Politeia. Internetpräsentation zur deutschen Geschichte nach 1945 aus Frauensicht.

Titel
Lehrgebiet Frauengeschichte [Universität Bonn].


Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ulrike Schuff

Als Ausdruck einer geschlechterdemokratischen Vision und damit als eine Neudefinition des platonischen Begriffs verstehen die Macherinnen von "Politeia", der Internetpräsentation zur deutschen Geschichte nach 1945 aus Frauensicht, ihren Entwurf zur Teilhabe von Frauen an der deutschen Nachkriegsgeschichte. Während in den westeuropäischen Demokratien Frauen - ganz in der Tradition Platons - durch die "willkürliche Trennung von einem öffentlichen und einem privaten Raum" ("Einführung", http://www.politeia-project.de/hilfe.html) aus der politischen Öffentlichkeit ausgeschlossen waren, weisen in dem vorliegenden (ergänzenden) Gegenentwurf die Biographien von Frauen der deutschen Nachkriegsgeschichte "entscheidende Elemente auf, die dieser Verkürzung entgegenwirken und eine geschlechterdemokratische Zukunft fördern" (a.a.O.). Oder, wie die Schriftstellerin Irmtraud Morgner, eine der "Protagonistinnen" des Projektes, das so treffend ausgedrückt hat: "Die Philosophen haben die Welt bisher nur männlich interpretiert. Es kommt aber darauf an, sie auch weiblich zu interpretieren, um sie menschlich verändern zu können." (aus "Amanda. Ein Hexenroman").

"Politeia" wurde unter der Leitung von Prof. Dr. Annette Kuhn vom Seminar für Geschichte und ihre Didaktik und Politische Bildung im Lehrgebiet Frauengeschichte an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn konzipiert und realisiert.

Der biographische Ansatz wurde ganz bewusst gewählt, im Mittelpunkt der Internetpräsentation stehen die Biographien von 22 Frauen, die durch ihre Lebenswege, ihre Konzepte und Visionen Zeugnis von der deutschen Geschichte von 1945 bis 2000 abgelegt haben - Biographien von bekannten und weniger bekannten Politikerinnen, Frauenrechtlerinnen, Friedensaktivistinnen und Künstlerinnen aus Ost und West. Darunter sind bekannte Personen wie die Grünen-Aktivistin Petra Kelly oder die Schriftstellerin Christa Wolf und weniger bekannte oder in Vergessenheit geratene wie die Vertreterin der deutschen Nachkriegsfrauenbewegung, Fini Pfannes, oder die Juristin und Sozialdemokratin Elisabeth Selbert, deren Hartnäckigkeit die Verankerung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern im Grundgesetz der BRD als Artikel 3, Absatz 2, zu verdanken ist. Das Leben und Wirken dieser Frauen beleuchtet die gesellschaftliche Entwicklung in den beiden deutschen Staaten seit Kriegsende und die gemeinsame bundesrepublikanische Geschichte seit der "Wiedervereinigung". Entsprechend sind Biographien aus dem Westen und dem Osten gleichwertig vertreten. Was die Frauen bei aller Unterschiedlichkeit verbindet, ist ihr jeweiliger Einsatz für Geschlechterdemokratie. So heißt es in der Einführung: "Aufgrund ihrer persönlichen und kollektiven Erfahrungen im NS-Deutschland lag es nahe, dass sie im politischen Vakuum der Zusammenbruchgesellschaft nach 1945 den Versuch machten, die Ungleichheit der Geschlechterbeziehungen in allen Lebensbereichen abzubauen." ("Begriffe", http://www.politeia-project.de/begriffe/begriffe.html)

"Politeia" zeichnet sich durch einen äußerst komplexen bis komplizierten Aufbau aus, eine Struktur, die am ehesten mit dem Begriff "Netz" zu fassen ist. Dabei wirken die Seiten auf den ersten Blick klar strukturiert, mit den sieben Navigationspunkten "Biographien", "Begriffe", "Archiv", "Literatur", "Impressum", "Suche" und "Einführung", die auf der Startseite durch eine kleine Animation "einfliegen". Auf den Folgeseiten steht dieses Menü immer links. Die äußerst komplexe Informationsarchitektur des Online-Auftritts erschließt sich den NutzerInnen allerdings erst auf den zweiten oder dritten Blick. Der Navigationspunkt "Einführung", der in der Liste ausgerechnet an letzter Stelle steht, ordnet das Projekt zwar in den historischen Kontext ein und beantwortet auch die Frage nach dem "Was und "Warum". Man muss allerdings bereits den Punkt "Begriffe" angeklickt haben, wo sich eine weitere Einführung findet, um zu erfahren, welches denn die sechs Leitbegriffe sind, von denen auf der Seite "Einführung" die Rede ist.

