Das Carl Zeiss Archiv

Titel
Das Carl Zeiss Archiv.


Rezensiert für H-Soz-Kult von
Dagmara Jajesniak-Quast

Wer schon einmal in einem Unternehmensarchiv gearbeitet hat, weiß wie schwierig der Zugang zu den Akten und Informationen über ein Unternehmen sein kann. Noch schwieriger ist dies für einen ausländischen Forscher bzw. Interessenten, der nicht selten nur vor Ort die relevanten Informationen erhalten kann, die überwiegend nur in der Landessprache vorliegen. Das bedeutet: unnötiger Zeitaufwand, höhere Kosten, lange Wartezeiten und Verständigungsprobleme. Anderseits kann der Zugang zu einem Archiv den Forschern und anderen Besuchern dank der modernen Technik erleichtert werden, zum Beispiel in Form einer Web-Präsentation. Das Carl Zeiss Archiv ist ein sehr gutes Beispiel dafür, wie nicht nur Wissenschaftlern das Angebot eines Archivs zugänglich gemacht werden kann.

Dank einer Internetpräsentation des Carl Zeiss Archivs, was im Fall vieler Unternehmensarchive nicht selbstverständlich ist, wird der Zielgruppe nicht nur die Suche nach Adressen und Kontaktpartnern, sondern darüber hinaus auch das Recherchieren nach relevanten Akten erleichtert. Dabei richtet sich das Angebot dieses Archivs an ein breites Publikum. Die Zielgruppe bilden sowohl Forscher als auch interessierte Bürger, wie Technikbegeisterte oder Ingenieure, Schüler und Studenten, die sich für die Originaldokumente, Akten, Fotos, Patente, Gebrauchsmuster, Druckschriften, technische Dokumentationen und Geräte aus der über 150-jährigen Geschichte von Carl Zeiss in Jena interessieren. Ein Teil der gesammelten Dokumente ist online verfügbar. Die Produkte, die Carl Zeiss vor 1945 hergestellt hat, sind in einem virtuellen Museum zu besichtigen. Allerdings stehen dem Museumsbesucher die umfangreichen Beschreibungen nur in deutscher Sprache zur Verfügung. Irritierend ist jedoch, dass jedes einzelne Wort dieser Beschreibungen verlinkt ist und nicht nur die technischen Begriffe.

Die wichtigsten Informationen werden sowohl in Deutsch als auch in Englisch angeboten. Auf der Seite sind folgende Rubriken aufgelistet: Dienstleistungen, Bestände des Archivs, Recherche im Museum bzw. in den Fotografie- und Aktensammlungen. Eine eigene Suchmaschine steht zur Verfügung. Von der Homepage des Archivs gelangt man über das Firmenlogo „Zeiss“ auch zu der heutigen Zeiss Group. Eine Verlinkung existiert von Carl Zeiss Deutschland bis hin zu Carl Zeiss International. Hier kommen sowohl Wirtschaftler, als auch Soziologen (z.B. Marktforscher), Ingenieure, Naturwissenschaftler, Studenten und Hochschulabsolventen in den Genuss einer soliden Information.

Dem Besucher wird allerdings unnötig viel Zeit durch die auf der Startseite doppelt vorhandenen Links geraubt. So ist die Rubrik „Dienstleistungen“ sowohl links unter „Home“ als auch in der Mitte der Seite aufgelistet. Die Rubriken „Recherche Museum“, „Recherche Fotografien“ und „Recherche Akten“ werden in der Mitte der Seite aufgelistet; am linken Rand finden sich ähnliche Rubriken, nämlich „Virtuelles Museum“, „Fotografien“ und „Akten“. Diese Dopplung dürfte die Benutzer mehr als verwirren, vor allem weil man darunter zum Teil unterschiedliche Suchschritte absolvieren muss. Beispielsweise kommt man unter „Recherche Fotografien“ sofort zu der Seite mit den verschiedenen Suchmöglichkeiten, während dies unter der Rubrik „Fotografien“ erst im zweiten Schritt gelingt.

