Zeitkapsel – Irene, wie hast du den Holocaust überlebt?

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Theodor Hemprich, Humboldt-Universität zu Berlin

In dem 2022 veröffentlichten NDR-Podcast Zeitkapsel: "Irene, wie hast du den Holocaust überlebt?" wird die Shoa-Überlebende Irene Butter von vier 16-jährigen Gymnasiastinnen interviewt. Interviews von Zeitzeug:innen in Podcasts gehören zu den jüngeren Ausprägungen der sog. Holocaust Oral History.[1] Als Vorläufer des NDR-Projekts sind hier v.a. der 2008 bis 2010 veröffentlichte First-Person-Podcast[2] des U.S. Holocaust Memorial Museum sowie der seit 2019 erschienene und vom Museum of Jewish Heritage in New York in Zusammenarbeit mit dem Fortunoff Video Archive for Holocaust Testimonies entstandene Podcast Those Who Where There[3] zu nennen.

Im Unterschied zu diesen Vorläuferprojekten wird in dem NDR-Podcast die Lebensgeschichte einer Überlebenden nicht nur in einer Episode, sondern in insgesamt neun 20- bis 30-minütigen Folgen vorgestellt. Positiv zu erwähnen ist, dass sich der Podcast dabei nicht nur auf die unmittelbaren Erfahrungen Irene Butters während der Shoa beschränkt, sondern ihre Lebensgeschichte insgesamt in den Blick nimmt (vgl. F. 1, 2, 8, 9). Irene Butter tritt so nicht nur als Opfer des Nationalsozialismus, sondern als Mensch mit vielfältigen Persönlichkeits- und Identitätsfacetten in Erscheinung – was auch etwa eine Abkehr vom Bild des bloßen Opfers hin zu dem einer triumphalen Rückkehrerin ins KZ Bergen-Belsen beinhaltet. Der Podcast wurde zudem von Anfang an als solcher konzipiert und greift nicht auf Archivmaterial zurück. Die professionelle Produktion führt u.a. zu einer hohen Soundqualität bei vielen Schnitten sowie zur Implementierung ergänzender Audiomaterialien und –quellen.

Vier deutsche Schülerinnen treten als Gesprächspartnerinnen auf und repräsentieren zugleich die Hauptzielgruppe des Projekts, die sich aus dem selbstgesetzten Bildungsziel ergibt, das am Ende des Podcasts pointiert formuliert wird: „[W]ir [haben] diese Zeitkapsel gebaut, damit Irenes Geschichte nie vergessen wird und damit ihr nun alle Zeuginnen und Zeugen seid“ (F. 9). Auf seiner Webseite legt der NDR dar, dass sich der Podcast an „alle Jugendlichen“ richtet, die durch ihn zu Zeug:innen des Schicksals von „sechs Millionen ermordete[n] Jüdinnen und Juden“ werden sollen [4], womit der Podcast ganz im Sinne der Holocaust Oral History dem ‚Ende der Zeitzeugenschaft‘ entgegenzuwirken versucht. Typisch für das Podcast-Medium, geht es somit in einem wesentlichen Sinne auch um die Podcaster:innen selbst.[5]

Zu Gesprächen und Schilderungen treten Souddesigns hinzu. Vereinzelt hört man „Heil“-Rufe einer Menschenmasse usw.; das Soundsymbol des Podcasts ist jedoch das Geräusch eines fahrenden Zugs, oft mit dramatischen Vocals unterlegt. Der Zug, seit Claude Lanzmanns „Shoah“ (1985) zu einer Art „Ikone“ der Shoa avanciert[6], dient hier neben den anderen Sounddesigns der Herstellung einer Authentizitätsfiktion, durch die das Geschilderte für Hörer:innen – eben wie in einer „Zeitkapsel“ – erleb- und erfahrbar werden soll. Der Podcast steht auch damit ganz in der Tradition der Holocaust Oral History, der es von Beginn an darum ging die Rezipierenden in den Stand einer authentischen Erfahrung zu setzen.[7] Allerdings erzeugt der intensive, überfrachtete Einsatz dieser Sounddesigns, gekoppelt mit gelegentlichen Cliffhangern, teils einen Infotainment-Charakter, der für das Zeugnis einer Überlebenden unangemessen erscheint.

