The Institute for the History of the 1956 Hungarian Revolution

Titel
The Institute for the History of the 1956 Hungarian Revolution.


Rezensiert für H-Soz-Kult von
Magdalena Marsovszky

Weitgehend unbekannt, verdient der hervorragende Inhalt mehr Popularität. So könnte man nach der Analyse die Website des ‚Dokumentationszentrums und Instituts für die Erforschung der ungarischen Revolution von 1956' charakterisieren, das aber in Fachkreisen in und außerhalb Ungarns ganz einfach das ‚56er Institut' genannt wird.

Das Institut nahm seine offizielle Arbeit erst einen Tag nach der feierlichen Wiederbestattung des Revolutionsführers, Imre Nagy und seiner Märtyrergenossen, am 17. Juni 1989 auf. Zu diesem Zeitpunkt blickte das Institut bereits auf eine langjährige Zusammenarbeit zwischen ungarischer Dissidenten der demokratischen Opposition im Lande und Emigranten in Westeuropa zurück, und es betrachtete sich von Anfang an als die Fortsetzung des zwischen 1959 und 1963 in Brüssel ansässigen ‚Instituts für Sozialwissenschaften und Politik Imre Nagy'. Im realsozialistischen Ungarn begann die Arbeit 1981 (dies ist in etwa der Beginn der so genannten ‚weichen Diktatur'), damals noch als illegale Bürgerinitiative: Reformkommunisten aus dem harten Kern der Revolution, eine handvoll Leute, die meisten Soziologen, manche nach dem Aufstand eingesperrt, manche zu Hilfsarbeitern degradiert, begannen, ein Oral History Archiv aufzubauen, wofür sie Hunderte von Zeitzeugen befragten. Es war damals nicht abzusehen, wann überhaupt die schriftlichen Dokumente für die Forschung zugänglich werden würden, so dass die Rekonstruktion der Revolution auf diesem Weg gesichert werden sollte. Die ersten Namenslisten von Hingerichteten wurden unter dem Pseudonym des damals jungen Widerständlers und jetzigen Institutsleiters, Rainer M. János in einem Samisdat-Periodikum veröffentlicht. 1986 wurde die Arbeit als Unterabteilung des Instituts für Bildungsforschung legitimiert und in dessen Räumlichkeiten untergebracht, so dass noch vor der Wende mit der Zusammenstellung der Bibliographie der Revolution angefangen werden konnte. Bis 1988, als in Paris ein symbolisches Grabmal im Friedhof Per Lachaise für die Märtyrer von 1956 eingeweiht wurde, hatte sich zwischen den Historikern im Lande und den im Ausland lebenden Emigranten eine äußerst intensive Zusammenarbeit entwickelt. Gemeinsam riefen sie 1988 das Komitee für Historische Gerechtigkeit (Történelmi Igazságtétel Bizottság /TIB/) ins Leben, das Vorgängerinstitut, das bereits einen großen Kreis der betroffenen Historiker zusammenfasste und in seinen Richtlinien die Erforschung der Revolution niederlegte, so dass die systematische Forschungsarbeit ihren Anfang nehmen konnte. 1991 wurde das Institut zur Forschungswerkstatt der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, und 1994 konnten die gegenwärtigen Räumlichkeiten in der Budapester Innenstadt bezogen werden.[1] 1995 wurde das Institut, bis dahin in Form einer privaten Stiftung, in eine ‚Stiftung des öffentlichen Rechts' umgewandelt, was sich anfänglich als segensreich erwies, später jedoch zum Albtraum wurde, da sie als solche vom öffentlichen Haushalt und damit vom politischen Willen der jeweiligen Regierung abhängt.

Die gegenwärtige Website entstand während einer sozialistisch-liberalen Regierungskoalition (1994-1998) und damit in einer Zeit der finanziellen Absicherung. Sie ist sowohl in Ungarisch als auch in Englisch zu lesen, wobei der englische Teil zum großen Teil nur eine Zusammenfassung des ungarischen Textes ist.