Die Forscherinnen haben sich den Biographien an Hand von sechs zentralen Fragestellungen genähert: Wie gehen Frauen mit ihren Erinnerungen um? Inwieweit prägten das Denken und Handeln von Frauen den sozialen Wandel nach 1945? Was verstehen Frauen unter Politik? Was verstehen Frauen unter Kultur? Was verstehen Frauen unter Arbeit? Welche Vorstellungen von Politik verbinden Frauen über Systemgrenzen hinweg? ("Einführung", http://www.politeia-project.de/hilfe.html)

Aus diesen Fragestellungen ergeben sich die sechs Leitbegriffe "Erinnerung", "Wandel", "Politik", "Kultur", "Arbeit", "Ost-West", die neben den Biographien ein weiteres wesentliches Navigationsinstrument dieses Online-Auftritts bilden. Jeder Begriff ist unterteilt in drei weitere Begriffe:
Erinnerung - Nationalsozialismus, Erfahrung, Traditionsbildung
Wandel - Frauenbewegung, Solidarität, Sexualität
Politik - Familie, Frieden, Patriarchatskritik
Kultur - Bildung, Frauenforschung, Sprache
Arbeit - im Haus, Geld, Leben
Ost-West - Systemvergleich, Kalter Krieg, Einheit
Für alle diese Bereiche können einzelne oder mehrere Biographien exemplarisch gelesen werden. Über die Lebenszeugnisse der Frauen (z.B. ihre Texte oder Reden, dokumentiert im Archiv) oder prägnante Zitate sind die einzelnen Begriffe wiederum mit den Biographien verbunden.

Jede Biographie ist in fünf Epochen unterteilt, in denen jeweils die wichtigsten Stationen beschrieben sind. Vorangestellt ist eine kurze Einführung in Leben und Werk/Wirken der jeweiligen Zeitzeugin. Zusätzlich gibt es eine chronologische Vita, ergänzt durch eine Liste erhaltener Auszeichnungen und einer Literaturliste. Ein Fazit fasst das Wirken der Person zusammen und stellt ihre Bedeutung in ihrem jeweiligen Kontext heraus. Ergänzend wird eine Pdf-Datei mit dem ausführlichen Lebenslauf in den fünf Epochen und dem Fazit angeboten. Jeder Lebenslauf ist - am Ende des Fazits - mit einem oder mehreren der 24 Hauptbegriffe verbunden, die als charakteristische Merkmale des jeweiligen Lebens herausgestellt werden.

Die Navigation in "Politeia" ist auf mehreren Ebenen möglich, die alle auf komplexe Art wiederum miteinander verbunden sind: Zunächst über die Biographien, dann über die sechs Leitbegriffe, die als eigene Menüleiste unter "Begriffe" erscheinen (allerdings erst, wenn zuvor ein Leitbegriff angeklickt wurde). Die jeweiligen drei Unterbegriffe bilden die Subnavigation. Biographien und Begriffe sind, wie oben beschrieben, sowohl miteinander verbunden als auch mit dem Archiv. Dort finden sich alphabetisch geordnet Texte, Audiodateien, Fotos und diverse Exponate wie Flugblätter, Zeitschriftentitel oder Plakate. Zu den Dokumenten im Archiv gelangt man entweder über die Biographien, über thematische Zuordnungen im Bereich "Begriffe", über die Suchfunktion in der Hauptnavigation oder über die jeweiligen, nach Gattungen geordneten Archiv-Verzeichnisse. Auch hier ist die Struktur komplex und netzartig: So gelangt man über das Foto-Verzeichnis z.B. nicht nur zu einer Fotografie, die Christa Wolf und Anna Seghers zeigt, sondern kommt durch den entsprechenden Link zur Biographie Christa Wolfs, erhält über die Zuordnung des Fotos zum Thema "Frauenfreundschaft" eine Reihe von Zitaten von Christa Wolf zum Thema, z.B. aus ihrer Günderrode-Biographie, und wird weiterverwiesen zu den Begriffen "Frauenbewegung", "Kultur" und "Leben".

Navigiert wird in "Politeia" zudem über zusätzliche Schlagworte, z.B. finden sich unter dem Leitbegriff "Wandel" nicht nur die drei Unterbegriffe "Familie", "Frieden" und "Patriarchatskritik", sondern eine Vielzahl von Links, die direkt ins Archiv verweisen. So führt z.B. der Begriff "Gesetzesinitiativen" zu den Exponaten ins Archiv, zum ersten und einzigen "Frauengesetz" in der Geschichte der DDR von 1950, oder "Familienrecht" führt uns zur ersten Bundestagsrede der CDU-Politikerin Elisabeth Schwarzhaupt vom 12.2.1954.

