existenz durch historische Quellen belegbar ist im Zeitraum vom 7. Jahrhundert v. u. Z. bis 2017. Neben dem langen Zeitraum zeichnet sich die Plattform auch dadurch aus, dass der Herkunftsort der dort gelisteten Persönlichkeiten nicht auf Spanien begrenzt bleibt, sondern auch Menschen umfasst, die aus ehemaligen Territorien der spanischen Krone stammen, oder Personen, die bedeutsam für die Geschichte Spaniens waren. Daher kann man in der DBE Lebensbeschreibungen u. a. von politischen und kulturellen Akteuren aus Amerika, den Philippinen, Afrika, Asien und Europa finden. Beispielweise finden sowohl der Inka-Herrscher Atahualpa (ca. 1500–1533), der letzte Herrscher des Inkareiches in dem Andengebiet, in diesem Werk Platz, wie auch der deutsche Entdeckungsreisende Alexander von Humboldt (1769–1859).

Zurzeit ist nur der erste Teil der Ergebnisse des Projekts über die Webseite nutzbar. Laut Carmen Iglesias, der Leiterin des Projekts, sind im Moment 20.000 Biografien in der Vorbereitungsphase. Wann diese Biografien ergänzt werden, ist jedoch noch nicht bekannt. Es werden nur Biographien verstorbener Personen aufgenommen. Grund hierfür ist, dass die Darstellung aktiver Schlüsselakteure der Gesellschaft nicht durch Interessen nicht-wissenschaftlicher Gruppen beeinflusst werden soll. Hinter dem DBE steht die „Real Academia de la Historia“ (Königliche Akademie der Geschichte), die von der oben genannten spanischen Historikerin Iglesias seit 2014 geleitet wird. Circa 4.000 Forscherende und 500 Einrichtungen verschiedener iberoamerikanischer Länder haben sich an diesem Projekt beteiligt. Die online-Auflage ist eine korrigierte Version der zwischen 2011 und 2013 in 50 Bänden gedruckten Fassung. In diesem Sinne wurden einige Veränderungen vorgenommen, etwa die Einschätzung der Regierung Francisco Francos als Diktatur, die in dem vorherigen Abdruck nicht als solche bezeichnet wurde.

Die 1738 gegründete „Real Academia de la Historia” führt andere virtuelle Projekte durch, die auf der Homepage ebenfalls verfügbar sind. In diesem Sinn bietet die „Digitale Bibliothek“ online mehr als 22.000 Bestände, u. a. Inkunabeln, Landkarten, Abbildungen und 21.312 Manuskripte. Das exklusiv in Spanisch verfügbare Portal ermöglicht eine leichte und einfache Benutzung. Wenn man die Webseite aufruft, erblickt man als Erstes das Logo der „Real Academia“ und daneben eine Buttonleiste: über das Portal (Beschreibung, Zielsetzung und Geschichte), häufige Fragen (bezüglich der Benutzung der Suchmaschine) sowie ein Kontaktformular. Darunter findet man die Suchleiste, bei der zwei Varianten zur Verfügung stehen: einfache und erweiterte Suche. Ebenfalls findet man hier eine Liste mit statistischen Daten zum Korpus. Es folgt die tägliche „Führende Biografie“ („Biografía destacada“). Zitate von spanischen Denkern über die soziale Bedeutung von Biographien sind weiter unten zu lesen.

Ein besonderes Augenmerk sei auf auf die Such-Optionen gelegt. Die „Einfache Suche“ mit Namen- oder Beinamen ist effektiv. Die Suchergebnisse werden alphabetisch, zeitlich und nach Nachnamen sortiert. Das ausgewählte Ergebnis öffnet ein Fernster an der linken Seite des Bildschirms, mit Text und ggf. einem Bild daneben. Nach dem Namen werden das Geburts- und Todesdatum sowie Beruf der Person aufgeführt. Die Länge der Beschreibung ist abhängig von der historischen Bedeutung und der Bibliografie der Persönlichkeiten. Das Portal des DBE bietet keinen relevanten Unterschied zu anderen Webseiten, als es nur eine Sammlung von Lebensbeschreibungen der bedeutenden Spanier und Spanierinnen darstellt. Die des Spanischen mächtigen Besucher mögen dieses Portal im Vergleich zu Wikipedia vielleicht weder so dynamisch noch so visuell ansprechend empfinden. Da die Texte nicht unter Untertitel strukturiert wurden, können die Forschenden außerdem nicht schnell identifizieren, was sie benötigen. Am Ende jedes Beitrags der DBE kann man den Namen des/der Verfasser/in finden, ihres Zeichens ausgewiesene ExpertInnen im Feld, was als ein relevanter Vorteil dieser Webseite angesehen werden kann.

