Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sylvia Rogge-Gau

Das United States Holocaust Memorial Museum (USHMM) präsentiert anlässlich seines zehnjährigen Bestehens die Ausstellung "Anne Frank the Writer: An Unfinished Story", die am 11. Juni 2003 von First Lady Barbara Bush eröffnet wurde. Die Online-Version zur Ausstellung wurde virtuell ergänzt durch weitere thematische und kommunikative Angebote. Das Besondere an der Ausstellung, die aufgrund des außerordentlichen Besucherandrangs verlängert wurde, ist, dass erstmals außerhalb der Niederlande die originalen Tagebücher und über 300 handgeschriebene Blätter mit Kurzgeschichten, Märchen und Essays von Anne Frank dem Publikum vorgestellt werden.

Sara J. Bloomfield, die Direktorin des USHMM und Co-Kuratorin bemerkt zur Ausstellung im Kapitel "Interviews" der Website, dass sie erst nicht daran gedacht hätten, eine Ausstellung zu Anne Frank zu erarbeiten, da ihre Geschichte und ihr Tagebuch bekannt seien. Tatsächlich gehört das Tagebuch der Anne Frank zu den meist gelesenen Büchern der Welt, das in fast 70 Sprachen übersetzt wurde. Zum zehnjährigen Jubiläum des Museums entstand das Vorhaben, allgemein über versteckte jüdische Kinder in der Zeit der Verfolgung zu arbeiten, und - so fragt Bloomfield - "who's the most famous hidden child? Anne Frank ..."

Trotzdem ist die Frage berechtigt, ob ein so bekanntes Thema, dem nicht nur umfassende Literatur, Bühnenstücke, Verfilmungen und gute Websites, wie z.B. die des Anne Frank Hauses in Amsterdam [1] gewidmet sind, noch neue Perspektiven bieten kann. Die niederländische Partnerinstitution hat darüber hinaus im Jahre 2000 die mehrfach preisgekrönte CD-Rom "Das Anne Frank Haus, ein Haus mit einer Geschichte" herausgegeben [2].

Ziel der Website ist Geschichte durch Geschichten zu vermitteln, um Historie nachvollziehbar zu machen. Ein wesentliches Kriterium für eine gute Online-Geschichte ist der Aufbau der Erzählstruktur, denn es sollte für die NutzerInnen möglich sein, eine Geschichte von beliebigen Start-Positionen aus zu betrachten, ohne dass wesentliche Sinnzusammenhänge verloren gehen, d.h. es sollte nicht-linear erzählt werden.

Die Themen der Website sind auf der Einstiegsseite übersichtlich in der Kopfzeile als Menüleiste angeordnet. Das zentrale Gestaltungselement dieser Seite ist ein bekanntes Photo von Anne Frank und ein kurzer in die Online-Ausstellung einführender Text, der als Druckversion zur Verfügung steht. Auf der rechten Seite des Screens werden die Themen und kommunikativen Angebote, die in der Menüliste stichwortartig genannt werden (An Unfinished Story, Original writings, Interviews, Web Links, Share your Thougths), interesseweckend ausgeführt wie z.B. "Interview with Anne's Cousin Buddy Elias, Anne's closest living relative, describes Anne`s personality and Otto Frank's Dedication to her writings". Die übersichtlich gestaltete Einstiegsseite verdeutlicht, dass auch unerfahrene InternetnutzerInnen leicht den Zugang finden sollen. Eine gezielte Auswahl einzelner Themen wird durch eine textbasierte Navigation ermöglicht, aber auch ein virtuelles "Schlendern" durch die Ausstellung ist möglich.

