Einführung in die Frühe Neuzeit

Titel
Einführung in die Frühe Neuzeit.


Hrsg. v.
Stollberg-Rilinger, Barbara <fnz.online@uni-muenster.de>
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Karl Heinz Schneider

Die "neuen Medien", d.h. in diesem Fall das Internet, erschienen vor einigen Jahren als Lösung vieler didaktischer und pädagogischer Probleme. Inzwischen wenden wir sie auch als Historiker fast täglich an und sehen, wie sehr Theorie und Praxis auseinander klaffen können. Das Internet bietet zumindest theoretisch gegenüber dem Buch mehrere Vorteile:
- es kann unterschiedliche Informationstypen wie Text, Bild, Ton leicht und schnell miteinander kombinieren,
- es bietet Verlinkungsmöglichkeiten, d.h. es kann nicht nur leicht auf externe Informationen verwiesen werden, sondern diese können vom Benutzer sofort eingesehen werden,
- es lassen sich "dynamischere", offene Texte (wobei hier unter Text jede Art von Information verstanden wird) erstellen,
- es können "skalierbare" Texte erstellt werden, die es dem Benutzer ermöglichen, je nach seinen Interessen knappe, einführende, überblicksartige oder vertiefende Informationen zu erhalten.

Nachteile, wie der, dass längere, dem Verständnis von Zusammenhängen dienende Texte eher über das Buch vermittelt werden sollten, möchte ich zunächst ausblenden. Die Frage ist vielmehr, in welcher Weise Internetseiten die genannten Vorteile nutzen.
Wie also kann mediengerecht eine Einführung in die Frühe Neuzeit geschrieben werden? In Buchform liegen durchaus überzeugende Lösungen vor, insbesondere das Oldenbourg Geschichte Lehrbuch Frühe Neuzeit. Eine der Mitautorinnen, Barbara Stollberg-Rilinger, hat nun in Münster gemeinsam mit weiteren Kolleginnen und Kollegen eine Homepage zum gleichen Thema erstellt.
Formal betrachtet machen die Seiten einen überzeugenden Eindruck: zurückhaltend im Design, weitgehend gut gegliedert (allerdings ab der 2. Ebene nicht mehr konsistent), was auch für die Navigation gilt. Sie irritiert den Benutzer zuweilen, weil er nicht auf Anhieb erkennen kann, wo er gerade klicken soll und kann.

Die inhaltliche Gliederung ist eher traditionell und europa- bzw. deutschlandorientiert. Nach einer "Einführung in die Epoche" werden zunächst Theorien der frühen Neuzeit vorgestellt (Weber, Luhmann, Parsons, Elias, Oestreich, Foucault, Bourdieu), dann die "Gesellschaft" (Haus, Familie, Ehe, Geschlechter, Ländliche Gesellschaft, Städtische Gesellschaft, Adel, Bürgertum, Randgruppen - Juden), es folgt eine Übersicht der "Politischen Ereignisse und Entwicklungen", der "Strukturen von Recht und Herrschaft", der "Wissenskultur und Kommunikation". Während diese Teile meist mehrere Unterkapitel aufweisen, wird es bei den folgenden beiden Teilen ("Wirtschaftliche Grundstrukturen und Entwicklungen" sowie "Europäische Expansion") etwas "dünner". Dies liegt daran, dass es sich nicht um ein fertiges Projekt handelt, sondern größere Teile erst im Entstehen sind. Dies ist ein Merkmal vieler Internetprojekte und keineswegs negativ zu sehen, solange Komplettierungen wirklich vorgenommen werden.

Die einzelnen Teile sind in sich wiederum in Unterkapitel aufgeteilt, die jeweils aus mehr oder minder knappen Abschnitten bestehen. Der normale Fließtext wird erweitert um Literaturangaben, Quellen und Abbildungen.
Dem Leser wird auf diese Weise ein strukturierter und differenzierter Einblick in die frühneuzeitliche Gesellschaft geboten. Allerdings setzt die Lektüre vom Leser auch voraus, dass die vielen Informationen von ihm erst zu einem Gesamtbild zusammengefügt werden. Für eine strukturierte Einführung in das Thema erscheinen die jeweiligen Texte zuweilen sehr knapp, das mag zwar typisch für dieses Medium sein, kann aber den unkundigen Leser irritieren.

