Titel
Portal Gewerkschaftsgeschichte.


Hrsg. v.
Hans-Böckler-Stiftung, Düsseldorf DE: <http://www.boeckler.de/>
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sophie Kühnlenz, a.r.t.e.s. Graduate School for the Humanities Cologne, Universität zu Köln

„Bürger, nicht Untertanen wollen wir sein. Wollen mitraten, mittaten und mitverantworten in allen wichtigen Dingen des Lebens der Gemeinschaft. Vor allem in den Angelegenheiten der Wirtschaft unseres Volkes.“

Neben verschiedenen anderen Zugängen lädt das kurzweilige Quiz „Wer hat’s gesagt?“ auf dem Portal „Geschichte der Gewerkschaften“ (https://www.gewerkschaftsgeschichte.de) zum spielerischen Mitmachen und Nachdenken über die Geschichte der deutschen Gewerkschaften ein. 2014 gab die Hans-Böckler-Stiftung die Ausarbeitung des Portals in Auftrag, im Frühjahr 2016 ging die Seite online. In Zusammenarbeit mit dem Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung entstand eine Website, die von den Anfängen der Arbeiter/innenbewegung in den 1830er-Jahren bis zur Rolle der Gewerkschaften in der vereinigten Bundesrepublik im Jahr 2015 einen breit gefächerten Einblick in Geschichte und Gegenwart gewerkschaftlicher Arbeit bietet. Die Texte verfasste Michael Schneider, einer der profiliertesten Gewerkschaftshistoriker der Bundesrepublik und ehemaliger Leiter des Historischen Forschungszentrums der Friedrich-Ebert-Stiftung; die Glossartexte sowie eine Reihe von Interviewausschnitten entstammen der Website „Zeitzeugen der Gewerkschaften“ (http://www.zeitzeugen.fes.de).

Die Auflösungen zu „Wer hat’s gesagt?“ finden sich – im Hinblick auf das Spielerische zwar informativ, aber technisch uninspiriert – als Textblock direkt darunter: Beim eingangs erwähnten Zitat handelt es sich um einen Ausspruch von Hans Böckler auf dem Gründungskongress des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) am 14. Oktober 1949. Dort wurde er zum ersten Vorsitzenden des DGB gewählt. Die insgesamt sechs Zitate – beginnend mit August Bebel Mitte des 19. Jahrhunderts bis hin zum DGB-Vorsitzenden Michael Sommer im Jahr 2009 – vermitteln einen Eindruck von der Bandbreite gewerkschaftlicher Kämpfe, die auf dem Portal präsentiert werden.

Die Inhalte sind über vier verschiedene Kategorien zugänglich: Epochen, Themen, Nachschlagen und Spielen. In den insgesamt sechzehn Epochenabschnitten gibt es jeweils Überblickstexte zu den Bereichen Politik, Wirtschaft, Soziale Lage und Gewerkschaften. Bei den Epochen finden sich bekannte Periodisierungen wie „Bismarck-Ära“ (1871–1890) oder „Nachkriegsjahre“ (1945–1949), aber auch Abschnitte, die mit dem Gegenstand des Portals korrelieren. Die „Revolution 1918 und Anfänge der Weimarer Republik“ (bis 1923) sowie die Jahre von 1930 bis 1933 („Im Schatten der Weltwirtschaftskrise“) werden z.B. jeweils in einer gesonderten Epoche behandelt. Die Texte zur Nachkriegszeit sind gleichmäßig zwischen Ost und West aufgeteilt, wobei sich die Zeitabschnitte an den jeweiligen Dynamiken in beiden deutschen Staaten orientieren und nicht immer deckungsgleich sind: Die Epoche der „Wirtschaftswunderjahre“ im Westen von 1950 bis 1966 steht beispielsweise dem Aufbau des SED-Staats im Osten von 1949 bis 1961 gegenüber.

Klickt man auf eine der Epochen, gelangt man zunächst auf eine Überblicksseite, wo die Texte in drei Sätzen zusammengefasst zum Weiterlesen animieren. In der ersten Epoche zu den Anfängen der Arbeiter/innenbewegung (1830–1870) erfährt man z.B., dass sich die Formierung einer gewerkschaftlichen Bewegung über mehrere Jahrzehnte hinzog. Miserable Arbeitsbedingungen im industriellen Kapitalismus, die Revolution von 1848, traditionsbewusste Handwerksgesellen sowie die erstmalig verfassungsmäßig garantierte Vereins- und Versammlungsfreiheit spielten eine wichtige Rolle bei ihrer Etablierung.