Die in sechs Abschnitte gegliederte Online-Ausstellung "Anne Frank the Writer: An Unfinished Story" erzählt auf lebendige, unkomplizierte aber auch sehr informative Weise die Geschichte Anne Franks, das versteckte Leben im Hinterhaus, und - dies steht deutlich im Mittelpunkt der Präsentation - die Entwicklung Annes von der noch kindlichen Tagebuchschreiberin zur jungen Schriftstellerin. Die Einführung beginnt mit einem Audio-File: eine angenehme Jungmädchen-Stimme spricht ein Tagebuch-Zitat Annes vom 5. April 1944, das ein selbstbewusstes, ihrer Begabung gewisses, knapp 15jähriges Mädchen erkennen lässt: "Ich weiß, dass ich schreiben kann. Ein paar Geschichten sind gut, meine Hinterhausbeschreibungen humorvoll, vieles in meinem Tagebuch ist lebendig, aber ob ich wirklich Talent habe, steht noch dahin" [3]. Zu diesem Zeitpunkt schrieb Anne, die mit ihrer Familie seit Anfang Juli 1942 versteckt in den oberen beiden Etagen im Hinterhaus in der Amsterdamer Prinsengracht 263 lebte, schon fast zwei Jahre Tagebuch. Das erste Tagebuch bekam sie wenige Wochen vor dem Untertauchen zu ihrem 13. Geburtstag am 12. Juni 1942 geschenkt. Die ersten Abschnitte "Introduction, First Entries, Going Into Hiding" überschneiden sich zwangsläufig mit der Online-Ausstellung des Anne Frank Hauses in Amsterdam, doch muss berücksichtigt werden, dass die Ansätze höchst unterschiedlich sind. Das Anne Frank Haus präsentiert erheblich ausführlicher mit Zitaten und Fotos das Leben im Versteck, die Personen, ihre Konflikte, die Helfer sowie die Bedeutung und Geschichte der Tagebücher. Die der Vollständigkeit halber eingefügten ersten Abschnitte in der Online-Ausstellung "Anne the Writer" sind auf ein dem Ausstellungsschwerpunkt geschuldetes Maß reduziert.

Der Schwerpunkt der Online-Geschichte des USHMM ist das Unterkapitel "Anne as a Writer", also die Vorstellung Anne Franks als junge Schriftstellerin anhand von Zitaten und Leseproben aus ihren Schriften. Hier lässt sich die Zielsetzung dieser Website erkennen: Durch den Einsatz multimedialer Elemente soll eine anregende Wissensvermittlung erreicht werden, die die User aber keineswegs überfordert. Dieses Ziel wird in vorbildlicher Weise erreicht durch die Nicht-Linearität der Erzählstruktur, die kompetente Auswahl und den angemessenen Einsatz multimedialer Elemente wie Audio-, Video-Files und Animationen. Die untere Bildleiste ermöglicht ein beliebiges Vor- und Zurücknavigieren durch die Online-Ausstellung sowie eine Orientierung des Nutzers, da sechs kleine Buchsymbole, die auch die Variabilität des Einstiegs symbolisieren, den jeweiligen Standort innerhalb der Geschichte kenntlich machen. Hervorgehoben werden muss auch die ausgezeichnete Auswahl und Qualität der präsentierten Photos, Texte und Zitate, die die Fachkompetenz der BearbeiterInnen widerspiegeln.

Ein weiteres wichtiges Kriterium für diese gelungene Internetseite ist, dass die grafische Gestaltung und der Inhalt in einem angemessenen Verhältnis stehen. Erfreulicherweise findet man keine zu textlastigen Seiten, die den Bildschirmleser ermüden, in der Regel nach kurzer Zeit überfordern, langweilen und schließlich zum "Wegklicken" veranlassen. Als Einstieg in das bereits oben erwähnte Kapitel "Anne as a Writer" sind auf dem Screen animierte Satzteile wie z.B. "I'm only fourteen" oder "Will I ever become" zu lesen, die neugierig auf den Zusammenhang machen und zur Interaktion anregen. Beim Anklicken erscheint das vollständige Zitat, d.h. die Summe dieser Zitate gewährt einen Einblick in das Denken, Hoffen und die Sehnsüchte dieser jungen Autorin Anne Frank: "Will I ever (..."werde ich jemals etwas Großes schreiben können, werde ich jemals Journalistin und Schriftstellerin werden? Ich hoffe, ich hoffe es so sehr! Mit Schreiben kann ich alles ausdrücken, meine Gedanken, meine Ideale und meine Phantasien") [4]. Die vorgestellten Textbeispiele wie "Evas Traum" werden stets bei gleichzeitig auf dem Bildschirm mitlaufendem Text vorgelesen. Davon abgehoben werden für die Benutzer sachliche Informationen in optisch deutlich zu unterscheidender Weise in farblich abgesetzten umrandeten Blocktexten oder in Fließschrift angeboten, die jedoch nicht auditiv wahrzunehmen sind. Die Online-Geschichte endet mit dem komplett vorgelesenen Text der Kurzgeschichte "Gib!"[5] vom 26. März 1944, wobei die niederländische Original-Handschrift Anne Franks auf dem Bildschirm sichtbar ist und der jeweils englisch gelesene Text erleuchtet wird. Dieses Vorgehen innerhalb der Präsentation erscheint vom didaktischen Gesichtspunkt her sinnvoll, da aus diesem Text ihr moralisches Credo spricht und der mit Anne Franks Werk unbekannte Leser neben Zitaten eine beispielhafte Arbeit angeboten bekommt. Es entspricht der großen Benutzerfreundlichkeit dieser Website, dass der gesamte Text der Online-Ausstellung als Druckversion angeboten wird. [6]

