Marxists Internet Archive (MIA)

Titel
Marxists Internet Archive (MIA).


Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ingo Grabowsky

Seit dem Ende des Kalten Kriegs ist der Kreis jener, die offensiv die Lehren des Marxismus vertreten, klein geworden. Der Schock des Zusammenbruchs der Sowjetunion war zu groß, als daß sich die Anhänger des kommunistischen Experiments noch zu erkennen gegeben hätten. Viele hatten sich überdies von Anhängern zu Gegnern der Marxschen Lehren gewandelt. Heutzutage haben es die Mitglieder einer "Kommunistischen Plattform" selbst in der PDS nicht leicht.

Dieser allgemeinen Desillusionierung zum Widerstand bemühen sich zur Zeit etwa fünfzig Enthusiasten auf der Website http://www.marxists.org darum, alle wichtigen Werke des Marxismus in elektronischer Form zu veröffentlichen. Doch mit deren Auswahl beginnen die Schwierigkeiten. Die Homepage des Internet-Auftritts verdeutlicht, wovon die Rede ist. Zu Photographien von Marx und Engels gesellen sich solche von Lenin und Trotzki. Damit ist die politische Stoßkraft klar. Ein Hauptteil der Unterstützer und Autoren des Internet-Auftritts rekrutiert sich aus trotzkistischen Splittergruppen. Zu nennen seien pars pro toto der Secretariado Centroamericano del Centro Internacional del Trotskismo Ortodoxo oder das Japanese Trotsky Institute.

Fragen des ideologischen Inhalts und der Navigation sind infolge dieser Grundausrichtung untrennbar miteinander verbunden. Gelangt man über den auf der Homepage angebotenen Menüpunkt "Marxists Writers" zu Marx, Engels, Trotzki, Rosa Luxemburg oder Georgi Plechanow, sucht man Stalin oder Mao hier vergebens. Diesen ist die Rubrik "Reference Writers" vorbehalten. Unter dem Programmpunkt Learning Marxism erklärt ein Autor den Grund: "We've also included a Stalinist here and there, to give you an idea of how much of the opposite of Marxism they are". Es handelt sich bei diesem "marxistischen" Internetarchiv zweifelsfrei um eine Zusammenstellung von Schriften, die unter ideologischen und nicht wissenschaftlichen Gesichtspunkten erfolgte.

Die Website ist nicht für das wissenschaftliche Arbeiten gedacht. Ihr Ziel ist „educating people around the world about marxism“, die Zielgruppe besteht offenkundig aus allen, die sich, warum auch immer, für Marxismus interessieren. Dennoch läßt sich fragen, ob die Site für wissenschaftliches Arbeiten denn geeignet ist. Hinter den oben genannten Menüpunkten "Marxists Writers" und "Reference Writers" verbergen sich alphabetische Listen von Autoren, deren Werk auf der Website in englischer Sprache zu finden ist. Es handelt sich hier allerdings mitnichten um wissenschaftliche Texteditionen, eher um digitale Studienausgaben für Weltregionen, in denen Buchausgaben nicht greifbar sind. Zum einen entstand das Werk der meisten marxistischen Schriftsteller nicht in englischer Sprache. Zum anderen liefert die Website zwar immerhin bibliographische Hinweise auf die Editionen, denen die digitalisierten Versionen entstammen. Allerdings fehlen die präzisen Seitenangaben, so daß Zitierfähigkeit nicht gegeben ist. Es gibt übrigens durchaus gegenteilige Beispiele, etwa die von der Soros-Stiftung unterstützte Website über sowjetische Literatur [1], welche diese Dienstleistung anbietet und seriöses wissenschaftliches Arbeiten ermöglicht.

