Das ökumenische Heiligenlexikon

Titel
Ökumenisches Heiligenlexikon.


Hrsg. v.
Schäfer, Joachim <webmaster@heiligenlexikon.de>
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Peter J. Bräunlein

Für die Religion des Christentums sind Heilige fraglos von elementarer Bedeutung. Zu den Heiligen zählen, neben den bekannten Angehörigen der Heiligen Familie, Apostel und Engel jene verstorbene Menschen, die –im christlichen Sinne – ein beispielhaftes Erdenleben führten. Die Heiligenverehrung begann in der Zeit der Christenverfolgung und die ersten Heiligen waren dementsprechend Märtyrer. Hinzukamen alsbald Asketen und Bekenner, d.h. Menschen, die zwar Verfolgung erlitten, aber nicht getötet wurden. Ab dem 6. Jh. wurde das Verlesen von Heiligenlisten Bestandteil der Liturgie. Der Glaube an (Heilungs-)Wunder, der Reliquienkult und das Pilgerwesen gehören zur Heiligenverehrung, ebenso die im Abendland übliche Namensgebung wie der Kult um lokale, regionale und nationale Schutzheilige bis hin zur politischen Inanspruchnahme von Heiligen, wie sie sich in immer neuen Verfahren von Selig- und Heiligsprechungen des Vatikan ablesen lässt. Die Heiligenverehrung ist jedoch keineswegs auf den Katholizismus beschränkt, der sie institutionell, d.h. auch rechtlich verankert hat. Heilige nehmen durchaus auch im orthodoxen Christentum, in der anglikanischen Kirche und in protestantischen Kirchen eine wichtige Stellung ein. Letzteres mag verwundern, war doch die Kritik, ja Ablehnung der Heiligenverehrung ein Charakteristikum der Reformation. Zwar ließ sich an der einschlägigen Ablehnung der Heiligenverehrung durch der Zwinglianer und Calvinisten nicht rütteln: im Luthertum allerdings war das Heiligengedächtnis keineswegs zur Gänze ausgemerzt, und im Pietismus gar erlebte jene „Herzsinnigkeit und Gotterhobenheit“, die die mittelalterlichen mystischen Heiligen ausgezeichnet hatten, eine regelrechte Wiederbelebung. In der Moderne schließlich scheint das Bedürfnis nach Menschen, die als Vorbilder im religiösen, d.h. vor allem im ethisch-moralischen Sinne fungieren, zu wachsen. Dietrich Bonhoeffer ist solch eine vorbildhafte Persönlichkeit, dessen Ermordung am 9. April im KZ Flossenbürg als Gedenktag sowohl im anglikanischen wie im evangelischen Kalender vermerkt ist. Unterschiede in der Heiligenverehrung der einzelnen christlichen Konfessionen zeichnen sich nicht im Grundsätzlichen, sondern in der Praxis ab.
Jene schwer überschaubare Masse an Personen, denen das Attribut ‚heilig’ zugesprochen wird, wurde in der Neuzeit zum historiographischen Problem. Im 17. Jh. wurde mit den ‚Acta Sanctorum’ die quellenkritische Aufarbeitung von Heiligenviten eingeleitet. Die Bemühungen des Jesuiten Jean Bolland und seiner Arbeitsgruppe hob nicht nur die einschlägige religionsgeschichtliche Forschung und Editionstechnik auf ein neues Niveau, sondern sie gelten seither auch als Beispiele erster methodischer Quellenkritik.
Heilige und ihre Lebensgeschichten sind somit nicht nur für die Religionsgeschichte des Christentums, sondern auch für die Geschichtswissenschaft von erheblicher Bedeutung. Nicht zuletzt haben Heilige auch in der Spätmoderne nicht an Faszination verloren.

Dem daraus resultierenden Informationsbedürfnis kommt die Onlineressource www.heiligenlexikon.de entgegen. Es handelt sich um die derzeit umfangreichste Internet-Quelle zu Lebensgeschichten und Legenden von derzeit „über 3500 Männer und Frauen, von Heiligen, Seligen und wichtigen Persönlichkeiten der katholischen Kirche, der orthodoxen Kirchen, aus den protestantischen Kirchen, und aus der anglikanischen Kirche“. [1] Dementsprechend wird das Lexikon als ökumenisches ausgewiesen. Wie aus dem Impressum ersichtlich wird, ist die Website eine Initiative des evangelischen Pfarrers Joachim Schäfer (Stuttgart). Schäfer hebt sein Bemühen um konfessionelle Unabhängigkeit bei der Informationssammlung und -darstellung hervor. Zuverlässigkeit des Datenmaterials wird angestrebt, doch liegen dem Unternehmen keine wissenschaftlichen Interessen und Ambitionen zugrunde. „Das hierzu erforderliche ausgiebige Quellenstudium ist uns in der Regel nicht möglich. Aber das Ökumenische Heiligenlexikon ist nicht zuletzt aus Ärger darüber entstanden, dass die Angaben in den vorliegenden Heiligenverzeichnissen oft widersprüchlich oder sogar offensichtlich falsch sind. So bemühen wir uns um Aufklärung und möglichst verlässliche Angaben durch sorgfältige Recherche“, schreibt Schäfer. [2] Quellengrundlagen sind: der katholische Generalkalender, der im Anschluss an das 2. Vatikanum überarbeitet wurde, sowie die verschiedenen Regionalkalender für Deutschland; der evangelische Namenkalender, wie er von der Evangelischen Michaelsbruderschaft des Berneucher Hauses erstellt und 1969 von der EKD freigegeben wurde; dessen ökumenische Fassung, die seit 1976 existiert, und sich an den katholischen „Regionalkalenders für das deutsche Sprachgebiet“ anlehnt. Hinzukommen online-Resourcen wie die catholic encyclopedia und das biographisch-bibliographische Kirchenlexikon.

