Titel
Visual History. Online-Nachschlagewerk für die historische Bildforschung.


Hrsg. v.
Dr. Jürgen Danyel, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Silke Vetter-Schultheiß, Institut für Geschichte, Technische Universität Darmstadt

Spätestens seit dem Historikertag „GeschichtsBilder“ 2006 in Konstanz sind visuelle Quellen auch in der deutschen Geschichtswissenschaft angekommen. Die Arbeit an und mit Bildern hat viele Namen: Ikonografie, Historische Bildforschung, Visual (Cultural) Studies etc. Aber an einer Bezeichnung kommen zumindest deutschsprachige Historikerinnen und Historiker nicht herum: an der Visual History. Diese gab einem Forschungsprojekt, einer großen Abschlusskonferenz, einer wissenschaftlichen Buchreihe und auch der hier zu besprechenden Website den Namen.

Die Visual History, ein nicht mehr ganz so neues Forschungsfeld der Neuesten Geschichte und der Zeitgeschichte, vereint verschiedenste Ansätze kritischer historischer Bildforschung. Sie sieht diese nicht nur als Abbilder, sondern auch als Verursacher von geschichtlicher Veränderung und damit als eigenständige Quellen an. Nicht nur die Bildhaftigkeit von Geschichte interessiert, sondern auch die geschichtlich gebundene Veränderbarkeit des Visuellen. Damit wird Bildern eine eigene Ästhetik zuerkannt, die die Art und Weise zu sehen mitbestimmt. Bilder prägen sowohl die Wahrnehmung als auch ihre eigene Deutung, sie schaffen ganz eigene Wirklichkeiten. Es geht damit nicht nur um eine schon immer da gewesene und nun in den Fokus gerückte Quellenart, sondern auch um die zeitgebundene Art zu sehen und die damit verbundene Erfahrung. Die Visual History plädiert für einen weiten Bildbegriff, was angesichts der breiten wissenschaftlichen Diskussion über diesen Begriff pragmatisch und klug ist. So ziehen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler je nach Fragestellung unterschiedliche Methoden heran und bedienen sich beispielsweise aus Bereichen, die sich schon länger mit Bildern befassen, wie der Kunstgeschichte, den Medien- und den Kommunikationswissenschaften.[1]

Entstanden ist die hier zu besprechende Website im Umfeld des Forschungsprojekts „Visual History. Institutionen und Medien des Bildgedächtnisses“. Innerhalb dieses Rahmens kooperierten von 2013 bis 2016 das Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam, das Herder-Institut in Marburg, das Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung in Braunschweig wie auch das Deutsche Museum München miteinander. Im Juni 2013 ging das interdisziplinäre „Internet-Portal“ online. Das Zentrum für Zeithistorische Forschung betreibt und pflegt die Website. Seit Ende 2013 bis heute bespielt die Redaktion mindestens einmal pro Woche die Seite mit Beiträgen verschiedenster Formate wie beispielsweise Themendossiers, Calls for Papers, Hinweise auf Ausstellungen, Tagungen und Neuerscheinungen sowie Rezensionen, Forschungsdebatten oder Informationen zu Urheberrechtsfragen und Bildarchiven. Ein Klick rechts oben führt von der Website weg zu den dazugehörigen Twitter- und Facebook-Accounts. Diese betreiben sowohl Werbung in eigener Sache, lassen mich als Wissenschaftlerin aber auch mit weiteren Empfehlungen beispielsweise zu Ausstellungen oder Buchvorstellungen tiefer in die Welt der Visual History abtauchen.

Diese Website ist umfassend und weitreichend als „Kommunikations- und Informationsplattform“ angelegt und aufgebaut. Sie adressiert sowohl Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler als auch andere an diesem Thema Interessierte gleichermaßen mit dem Ziel, die historische Bildforschung bekannter zu machen und für Bildquellen und ihre Besonderheiten zu sensibilisieren. Die Seite bildet nicht nur die große Bandbreite der historischen Bildforschung ab und vernetzt diese. Auch den Austausch mit den Wissenschaftsbereichen, die sich von ihrer Definition her schon mit visuellen Quellen beschäftigen, soll die Website fördern: Kunstgeschichte, Medien- und Kulturwissenschaften.

Wer die Homepage aufruft, landet zuerst auf dem Blog, der die drei neuesten Beiträge prominent über die gesamte Bildschirmbreite mit Autor/in, Titel und aussagekräftigem Bild sowie der Kategorisierung nach Rubrik und Thema zeigt. Darunter finden sich dem Erscheinen nach alle Beiträge als kleinere Kacheln. Der Verschlagwortung entsprechend ist die Website in Reiter unterteilt wie „Rubriken“, „Themen“, „Archiv“ und „Forschungsprojekte melden“. Bei den „Rubriken“ geht es um die Darstellung „zentraler [theoretischer und methodischer] Begriffe und Forschungsfelder“ sowie um „Akteure der Bildwirtschaft“, also darum, wer, wann, warum und wie an der Produktion und Verbreitung von Bildern beteiligt war. Es geht um Debatten, die über und mit Bildern ausgefochten wurden, aber auch um technisches (Hintergrund-)Wissen über Fotografie, Reproduktion oder Bildbearbeitung. Unter dem Reiter „Themen“ sind die einzelnen Beiträge noch einmal spezieller verschlagwortet, beispielsweise nach Zeit, Land, Bildgenre, Sehpraxen und Bildethik oder Präsentation und Archivierung.