Die Suchoption ermöglicht zudem in einem Auswahlfenster die Suche nach Schlagworten und Personen der Zeitgeschichte, was uns wiederum zu den Dokumenten und Exponaten des Archivs führt. Außerdem gibt es die Möglichkeit, in einer angegliederten Literaturdatenbank zur Frauengeschichte nach Stichworten zu suchen. Dort enthalten sind Monographien, Buch- und Zeitschriftenbeiträge sowie Zeitungsartikel. Außerdem führen noch zusätzliche Links im laufenden Text der Biographien zu Begriffserklärungen in separaten Popup-Fenstern, wo z.B. "Bitterfelder Weg" (bei Irmtraud Morgner) oder "Kalter Krieg" (bei Christa Wolf) erläutert werden.

Die Macherinnen von "Politeia" haben es verstanden, medienspezifische Charakteristika und Vorteile des Internets zu nutzen. Dies zeigt sich in der Anbindung einer Literaturdatenbank, in der integrierten Suchoption und in der inhaltlichen Spiegelung des Mediums durch die Vielzahl interner Bezüge und Verknüpfungen. Außerdem gibt es die Möglichkeit, über die angebotenen Audiodateien, einige der portraitierten Zeitzeuginnen im Original zu hören. Benutzerfreundlich ist auch das Angebot von Druckversionen der Biographien im Pdf-Format.

Ungenutzt bleibt allerdings das vielleicht medientypischste Potential, die Interaktivität (wenn man von der Nennung einer Email-Adresse einmal absieht). Die NutzerInnen erhalten keine Möglichkeit, direkt zu reagieren, Feedback zu geben. Angeboten hätte sich zum Beispiel ein Forum, in dem ForscherInnen und andere Interessierte sich über ein reines Feedback hinaus austauschen könnten. Dieses Manko verdankt sich womöglich dem Charakter des - für eine bestimmte Zeit geförderten und dann abgeschlossenen - Forschungsprojektes. Dies ist wahrscheinlich auch der Grund dafür, dass die Webseiten nicht aktualisiert werden.

Fazit: Der Zugang zu dem komplexen Projekt, 55 Jahre deutsche Geschichte aus Frauensicht darzustellen, gelingt über die einzelnen Biographien vielleicht am einfachsten. "Politeia" stellt nicht nur eine Reihe äußerst interessanter Zeuginnen und Akteurinnen der Zeitgeschichte vor, deren Leben und Werk zu entdecken an sich ein spannendes Unterfangen ist. Jede Biographie führt durch die vielfältigen Verknüpfungen zu den verschiedenen Begriffen und zu den Zeitdokumenten im Archiv weiter in die Tiefe, über die persönliche Annäherung erschließt sich der Forschungszeitraum jeweils in einem anderen Licht. Die äußerst komplexe Struktur der Internetpräsenz erschließt sich, aufgrund der netzartigen, nichtlinearen Aufbereitung, nicht auf den ersten Blick. Die Macherinnen von "Politeia" haben das Medium "Netz" auf eine inhaltlich komplexe Weise adäquat genutzt. Allerdings machen sie es ihren AdressatInnen nicht leicht, denn diese müssen schon Ausdauer mitbringen, um sich die Vielfalt an dargebotenen Informationen auf allen Ebenen zu erschließen und den Forschungsgegenstand so multiperspektivisch, wie er dargeboten wird, zu erfassen. Alles hängt mit allem zusammen, von jedem Punkt aus gelangt man immer weiter in die Tiefe, kommt vom ursprünglichen Weg ab, gerät aber nicht in die Irre, da man von jedem Punkt aus irgendwann zwangsläufig wieder zurück an den jeweiligen Ausgangspunkt geführt wird. Ein solches Unterfangen braucht jedoch seine Zeit. Politeia gibt es in identischer Form (es fehlt einzig die Option "freie Suche" in der Literaturdatenbank) auch auf CD-Rom [1], wo es im booklet treffend heißt: "Für die Suche nach den geschlechterdemokratischen Spuren unserer Geschichte wünschen wir Spaß am Kombinieren, den Mut, neue Zusammenhänge herzustellen und die Freude, Neues zu entdecken. Die Einsicht, dass Demokratie ohne Geschlechtergleichheit nur eine halbe Sache ist, eröffnet neue Perspektiven in allen Lebensbereichen."

Anmerkungen:
[1] Die CD-ROM kann über die Bundeszentrale für politische Bildung bezogen werden.

Zitation
Ulrike Schuff: Rezension zu: Lehrgebiet Frauengeschichte [Universität Bonn], in: H-Soz-Kult, 09.08.2003, <www.hsozkult.de/webreview/id/rezwww-1>.
Redaktion
Veröffentlicht am
09.08.2003
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