Unter „Dienstleistungen“ finden sich Informationen über die Angebote des Archivs wie Anfragen zu Geräten, Personen und Ereignissen, Reproduktion von Fotografien zur Geschichte von Carl Zeiss, Kopien von Werbematerialien, Gebrauchsanweisungen und anderen Druckschriften, Verleih von alten Geräten für Museen und Ausstellungen sowie eigene Recherche für Forschungs- und Publikationsvorhaben. Dort befinden sich die Adresse des Archivs, die mit einer Anfahrtsskizze versehen ist, sowie die Besuchszeiten. Sowohl in der deutsch- als auch in der englischsprachigen Version gibt es die Möglichkeit, eigene Anfragen mittels eines elektronischen Formulars abzuschicken. Verwirrend ist hier nur, dass man in der deutschen Version die Anfrage direkt auf der Startseite aufrufen kann, in der englischen das Formular dagegen nur unter „Dienstleistungen“ (engl.: „Our Services“) findet.

Die Wirtschafts- und Sozialhistoriker, Unternehmerforscher, Industrie- und Technikhistoriker wird die Bestandsübersicht des Archivs am meisten interessieren. In beiden Sprachen kann diese von der Startseite aufgerufen werden. Von der englischsprachigen Version wird man jedoch wieder auf die deutsche Seite geleitet. Spätestens an diesem Punkt hört die Bilingualität der Homepage des Carl Zeiss Archivs auf. Allerdings wird der Forscher im Archiv die Unterlagen meistens auf Deutsch lesen müssen, so dass sich dieses Angebot vorwiegend an die Wissenschaftler richtet, die die deutsche Sprache beherrschen. Hinter der Rubrik „Bestände“ verbirgt sich ein online verfügbares Aktenverzeichnis. Die umfassenden Informationen nehmen unter den Unternehmensarchiven in Deutschland eine Sonderstellung ein. Ohne nur einen Schritt zu machen, kann man damit am heimischen PC die Akten nach den Organisationseinheiten, aber auch mit Hilfe eines Stichwort-, Geräte-, Orts- oder Institutionsindex durchsuchen. Der einzige Nachteil besteht darin, dass die erfassten Akten ausschließlich die Zeit nach 1948 betreffen. Die Akten aus der Zeit davor werden von den Mitarbeitern des Archivs zurzeit katalogisiert. Sie sollen zunächst in vereinfachter Form, die Klassifikation, Titel und Laufzeit enthält, verfügbar gemacht werden. Wann das geschehen wird, ist noch offen. Nach und nach sollen weitere Schlagworte hinzukommen, so dass die künftigen Nutzer des Archivs schon jetzt auf das Resultat gespannt sein dürfen. Mehr noch, wer Interesse hat, sich an der Erfassung dieser Akten zu beteiligen, kann unter der E-Mail Adresse: wimmer@zeiss.de Kontakt aufnehmen. Die Erstellung des Aktenverzeichnisses ist, neben der Chronik der Optik und dem virtuellen Museum ein Projekt, am dem das Archiv gerade arbeitet und engagierte Mitstreiter sucht. Bis jetzt wurden in Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl für Wirtschaftsgeschichte der Friedrich-Schiller-Universität Jena, Herrn Prof. Dr. Rolf Walter, und gefördert von der VW-Stiftung in den Jahren von 1998 bis 2002, drei wichtige Bestände des Kombinates VEB Carl Zeiss Jena erschlossen. Die Zielstellung war, neue Erschließungsformen für das Internet zu erproben.