Beeindruckend sind die bewegenden lebensweltlichen, alltagsgeschichtlichen und zuweilen höchst emotionalen Schilderungen Irene Butters. Hier wird die Stärke des Podcast-Mediums offenbar: Irene Butter als Mensch, mit einer Persönlichkeit, mit Gefühlen und ihrer subjektiven Perspektive auf ihre Erinnerungen wird tatsächlich erfahrbar, und die sich im Projektverlauf aufbauende persönliche Beziehung zu den Schülerinnen unterstützt dies. Wenn Irene Butter weinend vom Tod ihres Vaters im Zug von Bergen-Belsen in die Freiheit berichtet, brechen auch die Schülerinnen in Tränen aus (vgl. F. 7). Es ließen sich viele weitere Beispiele nennen. Der „Präsenzeffekt“, den Podcasts durch die Fokussierung auf die konkrete Stimme einer Person erzeugen können, ermöglicht gewissermaßen die Vergegenwärtigung der Geschichte auch durch Emotionalisierung.[8] Darauf zielt der Podcast mit dem Einsatz der Sounddesigns, von Musik sowie auch z.B. mit der Verwendung des historischen Präsens seiner Zielsetzung entsprechend ab.

Hieraus entsteht aber auch eine grundsätzliche Problematik. Zwischen einer Vergegenwärtigung bzw. konkreteren Erfahrbarmachung des Verbrechens und einer Identifizierung mit den Opfern der Shoa liegt ein schmaler Grad, den der Podcast letztlich ignoriert. Dies zeigt sich bereits in der undifferenzierten Verwendung des „Zeug:innen“-Begriffs, der nicht mehr zwischen einer Überlebenden einerseits und Podcast-Hörer:innen andererseits unterscheidet. Hilfreich wäre hier die Unterscheidung zwischen den Begriffen einer „moralischen Zeug:in“ (Avishai Margalit), die von selbst gemachten Erfahrungen berichtet, und einer „intellektuellen Zeug:in“ (Geoffrey Hartman) gewesen, die sich diesen Erfahrungen nur durch Empathie annähern kann.[9] So hätte einer unreflektierten Identifizierung vorgebeugt werden können. In der Folge ergibt sich eine intensive Identifikation der Schülerinnen (s. v.a. in den Folgen 1,2 & 5) mit Irene Butter als Opfer, die bereits konzeptionell so angelegt war. Dies verdeutlicht die folgende Aussage des NDR auf seiner Webseite:

„Stück für Stück reisten sie durch Irene Butters Leben. Freuten sich mit ihr über glückliche Kinderjahre in Berlin. Erlebten mit wachsendem Entsetzen, wie sich dann die Welt verdunkelte. Stiegen empört mit in den Viehzug ins Nazi-Lager Westerbork. [...] Fuhren geradezu erleichtert mit der damals 13-Jährigen in einem Personenzug nach Bergen-Belsen, wo diese grausame Wochen und Monate durchstand und nur in allerletzter Minute gerettet wurde. Sie weinten, hofften, lachten zusammen.“ [10]

Damit setzt der Podcast die in Deutschland dominante, problematische erinnerungskulturelle Konfiguration des opferidentifizierenden Erinnerns fort, die sich in dem von Ulrike Jureit und Christian Schneider geprägten Begriff des „gefühlten Opfers“ verdichtet und die mit einer Anonymisierung, Pauschalisierung und Dämonisierung der Täter:innen einhergeht.[11] Dieses Erinnerungskonzept beinhaltet daher laut Jureit ein „Verharmlosungs- und Verleugnungspotential“[12], auch weil die eigene Vergangenheit bzw. Geschichte als Nachgeborene der Täter:innen verleugnet wird. Dass dieses Konzept letztlich erinnerungspolitisch fatale Konsequenzen hat, zeigt etwa die MEMO-Studie von 2020, wonach ein Drittel der Deutschen glaubt, dass ihre Vorfahren während des Nationalsozialismus potentiellen Opfern geholfen haben [13]. Zudem sagten in einer ebenfalls 2020 veröffentlichten Umfrage der ZEIT mit 53% die Mehrheit der Befragten dazu passend, dass man einen Schlussstrich unter die NS-Vergangenheit ziehen müsse [14]. Diese Studienergebnisse sollten im Land der Täter alarmieren und zu einem erinnerungskulturellen und -politischen Umdenken führen. Der NDR-Podcast böte dazu Ansätze, vernachlässigt jedoch letztlich die in ihm liegenden Potentiale.