Das Menüangebot "Original Writings" ermöglicht, in Annes Photoalbum oder sechs Schreibbeispielen zu blättern sowie einzelne Photos genauer zu betrachten, wobei die angebotene Zoom-Funktion Details verdeutlicht. Fraglich ist jedoch der Gewinn dieser Möglichkeit, da anders als bei der Online-Ausstellung keine Seite aus dem Niederländischen transkribiert wurde. Der wesentliche Kritikpunkt an der Website ist das Fehlen weiterer Sprachangebote bzw. die Reduzierung auf die englische Sprache, deren Beherrschung heute zwar allgemein vorausgesetzt wird, doch wird dadurch auch im globalen Zeitalter der Zugriff durch bestimmte Benutzergruppen wie sehr junge User - einer wichtigen Zielgruppe dieses Angebots - erschwert. Sehr benutzerfreundlich und geradezu beispielhaft für eine gut konzipierte Website ist die Möglichkeit, auch außerhalb der Online-Ausstellung die prägnanten Photos, wie z.B den Eingang des Verstecks, betrachten zu können. Dazu gehört auch die einzig bekannte Filmaufnahme von Anne Frank, die aufgrund ihrer Bedeutung sowohl in der Online-Ausstellung als auch im Angebot "Original Writings" gezeigt wird.

Die hohe Akzeptanz dieser Website reflektiert das kommunikative Angebot "Share Your Thougths", das die NutzerInnen fragt, wann sie zum ersten Mal das Tagebuch Anne Franks gelesen haben, und auffordert, Fragen zu stellen sowie Kommentare abzugeben. Die Eintragungen spiegeln z.B die Ergriffenheit eines elfjährigen Mädchens, dessen Interesse am Thema geweckt wurde, oder die Unterrichtserfahrungen einer älteren Lehrerin zu Anne Frank. Zur Vertiefung regt das Angebot "Web links" an, das neben Bibliothekshinweisen auch die wichtigen Partnerinstitutionen berücksichtigt. Interessant für die informierteren BesucherInnen sind die als Videos angebotenen "Interviews", wie z.B. mit der eingangs zitierten Direktorin Bloomfield, da u.a. Wissenswertes zur Entstehung der Ausstellung berichtet wird. Diese Angebote richten sich an ein generationsübergreifendes, kenntnisreiches Publikum, das weiterführende Informationen erwartet.

"Anne Frank the writer" ist ein ausgezeichnetes Beispiel für ein hochprofessionell gestaltetes und an den Informationsbedürfnissen der NutzerInnen orientiert erarbeitetes Webangebot. Dieser gelungenen Website wünscht man viele BesucherInnen, deren Erwartungen in jeder Hinsicht befriedigt werden.

Anmerkungen:
[1] Die deutsche Version der Website des Anne Frank Hauses in Amsterdam http://www.annefrank.nl/dui/af/af.html
[2] In Deutschland entstand zum Thema in Kooperation mit dem Anne Frank Haus und anderen deutschen Institutionen eine interaktive Geschichte: http://www.ein-maedchen-aus-deutschland.de
[3] Die deutsche Übersetzung ist zitiert aus "Anne Frank, Tagebuch", Fassung von Otto H. Frank und Mirjam Pressler, Frankfurt am Main 1999.
[4] Ebenda, S. 240.
[5] Sowohl "Evas Traum" als auch "Gib" sind in Annes Franks "Geschichten und Ereignisse aus dem Hinterhaus" nachzulesen, die 1949 und 1960 von Otto Frank herausgegeben wurden. Siehe auch die Ausgabe des Fischer Taschenbuch Verlages, Frankfurt am Main 2003.
[6] Transkript von "An Unfinished Story" http://www.ushmm.org/museum/exhibit/online/af/htmlsite/story_complete.html

Zitation
Sylvia Rogge-Gau: Rezension zu: Anne Frank - The Writer, in: H-Soz-Kult, 13.02.2004, <www.hsozkult.de/webreview/id/rezwww-27>.
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Veröffentlicht am
13.02.2004
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