Zeitgeschichte Informations System (ZIS)

Titel
Zeitgeschichte Information System [Institut für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck].


Rezensiert für H-Soz-Kult von
Horst Gehringer

ZIS - Hinter diesen drei Buchstaben befindet sich das "Zeitgeschichte Informations System" des Instituts für Zeitgeschichte der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck. Schon auf den ersten Blick hebt sich die Homepage des ZIS durch den Verzicht auf optische Spektakel und aufwendige Grafiken auffallend von anderen Websites ab. Es erfolgt eine bewußte Reduzierung auf das Wesentliche, die Vermittlung textgebundener Information in fünf Punkten: Die ZIS-Datenbank - ein Tor zum Internet, Primärquellen zur Geschichte Österreichs im 20. Jahrhundert, Dokumentation zur Geschichte Südtirols, Beziehungen Österreich-Israel seit 1945 sowie eine Vorstellung des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck.

Ein Angebot, das für jeden an historischen Websites interessierten Nutzer wichtige Informationen bietet, steht mit der ZIS-Datenbank zur Verfügung. Über eine Suchmaske können die unterschiedlichsten historischen Internetressourcen im Netz recherchiert werden, wobei hier natürlich der Zeitgeschichte ein besonderes Augenmerk gilt. Weit über 800 Einträge umfaßt diese Datenbank. In der Eingabemaske, die die Volltextsuche ermöglicht, können einzelne Begriffe eingegeben oder durch Operatoren miteinander verknüpfte komplexere Suchanfragen formuliert werden. Zusätzlich besteht in der Datenbank die Möglichkeit zu blättern und somit gezielt in den Rubriken Land, Stichwort und Zeitraum zu suchen.

Die ZIS-Datenbank enthält Informationen über historische "Web-Sites" aus dem deutsch- und englischsprachigen Bereich mit zeithistorischem Focus. Dazu gehören Archive, Bibliotheken, Museen, Universitätsinstitute sowie Websites, die sich mit dem Thema Wissenschaftsförderung befassen. So entsteht ein in dieser knappen Form wohl schwerlich an anderer Stelle erreichbarer Überblick. Dies gilt insbesondere für die Zusammenstellung der historischen Institute an den Universitäten Österreichs. Bei einer Datenbankrecherche erhält der Nutzer als Treffer neben den formalen Angaben mit Bezeichnung und Adresse auch inhaltliche Aspekte. Durch diese knappen regestenartigen Vorstellungen des jeweiligen Inhalts, des Landes und des behandelten Zeitraums einer Website, werden bereits zahlreiche Informationen zum Einstieg vermittelt, die der Nutzer dankbar zur Kenntnis nehmen wird.

Hier ergibt sich freilich auch ein Kritikpunkt, der bei einer Aktualisierung indes leicht zu beheben sein wird. Bei dem Link "Archive in anderen Staaten" innerhalb der Auflistung der Archive in Deutschland wird das Angebot der Archivschule in Marburg, das für die im Web dargestellte Archivlandschaft der Bundesrepublik den Zugang schlechthin darstellt, erst nach anderen privaten Angeboten aufgelistet. Dies erschwert insbesondere bei einem erstmaligen Zugriff für den an historischen Quellen interessierten Nutzer relevante Informationen zu den Archiven in Deutschland, da die Marburger Archivschule auf die amtlich autorisierten regionalen Archivportale bzw. auf die Homepages der Archivverwaltungen und einzelnen Archivträger verweist. Nur dort sind in der Regel die etwa für die Vorbereitung einer Archivreise wichtigen Rechtsgrundlagen, Beständebeschreibungen, Gebührenordnungen oder Öffnungszeiten aktuell abrufbar. Dieses für den deutschen und internationalen Archivsektor wichtige Angebot der Marburger Archivschule findet sich erst auf der zweiten Seite der Trefferliste. Dies schmälert allerdings den grundsätzlichen Wert dieser Zusammenstellung von Adressen aus den unterschiedlichsten Bereichen historischer Forschung keineswegs. Vielmehr erschließt sich für den Benutzer eine Fülle von Informationen über Institute auch und gerade im anglo-amerikanischen Bereich. Daß sich aus der großen Anzahl von Adressen, auf die verwiesen wird, zwingend das Problem ergibt, diese Adressen zu aktualisieren oder in bestimmten Abständen zu überprüfen, ist eine Selbstverständlichkeit. Wie alle vermeintlichen Selbstverständlichkeiten ist dies aber in der Praxis oft schwer zu realisieren. Beim Aufruf des Bildarchivs zur Kunst und Architektur in Deutschland, landet der Nutzer derzeit noch im elektronischen Off. Die Korrektur der URL (http//:http://www.bildindex.de) läßt sich gewiß leicht bewerkstelligen. Der Link der eigentlich zum Deutschen Filminstitut (DIF) führen soll, endet dagegen auf der Website The Internet Movie Database. Das Handling großer Mengen von URL stellt nun einmal eine Aufgabe dar, die - und dies sei aus eigener Erfahrung ohne jede Besserwisserei angemerkt - mühevoll und arbeitsintensiv ist.

