Titel
Zeitklicks.


Hrsg. v.
Gruler, Sabine; Wagner, Kirsten
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Josephine Kuban, Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

„Zeitklicks“ verspricht den Traum einer Zeitreise zu erfüllen, zumindest virtuell. Von der Kaiserzeit bis zur Wiedervereinigung bietet die Website mit Schwerpunkten auf Nationalsozialismus und deutscher Teilung eine zielgruppenorientierte Übersicht zur deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts, die mit interaktiven Inhalten auf der Webseite, aber auch mit Tipps für eine weitere Vertiefung über die bloße Wissensvermittlung hinausgeht.

Als ein Projekt der Initiative „Ein Netz für Kinder“[1] richtet sich „Zeitklicks“ an Heranwachsende ab zehn Jahren. Das Angebot wurde in der Entstehungsphase von 2011 bis 2013 von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert. Heute finanziert es sich über Werbeanzeigen[2], die von der Redaktion geprüft, vom Inhalt getrennt und als Werbung gekennzeichnet werden.[3] Die redaktionelle Verantwortung dafür liegt bei Kids KulTour, die bereits die Vorgängerwebseite „Kinderzeitmaschine“[4] und auch den Nachfolger „Kinderweltreise“[5] entwickelt haben.

Mit jedem Aufruf der Webseite startet, sofern die aktuellste Version des Adobe Flash Players installiert ist, ein kurzes Intro.[6] In diesem stellen die jugendlichen Charaktere Lucy und Tim ein Tablet mit den Worten vor: „Mein neues Pad. Ich hab hier 'ne tolle App, damit kannst du ins 20. Jahrhundert gucken.“[7] Die darauffolgende Startansicht zeigt eine gezeichnete Kreuzung in Berlin einer nicht näher definierten Jetzt-Zeit, worauf nicht nur Gebäude wie Modeboutiquen, Möbelhäuser, Sport- und Computergeschäfte, sondern auch der Fernsehturm im Hintergrund hindeuten. Die farbenfrohe Präsentation der Stadt im Comicstil ist dabei durchaus ansprechend für junge Nutzer/innen und bietet zusätzlich die Möglichkeit, die städtischen Gebäude in ihrer zeitlichen Entwicklung widerzuspiegeln. Insgesamt sind Navigation und Darstellung an die Funktionen eines Tablets angelehnt, weshalb sie durchaus intuitiv funktionieren. Die vom Inhalt getrennten Elemente wie die Werbung, Förderer, das Impressum, ein Bildverzeichnis und Links zu weiterführenden Webseiten sind außerhalb dieses Rahmens platziert.

Das Hauptfeature der Webseite ist die virtuelle Reise durch die Geschichte (über die Navigationsleiste am rechten Rand des Pads). Hier kann zwischen sechs Zeitspannen gewählt werden, wodurch sich der Bildausschnitt zeitgemäß verändert: 1890–1918 Kaiserzeit, 1918–1933 Weimarer Republik, 1933–1945 NS-Zeit, 1945–1963 Bundesrepublik I, 1963–1989 Bundesrepublik II und 1949–1989 DDR. Letztere bildet die einzige Ausnahme in der Darstellung der sonst immer gleichen Straßenszene zu jeweils anderen Zeiten. Hier wird der Blick in eine Straße im Ostteil Berlins gelenkt, von der aus die bekannten Häuser zu erkennen, doch nun durch Mauer und Grenzzaun von der eigentlichen Szene getrennt sind. Auch inhaltlich grenzt sich diese Zeitspanne insbesondere mit der Rubrik „Das System“ von den anderen ab. Hier werden DDR-spezifische Themen wie die politischen Organe, Überwachung und Unterdrückung sowie Flucht behandelt. Diese werden zum einen mit einer vereinfachten Sprache, kurzen Sätzen und vielen Querverweisen auf andere Inhalte und zum anderen mit medial unterschiedlich aufbereiteten Beispielen kindgerecht präsentiert.

