Titel
Eigensinn im Bruderland.


Rezensiert für H-Soz-Kult von
Emilia Henkel, Historisches Institut, Friedrich-Schiller-Universität-Jena

Als “Bruderland“ bezeichnete sich die DDR gegenüber anderen anderen sozialistischen Staaten im globalen Süden, aus denen vor allem seit den 1970er-Jahren Menschen als Emigrant/innen, Studierende oder ausländische Werktätige in das östliche Deutschland reisten. „Bruderland“ heißt auch die Webdokumentation von Julia Oelkers, Mai-Phuong Kollath und Isabel Enzenbach, die 2020 mit dem Grimme Online Award in der Kategorie Wissen und Bildung ausgezeichnet wurde. Aufgebaut als Scrolldoku erzählt sie über das Leben und den Alltag von Menschen aus den „sozialistischen Bruderländern“, von ihrem Weg in die DDR, über ihre Arbeits- und Studienerfahrungen, über Freunde, Freizeit und Liebe, bis zum „Ende der Freundschaft“ 1989/90.

Mit diesen Schwerpunktsetzungen ermöglicht die Dokumentation ihren Leser/innen die Protagonist/innen aus der Volksrepublik Vietnam, Mosambik, Äthiopien, Chile und der Türkei als komplexe Personen wahrzunehmen. Sie treten als Menschen mit einem Leben vor ihrer Migration, mit Erwartungen an die DDR, mit Sehnsüchten, Vorlieben und rassifizierten Körpern auf. Das ist wichtig, weil die SED-Regierung sie zwar „Brüder und Schwestern“ aus dem sozialistischen Ausland nannte, sie aber ausschließlich als Arbeitskräfte und Studierende ansah, deren Aufenthalt in der DDR zeitlich begrenzt und zweckgebunden war. Alles darüber hinaus, also Bemühungen um Integration, Beziehungen und erst recht Schwangerschaften, sollten als Behinderung dieses Auftrags unterbunden werden. Wie Migrant/innen in der DDR innerhalb eines derart eingeschränkten Handlungsspielraums Eigensinn entwickelten, dem spürt die hier vorgestellte Webdokumentation nach.

Ursprünglich wollten die Macherinnen des Projektes den Widerstand der Migrant/innen in der DDR dokumentieren. Sie merkten aber bald, dass die Zeitzeug/innen mit dieser Vokabel wenig anfangen konnten und ihre Erlebnisse ganz anders deuteten. Aus dieser Divergenz entstand der akteurszentrierte Fokus auf „Eigensinn im Bruderland“, auf leisere, alltäglichere Formen des Beharrens und der Verwirklichung eigener Ideen innerhalb der vom DDR-Staat vorgegebenen Strukturen.[1] Diese Eigensinnigkeiten ziehen sich durch die verschiedenen Kapitel der Webdokumentation in denen Videos mit Zeitzeugenerinnerungen, Fotos, Reproduktionen von Archivmaterial und Texte mit animierten Illustrationen zu einer spannenden Erzählung verbunden werden.

Berichtet wird von Vietnames/innen in Rostock, die sich von ihrer Arbeit im Seehafen krankschreiben ließen, um zuhause im Wohnheim Jeans zu nähen und damit mehr Geld zu verdienen. Oder von Mosambikanern, die Wege fanden ihre Freundinnen trotz Besuchsverbot und großer Risiken ins Wohnheim zu schmuggeln. Diese Geschichten sind in der Webdokumentation so stark, weil sie von den Zeitzeug/innen großartig erzählt werden. Die Auswahl dieser Interviewpartner/innen ist eine große Stärke von „Eigensinn im Bruderland“. Viele von Ihnen sind über ihren Erfahrungsschatz als Zeitzeug/innen hinaus Aktivist/innen, deren weitere Arbeiten nachzuverfolgen sich lohnt, um tiefer in das Thema einzusteigen. Der frühere Profi-Boxer und langjährige Ausländerbeauftragte von Schwedt/Oder, Ibraimo Alberto, hat ein Buch über sein Leben, seine unfreiwillige Arbeit in einem Fleischkombinat in Berlin, und seine Erlebnisse im rassistischen Ostdeutschland nach der Wende geschrieben.[2] Nguyen Do Thinh, der als Hafenarbeiter in die DDR kam, fungierte 1992 als der Sprecher der Vietnames/innen, die sich in Rostock-Lichtenhagen über das Dach retteten, als eine johlende Menge ihr Haus anzündete und die Polizei passiv zusah. Danach war er lange Vorsitzender des Vereins „Dien Hong“, der sich nach dem Pogrom für Versöhnung in der Stadt einsetzte.

