Lateinamerika-Studien Online: Lerneinheiten zum Modul Geschichte/Politik

Titel
Lateinamerika-Studien Online: Lerneinheiten zum Modul Geschichte/Politik.


Hrsg. v.
Kaller-Dietrich, Martina
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Andrea Weindl

Obwohl das Internet nun schon über zehn Jahre auch an deutschsprachigen Universitäten mehr oder weniger intensiv genutzt wird, sind frei zugängliche Unterrichtsprogramme doch eher selten. Dabei bietet das Medium hervorragende Möglichkeiten, Studierenden die Grundlagen von Fachrichtungen, die sich mit einer vergleichsweise geringen Anzahl von Lehrstühlen oder Instituten bescheiden müssen, zu vermitteln. Diese Lücke für das weite Feld der Lateinamerika-Studien zu schließen hat sich die Website LASON zur Aufgabe gemacht.

www.lateinamerika-studien.at ist die offizielle Website des österreichischen Projektes "Lateinamerika-Studien Online" und ist aus einem vom österreichischen Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur zwischen 2001 und 2002 geförderten Programm hervorgegangen. Mitarbeiter aus sechs verschiedenen Instituten der Universitäten Wien und Innsbruck der Fachbereiche Ethnologie, Geografie, Wirtschaft und Lateinamerikakunde bieten Lernmaterialien zum Thema, um den "Mangel einer institutionalisierten Lateinamerikaforschung an österreichischen Universitäten" [1] auszugleichen. Die Website wendet sich an Studierende, Lehrende, SchülerInnen, JournalistInnen, MitarbeiterInnen der Entwicklungszusammenarbeit sowie TeilnehmerInnen am Interdisziplinären Lehrgang für höhere Lateinamerika-Studien des Österreichischen Lateinamerika-Instituts. Neben Ilias, einem geschlossenen Kommunikationssystem, das nur Teilnehmern bestimmter Lehrveranstaltungen zur Verfügung steht, bietet die Website ein relativ breites und ausbaufähiges Lehrangebot.

Die öffentlich zugänglichen Materialien unterteilt das Redaktionsteam in Lerneinheiten, Lernpfade und so genannte Rich Media (multimediale Präsentationen). Vor allem die Lerneinheiten sollen die Möglichkeiten, die das Internet in Form von Vernetzungen und Sprüngen zulässt, nutzen. Insgesamt werden inzwischen fünfzehn Lerneinheiten angeboten, wobei je fünf bzw. sechs davon auf Geschichte/Politik und den Interdisziplinären Lehrgang für Höhere Lateinamerika-Studien entfallen und je zwei bzw. eine auf die Themengebiete Kultur, Natur und Wirtschaft. Jeder Lerneinheit werden eine Sitemap und eine Mindmap beigestellt, die ebenso wie die die internen Links zu verschiedenen Schlüsselbegriffen und Schlagworten das Navigieren innerhalb der Lerninhalte erleichtern.
Allerdings unterscheiden sich die einzelnen Lerneinheiten nicht nur hinsichtlich der Qualität der Texte, sondern auch im Hinblick auf Vernetzung und damit Nutzbarkeit jenseits der Linearität. Während die Kapitel zur Geschichte Brasiliens zwischen 1889 und 1985 und der Überblick über die Geschichte Lateinamerikas im 19. und 20. Jahrhundert einen recht guten Einstieg in die jeweilige Thematik bieten mit der Möglichkeit schneller Navigation im Text, werden diese Möglichkeiten in der Lerneinheit über "Mais-Ernährung und Kolonialismus in Amerika" und dem Überblick über Geschichte und Politik der Einzelstaaten Lateinamerikas und der Karibik kaum genutzt. Wieso beispielsweise zwar die Bedeutung des Mais im Sklavenhandel an der afrikanischen Küste erwähnt wird, ebenso wie diejenige für die Ernährung der Sklaven in Übersee, beide Phänomene jedoch durch keinen Link verbunden, in weit auseinanderliegenden Kapiteln stehen, bleibt der Rezensentin ein Rätsel. Gerade in solchen Fällen könnten die Möglichkeiten des Internets ausgiebiger ausgeschöpft werden, auch weil die Texte in sich eher knapp gefasst werden, was aber nur dann nicht zu Defiziten führt, wo interne Verweise vorgenommen werden.
Die Texte zu Geschichte und Politik der Einzelstaaten bieten ohnehin nicht viel mehr als gekürztes Handbuchwissen aus dem Politischen Lexikon Lateinamerika [2] , so dass die Texte lediglich einer oberflächlichen Informationsgewinnung dienen mögen. Die Mindmaps der Lerneinheiten durchbrechen die geschickt gewählten unterschiedlichen farblichen Leitlinien der Fachbreiche und Themengebiete. Das mag die Farbenpracht erhöhen und schön aussehen, dient aber nicht unbedingt einem durchgängigen Design der Plattform.
Weitaus eingängiger erscheinen dagegen die Lerneinheiten zum Thema Kultur, Natur und Wirtschaft. Letzterer vermittelt vor allem Wirtschaftstheorie anhand typisch lateinamerikanischer Problemstellungen, ein Angebot, das auch an deutschen Universitäten, die explizit Lateinamerikastudiengänge anbieten, oft fehlt.

Die Lektionen des Lehrgangs für Höherer Lateinamerikastudien tragen vor allem den Charakter von Vorlesungsreadern und beinhalten neben den Lehrtexten auch Vorträge, Abstracts und studentische Hausarbeiten.