Als Benutzer der „Einfachen Suche“ sind einige Funktionen nicht zugänglich. So werden die Optionen „verbundene Persönlichkeiten“ und „ähnliche Persönlichkeiten“, die die Besonderheit des Projekts ausmachen, Deren Nutzung ist nur durch eine entgeltliche Anmeldung möglich. Die Gebühr für den Zugang beläuft sich entweder monatlich auf 9,99 Euro oder jährlich auf 99,00 Euro. Ermäßigte Tarife für SchülerInnen oder Studierenden werden nicht angeboten.

Die Option „Verbundene Persönlichkeiten“ in einer Biografie verweist auf andere in der DBE verfügbaren Biografien, die in der Beschreibung zitiert werden und zeigt, wo diese zitiert werden. „Ähnliche Persönlichkeiten“ weisen auf die Biografien hin, die mehrere Merkmale (Ort, Zeit oder Beruf) mit der Persönlichkeit teilen. Damit wird eine Lektüre der Vergangenheit ermöglicht, die zeigt, dass das Leben einer Person mit anderen auf verschiedene Weisen miteinander verbunden sein konnte. Die „Erweiterte Suche“ enthält außerdem mehrere Suchkriterien: Chronologie, Geografie, Beruf, Geschlecht. Diese können gleichzeitig ausgewählt werden. So können ganz spezifische Anfragen gestellt werden, um z. B. herauszufinden, wie viele islamische Poetinnen zwischen dem V. und XV. Jahrhundert in der DBE registriert sind. Anleitungen zur Anwendung stehen zudem in einem Videoformat zur Verfügung.

Unweigerlich kommt die Frage auf, wer solche genauen Daten der „Erweiterte Suche“ relevant findet. Da der Zugang nur gegen eine Bezahlung möglich ist, sollte der Benutzer mehr als nur ein spontanes und kurzfristiges Interesse an diesem Thema haben. Es ist bedauerlich, dass die innovativen Merkmale der Webseite nur gegen Entrichtung einer Gebühr angewendet werden können. In Zeiten von „Open Access“ fällt es schwer, diese Maßnahme nachzuvollziehen. Neben dem Bezahlmodell bleiben aber auch Fragen nach der Methodologie des DBE-Projekts unbeantwortet. Sucht man eine Biografie in einer Websuche, bspw. via Google, erscheinen an erster Stelle der Wikipedia-Eintrag und andere Webseiten und nicht das DBE. Die Suchmaschinenoptimierung wäre dahingehend also noch verbesserungswürdig. Außerdem übermitteln die Biografien der DBE eine offizielle und geschlossene Lektüre des Lebens der Personen. Damit gehen Begrenzungen des Nutzens einher, die auch schon vom Projektträger genannt werden. [1]. Die aktive Kollaboration von Besuchern bei neuen Biografien oder Veränderungen in alten ist nicht möglich. Auch wurde eine Integration anderer externer Datenbanken nicht umgesetzt. Die Auswahlkriterien der Personen, die in dem „Diccionario“ beschrieben werden, fehlen ebenfalls. Das „Diccionario biográfico español“-Projekt kann somit als Versuch einer besonderen und großen Institution verstanden werden, etwas Neues im Digitalen beizutragen. Die genannten Beschränkungen jedoch machen eine übergreifende Nutzung nur schwer möglich.

Anmerkung:
[1] Nach Auskunft der Projektleitung verfolge das DBE eher ein konsultatives als normatives Ziel. Manuel Morales, El «Diccionario Biográfico Español» se enmienda en la Red, in: El País, https://elpais.com/cultura/2018/05/03/actualidad/1525342688_349008.html. (17.12.2018).

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Carlos Zegarra Moretti: Rezension zu: Diccionario biográfico español. , in: H-Soz-Kult, 22.12.2018, <www.hsozkult.de/webreview/id/rezwww-182>.
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22.12.2018
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