Der problematische Umgang mit Täter:innen im Rahmen des Podcasts deutet sich bereits in Folge 1 an, wo der Sprecher das Narrativ bedient, dass die deutsche Mehrheitsgesellschaft Hitler nur gefolgt sei, da er vergleichsweise Wohlstand brachte und sie auch „seinen“ Antisemitismus nur deshalb „toleriert und auch akzeptiert“ hätte (F. 1). Der „normale“ Deutsche erscheint hier klar von „den Nazis“ getrennt, deren Identität unklar bleibt. Die sich an einigen Stellen durch Butters Erinnerungen (bspw. an Wehrmachtssoldaten neben SS-Männern) ergebenden Potentiale einer Thematisierung der breiten Täterschaft im nationalsozialistischen Deutschland werden dann auch überhaupt nicht ausgeschöpft. Auch Ansätze zu einer Reflexion der eigenen Position als Nachgeborene der Täter:innen bzw. der Tätergesellschaft bieten sich in dem Podcast, die jedoch leider ebenso nicht genutzt werden.

Durch die Auslassung bzw. Simplifizierung der Täter:innen auf die Formel „die Nazis“ als „die Anderen“ wird eine Reflexion der eigenen familiären und historischen Verflechtungen der Schülerinnen, aber v.a. aller Zuhörenden, verhindert. In Verbindung mit einer Identifizierung mit den Opfern rückt dadurch die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und seiner Ideologie in weite Ferne bzw. bleibt stets auf die Vergangenheit beschränkt. Ein politisch aktives und antifaschistisches Handeln in der Gegenwart wird damit zur Realisierung eines „Nie wieder!“ nicht angemessen gefördert. Dies ist gerade auch angesichts des erklärten Bildungsziels des Podcasts bedauerlich. Denn Holocaustpädagogik sollte die Berichte von Zeitzeug:innen „in erster Linie als historisches Orientierungsangebot für Gegenwart und Zukunft […] nutzen“ [15], was wiederum auch mit einer Reflexion der eigenen Position im Kontext der Tätergesellschaft einhergehen sollte.

Die Ansätze für einen solch gegenwarts- und zukunftsbezogenen Einsatz sind in dem Podcast durchaus vorhanden, jedoch werden sie nicht angemessen weiterverfolgt, wenn etwa Irene Butter von „Neonazis und Antisemitismus“ heute spricht oder eine Schülerin Geflüchtetenlager der Gegenwart anspricht. Es bleibt bei Ansatzpunkten. In der Folge fallen die Antworten der Schülerinnen auf Irene Butters Frage in der letzten Folge, was sie nun tun können, eher vage aus. Dieses Versäumnis wiederholt sich auf der begleitenden Webseite des NDR. Es bleibt zu hoffen, dass Lehrende selbstständig nach ergänzenden Materialien und holocaustpädagogischen Lehransätzen recherchieren.[16] Ähnliches ist für die mangelnde Einbeziehung der Geschichtswissenschaften zu konstatieren. Transkripte, Systematisierungsangebote, eine Bibliographie o.ä. sucht man vergebens.[17]

Trotz der hier aufgezeigten Defizite lohnt es sich gerade aufgrund der bewegenden und zuweilen höchst emotionalen Schilderungen Irene Butters und ihrer sich im Verlauf des Podcasts aufbauenden persönlichen Beziehung zu den Schülerinnen den Podcast zu hören. Mit mehr Impulsen zur kritischen Reflexion des eigenen Selbstverständnisses birgt er darüber hinaus Potentiale für eine andere Erinnerungskultur, deren Konsequenz kein „Schlussstrich“, sondern wirklich die Botschaft der Zeitzeug:innen ist: Nie Wieder!