Im Bereich "Primärquellen zur Geschichte Österreichs" werden 138 digitale Dokumente angeboten. Hier stellt sich aber die Frage nach einer exakten Begrifflichkeit. Wer nämlich beim ersten Klick 138 aneindergereihte Angebote von faksimilierten, transkribierten oder wie auch immer dargestellten Dokumenten erwartet, sieht sich zunächst getäuscht, freilich nicht enttäuscht. Gleich mit dem ersten Mausklick erscheint eine für das Verständnis militärischer Quellen wichtige Übersicht der Dienstgrade der Wehrmacht, der Polizei und Waffen-SS sowie der US-Army und Royal Air Force im Vergleich mit dem österreichischen Bundesheer. So verdienstvoll diese Übersicht ist, da oft genug in der Literatur Dienstgradbezeichnungen (vorsichtig formuliert) unscharf verwendet werden, so liegt damit doch wohl eher eine aus der zitierten Literatur erarbeitete Dokumentation vor. Noch einmal sei aber hervorgehoben: mit dem Aufruf dieser Rubrik zu den Primärquellen wird sicher niemand unzufrieden sein. Dahinter verbirgt sich eine wahre Fundgrube von Informationen, etwa die Dokumentation zur Geschichte Südtirols von 1905 bis 1998 mit dem grundlegenden Aufsatz des Innsbrucker Institutsleiters Rolf Steininger zur Südtirolfrage. Auf dieses ausgezeichnete Angebot wird zusätzlich direkt von der Homepage aus verwiesen. Auch wenn die Zusammenstellung kurzer maximal acht Dokumente umfassender Abschnitte zu bestimmten Kapiteln (Österreich im Ersten Weltkrieg 1914-1918, 12. November 1918 bis 12. März 1938: Stationen auf dem Weg zum "Anschluß", Die Affäre Waldheim: Eine Fallstudie zum Umgang mit der NS-Vergangenheit in den späten achtziger Jahren usw.) hier überwiegen, scheint der Link auf der Homepage auf den ersten Blick ein wenig unscharf. In jedem Fall sind die einzelnen Abschnitte mit der Veröffentlichung von Schlüsseldokumenten hervorragend geeignet, sie in den Unterricht in Schule, Universität oder Erwachsenenbildung einzusetzen oder einfach "nur" darin zu lesen.

Die Mitarbeiterin des Instituts Eva Pfanzelter zeichnet für den Bereich "Beziehungen Österreich-Israel seit 1945" verantwortlich. Mittels einer Datenbank wird eine Dokumentation zum Thema bereitgestellt. Den Zugang über die Chronologie inklusive einschlägiger Einzeldokumente sowie einen Personenindex eröffnen entsprechende Verzweigungen. Die Einbindung von "MavenSearch. Jewish Web Directory" (http://www.mavensearch.com) sowie einer Liste mit Links zum Thema und weiterführender Literatur runden diesen Themenkomplex ab.

Am Ende dieser vielfältigen und gelungenen Website steht last but not least der Träger dieses Angebots, das Institut für Zeitgeschichte der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck mit Informationen über das Institut, seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und ihren Veröffentlichungen sowie Angeboten und Informationen für die Studierenden. Zwei zusätzliche Links seien abschließend kurz genannt. Da ist zum einen die Verlinkung zu ergänzenden Dokumenten und Karten zu dem vierbändigen Standardwerk des Institutsleiters Rolf Steininger über die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Der zweite Link, die Veröffentlichung des Evaluationsberichtes namhafter Gelehrter im Auftrag der European Science Foundation, informiert über die Arbeit des ZIS und dient der Wertschätzung und Anerkennung der vielfältigen Projekte und Aktivitäten des Instituts. Mit dem ZIS steht dem Einsteiger wie dem Fortgeschrittenen ein ausgezeichnetes Angebot zur Verfügung, das mit den üblichen Browsern lesbar ist, auf überflüssige Anreicherung mit visuellen Effekthaschereien verzichtet und stattdessen eine dichte und aussagekräftige Informationsplattform darstellt.

Zitation
Horst Gehringer: Rezension zu: Zeitgeschichte Information System [Institut für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck], in: H-Soz-Kult, 05.12.2003, <www.hsozkult.de/webreview/id/rezwww-18>.
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Veröffentlicht am
05.12.2003
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