Im Text zur sozialen Lage jener Jahre werden die sozialen Missstände in klaren und anschaulichen Worten beschrieben. Die Industrialisierung veränderte die Gesellschaft grundlegend, und viele Familien zogen auf der Suche nach Arbeit vom Land in die Städte. Kinderarbeit wird zum Symbol rücksichtsloser Ausbeutung – insbesondere in der Textilindustrie bestehen die Belegschaften bis zu einem Drittel aus Kindern.

Gerade an solchen Stellen, wo Statistiken in anschauliche Vergleiche übersetzt werden, wünscht man sich zuweilen eine direkte Verlinkung oder einen Verweis auf die herangezogenen Statistiken. Diese sind nur unter den Texten in der Kategorie „Gewerkschaften“ zu finden. Unter „Nachschlagen“ / „Statistiken ab 1800“ sind alle verwendeten Statistiken zusammengefasst, die sogenannten Sammelmappen mit dem gesamten Tabellensatz „Statistiken zur Geschichte der Gewerkschaften“ im Excel-Format bestechen durch die Fülle an Informationen, aber nicht durch ihr Layout.

Literatur und Quellen, Zahlen sowie vertiefende Artikel sind immer unter dem Text zur Kategorie „Gewerkschaften“ zu finden. Ist von konkreten Ordnungen, Gesetzen oder anderen Quellen die Rede, werden diese als PDF-Datei im Text verlinkt. In der Regel handelt es sich um Abschriften der Quellen. Stammen diese aus der Online-Chronologie der deutschen Gewerkschaftsbewegung aus der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung, irritiert die knapp gehaltene Quellenangabe, beispielsweise beim „Regulativ über die Beschäftigung jugendlicher Arbeiter vom 9. März 1839“, das im Politik-Text in der Epoche „Anfänge der Arbeiterbewegung“ auf der ersten Seite des Artikels verlinkt ist. Als Quelle wird lediglich die genannte Online-Chronologie ohne Link oder Datum genannt. Fußnoten bzw. direkte Literaturverweise wären in allen Bereichen wünschenswert; der besseren Lesbarkeit halber sind diese aber vermutlich in den Anhang der Texte in der Kategorie „Gewerkschaft“ verschoben worden. Die Zusammenführung der Literatur an dieser Stelle bietet wiederum die Möglichkeit, sich gezielt zu bestimmten Themen zu informieren, zumal hier – unter „ausführlich lesen“ – weitere Artikel verlinkt sind, die sich mit Teilaspekten intensiver auseinandersetzen und mehr in die Tiefe gehen.

Einen zweiten Zugang bieten epochenübergreifende Querschnittsanalysen, die die ansonsten chronologische Darstellung um thematische Perspektiven ergänzen. Das Ausklappmenü zu „Themen“ enthält drei große – „Traditionen und Symbole der Gewerkschaften“, „Arbeit im Wandel“, „Mitbestimmung – Geschichte der Erfolge und Niederlagen“ – sowie vier kleine Themenblöcke – „Arbeiterausschüsse“, „Gewerkschaften und Sozialstaat“, „Frauenerwerbsarbeit“, „gewerkschaftliche Frauenpolitik“. Auf der Artikelebene ist allerdings keine Hierarchisierung festzustellen.

Hervorzuheben sind die Seiten zu „Frauen-Erwerbsarbeit“ und zur „Frauenpolitik der Gewerkschaften“. „Vom notwendigen Übel zur Selbstverständlichkeit“ – die programmatische Überschrift zur schrittweisen Anerkennung von Frauenerwerbsarbeit bringt die (gar nicht so linearen) Entwicklungen seit der Industriellen Revolution auf den Punkt. Lange Zeit werden Frauen als „Dazu-Verdienerin“ und „Reservearmee des Arbeitsmarkts“ gehandelt und systematisch als billige Arbeitskräfte ausgebeutet. Nur langsam setzt sich die Einstellung durch, dass die Berufstätigkeit von Frauen Grundlage für deren Emanzipation beziehungsweise schlicht eine Lebensperspektive für Frauen sein kann.

