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Titel
Dekoder.


Rezensiert für H-Soz-Kult von
Michel Abeßer, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

Mit dem Angriffskrieg Wladimir Putins auf die Ukraine seit dem 24. Februar 2022 ist der postsowjetische Raum schlagartig wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit westlicher Politik und Öffentlichkeit gerückt. Der ab 2014 wütende Krieg im Osten der Ukraine war in den letzten Jahren zunehmend aus dem Blickfeld dieser Öffentlichkeit verschwunden, obwohl er bereits über 14.000 Tote und 1,5 Millionen Vertriebene gefordert hatte. Der offene und großflächige Angriff Putins auf sein souveränes Nachbarland wiederum zieht einen massiv ansteigenden Informationsbedarf über die betroffenen Regionen nach sich, umso mehr als dieser Krieg eine klare sicherheits- und energiepolitische Zäsur für Europa darstellt. Das Leid und die Flucht von Millionen von Ukrainer:innen nach Westen hat die Illusion eines entfernten Regionalkonflikts mit der Realität konfrontiert.

Seit Kriegsbeginn folgen wir Live-Tickern verschiedener Online-Angebote der großen Zeitungen und Zeitschriften. Wir lesen Artikel, in denen sich vornehmlich westliche Beobachter um die Einordnung des Kriegsverlaufs, des Sanktionsregimes und der politischen Auseinandersetzungen bemühen und über das Schicksal eingeschlossener Städte und die Flucht der Bewohner:innen berichten. Kritisiert wurden sie aber für einen teils wenig verantwortungsvollen Umgang mit ukrainischen Journalist:innen und Helfern vor Ort[1] oder für doppelte Standards in der Berichterstattung im Vergleich mit Konflikten in Afrika und Asien.[2] Auf Twitter ergießt sich ein nicht enden wollender Strom von Sofortmeldungen, Analysen, Querverweisen und subjektiven Einschätzungen, die eine teils direkte Nähe zum Kriegsgeschehen suggerieren. Engagierte User wie der Historiker Steven Seegel haben bereits begonnen, diese Tweets als zentrale Quellen für die Historisierung des Krieges und seiner öffentlichen Dynamiken in einem „Feb. 24th archive“ zusammenzuführen.[3] Die Herausforderungen, die aus dem Gesagten folgen, liegen auf der Hand. Wie lässt sich die Dichte und Fülle der Informationen ordnen? Wie lässt sich die häufig aus der westlichen Distanz zur Region entstandene Perspektive – nach dem scharfen russischen Gesetz vom 4. März 2022 gegen Falschinformationen und „Verunglimpfung“ über russische Streitkräfte in der Ukraine haben auch zahlreiche internationale Medien die Berichterstattung aus Russland weitestgehend eingestellt – um fachkundige Stimmen aus der Region erweitern? Wie lässt sich das Geschehen in der Region historisch, politisch und kulturell auch für ein breites Publikum ohne osteuropaspezifische Kenntnisse einordnen?

Das Online-Magazin Dekoder schließt seit 2014 diese Lücke und hat eine Plattform etabliert, die journalistisches und wissenschaftliches Arbeiten zum postsowjetischen Raum, allen voran Belarus, Ukraine und Russland, auf innovative Weise verbindet. Diese Syntheseleistung von Wissenschaft und Journalismus spiegelt sich im Profil des gesamten, multinationalen Redaktionsteams wider, dessen Mitglieder eine journalistische, geistes- oder sozialwissenschaftliche oder sprachliche Ausbildung sowie einschlägige Erfahrungen vor Ort mitbringen.

Die unterschiedlichen Formate von Dekoder bespielen verschiedene Zeithorizonte: Journalistische Artikel dienen aktueller Berichterstattung, sogenannte Gnosen liefern Hintergrundwissen und Specials geben Raum für (Bild-)Reportagen und andere visuelle Formate. Zentrales Element sind die Artikel belarussischer, ukrainischer und russischer Journalist:innen, die zu verschiedenen Themen aus Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur der jeweiligen Länder berichten, aber auch immer wieder die langanhaltenden Prägungen dieser Region durch die Sowjetzeit aufgreifen. Der offensichtliche Mehrwert dieser gut recherchierten Beiträge ergibt sich nicht nur durch die größere Vertrautheit und das Hintergrundwissen der Autor:innen, ihren persönlichen Zugang zur Kultur dieser Länder und ihre größere Nähe zum Geschehen. Sie kompensieren zum Teil auch die häufige Vernachlässigung der peripheren Regionen abseits der Hauptstädte durch westliche Journalist:innen. In der aktuellen Situation in Russland und Belarus ersetzen sie sogar für uns deren Arbeit.

