Armut, Not und gute Werke. Soziale Stiftungen in Münster

Titel
Armut, Not und gute Werke. Soziale Stiftungen in Münster.


Rezensiert für H-Soz-Kult von
Beate Althammer

Das Stadtarchiv Münster, das umfangreiche einschläge Quellenbestände hütet, war im letzten Jahrzehnt führend an der intensivierten historischen Erforschung des Stiftungswesens und seiner Bedeutung für die Armenfürsorge beteiligt. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Archivs haben sich durch zahlreiche wissenschaftliche Publikationen als Fachleute auf diesem Gebiet ausgewiesen [1]. Seit Februar 2000 bietet das hier zu besprechende Internet-Angebot auch einer breiteren Öffentlichkeit Einblicke in die Thematik. Es wurde vom Stadtarchiv gemeinsam mit Studierenden des Fachbereichs Geschichte der Westfäschen Wilhelms-Universität Münster erarbeit und mit technischer Hilfe der Stadt Münster realisiert.

Die Internetpräsentation ist übersichtlich und optisch ansprechend gestaltet, die Navigation unproblematisch. Hinter der Startseite ist das Angebot in fünf große Themenblöcke gegliedert, auf deren Anfang jederzeit über das Register am oberen Bildschirmrand zugegriffen werden kann, während das Menu am linken Seitenrand die Steuerung innerhalb des Bereichs, in dem man sich gerade befindet, ermöglicht. Die vier ersten Themenblöcke sind textorientiert, aber in kurze, auf mehreren Ebenen gestaffelte Abschnitte und Unterabschnitte gliedert, so dass die bequeme Lesbarkeit am Bildschirm immer gewährleistet bleibt. Die leicht auffindbare Sitemap gibt in Form eines Inhaltverzeichnisses einen Üerblick über den Aufbau des Angebots. Das Impressum weist die Autoren der Texte, für die je ein Mitarbeiter des Stadtarchivs zusammen mit mehreren Studierenden verantwortlich zeichnet, sowie die übrigen Beteiligten nach und verweist für weitere Informationen auf die Kontaktadresse des Stadtarchivs.