Zusätzlich enthält die Kategorie „Frag doch mal!“ in allen Zeitspannen „kindliche“ Fragen, die kurz beantwortet werden. Für die DDR wird beispielsweise die Frage „Was interessiert mich die DDR?!“ mit der folgenden Aufforderung verbunden: „Geringschätzung hilft uns nicht weiter, sondern vertieft den Graben noch. Darum ist es gut, wenn Ossis und Wessis versuchen, sich zu verstehen. Wie war es, hier oder dort aufzuwachsen? Frag doch mal!“[8] Nicht nur hier, sondern auch an vielen anderen Stellen werden die jungen Nutzer/innen direkt angesprochen.

Die visuellen, stark vereinfachten Darstellungen beschränken sich jedoch in jeder Zeitspanne auf die Entwicklung in Berlin. Damit entstehen ortsspezifische Bilder, die sich zwar auf andere Städte, aber fast gar nicht auf ländliche Gebiete übertragen lassen. Ohne dass dies zur weiteren Reflexion für die Nutzer/innen thematisiert wird, repräsentiert die Stadt allgemein und im Speziellen Berlin die deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert. Auch die Länge der sechs Zeitabschnitte von 20 bis 30 Jahren führt teilweise zu einer klischeehaften Verallgemeinerung. Die gewählten Zäsuren z.B. für die Bundesrepublik I als Nachkriegszeit und die Bundesrepublik II als Zeit des Booms werden nicht begründet. Warum die Darstellung mit der deutschen Wiedervereinigung endet, die zum Zeitpunkt der Webseitenentstehung bereits 25 Jahre zurücklag, bleibt ebenfalls unklar.

Inhaltlich enthält jede Zeitspanne die fünf Rubriken Politik, Alltag, Kultur, Wissenschaft und Weltgeschichte. Zu ihnen gelangen die Nutzer/innen über Markierungen im Bildausschnitt, die beim Mouseover eine Wortwolke mit den prägnanten Themengebieten zeigen. Zur Navigation kann außerdem die grün unterlegte Titelzeile genutzt werden, unter der sich innerhalb einer Rubrik ein Ausklappmenü öffnet. Damit wird die eigene Position auf der Webseite stets markiert, was zur Orientierung dient und es leicht macht, zu einer der vorangegangenen Seiten zurückzukehren.

Doch gerade für die NS-Zeit fällt eben diese Orientierung aufgrund eines umfangreichen Angebots an Inhalten und den abweichenden Rubriken „Propaganda“, „Verfolgung“ und „2. Weltkrieg“ deutlich schwerer. Beispielsweise enthält hier jede Rubrik ein „Frag doch mal!“, was wie folgt begründet wird: „Bei diesem Thema [Verfolgung] werden für alle Zeiten viele offene Fragen bleiben. Selbst wenn so manche Antwort schwer fällt, müssen wir Fragen stellen.“[10] Die Rubrik „Alltag“ bietet in jeder Zeitspanne und so auch für die NS-Zeit einen besonderen Zugang, denn hier wird der Fokus auf den Alltag von Kindern und Jugendlichen gelegt. Die Kategorie „Jetzt erzähle ich!“ lässt hierbei Kinder der jeweiligen Zeit aus ihrem Leben erzählen und eröffnet damit verschiedene Perspektiven auf die behandelten Ereignisse.

In den Rubriken werden die verschiedenen Themengebiete mit einem Bild- und Textausschnitt vorgestellt. Alle Artikel enthalten Bild- oder Videomaterial, sodass ein angemessenes Verhältnis aus Bild und Text entsteht. Zusätzlich sind die Artikel in kurze Abschnitte gegliedert, die mit präzisen Überschriften betitelt werden und deren Inhalt damit schnell zu erfassen ist. Schwierige Begrifflichkeiten werden mit einer Kurzerklärung versehen, die beim Bewegen des Mauszeigers entsprechend eingeblendet wird. Außerdem enthalten einige Artikel Links zu anderen Themen oder verfügen über die Option „Blick voraus“ bzw. „Blick zurück“, womit auf das Artikelthema in einer anderen Zeitspanne verwiesen wird. An dieser Stelle wäre es durchaus vorstellbar, die Texte auch zum Download anzubieten, was bisher fehlt.

