Hildesheim im Nationalsozialismus. Aspekte der Stadtgeschichte.

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Elke Thran

Am Historischen Seminar der Universität Hannover fanden im Wintersemester 2000/2001 und im Sommersemester 2001 unter der Leitung von HD Dr. Hans-Dieter Schmid zwei Seminare statt, die Studierenden praxisorientiertes Lernen ermöglichten: Im Stadtarchiv Hildesheim erforschten die Studierenden die Geschichte der Stadt im Nationalsozialismus. Auf zwölf Din-A 0 großen Tafeln präsentierten sie die Forschungsergebnisse der Öffentlichkeit in einer Ausstellung, die etwa ein Jahr in verschiedenen Hildesheimer Schulen gezeigt wurde. Seit kurzem ist diese Ausstellung im ‚weltweiten Netz' zu sehen.

Sicherlich bedarf es heute keiner Begründung mehr, Stadtgeschichte im Nationalsozialismus zu schreiben: Nicht nur, dass die Bewohner jeder Stadt ein Recht haben, über deren Geschichte informiert zu werden - auf lokaler Ebene lassen sich auch am ehesten Fragen nach den Funktionsbedingungen des Regimes beantworten. Dies kann aber nur gelingen, wenn in der Darstellung die Balance zwischen den Ereignissen vor Ort und den allgemeinen Strukturen gefunden wird, wenn also die Geschichte der Stadt in die allgemeine Geschichte eingebunden wird.

Selbstverständlich kann diese Forderung nur in einer umfangreichen Monographie eingelöst werden [1] und nicht auf den wenigen Texttafeln, die in einer Ausstellung zur Verfügung stehen. Deshalb scheint es durchaus legitim, wenn sich die Studierenden auf zwei zentrale Themenkomplexe beschränkten - "Machtübernahme und Nazifizierung" und "Terror und Verfolgung" - die jeweils in sechs Unterthemen gegliedert wurden. Bei der Untersuchung dieser Bereiche zeigt sich, dass sich im lokalen Rahmen feststellen lässt, wie die Herrschaftspraxis der Nationalsozialisten aussah, bzw. wie die in Berlin verabschiedeten Gesetze vor Ort durchgeführt wurden.
So wurde in Hildesheim das ‚Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums' sehr rigide durchgesetzt: Anders als im Wortlaut des Gesetzes gefordert, waren hier nicht nur Beamte betroffen, sondern auch die städtischen Arbeiter und selbst Frontsoldaten des Ersten Weltkriegs wurden Opfer dieser Gesetzgebung. <http://www.geschichte.uni-hannover.de/projekte/hildesheim/saeuberung.html>
Bedauerlich ist, dass es den Studierenden nicht immer gelingt, die Ereignisse in Hildesheim in einen größeren Kontext einzubinden. Sie waren offenbar zu sehr von den Quellen im Archiv fasziniert, so dass sie über der detaillierten Rekonstruktion der Ereignisse manchmal die Einordnung in den historischen Kontext vergaßen. So heißt es zum Beispiel auf der Seite über das Hildesheimer Theater erstaunt: "Wie konnte im Februar 1933 noch eine Brecht-Premiere stattfinden, die Anlass zu derartigen Tumulten gab? Erklären lässt sich dies nur mit der besonderen politischen Situation in Hildesheim: Die NSDAP hatte die Macht noch nicht an sich gerissen - dies geschah erst nach der Märzwahl - und agierte noch wie in der Weimarer Republik mit Schlägertrupps und Radau." <http://www.geschichte.uni-hannover.de/projekte/hildesheim/stadttheater.html> Ähnliches lässt sich sicherlich für die meisten deutschen Städte feststellen, denn mit der Übertragung des Reichskanzleramtes an Adolf Hitler am 30.Januar 1933 endete nicht die Machtergreifungsphase, wie der obige Text suggerieren will, sondern sie begann erst.

