Titel
the unwanted.


Hrsg. v.
[Projektleitung] Oswald, Anne von; Schmelz, Andrea; Ohliger, Rainer [Mitarb. des Netzwerks Migration in Europa e.V] <info@network-migration.org>
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Michael Schubert

Die Charakterisierung des ‚kurzen‘ 20. Jahrhunderts als „Jahrhundert der Flüchtlinge“ ist seit Carl Wingenroths Aufsatz von 1959 [1] zu einem zu Recht oft zitierten Gemeinplatz der (historischen) Migrationsforschung, aber auch der politischen Diskussionen um Flucht und Vertreibung geworden. Der Erste Weltkrieg und insbesondere die aus ihm folgende Neuordnung der politischen Landkarte bilden eine Zäsur in der europäischen Wanderungsgeschichte. [2] Die Gesamtzahl der Flüchtlinge, Vertriebenen und Umsiedler in Europa lag in Folge der politischen Veränderungen nach dem Ersten Weltkrieg allein in der Mitte der 1920er Jahre bei annähernd 10 Millionen Menschen. [3] Für den Zweiten Weltkrieg insgesamt ist nochmals von 50–60 Millionen Deportierten, Kriegsflüchtlingen und Vertriebenen auszugehen. [4] Die zwangsweisen Massenwanderungen setzen sich nach dem Zweiten Weltkrieg in Form von Flucht, Vertreibung und Deportation der Deutschen aus Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa fort. Mit dem genozidalen Bürgerkrieg in Jugoslawien und den daraus folgenden Konsequenzen der Flucht in Richtung Westen schließt das europäische 20. Jahrhundert auf vermeintlich prädestinierte Weise: Im 1918 verkündeten Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen (1931 Königreich Jugoslawien), der dann 1945 gegründeten Volksrepublik Jugoslawien, gerade hier – auf dem ‚Balkan‘ – bricht die politische europäische Ordnung des 20. Jahrhunderts auf enorm gewaltsame Weise auseinander.

Diesem Jahrhundert der Flüchtlinge widmet sich das Netzwerk Migration in Europa e.V. mit seinem Internetportal „The Unwanted“. Die Seite nimmt damit den Titel des 1999 in deutscher Sprache erschienenen Standardwerks des kanadischen Historikers Michael Marrus zum Thema europäischer Flüchtlinge [5] auf und – das sei an dieser Stelle schon vermerkt – ist insgesamt sehr forschungskundig, was sich nicht zuletzt durch die knappe aber das Wesentliche erfassende, räumlich ordnende Bibliographie zeigt (siehe unter ‚Quellen und Material‘). Anhand dreier Beispiele, dem griechisch-türkischen Bevölkerungstausch nach dem Vertrag von Lausanne 1923, der Vertreibung und Umsiedlung in Polen und Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg und letztlich der Vertreibungen und dem Völkermord in Bosnien-Herzegowina seit dem Frühjahr 1992, nähert sich „The Unwanted“ dem Thema Flucht und Vertreibung. Das Herzstück des Internetportals, welches sich an Schüler/innen ab 14 Jahren, Studenten/innen, Lehrer/innen, Lernende der Erwachsenenbildung, sowie historisch-politisch Interessierte richtet, bildet der Zugang zu den etwa 16 Zeitzeugeninterviews. Systematisiert nach neun Fragekomplexen, wie "Kindheit, Jugend und Familie", "Überleben in der Not", "Neuanfang" und "Fremdheit" schildern die Betroffenen in deutscher Übersetzung und von professionellen Sprechern gesprochen ihre Flüchtlings- und Vertreibungserfahrungen. Authentizität geht dadurch gewiss verloren, doch wird man belohnt von leicht zugänglichen Texten, die auf nur durch die Leitfragen gestützte Interviews schließen lassen. Der Informationsgehalt der Interviews liegt weniger in der methodisch klar abgesicherten Vergleichbarkeit der Texte, mithin nicht in ihrer wissenschaftlichen Aufarbeitung, als vielmehr in der hervorragenden Beschreibung persönlicher Geschichten und ihrer Einordnung in das betreffende Flucht- und Vertreibungsgeschehen: Jede themenspezifische Interviewpassage verweist nicht nur auf einen kleinen biographischen Abschnitt zur gefragten Person, sondern darüber hinausgehend sogar auf passende Photos, Kartenmaterial, Literatur und andere Medien und weiterführende Links. So werden einem z.B. beim persönlichen Fluchtschicksal einer 1927 in Breslau geborenen, im Januar 1945 mit der Mutter vor der Roten Armee geflohenen Frau (die Personen sind mit Photo und Namen nicht anonymisiert) gleichzeitig Familienfotos präsentiert, die zentrale Fachliteratur von Wlodzimierz Borodziej/Hans Lemberg über Albrecht Lehmann bis zu Philipp Ther sofort vorgeführt (z.T. kommentiert) [6] und Hinweise auf eine Liste der Orte Schlesiens in polnischer und deutscher Sprache sowie auf die Literaturdatenbank des Herder Institutes zur Geschichte Ostmitteleuropas gegeben. Lediglich ein Link zu der leider insgesamt allzu knapp geratenen Beschreibung des historischen Hintergrunds (unter "Projekt: Fallbeispiele") wäre hier noch wünschenswert gewesen.