Sechs weitere Angebote laden zusätzlich dazu ein, die jeweilige Zeitspanne multimedial und interaktiv zu erkunden. In der Rubrik „Hör mal!“ werden Persönlichkeiten vorgestellt, während „Schau mal!“ Videoausschnitte und Filmaufnahmen präsentiert. Unter „Teste dich!“ und „Wer war’s?“ werden zwei Quizspiele angeboten. Die Nutzer/innen bekommen außerdem Anregungen, über die digitale Anwendung hinaus aktiv zu werden. „Mach mit!“ bietet Rezeptideen, Modetipps oder Spielvorschläge, und die „Buchtipps“ enthalten altersgerechte und themenspezifische Lektüre.

Auf dem oberen Rand des Pads befindet sich rechtsbündig eine Navigationsleiste für Zusatzangebote, die nicht epochenspezifisch sind und vor allem die Suchfunktion in der grünen Titelleiste ergänzen. Somit wird die bereits umfangreiche und nach Rubriken sortierte Stichwortsuche vervollständigt. Mit dem „Zeitstrahl“ kann sich beispielsweise in Form der gewohnten zeitlichen Chronologie durch das 20. Jahrhundert bewegt werden, wobei für jedes Jahr mehrere Ereignisse vorgestellt werden. Die „Personen“-Suche bietet eine Auswahl der Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts mit entsprechendem Steckbrief.[10] Im „Glossar“ sind einzelne Begriffe mit einer Kurzbeschreibung bestückt, und hinter „Termine“ verbirgt sich eine Kalenderfunktion mit aktuellen Veranstaltungstipps.[11]

All diese Funktionen werden über die „Hilfe“ in einem kurzen Video von Lucy erklärt, sodass man sich anschließend gut zurechtfindet. Allerdings geht aufgrund der vielfältigen Angebote, Unterseiten und Zusatzmaterialien hin und wieder nicht nur die Übersichtlichkeit verloren, sondern auch die Nutzerfreundlichkeit. Es ist nötig, die Logik der Webseite vollständig zu erkennen, um zielgerichtet navigieren zu können.

Technisch integriert die Webseite zwar multimediale Angebote, allerdings meist durch den Zugriff auf andere Anbieter. Die Verlinkungen zu anderen Web-Angeboten sind teilweise veraltet, auch der Veranstaltungskalender weist Lücken auf. Die Buchtipps schließen keine aktuellen Veröffentlichungen mit ein, was darauf hindeutet, dass die Webseite nicht durchgängig gepflegt und aktualisiert wird. Die Themen und Artikel verlieren dadurch zwar nicht an Aktualität, sollten aber trotzdem regelmäßig an den Forschungsstand angepasst werden. Im Hinblick auf die Tatsache, dass es verhältnismäßig wenig Webportale mit historischen Überblicken für Kinder gibt, büßt Zeitklicks hier nicht an Relevanz ein und ordnet sich mit dem Schwerpunkt auf deutscher Geschichte vorrangig neben der „Kinderzeitmaschine“ ein.

Anmerkungen:
[1] Siehe hierzu: <https://www.bundesregierung.de/breg-de/bundesregierung/staatsministerin-fuer-kultur-und-medien/medien/medienkompetenz/netz-fuer-kinder> (01.12.2019).
[2] Mit einem Ad-Blocker können diese ausgeblendet werden.
[3] Siehe hierzu: <http://www.zeitklicks.de/footer-menu/warum-werbung/> (01.12.2019).
[4] <http://www.kinderzeitmaschine.de/> (01.12.2019).
[5] <https://www.kinderweltreise.de/> (01.12.2019).
[6] Auf ein responsives Webdesign wurde dabei nicht geachtet.
[7] <http://www.zeitklicks.de/top-menu/die-story/navigation/topnav/> (01.12.2019).
[8] <https://www.zeitklicks.de/ddr/zeitklicks/zeit/das-system/frag-doch-mal/was-interessiert-mich-die-ddr/> (01.12.2019).
[9] <https://www.zeitklicks.de/nationalsozialismus/zeitklicks/zeit/verfolgung/> (01.12.2019).
[11] Für das gesamte 20. Jahrhundert werden in dieser Übersicht nur drei Frauen vorgestellt.
[11] Das aktuelle Jahr 2019 wurde bisher noch nicht mit Veranstaltungstipps gefüllt.

Zitation
Josephine Kuban: Rezension zu: Zeitklicks, in: H-Soz-Kult, 20.12.2019, <www.hsozkult.de/webreview/id/rezwww-185>.
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Veröffentlicht am
20.12.2019
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