Sie können heute ihre Geschichten erzählen, weil sie trotz großer Schwierigkeiten nach der Vereinigung in Deutschland blieben. Die Macherinnen von „Eigensinn im Bruderland“ versuchen aber auch die Geschichten derjenigen zu rekonstruieren, die schon während der DDR oder in ihren letzten Monaten zurück in ihre Heimat gehen mussten. Das gelingt durch gekonnte Einbindung von Archivdokumenten, die teilweise mit Animationen illustriert und zum Leben erweckt werden. Sie erzählen über den „Eigensinn“ hinaus auch von klassischem Widerstand, von Lohnkämpfen in der Lausitz und einem Hungerstreik vietnamesischer Lehrlinge 1976 in Zittau, die eine Reismahlzeit am Tag forderten. Oder von Irene, einer jungen, schwangeren Frau, die sich nicht nach Mosambik abschieben ließ.

Die Multimedialität ist der entscheidende Vorteil des digitalen Formats von „Bruderland“ gegenüber klassischen Medien. Das Online-Angebot ermöglicht darüber hinaus einen niedrigschwelligen, kostenfreier Zugang zu den gesammelten Informationen, was dem Ziel der Autorinnen entgegenkommt, eine Öffentlichkeit außerhalb der Wissenschaftswelt zu erreichen. In „Eigensinn im Bruderland“ wollten sie Wissenschaft und Journalismus zusammenbringen und einen leicht verständlichen, dabei aber wissenschaftlich fundierten Beitrag zur Migrations- und zur DDR-Geschichte erarbeiten. Das ist ihnen auf großartige Weise gelungen. Die Autorinnen schließen an einer Reihe von Forschungen an, die sich vor allem mit einzelnen migrantischen Communities in Ostdeutschland und Vertragsarbeitenden beschäftigen. „Eigensinn im Bruderland“ greift bestehende Debatten aus dieser Literatur auf und eignet sich gut, um einen ersten Überblick über das Feld zu gewinnen. Die Webdokumentation geht aber durch die Vielfalt der betrachteten Akteur/innen, sowie durch den spezifischen Fokus auf Eigensinn weit über die vorherigen Arbeiten hinaus. Für Forschende zur Geschichte der DDR ist „Eigensinn im Bruderland“ schon wegen der Dokumentensammlung und der Zeitzeug/inneninterviews, zu empfehlen, auf die man sonst schwer zugreifen kann. Vor allem aber lohnt sich ein Blick in die Dokumentation, um beispielhaft zu erfahren, wie eine wirklich akteurszentrierte Auseinandersetzung mit Migrant/innen in der DDR ohne das Othering aussehen kann.

Wichtig ist dafür, dass mit Mai-Phuong Kollath eine ostdeutsche Migrantin zu den Autorinnen „Eigensinn im Bruderland“ zählt, die Betroffenen also nicht nur als Zeitzeug/innen und Quellenlieferanten dienen sondern bei der Konzeption der Webdokumentation beteiligt waren. Mai-Phuong Kollath bringt neben ihrer Erfahrung als Vertragsarbeiterin im Rostocker Seehafen zu DDR-Zeiten jahrelange berufliche Erfahrung in der Beratung von ostdeutschen Migrant/innen und wissenschaftliche Expertise zum Thema mit. Ihre Mit-Autorin, Julia Oelkers wurde in Westdeutschland geboren und kam das erste Mal 1991 während des Pogroms in Hoyerswerda als Journalistin mit der Situation ostdeutscher Migrant/innen nach der Wende in Berührung. Dritte im Bunde der Autorinnen ist die ebenfalls in Westdeutschland geborene Isabel Enzenbach, die als Historikerin an der Technischen Universität Berlin zur Visual History forscht. Zusammen widmen sich die drei Frauen einer Geschichte, die lange ausgeblendet wurde.