Insgeheimes Herzstück der Homepage ist jedoch der Bereich, in dem Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler über ihr aktuelles Forschungsprojekt berichten. Ganz bequem geht die Bekanntgabe mithilfe einer Eingabemaske, die alle nötigen Informationen abfragt. Die Rubrik „Forschungsprojekte“ soll nicht nur der Information, sondern auch der gegenseitigen Vernetzung dienen. Die Website ist damit auch eine Plattform für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, um sich aktiv zu zeigen, gesehen zu werden und miteinander in Kontakt zu kommen. Seit 2015 haben sich „nur“ 50 Projekte gemeldet (2019: 9, 2018: 9, 2017: 17, 2016: 14, 2015: 1). Die Autorin dieser Rezension ist sich sicher, dass es mehr gibt. Auch sie muss sich an die eigene Nase fassen, diese wunderbare Möglichkeit bisher noch nicht genutzt zu haben. Es wäre zu wünschen, dass sich Gleichgesinnte hier noch weiter vernetzen. Der gestiegenen Projektanzahl könnte sich dann neben den „Rubriken“ und „Themen“ ein eigener Reiter „Forschungsprojekte“ widmen.

Aus diesem vorgestellten Projekt ging zudem die geschichtswissenschaftliche Buchreihe „Visual History. Bilder und Bildpraxen in der Geschichte“ hervor, die Jürgen Danyel, Gerhard Paul und Annette Vowinckel gemeinsam herausgeben. Ihren Start hatte die Reihe 2016 auf der großen Abschlusskonferenz „Visual History. Konzepte, Forschungsfelder und Perspektiven“ in Berlin mit Gerhard Pauls Buchvorstellung „Das visuelle Zeitalter. Punkt und Pixel“. Die ersten Bände der Reihe avancierten zu Standardwerken für alle Visual History-Interessierten. Ein dreiteiliger historischer Abriss über Bilddiskurse findet sich neben anderen nicht weniger wichtigen Dossiers als umfassendes Themendossier auf der Website. Dieser Beitrag erweitert gleichsam den ersten Reihenband und führt in die Thematik und Breite des Forschungsfeldes und seiner Debatten ein.

Die Homepage ist spannend und informativ. Gerade die Startseite mit ihren großen und kleinen Kacheln wird der Visual History auch in der Darstellung gerecht. Immer wieder regt Interessantes zum Weiterlesen an. Es finden sich – wenn auch wenige – englischsprachige Beiträge. Leider ist dieser Teil der Website nicht ganz so gut gepflegt wie der deutschsprachige (Unterpunkte beispielsweise meist auf Englisch, aber teilweise auch auf Deutsch). Steigt man tiefer in die Website ein und widmet sich den Beiträgen nach „Rubriken“ und „Themen“, fehlen die großen Reiter oben und links öffnet sich eine Liste mit Schlagworten. Sobald ein Unterkapitel von „Rubriken“ oder „Themen“ angeklickt wird, rutschen beide großen Reiter auf die linke Seite und sind von den aufgelisteten Unterkapiteln nicht zu unterscheiden. Auf den ersten Blick verwirrt diese lange Liste an Schlagworten aus „Rubriken“ und „Themen“. Dies ließe sich jedoch durch Hervorhebung (beispielsweise mit einer größeren Schrift) oder einen größeren Abstand zwischen „Rubriken“ und „Themen“ beheben. Auch der zeitweise auftauchende „English“-Reiter wäre aufgrund der bereits bestehenden und durchgängig sichtbaren Sprachauswahl mithilfe einer deutschen und einer britischen Flagge obsolet. Eine weitere Anregung wäre, „Aktuelles“ als eigenen Reiter fungieren zu lassen und damit wirklich nur die neuesten Beiträge, laufende Calls for Papers oder Hinweise auf Tagungen und Workshops zu verschlagworten. Dies alles schmälert den Reiz und die Qualität dieser Website nicht, sondern soll die Macherinnen und Macher dazu einladen, einzelne technische sowie kosmetische Aspekte zu überprüfen.

Insgesamt wünscht man als Bildwissenschaftlerin der Website, dass diese noch lange bestehen bleibt und die ausgezeichnete Idee, als Vernetzungsplattform zu dienen, weiter ausgebaut und genutzt wird.

Anmerkung:
[1] Siehe dazu auch: Gerhard Paul, Visual History 3.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 13.03.2014, https://docupedia.de/zg/Visual_History_Version_3.0_Gerhard_Paul (04.04.2020); Gerhard Paul, Das visuelle Zeitalter. Punkt und Pixel, Göttingen 2016 (= Visual History. Bilder und Bildpraxen in der Geschichte Bd. 1); Jürgen Danyel / Gerhard Paul / Annette Vowinckel (Hrsg.), Arbeit am Bild. Visual History als Praxis, Göttingen 2017 (= Visual History. Bilder und Bildpraxen in der Geschichte Bd. 3).

Zitation
Silke Vetter-Schultheiß: Rezension zu: Visual History. Online-Nachschlagewerk für die historische Bildforschung, in: H-Soz-Kult, 18.04.2020, <www.hsozkult.de/webreview/id/rezwww-191>.
Redaktion
Veröffentlicht am
18.04.2020
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Weitere Informationen
Sprache Beitrag
Sprache Publikation