Titel
Politische Begriffe nachschlagen [Bundeszentrale für Politische Bildung].


Rezensiert für H-Soz-Kult von
Kersten Schüßler

Rezension digital: "Politische Begriffe nachschlagen" - Vom Begriff nichts begriffen?

Was sind politische Begriffe? Was ist das Politische? Das Politische ist eine Entscheidung, schrieb 1922 ein Meister der Kürze, der politisch bedenkenlose Carl Schmitt. Als Staatsrechtler war Schmitt fasziniert von Formen einsamer Souveränität und dem Begriff der Diktatur. So zentral erschien sie für Schmitts Vorstellung vom Begriff des Politischen, dass er gar von der Diktatur der Volkssouveränität sprach. Das erscheint uns heute absurd.

Was also darf man in volksouveränen Zeiten unter Diktatur verstehen? Was unter Volkssouveränität? Wer den Begriff "Diktatur" im Online-Lexikon 'Politische Begriffe nachschlagen' der Bundeszentrale für Politische Bildung eingibt, bekommt aus dem Fundus gleich zweier Lexika 37 Treffer angezeigt. Es wird aus gut 1.300 kurzen Artikeln des "Politiklexikons" von Schubert/Klein mit von "ABC-Waffen" bis "Zweiparteiensystem" gesiebt. Und - je nach Grundeinstellung alternativ oder zusätzlich - aus dem "Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik" von Andersen/Woyke gefiltert, das mit 150 ausführlicheren Darstellungen über Institutionen, Verfahren sowie Zustände und Probleme des politischen Systems aufwartet. Nach einigen Mausklicks erfährt man in knapper Unterzeile, dass es sich bei der ersten lexikalischen Quelle um ein beim Verlag Dietz 2001 publiziertes Politiklexikon, bei letzterem um die 4. überarbeitete und aktualisierte Auflage eines Handwörterbuchs aus dem Jahr 2000 handelt (ohne Verlagsangabe).[1] Die erste Print-Auflage dieses Standardwerks stammt aus dem Jahr 1992.

Zurück zu unserer Eingabe. Die angezeigten Treffer zum Begriff Diktatur werden nicht hierarchisiert, sondern lediglich alphabetisch sortiert (wobei die Umlaute herausfallen s. Treffer Nr. 36/37). So bleibt nur, die mehr oder weniger lange Trefferliste zu durchforsten. Konkret sieht das so aus: Die Aufreihung beginnt mit einem Artikel über Auslandsdeutsche und endet mit einem über den Öffentlichen Dienst. So erfahren wir im ersten Artikel zunächst erst mal - nachdem man sich über das Untermenü drei Seiten weiter klicken musste -, dass "die deutschen Diktaturen des 20. Jahrhunderts [...] vor allem politisch motivierte Auswanderungswellen (bewirkten)". Nicht sehr hilfreich. Wer daraufhin auf gut Glück vom Ende der Liste her sucht, wird im Artikel "öffentlicher Dienst" über das "Treueverhältnis zum demokratischen Verfassungsstaat" (S. 2) informiert und darüber, dass "die nationalsozialistische Führerdiktatur zu einer "Verspätung" dieses Entwicklungsprozesses" (ebd.) geführt hat. Helfen solche Erkenntnisse? Um zu ihnen gelangen, muss man jedenfalls den Suchbegriff für jede Einzelseite des Artikels (in diesem Falle 7 Seiten) neu eingeben. Fahnden wir weiter nach relevanten Begriffsklärungen für "Diktatur". Die Trefferliste bietet dazu u.a. Artikel zum "Bundeskanzler", "Bündnis 90/Die Grünen", "China", "DDR", und "Enquete-Kommissionen". Treffer Nr. 12, ein Kurzartikel!, behandelt endlich die Diktatur. Doch: Hier informiert nur das Politiklexikon. So wird das Wesen der Diktatur zwar auf den Begriff gebracht, seine etymologische und historische Entstehung bleiben jedoch unberücksichtigt. Auch die noch knapperen Kurzerläuterungen zu Autorität, Despotie und Tyrannis verzichten auf eine historische Herleitung.

Vielleicht liegt es also am Begriff. Geben wir "Volkssouveränität" ein, spuckt das Lexikon 13 Treffer aus. Neben dem Kurzeintrag erläutert diesmal auch der Handwörterbuch-Artikel von Andersen/Woyke die historischen Entstehungsbedingungen des Begriffs. Weitere Versuche. Für "Demokratie" werden 163 Treffer angezeigt, für "Volk" sogar 274. Auch wenn man nun begriffen hat, dass in der Auswahl wiederum nach "Volk" zu fahnden ist, bleibt die Suche auf 19 Seiten ein Verwirrspiel. Was exotischere Begriffe anbelangt: Historisch interessante und erläuterungsbedürftige Phänomene wie der des "Ersatzkaisers" finden nur randständige Erwähnung, zu solchen wie der im ostasiatischen Raum gebräuchlichen Wendung "gelenkte Demokratie" oder gar DDR-Alltagsbegriffe wie Fünfjahresplan oder Subotnik erscheint gar kein Eintrag. Den Verfassungsrat kennt das Lexikon zwar für Frankreich, nicht aber für die Schweiz. Schließlich leuchtet die Auswahl der internen Links wenig ein. Man ist nicht überzeugt.