Die Heiligenviten des Lexikons sind durchgehend knapp gehalten. Außer gelegentlicher Hinweise auf die catholic encyclopedia, das biographisch-bibliographische KirchenLexikon oder den catholic information service, fehlen Quellenverweise. Jede Seite lässt sich zum Ausdruck optimieren. Angeboten wird über Google-Übersetzungsmaschinen der Text in Französisch und Englisch. Ebenso angeboten wird die Möglichkeit zur Kritik, Ergänzung und Kommentar durch die Leser über ein E-mail Fenster .

Zahlenmäßig überwiegen die Viten katholischer Heiliger, was nicht verwundert. Die große Zahl orthodoxer Heiliger wird zwar unter der Option Kalender für den jeweiligen Tag aufgelistet, ist jedoch nur zum geringeren Teil einzeln aufrufbar.

Öffnet man das Ökumenische Heiligenlexikon wird man zuallererst über den aktuellen Tagesheiligen informiert. Unmittelbar finden sich die „Schlagzeilen des Tages“ (über Spiegel-online); „der Tag in der Geschichte“ (als pop-up des Harenberg-Kalenders), prominente Geburtstage (www.info-kalender), und die Rubrik „heute in den Feuilletons“ (www.perlentaucher).

Die Suchfunktionen sind übersichtlich und das Design unterstützt die Funktionalität. Für die Lexikon-Recherche finden sich in der Menüleiste folgende Möglichkeiten: Biographien (aufrufbar nach Anfangsbuchstaben), Kalender (nach Monaten und Tagen, sowie eine Übersicht der beweglichen Festtage); Geschichte (Tabellarisch: vor Christus, Geschichte Israels, die Jahrhunderte nach den Todestagen der Heiligen); Orte (Europas, und anderer Kontinente); Patronate (gegliedert nach: Berufe, Gruppen, Krankheiten, Orte, Sachen, Tiere, Widerfahrnisse); Attribute (von ‚Ackergerät’ bis ‚Zange’); Glossar (z.B. ‚Acta Sanctorum’, ‚Arianismus’, ‚Gnosis’, ‚Nothelfer’, ‚Opus Dei’ etc.); Orden (von ‚Antoniter’ bis ‚Zistenzienser’); Vornamen (Liste der beliebtesten Vornamen nach Mitteilungen der Gesellschaft für deutsche Sprache); Grundlagen (Verehrung, Quellen, Heilige für Protestanten?, Heiligsprechung, Namenstag, Literatur, andere Lexika, FAQ, Impressum).

Das Ökumenische Heiligenlexikon richtet sich nicht an Fachwissenschaftler. Und selbst für Lehrer und Schüler der Fächer Philosophie, Ethik, Religion dürfte der Gewinn eher bescheiden ausfallen, zumal die bloße Kenntnis eines Heiligennamens, seines Patronats und einiger legendenhafter Überlieferungen nicht sehr viel über religions- und profangeschichtliche Zusammenhänge aussagt.
Die Funktion des Ökumenischen Heiligenlexikons besteht eher darin, lebenspraktischen und spirituellen Bedürfnissen der Zeit nachzukommen. Dienlich ist das Lexikon der Suche nach einem geeigneten Vornamen, nach dem zuständigen Berufs- oder Lokalpatron, nach einem Namenstag oder Heiligenattribut. Auch für mannigfaltige existentielle Nöte und Unwägbarkeiten des Lebens lassen sich die jeweils zuständigen Heiligen finden: z.B. Augustinus für gute Augen, Aloisius von Gonzaga für die richtige Berufswahl, Joseph von Copertino für gute Prüfungen, Barnabas bei Betrübnis, Matthias zum Schulbeginn von Jungen, Guntmar von Nivesdonck gegen bösartige Ehefrauen, Achatius für Stärkung in Zweifeln, Maria und Konrad von Parzham in allen Nöten, u.dgl.m.

Das Ökumenische Heiligenlexikon ist kein Werkzeug für die religions- oder kirchengeschichtliche Forschung. Als quasi-religiöses Gegenwartsphänomen ist es vielmehr selbst Gegenstand einer gegenwartsbezogenen Religionsforschung. Das, was Thomas Nipperdey als „vagierende Religiosität“ bezeichnet, nämlich Religion abseits der Institution Kirche, aber auch Formen säkularer Sinnstiftung finden Nahrung u.a. über die Beschäftigung mit Heiligenlegenden. Das Ökumenischen Heiligenlexikon propagiert nichts anderes als das, was das Christentum seit dem 18. Jh. kultivierte: die Lektüre erbaulicher Schriften. Vielleicht ist das Heiligenlexikon ja tatsächlich für nicht wenige Nutzer eine Ressource, die gegen die Zumutungen der Moderne zu wappnen vermag. Sie ermöglicht die Begegnung mit Heiligen und deren Inanspruchnahme für eigene Zwecke - entlang selbstentworfener Gebrauchsanleitungen und ohne Bekenntniszwang.

Anmerkungen:
[1] Schäfer, Joachim: http://www.heiligenlexikon.de/ (12.08.2004)
[2] Schäfer, Joachim: http://www.heiligenlexikon.de/index.htm?Grundlagen/FAQ.htm (12.08.2004)

Zitation
Peter J. Bräunlein: Rezension zu: Schäfer, Joachim <webmaster@heiligenlexikon.de> (Hrsg.): Ökumenisches Heiligenlexikon. , in: H-Soz-Kult, 28.08.2004, <www.hsozkult.de/webreview/id/rezwww-55>.
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Veröffentlicht am
28.08.2004
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