Der Menüpunkt "Marxist History" führt zu verschiedenen Themen, deren Auswahl offenbar der Zufall getroffen hat. Geboten werden etwa tendenziöse Informationen über die Pariser Kommune oder die Sowjetunion. Will der Nutzer jedoch etwas über die Geschichte der kommunistischen Aufstände zu Beginn der Weimarer Republik erfahren, muß er auf der Startseite den Menüpunkt "Subject Archive" wählen. Aus den Informationen über Kuba erfährt er nichts über mögliche Demokratiedefizite auf der Insel. Die Site behandelt lediglich die negative Rolle, welche die USA in bezug auf Kuba spielten. Eine Systematik in der Auswahl der "marxistischen Geschichte" ist nicht zu erkennen. Insgesamt bietet diese acht Lemmata, darunter sechs geographische, zu denen sich die thematischen Einträge "International Worker’s Organisations" und "Capitalism" gesellen. Sinnvoll wäre gewesen, wenn sich die Autoren zwischen thematischem, chronologischem oder geographischem Ansatz entschieden hätten.

Auch in der sogenannten "Encyclopedia of Marxism", einem weiteren Menüpunkt, überwiegt die Zahl der Einträge deren Qualität bei weitem. Der Eintrag "Stalinismus" etwa spiegelt keineswegs den Forschungsstand zum Thema wider, auch wenn der Artikel nicht gerade kurz ist. Er erklärt lediglich vom trotzkistischen Standpunkt aus das Wesen des Stalinismus. Der Autor des Textes beschreibt, warum der Stalinismus die Grundlagen des Marxismus und Leninismus pervertiert habe. Eine Auseinandersetzung mit nichtmarxistischen Autoren, die über den Stalinismus gearbeitet haben, fehlt völlig. In dieser "Enzyklopädie" gibt es keine Hinweise auf die Opfer von Revolution, Bürgerkrieg und Hungersnöten. Der Artikel "Lenin" vermittelt den Eindruck, es habe sich bei diesem um einen humanitären Helfer der Arbeiter und Bauern gehandelt, der zudem die Bürokratisierung der Kommunistischen Partei und des Sowjetstaates bekämpfen wollte. Bei den Artikeln dieser "Enzyklopädie" handelt es sich mithin um reine Propaganda.

Die beachtliche Vielsprachigkeit der Website, die Versionen selbst in Baskisch oder Esperanto anbietet, wirkt weniger beeindruckend, studiert man etwa die deutsche Version. Offenbar stand kein Muttersprachler für die Betreuung zur Verfügung, die deutschen Seiten wimmeln von grammatischen Fehlern. Bemüht sich die serbokroatische Version, optisch das Design der englischen zu übernehmen (was allerdings eine Reihe stummer Links bedingt), ist die deutsche Seite ganz ohne Bilder und Graphiken gestaltet. Auch hier sind einige Menüpunkte "im Aufbau". Die deutsche Version ist ebensowenig übersichtlich wie die englische und unterscheidet desgleichen zwischen "marxistischen" Schriftstellern und solchen, die für die Entwicklung des Marxismus und Sozialismus wichtig sind. Sucht man also Werke von Stalin, Mao, Thälmann oder Lassalle, kann es etwas länger dauern, bis man dahinterkommt, daß diese hinter dem Menüpunkt "Referenz" zu finden sind.

Strapaziert der Inhalt dieses Internet-Auftritts arg die Leidensfähigkeit des Nutzers, sieht es beim Design vielleicht noch schlimmer aus. Jede Seite konfrontiert mit neuen Farben und Formen. Eine irgend einheitliche Systematik, die dem Nutzer hülfe, sich zurechtzufinden, fehlt. Offenbar warf eine Menge von Autoren, ohne einem einheitlichen Konzept zu folgen, einfach alle Texte zusammen, die greifbar waren. Von der Nutzung dieses marxistischen "Internet-Archivs" ist bedauerlicherweise abzuraten.

Anmerkung:
[1] Die sehr gute Website (in russischer Sprache) ist unter http://www.ruthenia.ru/sovlit/ zu finden.

Kommentare

24.03.1999
Reaktion auf Fahlbusch
Von Josef Stauf
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08.07.2004
Reaktion auf Stauf
Von Michael Fahlbusch
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Zitation
Ingo Grabowsky: Rezension zu: Marxists Internet Archive (MIA). , in: H-Soz-Kult, 12.03.2004, <www.hsozkult.de/webreview/id/rezwww-31>.
Redaktion
Veröffentlicht am
12.03.2004
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