Mit der zunehmenden Etablierung dieser Haltung verändert sich auch das schwierige und ambivalente Verhältnis zwischen Frauen und Gewerkschaften. Traditionelles Rollenverständnis und gewerkschaftlicher Organisationsgrad von Frauen hängen insbesondere in den ersten Jahrzehnten gewerkschaftlicher Interessenvertretung im 19. Jahrhundert eng zusammen: Frauen (und Männer) stufen weibliche Erwerbsarbeit als temporär ein, und Frauen sehen wenig Veranlassung, sich in die männlich dominierten Gewerkschaften einzubringen, um ihre Arbeitsbedingungen zu verbessern. Für die Gewerkschaften galt: „Frauen sind als Mitglieder willkommen, doch die politischen Entscheidungen treffen die Männer.“ (https://www.gewerkschaftsgeschichte.de/frauenpolitik-der-gewerkschaften.html) Im Zweifel haben die Interessen der Männer Vorrang, auch wenn sich die Gewerkschaften von Anfang an für die Belange von Frauen einsetzen (z.B. Mitarbeit in politischen Vereinen, Frauenwahlrecht, Mutterschutz).

Erst mit der schrittweisen Normalisierung eigenverantwortlicher weiblicher Erwerbsarbeit in den 1970er-Jahren verbessert sich das Verhältnis zwischen Frauen und Gewerkschaften. Gerade angesichts der langen und konfliktreichen Tradition gewerkschaftlicher Frauenpolitik ist das (selbst)kritische Fazit am Ende des Artikels erfreulich: „In den gewerkschaftlichen Führungspositionen, speziell an der Spitze von Einzelgewerkschaften, sind Frauen nicht oder kaum vertreten. […] Von einer 30-Prozent-Frauenquote, wie sie seit Anfang 2016 für Aufsichtsräte in börsennotierten Unternehmen gesetzlich vorgeschrieben ist, sind die Gewerkschaften noch meilenweit entfernt.“ Positiv, aber leider nicht immer selbstverständlich ist, dass frauenspezifische Themen nicht nur als Zusatz zur Geschichte behandelt oder in eine eigene Sektion ausgelagert werden, sondern an verschiedenen Stellen im gesamten Portal zur Sprache kommen.

Die Texte kommen allgemein ohne verklausulierte Formulierungen aus; sie sind flüssig und gut lesbar geschrieben. Zu bemängeln ist, dass inkonsequent gegendert wird (nur Arbeiter/innen und Arbeitnehmer/innen sind durchgängig in weiblicher und männlicher Form zu finden). Die Seite ist insgesamt übersichtlich und optisch ansprechend gestaltet. Sowohl gezieltes Suchen als auch spontanes Durchklicken wird durch den Aufbau der Website unterstützt. Alle Artikel sind bebildert. Einige Fotostrecken, z.B. zu „Traditionen und Symbole“, illustrieren verschiedenste Aspekte gewerkschaftlicher Arbeit.

Eine detaillierte Chronik (die bei den jeweiligen Epochentexten immer mit verlinkt ist) und knapp 100 Kurzbiographien ermöglichen einen alternativen Einstieg in die Gewerkschaftsgeschichte über Personen und konkrete Ereignisse. Verweise auf weiterführende Texte, Quellen und Dokumente sowie Literatur verbinden die einzelnen Ebenen des Portals miteinander; der „Pfad“ direkt unterhalb des Titelbilds zum jeweiligen Text hilft bei der Orientierung, wo man sich bei der Vertiefung eines Themas gerade befindet. Abgerundet wird das Angebot durch ein alphabetisch sortiertes Glossar, ein Abkürzungsverzeichnis, Statistiken, Links, kurze Filme und Tondokumente. „Wer hat’s gesagt?“, „Memory mal anders“, der „Zwei-Minuten-Gedächtnistest“ mit (teils nicht ganz einfachen) Fragen zur Gewerkschaftsgeschichte oder „Rund und bunt – Buttons damals und heute“ in der Kategorie „Spielen“ bringen Abwechslung, fungieren aber primär als interaktives Add-on und stehen nicht im Mittelpunkt.

Fazit: Das Portal verfolgt nicht das Ziel, einen Beitrag zu aktuellen Debatten in der historischen Gewerkschaftsforschung zu leisten oder auf die durchaus diversen Positionen der einzelnen Gewerkschaften damals und heute einzugehen. Die Seite verbleibt auf einer (sozialdemokratisch geprägten) Meta-Ebene und bietet – trotz kleinerer Mängel in der (technischen) Aufbereitung der Inhalte – einen fundierten und visuell ansprechenden Überblick zur Geschichte der Gewerkschaften seit der Industriellen Revolution.

Zitation
Sophie Kühnlenz: Rezension zu: Portal Gewerkschaftsgeschichte, in: H-Soz-Kult, 26.10.2019, <www.hsozkult.de/webreview/id/rezwww-186>.
Redaktion
Veröffentlicht am
26.10.2019
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