Der größte Vorteil der Aktenrecherche im Carl Zeiss Archiv ist, dass die Stichworte in der Beschreibung des Inhalts der jeweiligen Signatur miteinander vernetzt sind. Damit lassen sich sehr leicht weitere Akten von einem Begriff, wie z.B. „internationale Zusammenarbeit“, finden. Wie die Autoren der Seite schreiben, sind die Bestände im Internet als eine Suchhilfe gedacht, die auf einen Archivbesuch vorbereiten soll, diesen aber letztendlich nicht ersetzten kann. Eine genaue Beschreibung der Aktenrecherche findet sich in der Rubrik „Bestände“ unter „Recherche-Auswahl“ und hier unter „Info“. Der Weg zu dieser Information ist vielleicht ein wenig umständlich, dafür bekommt man aber nicht nur eine präzise Beschreibung der Vorgehensweise rund um die Recherche, sondern auch Informationen zum Aktenplan und deren Klassifikation. Diese Informationen sind wichtig, denn sie geben praktische und inhaltliche Hinweise zum Beispiel auf die Verwendung des Aktenplanes des Ministeriums für Elektrotechnik und Elektronik seit Mitte der 1970er Jahre im Kombinat. Da dieser Aktenplan Schwächen hat, ist er nicht für alle Suchanfragen geeignet. Es gibt zum Beispiel keine Unterscheidungsmöglichkeiten hinsichtlich der verschiedenen Leitungsebenen, wie Kombinats- und Betriebsleitungen. Darüber hinaus befindet sich auf dieser Seite die Bestandsgeschichte, allerdings erst seit der Verstaatlichung von Carl Zeiss Jena im Juli 1948. Die Kenntnis des Bestandes erleichtert die Suche im Archiv in vielerlei Hinsicht. Die graphischen Darstellungen (Organigramme) der Organisationsstruktur des VEB und seit 1965 des Kombinates im jeweiligen Zeitabschnitte helfen dabei und sind unverzichtbar für alle, die sich mit der Geschichte dieses Werkes seit dem Zweiten Weltkrieg beschäftigen wollen.

Nicht zuletzt steht dem Besucher in der Rubrik „Abkürzungen“ ein alphabetisches Abkürzungenverzeichnis zur Verfügung, welches nicht nur für die Gäste des Carl Zeiss Archivs vom Nutzen sein kann. Alle Forscher und Interessenten, die sich allgemein mit der Wirtschafts- oder Sozialgeschichte der DDR beschäftigen wollen, können von dem digitalen Index profitieren. Der größte Vorteil ist die schnelle und unkomplizierte Handhabung. In der Rubrik „Bestände“ unter „Recherche-Auswahl und hier unter „Hilfe“ finden sich Instruktionen bezüglich der einzelnen Schritte für die Suchmöglichkeiten auf der Website. Wie fast jedes Handbuch scheint diese Beschreibung jedoch eher abschreckend als hilfsreich zu sein.

Erwähnungswert ist auch die Bibliographie zum Unternehmen Carl Zeiss, die sich auf der Homepage des Archivs befindet. Unter „Literatur zu Carl Zeiss“ bekommt man eine Liste von Publikationen zur Geschichte des Unternehmens. Dabei sind die Publikationen in Themenschwerpunkte wie Gesamtdarstellungen, Belletristik, Literatur zu den Firmengründern Carl Zeiss, Ernst Abbé und Otto Schott, zur Carl-Zeiss-Stiftung sowie zu einzelnen Erzeugnisgruppen unterteilt. Darüber hinaus werden Themen der Bände des Jenaer Jahrbuchs zur Technik- und Industriegeschichte (seit 1999) vorgestellt. Allerdings kann man sich auf die Vollständigkeit der Bibliographie nicht verlassen. Eine einfache OPAC-Recherche in einer Bibliothek hat gezeigt, dass vor allem die neuesten Veröffentlichungen nicht in der Liste vorhanden sind.[1]

Als Fazit sei gesagt: Der Besuch im virtuellen Carl Zeiss Archiv lohnt sich nicht nur für Wissenschaftler. Die Visite vom heimischen PC aus ersetzt nicht den wirklichen Besuch im Archiv. Auch weitere Recherchen in anderen Bibliotheken bleiben unersetzlich. Als Einstieg in ein Forschungsvorhaben oder „nur aus Spaß“ sind das virtuelle Museum, die Bestände oder die Fotosammlungen des Carl Zeiss Archivs im Internet aber ausgesprochen empfehlenswert.

[1] Nur ein Beispiel ist die neulich erschienene Publikation zur Unternehmensgeschichte von Carl Zeiss: Saßmannshausen, Sean P.: Carl Zeiss - Wachstum in schwieriger Zeit. Ein Beitrag zur Unternehmensgeschichte von 1914-1930, Dr. Josef Kovač Verlag, Hamburg 2003 (=Schriften zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, 2 )

Zitation
Dagmara Jajesniak-Quast: Rezension zu: in: H-Soz-Kult, 12.12.2003, <www.hsozkult.de/webreview/id/rezwww-19>.
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Veröffentlicht am
12.12.2003
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