So bekommen besonders belarussische und russische Journalist:innen, deren Arbeitsbedingungen schon weit vor den Protesten in Belarus 2021 und dem russischen Angriffskrieg 2022 kontinuierlich schlechter wurden oder die bereits den Weg ins Exil gegangen sind, hier eine Plattform geboten. Deutsche und russische Leser:innen erhalten so Zugang zu journalistischen Arbeiten und Fotodokumentation, deren Urheber:innen auch biografisch sichtbar werden. Dekoder dient auch als Kanal und Multiplikator für verbliebene freie journalistische Publikationen wie die russische Plattform meduza, die seit ihrer Einstufung als „ausländischer Agent“ durch das russische Justizministerium 2021 aus dem Exil in Riga kritisch über innen- und außenpolitische Entwicklungen berichtet.[4] Gerade in der jetzigen Situation, in der an Orwell erinnernde Sprachrestriktionen sogar den Informationsgehalt der staatsnahen russischen Medien einschränken, sind diese Artikel wertvoll. Ein hier wichtiges ergänzendes Format sind Aufbereitungen offizieller staatlicher Positionen, Reden und Erlässe, die auf ihre politischen Grundannahmen und gesellschaftspolitischen Implikationen hin analysiert werden. So gelingt es den Machern, zwischen kritischen Stimmen und zunehmend aggressiver staatlicher Rhetorik jene Grauzonen auszuloten, die Bürger:innen der Russischen Föderation und Belarus’ in der jetzigen umfassenden Krise navigieren müssen.

Das zweite Element von Dekoder sind die sogenannten Gnosen (altgriechisch „gnosis“ = Wissen, Erkenntnis), thematisch fokussierte Artikel, in denen Osteuropaexpert:innen Hintergrundwissen zu Geschichte, Politik, Ökonomie, Gesellschaft, Kultur und Alltag der Länder präsentieren. Die Spannweite dieser Artikel reicht von historischen Ereignissen, politischen Institutionen oder völkerrechtlichen Verträgen des (post-)sowjetischen Raums über Mythen, kulturelle Traditionen und Codes bis hin zu einer Fülle biografischer Artikel, die Vertreter:innen aus Politik, Literatur und Gesellschaft thematisch fokussiert und durchaus thesenhaft vorstellen. Auch durch den Spiegel der Materialität (Samowar, Erdöl, Kalaschnikow, Eiscreme) funktionieren die Gnosen als Sonden für geteilte gesellschaftliche wie kulturelle Hintergründe und Lebenswelten der postsowjetischen Staaten und ihrer Bürger:innen. Durch beidseitige Verlinkungen zwischen Artikeln und Gnosen entsteht so ein Bedeutungsnetz, das Leser:innen dazu anregt, tiefer in den „Gnosmos“ einzutauchen: eine Netzwerkvisualisierung der zahlreichen Querbezüge zwischen den einzelnen Texten.[5]

Das dritte Element sind die sogenannten „Specials“, in denen die Redaktion gemeinsam mit Fachkolleg:innen ganz unterschiedliche Themen tiefer auslotet und dabei medialen Experimenten viel Raum gibt. Die Vielfalt und Qualität der Umsetzung dieser Tiefenbohrungen bezeugen, welches Potential in der Zusammenführung von Journalismus und historischen, soziologischen und politikwissenschaftlichen Analysen steckt. Für diese Verbindung von Inhalten und innovativen Darstellungsformen erhielt das Dekoder-Team 2021 seinen zweiten Grimme Online Award. Das Multimedia-Projekt „Archipel Krim“ entstand 2019 als Kooperation zwischen Dekoder, dem Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien in Berlin sowie der Forschungsstelle Osteuropa Bremen.[6] Hier wird zunächst die russische Annexion 2014 rekonstruiert, kommentiert und auf ihre juristischen, gesellschaftlichen und politischen Implikationen hin untersucht. In der Rubrik „Vielfalt auf der Krim“ gelingt es den Macher:innen um die Chefredakteurin Tamina Kutscher und den Redakteur Leonid Klimov, die Krim als russischen, ukrainischen und krimtatarischen (Sehnsuchts-)Ort mit überlappenden und konflikthaften Identitäten auszuleuchten und durch fachkundige, einfühlsame Texte von Kerstin Jobst, Greta Uehling, Denis Trubetskoj und Gwendolyn Sasse zu beleuchten. Das von Benjamin Schenk (Universität Basel) und Leonid Klimov (FSO Bremen) konzipierte Kreml-Projekt von Juni 2021 wiederum lädt zu einem vielschichtigen und visuell überzeugend gestalteten Stadtspaziergang um das russische Zentrum der Macht ein.[7] Die Beiträge zu markanten Orten in und um den Kreml haben einschlägige Kenner:innen der russischen Geschichte wie Ekaterina Makhotina, Ulrich Schmid, Martin Aust und Karl Schlögel gestaltet. Die Präsenz und Nutzbarmachung von Geschichtspolitik für Putins politische Ziele gibt diesem Special aktuell eine besondere Relevanz.