Aber nicht nur auf die Einbindung in den Kontext wurde zu wenig Aufmerksamkeit gelenkt. Ärgerlicher ist, dass bei den Texten völlig auf Nachweise verzichtet wurde, so dass die Aussagen nicht für weitere wissenschaftliche Arbeiten genutzt werden können. Dabei bietet gerade eine Website durch die Verlinkung von Textstellen und Fußnoten elegante Möglichkeiten, einen ausführlichen Anmerkungsapparat in Form eines Literatur- und Quellenverzeichnisses zur Verfügung zu stellen, ohne den Lesefluss zu stören. Dass die Chancen, die das Medium Internet bietet, nicht genutzt werden, zeigt sich auch darin, dass die Texte nicht miteinander verlinkt sind. Den Nutzern bleibt nur die Möglichkeit, sich seitenweise ("tafelweise") durch die Ausstellung zu klicken. Auch auf externe Verlinkung, wie z.B. zum Stadtarchiv Hildesheim, wird verzichtet. Störend ist darüber hinaus, dass unterlassen wurde, den Besucher der Website über ihren Entstehungszusammenhang zu informieren; es bleibt sogar unerwähnt, dass es sich um ein studentisches Projekt handelt.

Insgesamt bleibt der Eindruck, dass hier nach einer Möglichkeit gesucht wurde, die Ausstellung in der Öffentlichkeit zu halten, nachdem sie ihre letzte Station hinter sich hatte. Dank des Internets ist dies ja heute schnell, einfach und kostengünstig möglich und so wurden die zwölf Texttafeln unverändert ins Netz gestellt. So verständlich dieses Vorgehen ist, so unbefriedigend ist es für den Betrachter, denn reine Textseiten mit einigen illustrierenden Bildern lassen sich angenehmer in Papierform lesen als am Bildschirm. Deshalb sei allen, die an der Geschichte Hildesheims im Nationalsozialismus interessiert sind, der Griff zum Ausstellungskatalog [2] oder zu den anderen einschlägigen Veröffentlichungen des dortigen Stadtarchivs empfohlen [3].

Anmerkungen:

[1] So hat die Studie von Benigna Schönhagen "Tübingen unterm Hakenkreuz"482 Seiten und die Dissertation von Cordula Tollmien "Nationalsozialismus in Göttingen" 257 Seiten.
Schönhagen, Benigna: Tübingen unterm Hakenkreuz. Eine Universitätsstadt in der Zeit des Nationalsozialismus. Tübingen 1991. Tollmien, Cordula: Nationalsozialismus in Göttingen. Göttingen 1998.

[2] Schmid, Hans-Dieter (Hrsg.): Hildesheim im Nationalsozialismus. Aspekte der Stadtgeschichte. Eine Ausstellung des Stadtarchivs Hildesheim in Verbindung mit dem Historischen Seminar der Universität Hannover in der Rathaushalle zu Hildesheim vom 29. Januar bis 21. Februar 2002. Hildesheim 2002.
(Ausstellungen des Stadtarchivs Hildesheim. Begleithefte 3)

[3] Meyer-Hartmann, Hermann: Geheime Kommandosache; die Geschichte des Hildesheimer Fliegerhorstes Hildesheim 1993. (Quellen und Dokumentationen zur Stadtgeschichte Hildesheims; 2); Schmieder, Otto: Hildesheim 1944/45; Rückblick auf eine schicksalsschwere Zeit. Bearbeitet. und eingeleitet von Helga Stein. Hildesheim1996. (Quellen und Dokumentationen zur Stadtgeschichte Hildesheims 6); Thimm, Barbara: Spuren des Nationalsozialismus in Hildesheim. Hildesheim 1999. (Quellen und Dokumentationen zur Stadtgeschichte Hildesheims 9)

Zitation
Elke Thran: Rezension zu: Hildesheim im Nationalsozialismus - Aspekte der Stadtgeschichte, in: H-Soz-Kult, 10.01.2004, <www.hsozkult.de/webreview/id/rezwww-21>.
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Veröffentlicht am
10.01.2004
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