Jedoch zeigen die multimedialen Elemente ihre Schwächen. Und hier warten auf den intensiven Benutzer doch Überraschungen. Bilder lassen sich meist nicht weiter vergrößern, so dass Detailinformationen nicht erkennbar sind, interaktive Elemente fehlen ganz. Die Quellen sind teilweise recht knapp geraten, und auch da, wo auf Volltexte im Internet verwiesen werden könnte wie etwa bei Zedlers Artikel über den Adel,[1] unterbleibt dies. Die offene Struktur von Internettexten fehlt hier jedenfalls weitgehend. Das lässt sich durchaus unterschiedlich bewerten, denn eine "Linkorgie" würde noch weniger ein konzentriertes Lesen ermöglichen. Auf diese Weise bleibt die "virtuelle Bibliothek" ausgeblendet und muss vom Leser separat erschlossen werden.

Das gilt auch für die Nutzung von Internetressourcen: durchweg wurde darauf verzichtet, auf solche zu verweisen, obwohl allein für Deutschland mit dem Server Frühe Neuzeit und dem Historicum.net entsprechende Angebote bereitstehen. So bewegt sich der Leser auf einer virtuellen Insel: ihm wird die Möglichkeit genommen, sich von dieser Insel wegzubegeben. Die Verweise beziehen sich ausschließlich auf gedruckte Literatur und Quellen. Dabei gibt es doch gute Materialien im Netz etwa zum 30jährigen Krieg oder den Hexenverfolgungen - beides Themen,[2] die in dieser Einführung intensiv behandelt werden.

Die nur begrenzte Nutzung der medientypischen Möglichkeiten lassen sich auch bei der fehlenden Suchfunktion erkennen; nur über das Inhaltsverzeichnis und vereinzelte Links werden die einzelnen Informationen miteinander verbunden,[3] der Leser kann also nicht selbst aktiv werden und eigenständig nach Begriffen suchen. Es fehlt ebenfalls eine spezielle Druckfunktion, was allerdings verschmerzt werden kann, da der Ausdruck der Seiten aufgrund fehlender größerer graphischer Elemente recht unproblematisch ist.
Die Seiten wurden als statische Seiten angelegt, d.h. es wurden auf eine dynamische Seitengenerierung wie bei der History Toolbox [4] verzichtet, dadurch ergeben sich auch teilweise die beschriebenen funktionalen Nachteile wie die fehlende Suchfunktion.

Insgesamt hinterlässt das Angebot einen zwiespältigen Eindruck:
- auf der einen Seite ein Internetangebot, das sich durch ein zurückhaltendes Design, eine insgesamt gut nutzbare Navigation und interessante Texte auszeichnet,
- auf der anderen Seite ein Angebot, das erstaunlich wenig die Möglichkeiten des Mediums nutzt und zugleich den Lernenden die Chance gibt, wissenschaftlich seriöse Informationsmöglichkeiten im Netz zu finden und zu nutzen.
Zumindest einige multimediale Defizite ließen sich bei der Weiterentwicklung der Seiten sicherlich lösen wie beispielsweise:
- eine bessere Verlinkung zu vorhandenen, seriösen Onlineressourcen, die dem Leser eine bessere Chance des Eigenstudiums bieten,
- vergrößerbare, ggf. auch interaktive Grafiken,
- und nebenbei: ein Wunsch des Rezensenten wurde schon erfüllt: die Adresse ist jetzt kurz und knapp!

Anmerkungen:
[1]http://mdz.bib-bvb.de/digbib/lexika/zedler
[2]http://www.hexenforschung.historicum.net/; http://www.krieg.historicum.net/themen/m30jk/m30jk.htm
[3] Ein Beispiel dafür ist das Kapitel 1.2. Die Ehe als Basis des häuslichen Wirtschaftens http://www.uni-muenster.de/FNZ-Online/gesellschaft/haus_familie/unterpunkte/basis.htm und hier die Verweise auf "Wirtschaftliche Grundstrukturen" oder "Ländliche Gesellschaft, Vererbung".
[4] History Toolbox http://www.hist.net/htb/

Zitation
Karl Heinz Schneider: Rezension zu: Einführung in die Frühe Neuzeit, in: H-Soz-Kult, 14.05.2004, <www.hsozkult.de/webreview/id/rezwww-40>.
Redaktion
Veröffentlicht am
14.05.2004
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