Der Blick auf die Homepage und sein breites, laufend aktualisiertes Angebot zeigt - leider dauert es eine Weile bis sie vollständig geladen ist -, dass die Forschungsarbeit umfangreicher ist, als es der Name des Instituts vermuten lässt. Dringt man in tiefere Ebenen der thematisch - in groben Zügen nach ‚History of the 1956 Revolution', ‚Publications', ‚Studies', ‚Databases' und ‚The 1956 Institute' - gegliederten Site vor, ist sowohl eine Erweiterung des vermuteten Zielpublikums, nämlich das der Historiker bis zu den Kulturwissenschaftlern, Mittelosteuropaforschern, Literaten und Filmemachern, als auch eine zeitliche Erweiterung, nämlich von den 1930er Jahren bis in die Gegenwart erkennbar. Eine Selbstdarstellung sucht man leider vergeblich und auch die Absicht, das Forschungsfeld zu erweitern, steht versteckt im Text des ungarischen Links ‚Az 56-os Intézet története' (dt.: Geschichte des 56er Institutes). Als dessen Unterlink, in der Rubrik ‚Partners' befindet sich (leider ohne weiterführende Links) die internationale institutionelle Vernetzung, die zwar mit Osteuropa gut, in Richtung EU hin aber nur mit einem nicht näher angegebenen Institut (an der Freien Universität Berlin) schwach ist und eher auf persönlichen Kontakten zu beruhen scheint. Ebenfalls beiläufig erfährt man von der Tatsache, dass außer der internationalen Zusammenarbeit mit WissenschaftlerInnen im Institut auch die Forschungsmöglichkeit für DoktorandInnen besteht, was hinsichtlich der baldigen EU-Erweiterung und somit der Zunahme von Mittel-/Osteuropa (MOE) relevanten Forschungsthemen von großer Bedeutung sein könnte.

Sowohl die ungarische als auch die englische Version zählen eine breite Liste von Publikationen auf, darunter Dokumentarfilme und CD-Roms, die meisten in Ungarisch. Kurzbeschreibungen der Publikationen findet man in der englischen Version. Unter einigen Links wie ‚The History of the Revolution', finden sich ausführliche Informationen in Englisch, unter anderen wie ‚History of Hungary from 1944-1953' wird nach Sponsoren gesucht, die die englische Übersetzung unterstützen würden, was auf finanzielle Schwierigkeiten des Instituts hindeutet. Diese Seiten sind deshalb nur in Ungarisch zu lesen. Zu der ungarischen Geschichte zwischen 1945 bis zur Gegenwart findet man ausführliche Studien auch in Englisch, doch besteht leider keine Möglichkeit zum Downloaden von Dokumenten. Während in jeder der thematischen Unterebenen eine zentrale Mailadresse für ‚comments or suggestions' angegeben ist, lässt man die UserIn bezüglich der Bestellung der Publikationen im Unklaren.

Wie beschrieben, bildet das Oral History Archiv (OHA), deren erste Berichte noch illegal im Realsozialismus entstanden, die Grundlage des Instituts. In der digitalisierten Datenbank des Archivs findet man nicht nur die leicht redigierten Gespräche mit Opfern der Revolution, sondern auch die mit ehemaligen Politikern, Wissenschaftlern, Künstlern, Architekten, ja sogar mit ehemaligen Mitgliedern der Staatssicherheit. Auf der Website findet sich eine Liste der Interviewpartner mit Angaben zum Zeitraum, Thema und Umfang des Interviews.[2] Gerade heute, da in Ungarn bei verschiedenen politischen Gruppierungen die Tendenz besteht, das Erbe der 56er Revolution zu missbrauchen, bekommen diese Aufzeichnungen eine immense Bedeutung.