Ostdeutsche Migrant/innen wurden nach der Wende, so sie denn in Deutschland bleiben konnten, doppelt marginalisiert[3]. Sowohl Ostdeutsche als auch Migrant/nnen kämpften nach der Einheit um die Anerkennung ihrer Zugehörigkeit zur BRD und sahen sich in Konkurrenz um Arbeitsplätze und Sozialleistungen. In diesem Kontext wurden ostdeutsche Migrant/innen, zwischen allen Stühlen stehend, zweifach diskriminiert und vielfach übergangen. Von der Gesetzgebung wurden sie auch nachjahrelangem Aufenthalt in der DDR als „Vertragsarbeitende“ abqualifiziert, was einen legalen Verbleib im vereinigten Deutschland mit hohen Hürden belegte und viele zur Ausreise zwang. Ihre Geschichte wurde nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch in der Forschung größtenteils ausgeblendet. Die DDR wird bis auf wenige Ausnahmen als ethnisch homogener Raum erforscht. Die Migrationsgeschichte wird nach wie vor und meist ganz selbstverständlich als eine ausschließlich westdeutsche Erzählung behandelt. Die Webdokumentation „Eigensinn im Bruderland“ ist also ein wichtiger Beitrag zu einem ungleichen Diskurs.

Schade ist auf den ersten Blick, dass im Kapitel „Das Ende der Freundschaft“ nur wenig über die Zäsur von 1989/90 hinausgeblickt wird. Wie die Protagonist/innen die post-sozialistische Transformation erfuhren, im vereinten Deutschland, in Mosambik oder Vietnam, wäre eine spannende Fortführung der Arbeit, gerade weil die öffentliche Diskussion über Ostdeutschland zu dieser Zeit immer mehr zunimmt. Auf den zweiten Blick ergibt dieser Bruch jedoch auch Sinn, spiegelt er doch für die Mehrheit der Migrant/innen in der DDR das Ende ihres Aufenthalts im verschwindenden Bruderland. Um zumindest die Geschichte vietnamesischer Vetragsarbeiten/innen weiterzuverfolgen, empfiehlt sich der Kurzfilm und die dazugehörige Webdokumentation „Sorge 87“, ein generationen-und zäsurübergreifendes Porträt vietnamesischer Menschen in der sächsischen Kleinstadt Werdau.[4]

Anmerkungen:
[1] Britta Bürger / Julia Oelkers, Webdoku über Migranten in der DDR – Dauernder Aufenthalt unerwünscht, www.deutschlandfunkkultur.de/webdoku-ueber-migranten-in-der-ddr-dauernder-aufenthalt.1013.de.html?dram:article_id=450999 (15.01.2021).
[2] Ibraimo Alberto mit Daniel Bachmann, Ich wollte leben wie die Götter – Was in Deutschland aus meinen afrikanischen Träumen wurde, Köln 2014.
[3] Vgl. Urmila Goel, Ungehörte Stimmen. Überlegungen zur Ausblendung von Migration in die DDR in der Migrationsforschung. In: Duygu Gürsel und Zülfukar Çetin (Hg.), Wer MACHT Demo_kratie? Kritische Beiträge zu Migration und Machtverhältnissen, Münster 2013, S. 138–150.
[4] Thanh Nguyen Phuong, Sorge 87, http://www.sorge87.de (15.01.2021).

Zitation
Emilia Henkel: Rezension zu: Eigensinn im Bruderland, in: H-Soz-Kult, 30.01.2021, <www.hsozkult.de/webreview/id/rezwww-204>.