Doch, um noch einmal den Begriffstheoretiker Carl Schmitt zu bemühen: Es zählt ja auch das Ästhetische. Die Seite sieht gut aus, so auf den ersten Klick. So in etwa wie die vom Deutschlandradio. Dezente Farben, aber nicht behördliches Knallblau, sondern sanftes Hellblau, Burgunder und Hellgrau auf weißem Grund. Doch bald fragt man sich tränenden Auges: Wozu eine so kleine Schrift? Wofür der allzu breite weiße Rand rechts und links, wenn neben den teils 8,5 Punkt kleinen Zeichen winzige Pfeilchen, Bälkchen und Zierpünktchen den Durchblick ermüden? Warum ist eigentlich so schlecht ersichtlich, auf welcher Ebene der Suche man sich befindet, mit welchem Suchwort in welcher Rubrik man sich beispielsweise aufhält? Und schließlich: Warum werden die Möglichkeiten des Webs - externe Links, Bilder, Töne, Foren, Rückkanäle und Interaktivität nicht genutzt?! Das gilt nicht nur für die externen Links. Auch die internen lassen zu wünschen übrig. So könnte man eigentlich erwarten, dass in den Literaturhinweisen - die zumindest im Handwörterbuch angeboten werden - ein Artikel der Zeitschrift "Aus Politik und Zeitgeschichte" direkt mit dem Volltext verlinkt wird, aber weit gefehlt. Es existiert lediglich eine Verknüpfung mit dem Lexikon zum Begriff "Zeitgeschichte".

"Politische Begriffe" bescheidet sich damit, zwei nicht mehr brandaktuelle Lexikon-Inhalte, die auch Online nicht weiter aktualisiert werden, ins Netz zu stellen. Dazu eine einfache Suchmaschine. Dem Auftrag, über Gesellschaft und Politik zu informieren, wird hier in schlichtester Form nachgekommen. Wenigstens eine - wie bei jeder Tageszeitung übliche - Hierarchisierung der Treffer nach Wichtigkeit sollte eigentlich möglich sein. Doch mehr als die Lexikon-Inhalte war und ist eben nicht drin.

Nun lobt die Bundeszentrale, 'Politische Begriffe' sei sein zehnthäufigst nachgefragtes Online-Angebot. Was sagt uns das über die absolute Nutzung? Zum Schnelltest gibt man also "Politische Begriffe" unter ‚Google' ein und stellt fest: Das Angebot erscheint ganz zuoberst, scheint also tatsächlich oft genutzt zu werden. Man stelle sich also eine Schülerin des 11. Jahrgangs oder einen Studienanfänger vor, junge Menschen, die aus diesem Reservoir über das Thema "Diktatur" recherchieren und etwas zusammen schreiben. Was bleibt ist jede Menge Information ohne begriffsgeschichtlichen Hintergrund. Doch wer den Begriff verfehlt, verfehlt leicht das Thema. Wohl dem der sich das Fehlende zu "ergoogeln" weiß oder bei ständig aktualisierten Online-Enzyklopädien wie 'Wikipedia'[2] nachschaut. Das Fazit: Man fühlt sich wie man sich beim Ladenbesuch bei der Bundeszentrale so oft gefühlt hat. Da liegen eine Menge sinnvolle, politisch korrekte Informationen herum. Aber man kriegt selten genau das, was man sucht. Sondern das, was es eben gibt. Und dieser Versorgungsgeist hatte immer schon jenen Hauch von gutmenschenartiger Fremdbestimmung, die von vielen als nicht unbedingt attraktiv empfunden wird.

Anmerkungen:
[1] Eine Recherche im Katalog der Deutschen Bibliothek ergibt, dass es seit 2003 eine 5. aktualisiert Ausgabe gibt und es sich um eine Publikation aus der Schriftenreihe der Bundeszentrale für Politische Bildung handelt.
[2]http://de.wikipedia.org/wiki/Hauptseite

Zitation
Kersten Schüßler: Rezension zu: Politische Begriffe nachschlagen [Bundeszentrale für Politische Bildung]. , in: H-Soz-Kult, 02.07.2004, <www.hsozkult.de/webreview/id/rezwww-47>.
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Veröffentlicht am
02.07.2004
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