In der ‚Online Database of Contemporary Hungarian History (1945-1956)' kann man online recherchieren. Hier ist es nicht nur auf Ungarisch, sondern auch auf Englisch möglich, Suchbegriffe nach der Zeit, dem Ort oder dem Ereignis einzugeben, um bestimmte Einzelheiten aus der Chronologie dieser Epoche - allerdings nur in Ungarisch - zu erfahren. Nach dem gleichen Prinzip können in der ‚Photo Documentary Database' Bilder abgerufen und für Publikationen bestellt werden. In diesen Bereichen wird die Kommunikation dadurch erleichtert, dass die zuständigen Wissenschaftler durch die angegebenen Emailadressen sofort ansprechbar sind. Außerdem finden sich hier weiterführende Informationen zu den Inhalten der Institutsdatenbank und den Recherchemöglichkeiten vor Ort.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass sich die Website des ‚56-er Instituts' in erster Linie an ungarisch sprechende UserInnen richtet, die englischsprachigen Informationen sind weniger ausführlich. Die Selbstdarstellung des Instituts und das angesprochene Zielpublikum könnten durch eine klarer strukturierte Gestaltung deutlicher seinen Intentionen gerecht, das Bestellen von Publikationen und das Downloaden von Dokumenten erleichtert werden. Abgesehen aber von diesen leicht zu korrigierenden kritischen Punkten wird eine deutlich breitere Palette an Informationen und Forschungsmöglichkeiten geboten, als dies allein dem Namen des Instituts nach zu erwarten wäre. Denn im Grunde genommen geht es um die Erforschung der ungarischen Geschichte, Politik und Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart. Der Schwerpunkt ‚ungarische Revolution 1956' wird in diesen breit gefassten Gesamtkontext eingebettet, der beinahe alle relevanten Forschungsbereiche beinhaltet, die man für die Erforschung des Realsozialismus, des Kalten Krieges und für die der Zeit nach der Wende in Ungarn benötigt.

Unter diesen Umständen erhärtet sich der Verdacht, dass die nach den Wahlen 1998 an die Macht gekommene nationalkonservative Orbán-Regierung mit der Errichtung der 'Stiftung für die Erforschung der Geschichte und der Gesellschaft Mittel- und Osteuropas'[3] eine "Gegeneinrichtung" des ‚56er Instituts' errichten wollte. Denn obwohl zum ‚Academic Staff' des ‚56er Instituts' international renommierte und z.T. auch in Deutschland wohl bekannte Historiker gehören, wurden ihm die Mittel zu 90% entzogen und in die neue Stiftung umgeleitet. Die Direktorin der neuen Stiftung und des von ihr ins Leben gerufenen Museums, des sog. ‚Haus des Terrors' war bis zur Wahlniederlage der Orbán-Regierung Ende April 2002 erste Beraterin des Ministerpräsidenten. Wenn man sich zudem vor Augen führt, dass nicht nur die Konzeption des neuen Museums äußerst umstritten ist[4], sondern dass zu seinen Gästen auch heute noch Historiker wie Ernst Nolte und David Irving gehören, dann erscheinen die internationalen Protestbriefe, die im Zusammenhang mit der Unterfinanzierung des ‚56er Institutes' an die damalige Regierung gerichtet wurden, in einem neuen Kontext.[5] Obwohl 2002 nach dem Sieg der sozialistisch-liberalen Medgyessy-Regierung das Budget des ‚56er Institutes' erneut aufgestockt wurde, scheint es unter den damaligen Kürzungen auch heute noch zu leiden.

Anmerkungen:
[1] Bei diesen Räumlichkeiten handelt es sich zwar um eine große, jedoch nur mit dem notwendigsten ausgestattete Wohnung im zweiten Stock eines heruntergekommenen Hauses.
[2] Link zur Liste der Interviewpartner ohne Frame http://www.rev.hu/html/en/_6_2_t.html
[3] Homepage der Stiftung http://www.xxszazadintezet.hu
[4] vgl. http://klick-nach-rechts.de/gegen-rechts/2002/06/ungarn.htm
[5] Sie sind in Ungarisch unter http://www.rev.hu/html/hu/11_6.html und z. T. auch in Deutsch und Englisch unter http://www.rev.hu/html/hu/sorsunk/cikkek.html zu finden und ermöglichen einen Einblick in die inneren Machtkämpfe Ungarns.

Zitation
Magdalena Marsovszky: Rezension zu: The Institute for the History of the 1956 Hungarian Revolution. , in: H-Soz-Kult, 19.12.2003, <www.hsozkult.de/webreview/id/rezwww-20>.
Redaktion
Veröffentlicht am
19.12.2003