Titel
Film und Geschichte - [Lernwerkstatt Geschichte].


Hrsg. v.
Kontakt: Stettner, Dr. Peter <peter.stettner@ik.fh-hannover.de>; Heuer, Lars <lars.heuer@textkorrekt.net>
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Joachim Paschen

Für Historiker, Studierende wie Lehrende, die zur deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts auch auf Filme als Quelle zurückgreifen wollen, gibt es ein material- und methodenreiches Angebot im Rahmen der Lernwerkstatt Geschichte der Universität Hannover. Auf den ersten Blick scheint diese Site sehr textlastig zu sein; je weiter man jedoch in die Tiefe geht, desto bild- und materialreicher wird es: stehende und laufende Bilder ebenso wie wichtige Quellen, Filmographien, Biographien und Links zu anderen Anbietern.

In der linken Spalte der übersichtlich auf blauem Grund gestalteten Eröffnungsseite findet sich die Übersicht zu den sechs Themen, die hier kurz vorgestellt werden sollen:
- Filme in der historischen Bildungsarbeit
- Zitieren und Dokumentieren
- Archiv und Recherche
- Deutschland vor 1933
- Deutschland nach 1945
- Niedersächsische Filmgeschichte

Das letzte Thema weist auf den regionalpatriotischen Ursprung des Angebots hin: Am Anfang standen zwei Ausstellungen mit jeweiligen Publikationen zur Kinogeschichte in Hannover (1991) und zur Filmproduktion in Niedersachsen (aus Anlass des Kino-Centenars 1995); sie gehen zurück auf die Förderung durch die filmhistorische "Schule" Irmgard Wilharms von der Universität Hannover und die von ihr initiierte Deutsche Gesellschaft für Medien und Geschichte, der auch der für die Website verantwortliche Peter Stettner angehörte. Diese auf ein Bundesland begrenzte Perspektive ist dem Gesamtangebot jedoch kaum noch anzumerken. So tritt als Sponsor neben der niedersächsischen Computer-Initiative n21 auch der Progress-Film-Verleih auf.

1. Historische Bildungsarbeit mit Filmen

Die Texte zur Nutzung von Filmen in der historischen Bildungsarbeit sowohl in der Schule wie auch an der Universität heben die Frage nach dem Quellenwert der Filme für den Zeitpunkt ihrer Entstehung hervor: Dabei geht es um Grundsätzliches, wie in der Rubrik "Zur Arbeit mit filmischen Quellen" sowie um die spezifischen Fragen dokumentarischer Geschichtsdarstellungen und von Historienfilmen; Literaturhinweise runden das Thema ab. Die Lektüre dieser langen und klugen Beiträge am Bildschirm ist nicht ohne Mühsal, auch weil es keine Buttons zur Rückkehr auf den Anfang des jeweiligen Textes gibt. Eine Verlinkung mit dem Gesamtangebot ist spärlich. Gerade Anfängern täte es gut, die Verbindung zwischen Theorie und Praxis erleichtert zu bekommen.

Für die praktische Arbeit ausgesprochen hilfreich sind die beiden folgenden Themen. Das "Zitieren und Dokumentieren" als wesentliches Hilfsmittel bei der Erfassung der Filmquellen wird Schritt für Schritt beigebracht. Es wird das "Filmographieren" geübt, also das Erfassen der formalen Angaben wie beim Buch, nur wesentlich umfangreicher, nicht nur die Credits der Produktion und des Verleihs, sondern auch Daten zum Format, zur Länge, zur Entstehung von der Vorlage bis hin zur Premiere. Für die "Beschreibung von Inhalt und Form" werden die einschlägigen Begriffe zu den Gattungen und Genres sowie zur Filmanalyse vorgestellt und erläutert. Schließlich werden zwei Methoden zur Erstellung von Filmprotokollen vorgeführt: das Sequenz- und das Einstellungsprotokoll. Besonders hilfreich sind die jeweiligen Vorlagen, die für eigene Filmanalysen genutzt werden können. Sie entsprechen den üblichen Verfahrensweisen, können aber auch den eigenen Bedürfnissen angepasst werden.

Ausgiebige Informationen gibt es auch zum Thema "Archiv und Recherche". Unterstützung erhält man bei der Suche nach Filmdaten. [1] Links zu den einschlägigen Archiven helfen einem bei der Suche nach Filmkopien; beim Nachweis regionaler Archive begnügt man sich leider mit einem Hinweis auf Niedersachsen, der nicht mehr ans Ziel führt; auch in anderen Bundesländern existieren entsprechende Filmarchive. Hier wäre eine Aktualisierung wünschenswert. Das Thema wird abgerundet mit "Faustregeln zur Filmarchivierung": Hinweisen zu Rechtsfragen bei Filmvorführungen sowie der Frage, wie stellt man Videokassetten auf?