Ergänzt werden die meisten Lerneinheiten von interaktiven Tests. Diese fragen vor allem Schlüsselbegriffe ab und überprüfen auf diese Art zumindest das Leseverständnis der Nutzer.
Bibliographien und externe Links runden das Angebot ab. Allerdings hätte man sich auch bei den Literaturangaben im Text mehr Vernetzungen gewünscht. So muss wieder virtuell geblättert und gesucht werden.
Neben diesen Lerneinheiten bietet LASON zwei Lernpfade, einen zur Kubanischen Revolution und einen zu Gender-Studien in Lateinamerika. Die bewusst nur linear strukturierten Lernpfade werden vom Redaktionsteam aus Teilen der Lerneinheiten neu zusammengestellt. Ihnen fehlen interne und externe Links, doch lässt sich über einen Button jederzeit an die entsprechende Stelle der Lerneinheit springen, so dass trotz durchgängigem Fließtext eine Verbindung zum Kontext erhalten bleibt. Inhaltlich bieten die Lernpfade einen Einstieg in die Themengebiete. Es liegt am Aufbau des Lehrangebots, dass Detailgenauigkeit und Spezialistenwissen oftmals der Einordnung in größere weltpolitische oder lateinamerikanische Zusammenhänge zum Opfer fallen. Doch hier liegen eben auch die Vorteile des Mediums. Der exakte Ablauf der kubanischen Revolution lässt sich auch über einschlägige Monographien in Erfahrung bringen. Leider werden auch hier die Vernetzung von Literaturangaben vermisst. Von einem Einzelaspekt des Lernpfads zur Lerneinheit, dort die Literaturangabe suchen, um sie dann in der Bibliographie unter dem entsprechenden Buchstaben in vollständiger Form zu erfahren, erscheint doch ein etwas mühsamer Weg.

Als drittes Modul bietet LASON den Studierenden die so genannten Rich media. Das sind multimediale Präsentationen, die im Prinzip wie Diashows mit Untertiteln gestaltet sind. Alle drei Shows basieren auf einer Magisterarbeit zur Stellung der Frau bei den Tarahumara. Als Ergänzung zu dieser Arbeit, die sich als PDF-Datei herunterladen lässt, bzw. zum Vortrag derselben Autorin bei der Jahrestagung der ARGE Österreichische Lateinamerika-Forschung 2002 -innerhalb der Lerneinheiten aus dem Lehrgang für Höhere Lateinamerikastudien abrufbar-, mögen die Rich media durchaus sinnvoll und informativ sein. Für sich stehend geht ihr Charakter allerdings nicht über das Niveau eines Urlaubs-Dia-Vortrags mit kulturkritischen Anmerkungen hinaus. Einige Bildunterschriften wie etwa: "Manche Tarahumara sind dem mestizischen und nationalstaatlichen Assimilationsdruck nicht gewachsen und glauben die Werte der eigenen Kultur ablehnen zu müssen" unter einem Foto von zwei etwa zehnjährigen Jungen, die das Batman-Auto eines Kinderkarussells betrachten [3], lassen gar auf ein etwas paternalistisches Kulturverständnis der Autorin schließen. Das Navigieren innerhalb der Rich Media ist leider nur eingeschränkt möglich. So lassen sich die Bildfolgen zwar unterbrechen, stoppen und wiederholen, beschleunigen lassen sie sich nicht. Das muss man nicht als großes Manko ansehen, doch ermöglichte eine entsprechende Vorrichtung den Nutzern die Bildfolgen an individuelle Aufnahmegeschwindigkeit und Interessenlage anzupassen und ließe sich möglicherweise relativ einfach verwirklichen.

Sehr hilfreich für Laien und Fachpublikum ist sicherlich die Datenbank zur österreichischen Lateinamerikaforschung, die eine Suche nach ForscherInnen des Landes und Lehrveranstaltungen nach Fachgebieten, Themenschwerpunkten und Namen ermöglicht. Die Linksammlung zu weiterführenden Forschungseinrichtungen und Netzangeboten bietet die gängigen Webadressen vorwiegend nach Ländern geordnet und zeichnet sich durch große Übersichtlichkeit aus.

Trotz des ein oder anderen Kritikpunktes ist LASON ein nützliches und hervorragend durchkonzipiertes Lehrangebot im Netz. Die Struktur der Website ermöglicht den Ausbau des Angebots ohne der Übersichtlichkeit zu schaden, so dass auf ein Anwachsen des Inhalts gehofft werden darf. Ebenso ist die bereits angekündigte Dreisprachigkeit, die sich bis dato weitgehend auf die Einführungsseiten beschränkt, mit der Bereitstellung entsprechender Mittel relativ leicht umsetzbar.

Anmerkungen:
[1]http://www.lateinamerika-studien.at/de/index.htm
[2] Waldmann, Peter/ Krumwiede, Heinrich-Wilhelm: Politisches Lexikon Lateinamerika. C.H. Beck, 3. Aufl., München 1992.
[3]http://www.lateinamerika-studien.at/content/richmedia/kunsthandwerk.html.

Zitation
Andrea Weindl: Rezension zu: Lateinamerika-Studien Online: Lerneinheiten zum Modul Geschichte/Politik, in: H-Soz-Kult, 25.09.2004, <www.hsozkult.de/webreview/id/rezwww-59>.