Anmerkungen:
[1] Jan Taubitz, Holocaust Oral History und das lange Ende der Zeitzeugenschaft, Göttingen 2016.
[2] U.S. Holocaust Memorial Museum, First Person Podcast Series, Washington D.C. 2008–2010, URL: https://www.ushmm.org/remember/holocaust-survivors/first-person-conversations-with-survivors/first-person (25.08.2022).
[3] Museum of Jewish Heritage – A Living Memorial to the Holocaust/Fotunoff Video Archive for Holocaust Testimonies, Those Who Where There. Voices from the Holocaust, New York/New Haven 2019–2021, URL: https://mjhnyc.org/those-who-were-there-podcast-series/ (28.08.2022).
[4] Das Zitat findet sich auf der NDR-Website zum Podcast, URL: https://www.ndr.de/geschichte/Podcast-Zeitkapsel-Irene-wie-hast-du-den-Holocaust-ueberlebt,zeitkapsel142.html (01.09.2022).
[5] Vgl. Adam Sternbergh, „How Podcasts Learned to Speak”, in: Vulture, 18.03.2019, URL: https://www.vulture.com/2019/03/the-great-podcast-rush.html#_ga=2.51738665.16183 76310.1650355877-980230233.1650355854 (09.08.2022).
[6] Alfred Gottwaldt, „Der deutsche ‚Viehwaggon‘ als symbolisches Objekt in KZ-Gedenkstätten. Teil 1“, in: Gedenkstättenrundbrief 139 (2007) 10, S. 18–31, hier S. 22.
[7] Vgl. Anke te Heesen, „Naturgeschichte des Interviews“, in: MERKUR 67 (2013) 767, S. 317–328, hier S. 327.
[8] Vgl. Daniel Morat, „Sound History und Public History”, in: Public History Weekly 7 (2019) 30, URL: https://public-history-weekly.degruyter.com/7-2019-30/sound-history/ (08.08.2022).
[9] Zu dieser Unterscheidung vgl. Michale Elm, „Erinnerung ohne Zeugen“, in: bpb – Bundeszentrale für politische Bildung, 26.08.2008, URL: https://www.bpb.de/themen/erinnerung/geschichte-und-erinnerung/39854/erinnerung-ohne-zeugen/#node-content-title-1 (22.08.2022).
[10] Dieses Zitat findet sich auf der Seite mit dem Titel: Gespräche mit Irene Butter: „Die Bewunderung ist gewachsen“, URL: https://www.ndr.de/geschichte/Podcast-mit-Holocaust-Ueberlebender-Bewunderung-ist-gewachsen,holocaust286.html (29.08.2022).
[11] Ulrike Jureit, „Gefühlte Opfer. Illusionen der Vergangenheitsbewältigung“, in: S:I.M.O.N. – Shoah: Intervention. Methods. Documentation. 1 (2014) 2, S. 81–91, hier vgl. S. 86.
[12] Ulrike Jureit/Christian Schneider, Gefühlte Opfer. Illusionen der Vergangenheitsbewältigung, Stuttgart 2010, S. 29.
[13] Michael Papendick u.a., Multidimensionaler Erinnerungsmonitor (MEMO) III/2020. Forschungsbericht, Bielefeld 2020, vgl. S. 16, URL: https://www.stiftung-evz.de/assets/4_Service/Infothek/Publikationen/EVZ_Studie_MEMO_2020_dt_Endfassung.pdf (04.09.2022).
[14] DIE ZEIT, Die Haltung der Deutschen zum Nationalsozialismus, 2020, S. 17f. URL: https://www.zeit.de/zustimmung?url=https%3A%2F%2Fwww.zeit.de%2F2020%2F19%2Fzeit-umfrage-erinnerungskultur.pdf (22.11.2022).
[15] Meike Komatowsky/Andreas Weinhold, Holocaustpädagogik in der Zeitzeugenkultur. Für eine reflektierte Nutzung von Zeitzeugeninterviews in historisch-politischen Lernprozessen zum Holocaust, URL: https://www.yadvashem.org/de/education/newsletter/8/holocaust-education-witnesses.html#footnote4_ppma77q (25.08.2022).
[16] s. etwa die Handreichung für Lehrende im Rahmen des Projekts Zeugen der Shoah. Lehren und Lernen mit Video-Interviews der FU Berlin (u.a.), die Impulse für Lehrende bereithalten könnte: Dorothee Wein u.a., Zeugen der Shoah. Schulisches Lernen mit Video-Interviews, 2012, URL: https://www.zeugendershoah.de/dvd-reihe/Begleitheft-DVD_ZdS.pdf (05.09.2022).
[17] Der knappe Hypertext findet sich auf der NDR-Website zum Podcast, s. Link unter Fußnote 4.

Zitation
Theodor Hemprich: Rezension zu: Zeitkapsel – Irene, wie hast du den Holocaust überlebt?, in: H-Soz-Kult, 08.12.2022, <www.hsozkult.de/webreview/id/rezwww-210>.
Redaktion
Veröffentlicht am
08.12.2022
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