Titel
Cold War (CNN interactive).


Rezensiert für H-Soz-Kult von
Oliver Bange

Wer auf dieser Webpage Hausarbeiten, Vorlesungen oder auch nur Informationen für wissenschaftliche Fußnoten runterladen will, liegt falsch. Die Webpage, 1999 zunächst nur als Nebenprodukt der CNN "Cold War" Fernsehdokumentation gedacht, hat sich mittlerweile zu einem veritablen Einführungstool für interessierte Laien entwickelt. (Ja, liebe Historiker, wir verlassen mit diesem Rezensionsvorhaben auch sprachlich den Bereich der deutschen Schriftsprache, da sich "links", "tools", "wavers" und "accessibility-index" einfach nicht ins Deutsche übersetzen lassen wollen). Aus der TV-Begleitpage wurde 2000/2001 mit Hilfe von ausgewiesenen Experten wie Mark Kramer vom Harvard Cold War Project oder den Mitarbeitern des National Security Archive (die ihre Finger auch schon in der TV-Serie hatten) und dem Turner Verlag ein echtes Lernprogramm mit vielfältigem Eventcharakter. Es gibt eine begleitende Schulbuchreihe und im Educators' Guide der Seite sind die inhaltlichen Verknüpfungen der Unterthemen mit den amerikanischen Curricula detailliert aufgelistet. Für Lehrer und Schüler in den USA ein phantastisches Tool - nur eben leider nicht in deutsche Schulen zu importieren - es sei denn als Gimmick im Englischunterricht.

Doch zu den Inhalten gleich mehr. Um in den vollen Genuß von deren multimedialer Aufbereitung zu kommen - ob nun Interviews mit Politikern, virtuellen Begehungen historischer Stätten oder dem Ausprobieren diverser Spiele -, bedarf es Javascript, eines 4.0 Browsers und eines passenden Videoprogramms (Links zum freien Runterladen sind vorhanden). Dafür glänzt die Seite dann trotz der vielen Features mit einem erstaunlich schnellen Aufbau. Trotz der Hochglanzoberfläche - was soll man von einem amerikanischen Fernsehsender auch anderes erwarten - sollte man sich nicht gleich zum wilden Klicken hinreißen lassen, sondern sich besser der unscheinbaren Indexleiste ganz links zuwenden. Hier stehen dann gleich mehrere Zugangsoptionen zur Verfügung: Entweder der User bedient sich der mehr oder weniger chronologisch geordneten 24 "Episoden", oder der Cold-War-Experience (die thematische Blöcke wie Kultur, Technologie und Spionage bietet), oder man geht als Fortgeschrittener gleich zur "Knowledge Bank" (mit Personalprofilen, Zeittafeln, interaktiven Karten und historischen Dokumenten) oder ins Diskussionsforum (dessen Anfänge noch auf die Live-Chats mit Zeitzeugen nach den TV-Folgen zurückgehen). Statt des "Educator Guide" für die Altvorderen dürften Cyberkids (oder solche, die sich noch dafür halten) sich wohl eher gleich in die Spielecke der "Cold War Challenge" verdrücken.

Die Features der jeweiligen Zugänge sind miteinander verknüpft, was den inhaltlichen Zusammenhang nach einiger Zeit deutlicher und die Navigation auf der Seite leichter werden läßt. Ein Beispiel: Klicken wir unter "Episoden" auf "Detente 1969-75" (die Episode "Sex and the Soviet Union" wurde vor zwei Wochen leider entfernt; wie hier eine virtuelle Begehung ausgesehen hätte, kann der Rezensent nur erraten), so eröffnen sich eine Vielzahl weiterer Möglichkeiten, die teilweise auch aus anderen Unterseiten angesteuert werden können. Unter Multimedia gibt es u.a. einen "virtual trip" über eine verlassene Flugzeugbasis der Sowjets in Polen; beim Rollenspiel darf man - ein zweifelhaftes Vergnügen - als Präsident Nixon über die Bombardierung nordvietnamesischer Häfen entscheiden; unter Interviews dem harten Deutsch-Englisch Kissingers oder dem rasselnden Russisch-Englisch Dobrynins lauschen; bei den historischen Dokumenten gibt es einige Bonmots, wie ein erst kürzlich deklassifiziertes Gesprächsprotokoll Breschnew-Kissinger von 1974. Besteht völliges Unwissen über die beteiligten Personen - wer war eigentlich noch dieser Willy Brandt, der hier einmal (!) erwähnt wird? -, kann gleich in das passende Profil in der "Knowledge Bank" gesprungen werden. Auch das übliche Message Board darf natürlich nicht fehlen - sonst könnte sich der User möglicherweise ja nicht ernst genommen fühlen.

Doch es gilt, auch etwas Essig in den Wein zu gießen. Dem Anspruch von CNN, mit TV-Serie und Webpage den "definitive account of the Cold War era" zu liefern, muß entschieden widersprochen werden. Es ist allzu offensichtlich, daß sich das CNN-Projekt selbst genug ist - und daß dies zugleich sein größtes Handicap ist. Europäer werden in dieser Darstellung des Kalten Krieges zu reinen Statisten. Die Bedeutung der beiden deutschen Staaten für den Verlauf dieses "Krieges" findet keine Beachtung; selbst Willy Brandts Ostpolitik, ohne die die Entspannungsphase Ende der sechziger bis Mitte der siebziger Jahre gar nicht möglich gewesen wäre, findet hier nicht statt. Bemerkenswert ist hingegen die ausführliche Darstellung der - immer aus amerikanischer Perspektive gesehen - Gegenseite: Die Position der Sowjetunion spiegelt sich in erstklassigen Dokumenten, Bildern und Interviews. Die Politik der anderen Paktstaaten entfällt allerdings ebenfalls weitestgehend. Was bleibt, ist der Eindruck eines in seinen Details oft unglaublichen - und gerade deshalb so unterhaltenden - Titanenduells. Wem das nicht genügt, hat es nicht leicht, auf der CNN-Seite weiterführende Informationen ausfindig zu machen. Neben leider allzu sporadischen Hinweisen innerhalb der "Episoden" auf NSA und das Harvard Projekt gelingt dies noch am besten über die Lehrer-Option. Klickt man hier "other Cold War History related websites", wird man ungewollt aus der CNN-Seite verabschiedet und findet sich auf der Linkliste des Harvard-Projekts - und damit endgültig in akademischen Gefilden - wieder.

Eine abschließende Überlegung sei gestattet: Wo sind die deutschen Verleger, die mit einem ähnlichen Schul-Projekt zumindest die europäische Perspektive nachhaltig vertreten und langfristig im öffentlichen Bewußtsein verankern?

Zitation
Oliver Bange: Rezension zu: Cold War (CNN interactive), in: H-Soz-Kult, 10.01.2004, <www.hsozkult.de/webreview/id/rezwww-22>.
Redaktion
Veröffentlicht am
10.01.2004
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