Die drei Fälle europäischer Flucht und Vertreibung repräsentieren sicherlich nur einen stark begrenzten und exemplarischen Zugang zum gesamten Flucht- und Vertreibungsgeschehen des 20. Jahrhunderts. So kommt z.B. die aus ethnischer, politischer und kultureller Verfolgung motivierte Flucht aus dem nationalsozialistischen Deutschland und dem von Deutschland besetzten Europa nicht vor und auch die politische Flucht aus dem Spanien des Bürgerkrieges wäre sicherlich einen Themenkomplex wert. Liegt die Auswahl der Themen durchaus auch in der Beschränkung der im Netzwerk Migration kooperierenden Länder begründet (Deutschland, Polen, Türkei, Griechenland, Bosnien), so ist der Ausbau des Internetportals unbedingt wünschenswert, da die Seite eine sehr sachkundige Heranführung an das Thema im Meer der oftmals monadenhaften und unzusammenhängenden Informationen im Internet darstellt. Das Lesen von Fachliteratur zur Migrationsgeschichte wird durch die Seite freilich nicht ersetzt (und soll durch sie gewiss auch nicht entfallen).

Unbedingt z.B. durch Literaturhinweise ergänzt und z.T. auch inhaltlich überprüft werden sollte das kleine Sach- und Personenlexikon des Portals: Hier finden sich z.B. Erklärungen für ethnische und rechtliche Kategorien, für Ereignisse und Orte, aber auch für Sachbegriffe, die ihren Stellenwert gerade aus der Unterscheidung zwischen alltäglicher, vielleicht auch politischer und wissenschaftlicher Definition erhalten (z.B.: Assimilation, Genozid, Diaspora, Nation, Volk). Im Falle der "Assimilation" z.B. sollte klarer differenziert werden zwischen zeitgenössischen Selbstbeschreibungen anvisierter Politik und historiographischen Beschreibungen von Eingliederungsprozessen.

Die gut gestaltete Suchfunktion stellt nach vielfältigen Stichworten geordnet optional alle Materialien des Portals zusammen und zeigt damit alle Möglichkeiten der Verknüpfungen auf (auch wenn der eine oder andere Hinweis ein toter Link ist). Eine gerade bei der ersten Erkundung der Seite herbeigesehnte "Sitemap" fehlt leider. Der Einstieg im Internetportal wird ausdrücklich über die Schaltfläche "Zeitzeuge"‘ empfohlen. Der gegen derlei Empfehlungen resistente Historiker, der die Seite mit der ihm sogleich bekannt vorkommenden "Zeitleiste" eröffnet, wird enttäuscht ob der unübersichtlichen und eher zu filigranen Gestaltung dieser Option und der allzu geringen Informationen zu einzelnen Ereignissen im 20. Jahrhundert. Doch dies ist letztlich Krittelei, angesichts einer sehr informativen, ausbaufähigen und gerade bei "Zeitzeugen" hervorragend verknüpften Internetseite. Sie sei nicht nur den angegebenen Zielpersonen, sondern auch Historikern, die eine erste Annäherung an das Thema Flucht und Vertreibung im 20. Jahrhundert suchen, unbedingt empfohlen.

[1] Wingenroth, Carl D., Das Jahrhundert der Flüchtlinge, in: Außenpolitik 10. 1959, S. 491–499.
[2] Insbesondere zu den migrationspolitischen Ursachen und Konsequenzen dieser Zäsur zuletzt: Oltmer, Jochen, Flucht, Vertreibung und Asyl im 19. und 20. Jahrhundert, in: Bade, Klaus J. (Hg.), Migration in der europäischen Geschichte seit dem späten Mittelalter. Vorträge auf dem Deutschen Historikertag in Halle a.d. Saale, 11. September 2003 (IMIS-Beiträge, Heft 20. 2003), Osnabrück 2003, S. 107–134.
[3] Marrus, Michael R., Die Unerwünschten. Europäische Flüchtlinge im 20. Jahrhundert, Berlin 1999, S. 61.
[4] Bade, Klaus J., Europa in Bewegung. Migration vom späten 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, München 2000, S. 285.
[5] Marrus, Die Unerwünschten; siehe in englischer Sprache bereits 1985: The Unwanted. European Refugees in the Twentieth Century, New York u.a. 1985.
[6] Borodziej, Wlodzimierz/Lemberg, Hans (Hg.), „Unsere Heimat ist uns ein fremdes Land geworden...“. Die Deutschen östlich von Oder und Neiße 1945–1950, 4 Bde (Quellen zur Geschichte und Landeskunde Ostmitteleuropas 4), Marburg 2000; Lehmann, Albrecht, Im Fremden ungewollt zuhaus. Flüchtlinge und Vertriebene in Westdeutschland 1945–1990, München 1991; Ther, Philipp, Deutsche und polnische Vertriebene. Gesellschaft und Vertriebenenpolitik in der SBZ/DDR und in Polen 1945–1956, Göttingen 1998.

Zitation
Michael Schubert: Rezension zu: the unwanted, in: H-Soz-Kult, 07.01.2005, <www.hsozkult.de/webreview/id/rezwww-69>.