2. Quellen zur deutschen Filmgeschichte

Der Schwerpunkt der Web-Seite liegt jedoch ganz eindeutig bei der Darbietung exemplarischer Themen zur deutschen Filmgeschichte vor 1933 und nach 1945. Die deutlich erkennbar gelassene Lücke ist zwar schmerzhaft, aber angesichts der Schwierigkeiten, Filme der Zeit 1933-1945 für Forschung und Präsentation zu nutzen, durchaus zu rechtfertigen. Denn die Autoren zielen mit ihrem Angebot weniger auf die Studierenden der Filmgeschichte, sondern eher auf Nutzer von Filmen für die Bildungsarbeit. Dort sind Beispiele gefragt, die entsprechend aufgearbeitet sind.

Für die Zeit der Weimarer Republik liegt mit "Im Westen nichts Neues" ein einziges Beispiel vor. [2] Die gesamte Darstellung beruht im Wesentlichen auf einer Veröffentlichung von 1995, die sehr kompetent und profund der Frage nachgeht, was sich aus den Auseinandersetzungen in Deutschland um diesen amerikanischen Anti-Kriegsfilm über den Zustand der deutschen Demokratie um 1930 ablesen lässt.

Nach einführenden Informationen über den Inhalt des Films und seiner Entstehung, inkl. eines detaillierten Sequenz-Protokolls, wird vor allem das Thema "Kritik und Zensur" behandelt: die Reaktionen des Publikums, der Presse, der Politik und der Zensurbehörde. Sehr informativ sind natürlich Presseausschnitte, zustimmende, neutrale und ablehnende. Bekanntlich hat Hitlers Gauleiter in Berlin, Goebbels, eine wüste Kampagne gegen den Film organisiert; um so bedauerlicher ist es, dass aus diesem Lager keine authentische Stellungnahme zu finden ist. Reizvoll ist es natürlich, die verschiedenen Fassungen zu vergleichen; dazu gibt es in PDF-Dateien umfangreiche Materialien. [3] Die angefügte Liste von zeitgenössischen "Filmen über den Krieg" enthält leider nur Beispiele aus dem deutschsprachigen Raum, so dass ein ausgesprochen schiefer Eindruck vom "deutsch-österreichischen Militarismus" entsteht.

Erleichtert wird die Nutzung des Beispiels durch zahlreiche Arbeitsvorschläge sowie die Darstellung von Erfahrungen mit der Nutzung des Films und der Materialien in einem Oberstufenkurs. Als außerordentlich fraglich erscheint es aber, ob denn der ausgewählte Film und die Auseinandersetzungen um ihn wirklich das leisten, was eingangs versprochen wird, nämlich "symbolisch für den Zustand der Weimarer Demokratie" zu sein. Die klassische Studie über die deutsche Mentalität in der Zwischenkriegszeit, Kracauers "Von Caligari zu Hitler", verzeichnet "Im Westen nichts Neues" nicht einmal im Register.

Für "Deutschland nach 1945" liegt eine größere Auswahl von Filmen vor, insgesamt 13 zeitgenössische Kurz- und Spielfilme sowie rückblickende Kurzfilme. Reizvoll ist es hier, dass man einige Titel vollständig oder ausschnittweise mit Hilfe des MediaPlayers betrachten kann. Die Formalangaben zu den Filmen werden jeweils ergänzt durch Hintergrundinformationen, Arbeitshinweise und Literatur.

Mit großer Sorgfalt sind die Informationen zu den zeitgenössischen Kurzfilmen, vier Perlen aus der Nachkriegszeit, zusammengestellt. Hervorzuheben ist der Film "Asylrecht" von Rudolf Kipp, einem Hamburger Dokumentaristen, der auch für die Wochenschau gearbeitet hat. Leider fehlt eine Quellenangabe zu seiner Biographie. Es ist schon sehr aufschlussreich, wie ein Filmproduzent aus seinen Materialien unterschiedliche Filme herzustellen in der Lage ist: Aus den Aufnahmen über Flucht und Vertreibung nach dem Krieg konnten offensichtlich mühelos in den 50er Jahren Unterrichtsfilme zur "Flüchtlingsnot an der Zonengrenze" geschaffen werden.