Inhaltlich behandelt der erste Themenblock mit dem Titel "Armut" (Franz-Josef Jakobi) die Ursachen und Ausprängen von Armut in der Geschichte. Der zweite Bereich "Vom Stiften" (Ralf Kl?tzer) stellt zunächst die zentralen Typen von archivalischen Quellen zum Stiftungswesen vor, informiert sodann über die vornehmlich religiösen Motive für die Errichtung von Stiftungen, über die wechselnden Konjunkturen im Stiftungswesen seit dem Mittelalter, über die Personengruppen, die als Stifter auftraten, und über die rechtlichen und organisatorischen Verfahren, welche die dauerhafte Existenz von Stiftungen sicherten. Weitere Abschnitte dieses Bereichs stellen verschiedene Formen sozialer Stiftungen wie Armenhäuer, Hospitäler, Studien- respektive Aussteuerstiftungen und Kapitalstiftungen zugunsten der Armen anhand von Münsteraner Beispielen, überwiegend aus der frühen Neuzeit, vor. Der dritte Themenblock unter dem Titel "Offene Armenfürsorge" (Hannes Lambacher) bietet einen historischen Abriss über deren Entstehung und Entwicklung vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert, wobei das Schwergewicht bei den Reformversuchen der Fürstbischöfe im 17. und 18. Jahrhundert und den daraus resultierenden Konflikten mit der Stadt Münster liegt. Der vierte Themenbereich "Leben in Armenhäusern" (Christine Schedensack) gibt eine Üersicht über die in Münster im Lauf der Jahrhunderte geschaffenen Einrichtungen der Anstaltsfürsorge sowie Einblicke in ihre wirtschaftlichen Grundlagen, ihre Leitung und Verwaltung sowie den Alltag und die Lebensbedingungen der hier untergebrachten Insassen.
Die Texte dieser vier Themenblöcke sind von unterschiedlichem Tiefgang. Zumal diejenigen des ersten Bereichs "Armut" sind ausgesprochen knapp und eher oberflächlich ausgefallen. Die Kapitel "Vom Stiften" und "Offene Armenfürsorge" bieten substantiellere Informationen und sprechen auch historische Entwicklungen an, während das "Leben in Armenhäusern" wiederum nur summarisch und unter weitgehendem Verzicht auf zeitliche Differenzierungen beschrieben wird. Letztlich kontrastiert in allen vier Bereichen der Versuch, gleich mehrere Jahrhunderte abzuhandeln, mit dem geringen Umfang der Texte; manche Vergröberungen und Verkürzungen sind die unausweichliche Folge. Ergänzt werden alle Texte durch zahlreiche Abbildungen von bildlichen und schriftlichen Quellen: Sie sind mehrheitlich gut ausgewählt und stehen in einem sachlichen Bezug zum nebenstehenden Text, werden durch diesen jedoch nur selten näher erläuert oder kommentiert. Von jeder Illustration führt ein Link zur entsprechenden Stelle des Quellennachweises. Ein solcher Quellennachweis existiert allerdings nur für die Abbildungen, während die in den Texten angeführten Informationen und selbst Zitate, sofern sie nicht den abgebildeten Dokumenten entnommen sind, unbelegt bleiben. Der fünfte Themenblock "Orte der Wohltätigkeit" (Ralf Klötzer) schließlich enthält eine Serie von Karten zu den sozialen Stiftungen in der Stadt Münster. Neben einer Übersichtskarte, die alle Stiftungen des gesamten Zeitraums von 1150 bis 2000 ausweist, zeigen sieben weitere Karten den Stiftungsbestand zu verschiedenen Epochen. Durch anklicken jedes eine Stiftung repräsentierenden Punktes auf den Karten gelangt man zur richtigen Stelle eines Verzeichnisses der Stiftungen, in dem zu jeder, soweit bekannt, grundlegende Angaben wie das Gründungsdatum, der Stifter, der Stiftungszweck und die spätere Entwicklung in Stichworten zusammengestellt sind.

Von der technischen Seite her ist das Angebot schlicht aufgebaut. Das hat den Vorteil, dass es rasch geladen und stabil ist. Andererseits aber werden die Möglichkeiten des Mediums Internet nur beschränkt genutzt. Die Verlinkung ist sehr spärlich. Innerhalb der einzelnen Themenblöcke kann nur über das Menu zu den einzelnen Abschnitten und Unterabschnitten sowie von den Abbildungen zum Quellennachweis respektive von den Kartenpunkten zum Stiftungsverzeichnis gesprungen werden, wobei bereits der umgekehrte Weg problematisch ist: So kann nicht im Quellennachweis ein beliebiges Objekt ausgewählt und dieses direkt angesteuert werden, sondern ein Klick auf den nebenstehenden Button führt immer zurück zur Seite, auf der man sich zuletzt befand. Zwischen den fünf Themenblöcken bestehen überhaupt keine Verbindungen, obwohl es sich angeboten hätte, beispielsweise diejenigen Textstellen und Abbildungen, die sich auf dieselbe Stiftung beziehen, mittels Links zu verknüpfen. Da auch keine Suchfunktion existiert, muss sich der Nutzer wie bei einem Buch ohne Index durch sämtliche Seiten hindurchlesen, um alle Informationen zu einer speziell interessierenden Einrichtung zu finden. Ein weiteres Manko ist, dass es keine PDF-Fassung der Texte zum herunterladen und benutzerfreundlichen Ausdrucken gibt. Auch lassen sich die Abbildungen nicht vergrößern, so dass die meisten der wiedergegebenen Dokumente unleserlich bleiben, was insbesondere im quellenkundlichen Abschnitt des Bereichs "Vom Stiften" bedauerlich ist. Nutzer, die sich für zusätzliche Informationsmöglichkeiten zum Thema interessieren, werden nicht fündig. Externe Links gibt es, außer zu den Seiten des Stadtarchivs und der Stadt Münster, nicht. Ebenso fehlt eine Bibliographie mit weiterführender Literatur. Erstaunlicherweise werden noch nicht einmal die einschlägigen Publikationstitel der beteiligten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Stadtarchivs angeführt. Auch ein Hinweis auf die etwas gekürzte und redaktionell überarbeitete Druckfassung der Internet-Präsentation, die im Jahr 2001 als Broschüre erschienen ist, fehlt im Rahmen der Präsentation; auf sie stößt man erst, wenn man von der Homepage des Stadtarchivs aus weiter unter der Rubrik "Aktuelles" recherchiert. Eine Aktualisierung und Weiterentwicklung der Web-Präsentation scheint nicht vorgesehen zu sein: Sie ist seit 2000 unverändert geblieben.