Einige der Specials visualisieren über eingebundene Karten umfangreiche quantitative Daten, wie jene zu den Wahlergebnissen der ukrainischen Präsidentschaftswahlen 2019, der russischen Verfassungsänderung 2020[8] und der Dumawahl 2021[9], wobei besonders die letzten beiden trotz der Farce der Abstimmungsmodalitäten interessante Perspektiven auf ein Land eröffnen, das immer noch hauptsächlich über seine beiden Hauptstädte gedacht wird. Das in Kooperation mit der russischen Zeitung Novaja Gazeta entstandene Special „Die Duma spricht“ bietet den Leser:innen ein beeindruckendes Werkzeug zur Suche nach politischen Schlagwörtern, die in beinahe 400.000 Redebeiträgen in der Staatsduma seit 1994 verwendet wurden und mit deren Hilfe sich eine detailliertere Geschichte des russischen Parlaments eröffnen kann.[10]

Mit dem Special „Das andere Minsk“, das den Wandel der städtischen Topographie und eine mental map der belarussischen Hauptstadt im Zuge der Massenproteste 2020 ausleuchtet, bietet Dekoder einem Projekt belarussischer Journalisten und Fotografen aus der Zeitung Naša Niva quasi Exil, da die Zeitung im Juli 2021 durch das belarussische Informationsministerium verboten wurde.[11] Andere Specials erläutern eine weitestgehend unbekannte Welt belarussischer Kultur am Beispiel von Mythologien[12] oder Weihnachtsbräuchen.[13] Aber auch die Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen wird in diesen Formaten durch Perspektiven auf die sowjetische Militärpräsenz in der DDR[14], die Beziehungen zwischen Merkel und Putin[15] und ein Projekt über russlanddeutsche Migration und Identität[16] verschiedenartig thematisiert.

Um die hochfrequente Berichterstattung über den russischen Angriffskrieg und seine regionalen, nationalen und internationalen Dimensionen für die Leser:innen von Dekoder zu strukturieren, bietet die Seite u.a. eine Rubrik mit Leseempfehlungen, die täglich aktualisiert besonders empfehlenswerte Analysen, aber auch individuelle Dokumentationen aus den Kriegsgebieten listet. In sachlichen Kurztexten werden in der Rubrik FAQ Ursachen und Legitimationsstrategien der russischen Seite dekodiert oder Faktoren für eine Einschätzung der künftigen Entwicklungen des Konflikts zusammengetragen.

