Titel
The World War I Document Archive.


Hrsg. v.
Hacken, Richard <Richard_Hacken@byu.edu> (Brigham Young University
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Holger Afflerbach

Auch unserer Generation ist es beschieden, eine Revolution miterleben zu dürfen – nämlich die Revolutionierung des Austauschs und der Archivierung von Wissen. Das world wide web ist dabei, vor unseren Augen zum größten Lexikon der Menschheitsgeschichte zu werden. Diese Enzyklopädie ist interaktiv, multimedial, und aktualisiert sich ständig, ist aber gleichzeitig noch unzuverlässig und lückenhaft.
Auch das Angebot zu historischen Themen wächst. Nur ein kleiner Teil dieser websites wird von Wissenschaftlern betrieben und genügt wissenschaftlichen Ansprüchen. Manche sind von Hobbyhistorikern betriebene Baustellen. Wieder andere sind Baupleiten, an denen seit Jahren nicht mehr gearbeitet wird. Und viele haben die Struktur eines Kram- und Trödelladens, in der sich die teilweise skurrilen Interessen ihrer Schöpfer widerspiegeln. Andere wiederum ähneln einem Antiquariat mit einem etwas zufälligen Sortiment, in dem man aber, beim Herumstöbern, interessante Entdeckungen machen kann.

Die hier vorzustellende website „The World War I Document Archive“ ist eine Baustelle – und ein Antiquariat. Beides ist, vielleicht, unvermeidliche Folge ihrer Entstehung: Diese englischsprachige website wird durch Freiwillige der „World War I Military History List“ erstellt. Da kann es nicht ausbleiben, dass die einzelnen Sektionen sehr ungleichmäßig entwickelt sind, je nach den Präferenzen der freiwilligen Beiträger. Das Angebot gliedert sich in die Punkte: Convention, Treaties and Official Papers; Documents per year (pre 1914 – post 1918); Diaries, Memorials, Personal Reminiscences; Special Topics and Commentaries; WWI Biographical Dictionary; WWI Image Archive; The Maritime War; The Medical Front; sowie nützliche) links zu anderen WWI Seiten.
Diese website möchte Primärquellen zum Ersten Weltkrieg zentral bereitstellen und rechnet offenbar auch damit, dass sie wissenschaftlich genutzt wird, denn dem Nutzer werden Zitierregeln an die Hand gegeben. Allerdings ist sie noch einiges davon entfernt, ein verlässliches wissenschaftliches Hilfsmittel zu sein. Denn das Angebot an Quellen ist ungleichmäßig, lückenhaft, zufällig. Wenn einer der Freiwilligen, die hier mitarbeiten, sich für Orden interessiert, dann erfährt der Nutzer allerlei über Orden und Auszeichnungen; während andere Fragen nur kurz gestreift oder überhaupt nicht erwähnt werden. Immerhin werden Dokumente und Akten aus den einschlägigen Aktenpublikationen (Weiß-, Rotbuch etc.), aber auch Buchexzerpte (Bernhardi: Deutschland und der nächste Krieg) in englischer Übersetzung bereitgestellt. Problematisch ist, dass viele Dokumente eine Frage nur streifen und keinesfalls erklären. Wer beispielsweise nicht schon im Voraus weiß, was es mit der Zabernaffäre auf sich hatte, wird durch den hier präsentierten Auszug aus einer Reichstagsrede Bethmann Hollwegs nicht ausreichend informiert werden.
Das Problem dieser website ist vielleicht ihr Ehrgeiz. Sie versucht Primärquellen zu allen möglichen Fragen des Ersten Weltkriegs anzubieten und deshalb fehlt ihr, trotz einer großen Menge hier offerierter Primärquellen, der Tiefgang. Die website ist „one mile wide, one inch deep“. Manche der Angebote sind noch nicht wirklich konkurrenzfähig. Das im Aufbau befindliche „Biographical Dictionary“ ist klein, manche der Eintragungen sind fehlerhaft und knapp, und insgesamt hält wäre hier ein Verweis auf Herwigs Biographical Dictionary of World War I [1] oder auf die von Hirschfeld/Krumeich/Renz herausgegebene Enzyklopädie des Ersten Weltkriegs [2] angebracht. Warum wird nicht in den Sektoren, wo die website noch nicht weit genug ist, ein bibliographischer Ausweg gewählt, ein Verweis auf andere Informationsquellen?
Die Fotosammlung stellt über 1800 Fotos unter den verschiedensten Rubriken (und in den unterschiedlichsten Qualitätsstufen) bereit. Diese Sammlung ist nützlich für die Vorbereitung von Powerpoint-Präsentationen und ähnliches.

Bei all dem darf natürlich nicht vergessen werden, daß es sich um das Werk von Freiwilligen handelt, die mit Elan und Enthusiasmus Dinge tun, für die andere bezahlt werden. Solange diese website so ist, wie sie ist, kann man in ihr herumstöbern. Dabei stößt man auf interessante Dinge, etwa Erlebnisberichte, die beispielsweise auf der Seite „The Medical Front“ zu finden sind. Der Bericht des Schiffsarztes der „Sydney“, des Kreuzers, welcher die „Emden“ zusammengeschossen hatte, ist besonders eindringlich. Der Arzt schildert, wie er, müde und erschöpft bis zum Umfallen, die zahlreichen britischen und deutschen Verwundeten operierte. Die Schilderung der furchtbaren Verletzungen und der begrenzten Behandlungsmöglichkeiten (es gab noch keine Blutkonserven, und Verbandszeug war knapp) ist oft grausig. Ebenso interessant und ungewöhnlich spannend zu lesen sind auch die Erinnerungen eines amerikanischen Arztes, der als Freiwilliger in der zaristischen Armee diente.

Fazit: Diese website sollte nicht als Hilfsmittel zum systematischen wissenschaftlichen Arbeiten benutzt werden. Sie lädt hingegen zum Stöbern und zum Sammeln von Anregungen ein, und wenn man sie besucht, dann kann es leicht geschehen, dass man sich im Netz festliest - wie das halt beim Besuch von Antiquariaten so ist....

Anmerkungen:
[1] Holger Herwig/Neil M. Heymann: Biographical Dictionary of World War I.,
Westport 1982.
[2] Gerhard Hirschfeld, Gerd Krumeich, Irina Renz (Hrsg.): Enzyklopädie Erster
Weltkrieg, Paderborn 2003

Zitation
Holger Afflerbach: Rezension zu: The World War I Document Archive, in: H-Soz-Kult, 25.06.2004, <www.hsozkult.de/webreview/id/rezwww-46>.
Redaktion
Veröffentlicht am
25.06.2004