Leckerbissen der Web-Seite sind zweifellos die sechs deutschen Spielfilme der Nachkriegszeit, und zwar sowohl aus West wie aus Ost: Völlig richtig wird darauf hingewiesen, dass für diese wichtige Umbruchphase Filme besonders geeignet sind, viel über die Zustände wie über das Lebensgefühl in einem besetzten Land unmittelbar zu erfahren. Spielfilme sind das ergiebigste Medium, weil sie eine direkte Kommunikation zwischen den Generationen ermöglichen: Was die Menschen damals betroffen hat, kann auch heute noch nachempfunden werden. Es verlangt eine hohe Schule der Interpretation historischer Filmquellen.

Die Texte und Materialien gehen allerdings zurück auf Arbeiten der Zeit um 1990, so dass so manche Beurteilungen vor allem der Filme aus der sowjetischen Besatzungszone heutzutage überprüfenswert wären. Nichtsdestotrotz sind die zusammengestellten Texte sehr nützlich, auch wenn man sich etwas mehr Übersichtlichkeit wünschte; immerhin finden sich bei einigen Texten Buttons, die zurück "nach oben" führen.

Von den DEFA-Filmen "Die Mörder sind unter uns" und "Unser täglich Brot" sind sogar Filmausschnitte abrufbar, offensichtliche eine erfreuliche Auswirkung der Kooperation mit dem Progress-Film-Verleih. Bei "In jenen Tagen", "Liebe 47" und "Und über uns der Himmel" muss man sich mit Bildern und Plakaten begnügen. Die filmographischen Angaben sind nicht immer fehlerfrei, die SBZ-Premiere von "In jeden Tagen" fand nicht 1947, sondern ein Jahr später statt, oder vollständig. So fehlt bei dem Film "Die Mörder sind unter uns" die Längenangabe von 87 min.

Auf das letzte Thema "Niedersächsische Filmgeschichte" ist bereits kurz eingegangen worden. Ausführlich wird auf zwei Produktionsstätten eingegangen, die Filmaufbau in Göttingen und die Junge Film-Union in Bendestorf bei Hamburg. Und außerdem gibt es Informationen zur Niedersächsischen Kinogeschichte, vor allem in Hannover, mit ansprechenden Interaktionsmöglichkeiten. Am Schluss erhält man Tipps, wie man eine "Kinogeschichte in seiner Stadt" zusammenstellen kann.

3. Zusammenfassung

Die übersichtlich gestaltete Web-Seite enthält eine Fülle nützlicher Informationen, vom Grundsätzlichen bis hin zu vielen Detail-Angaben, die für die Arbeit von Historikern von großer Wichtigkeit sind. Etwas beschwerlich wirken die langen Texte, vor allem wenn man in ihnen nicht navigieren kann. Die blaue Umrahmung, die auf dem Bildschirm schön und vornehm wirkt, führt beim Schwarz/weiß-Ausdruck zur Verschwommenheit. Insgesamt ist der Web-Seite zu wünschen, dass sie gepflegt, gefördert, ausgebaut und unterstützt wird. Vielleicht hilft dabei schon, wenn man auf der Startseite ein bisschen mehr Wind für die gute Sache mit Hilfe von aktuellen Einträgen macht. Wenn sich hier ein Kristallisationspunkt für "Film und Geschichte" herausbilden soll, was durchaus wünschenswert ist, würde sicher ein Aufruf zur Mitarbeit helfen.

Anmerkungen:
[1] U.a. gibt es einen Link zu cinegraph, der wohl zuverlässigsten Quelle zur deutschen Filmgeschichte, ein Angebot vom Hamburger Zentrum für Filmforschung, das gemeinsam mit dem Deutschen Filminstitut auch bei der Entwicklung von http://www.filmportal.de beteiligt ist.
[2] Es wird zwar die Erarbeitung weiterer Beispiele angekündigt, dies ist in den letzten Jahren jedoch nicht erfolgt.
[3] Es fehlt nur das Drehbuch, das seit 1992 ja auch auf deutsch vorliegt.

Der Rezensent Dr. Joachim Paschen ist Lehrbeauftragter der Universität Hamburg am FB Geschichte.

Zitation
Joachim Paschen: Rezension zu: Film und Geschichte - [Lernwerkstatt Geschichte], in: H-Soz-Kult, 26.03.2004, <www.hsozkult.de/webreview/id/rezwww-33>.
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26.03.2004
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