Für Fachhistoriker wird das Angebot insgesamt kaum von Nutzen sein: Sie sind in jeder Hinsicht besser mit den wissenschaftlichen Publikationen des Stadtarchivs und seiner Mitarbeiter bedient. Auch im Rahmen der universitären Lehre kann die Präsentation nur als erster Einstieg dienen, mangels Bibliographie und externer Links aber nicht zur vertieften wissenschaftlichen Arbeit hinführen. Für den Geschichtsunterricht an Schulen hingegen dürfte das Angebot eine nützliche Hilfe sein, obgleich es angesichts des Verzichts auf multimediale Elemente Jugendliche wohl nicht auf Anhieb zu fesseln vermag. In erster Linie aber kommt der Präsentation eine wichtige Funktion im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit des Stadtarchivs zu: Sie ist geeignet, der breiten Bevölkerung Einblicke in das soziale Engagement früherer Jahrhunderte und in ein spannendes Kapitel der Stadtgeschichte zu vermitteln und zugleich auf die Relevanz der Institution Stadtarchiv aufmerksam zu machen. Dass das Stadtarchiv Münster das Medium Internet als attraktives Schaufenster für seine Schätze und seine Arbeit zu nutzen weiß hat es in den letzten Jahren auch mit zwei weiteren Web-Präsentationen, nämlich zur "Kongressstadt Münster 1643-1649" und zur "Zwangsarbeit in Münster 1939 bis 1945" demonstriert.

[1] Vgl. vor allem die von Mitarbeitern des Stadtarchivs herausgegebene Reihe "Studien zur Geschichte der Armenfürsorge und der Sozialpolitik in Münster", in der bisher vier Bände erschienen sind: Franz-Josef Jakobi / Hannes Lambacher / Jens Metzdorf / Ulrich Winzer (Hg.): Stiftungen und Armenfürsorge in Münster vor 1800, Münster 1996 (Bd. 1); Thomas Küster: Alte Armut und neues Bürgertum. Öffentliche und private Fürsorge in Münster von der Ära Fürstenberg bis zum Ersten Weltkrieg (1756-1914), Münster 1995 (Bd. 2); Ralf Klötzer: Kleiden, Speisen, Beherbergen. Armenfürsorge und soziale Stiftungen in Münster im 16. Jahrhundert (1535-1588), Münster 1997 (Bd. 3); Franz-Josef Jakobi / Ralf Klötzer / Hannes Lambacher (Hg.): Strukturwandel der Armenfürsorge und der Stiftungswirklichkeit in Münster im Laufe der Jahrhunderte, Münster 2002 (Bd. 4).

Zitation
Beate Althammer: Rezension zu: Armut, Not und gute Werke. Soziale Stiftungen in Münster, in: H-Soz-Kult, 04.06.2004, <www.hsozkult.de/webreview/id/rezwww-43>.
Redaktion
Veröffentlicht am
04.06.2004