Die Nachfrage nach differenzierten Einschätzungen und Hintergrundwissen über Belarus, Russland und die Ukraine ist seit der Annexion der Krim 2014 gewachsen; seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine hat sie nun Hochkonjunktur. Dekoder gelingt es, diesen Bedarf in vielfältiger Weise zu decken und verschiedene Perspektiven zu bieten, ohne die Leser:innen zu überfahren oder hilflos zurückzulassen. Es ist eine besondere Leistung dieser Plattform, zu simple Perspektiven auf den postsowjetischen Raum, aber auch auf die Dynamiken des Krieges zu korrigieren. Während Belarus nach der Niederschlagung der Proteste weitestgehend aus den westlichen Schlagzeilen verschwand, berichtete Dekoder weiter. Ebenso beharrlich wurde das Bewusstsein für das Kontinuum von Gewalt und ihren Folgen, dem die Ukraine schon vor dem russischen Angriff im Februar durch den Stellvertreterkrieg im Osten des Landes ausgesetzt war, wach gehalten. Profitieren von einem Besuch der Seite werden daher nicht nur Leser:innen, die sich ein genaueres Bild über die Dimensionen und Hintergründe des Krieges machen und die Gesellschaften und Kulturen der Region besser kennenlernen wollen. Dekoder dient auch Fachwissenschaftler:innen, die an innovativen Formen von Wissensvermittlung interessiert sind, und ebenso jenen Journalist:innen, deren eigener Arbeitsanspruch eine räumliche, sprachliche und kulturelle Distanz zu Osteuropa in der Berichterstattung als produktives Problem versteht. Dadurch, dass zahlreiche Artikel auch auf Russisch, einige sogar auf Englisch verfügbar sind, erreicht Dekoder nicht nur das deutschsprachige Publikum. Weder die Dauer noch die Folgen des Kriegs sind bisher abzusehen; an seinem Zäsurcharakter für die Geschichte des Kontinents, aber auch für seine Geschichtsschreibung dürfte hingegen kein Zweifel mehr bestehen. Wenn wir Elisa Satjukows Plädoyer folgen, Osteuropa auch langfristig zu einem mit Westeuropa gleichwertigen Teil einer integrativen europäischen Geschichtsschreibung zu machen[17], dann kann Dekoder auch nach dem hoffentlich baldigen Kriegsende ein wichtiges Werkzeug sein, um einen solchen Wandel analog im Bewusstsein einer größeren Öffentlichkeit zu unterstützen und hinter den immer noch stereotypen Fassaden des Ostens eine Vielfalt gar nicht so außergewöhnlicher europäischer Länder aufzudecken.

Anmerkungen:
[1] Alik Sardarian, International Media are abusing the heroism of Ukraine’s journalists, in: Open Democracy, 30.03.2022, https://www.opendemocracy.net/en/odr/international-media-ukraine-war-fixers-journalists-producers/ (01.04.2022).
[2] Moustafa Bayoumi, They are „civilised“ and „look like us“: the racist coverage of Ukraine, in: The Guardian, 02.03.2022, https://www.theguardian.com/commentisfree/2022/mar/02/civilised-european-look-like-us-racist-coverage-ukraine (01.04.2022).
[3] Steven Seegel / Daniel Oppenheimer, Assembling the February 24 Archive, 28.03.2022, in: https://lifeandletters.la.utexas.edu/2022/03/assembling-the-february-24-archive/ (04.04.2022).
[4] Meduza, https://meduza.io/en (04.04.2022).
[5] Dekoder Gnosmos, https://www.dekoder.org/d/gnosmos/ (04.04.2022).
[6] Krim-Dossier, https://crimea.dekoder.org/de (04.04.2022).
[7] Kreml-Dossier, https://kremlin.dekoder.org/ (04.04.2022).
[8]https://elections.dekoder.org/de/russia/constitution/2020/
[9]https://elections.dekoder.org/de/russia/parliamentary/2021/ (04.04.2022).
[10]https://duma.dekoder.org/de (04.04.2022).
[11] Dekoder Special Das andere Minsk, https://specials.dekoder.org/minsk (04.04.2022).
[12] Dekoder Special Belarussische Mythologie, https://specials.dekoder.org/belarus-mythology (04.04.2022).
[13] Dekoder Special Weihnachten auf Belarussisch, https://specials.dekoder.org/kaljady (04.04.2022).
[14] Dekoder Special Truppenabzug, https://specials.dekoder.org/abzug-vyvod/de (04.04.2022).
[15] Dekoder Special Merkel – Russland – Putin, https://specials.dekoder.org/merkel-russland-putin (04.04.2022).
[16] Dekoder Special Russlanddeutsches Diarama, https://nemcy.dekoder.org/de (04.04.2022).
[17] Elisa Satjukow, Osteuropa (ver)lernen. Ein Plädoyer für eine neue Geschichtskultur, in: Zeitgeschichte-online, März 2022, https://zeitgeschichte-online.de/themen/osteuropa-verlernen (04.04.2022).

Zitation
Michel Abeßer: Rezension zu: Dekoder, in: H-Soz-Kult, 06.04.2022, <www.hsozkult.de/webreview/id/rezwww-206>.
Redaktion
Veröffentlicht am
06.04.2022
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