Titel
Zerrspiegel / Зеркала.


Hrsg. v.
Paul, Jürgen <paul@orientphil.uni-halle.de>; Eschment, Beate
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Eva-Maria Stolberg

Im Unterschied zum Fach “Außereuropäische Geschichte”, das schon seit langem koloniale Kontexte aufarbeitet, stellt die Erforschung des russischen Kolonialismus im Fach „Osteuropäische Geschichte“ noch ein weitgehend weißes Feld dar. Die Geschichte des russischen Kolonialismus ist ohne genaue Kenntnis der orientalischen Peripherie – vor allem aus der Sicht der „Orientalen“ und ihrer Selbstzeugnisse – undenkbar. Lange Zeit waren Kaukasus und Zentralasien in einer Historiographie der „Monokulturen“ an den Rand gedrängt. Einen ersten Vorstoß zur Digitalisierung dieser „terra incognita“ unternimmt die website „Zerrspiegel/Zerkala“ am Institut für Orientalistik der Martin-Luther-Universität zu Halle-Wittenberg. Unter Federführung des Orientalisten Prof. Dr. Jürgen Paul und der Osteuropahistorikerin Beate Eschment wird dieses Projekt von der Volkswagenstiftung gefördert. Ziel ist, auf der Grundlage einer Datenbasis russischer und orientalischer, veröffentlichter und unveröffentlichter Quellen die russische Kolonialherrschaft an der orientalischen Peripherie unter wirtschafts- und sozialhistorischen, aber auch mentalitätsgeschichtlichen Aspekten zu beleuchten. Lobenswert ist die interdisziplinäre und internationale Zusammensetzung der Forschungsgruppen in Halle, St. Petersburg, Baku und Taškent – Voraussetzung, um das in der deutschen Geschichtswissenschaft anzutreffende Denken im „nationalgeschichtlichen Korsett“ zu durchbrechen und Kolonialgeschichte zu einer „transnationalen“ und „transregionalen“ Geschichte“ zu machen.

Der Name der website „Zerkala - Zerrspiegel“ ist gut gewählt. Ein Spiegel will reflektieren und zur Reflektion anregen. Im orientalischen Verständnis hat der Spiegel eine besondere Bedeutung, er führt zum Verborgenen. Der berühmte Palast in Esfahan (Isfahan) besitzt tatsächlich nur zwanzig Säulen, doch durch die Spiegelung des Wassers ergibt sich die Zahl Vierzig. In einem berühmten Hadith heißt es: „Der Gläubige ist des Gläubigen Spiegel“. Das Gebet ist hier ein Spiegel, ein Dialog zwischen Gott und dem Menschen. Zerrspiegel fördert den Dialog zwischen russischen und orientalischen Menschen. Zerrspiegel will aber nicht einfach Spiegel orientalischer Exotik sein, sondern die inneren und von außen hineingetragenen Widersprüche islamischer Kultur mit der europäisch-russischen Zivilisation reflektieren. Bei den islamischen Mystikern, den Sufis, ist das Herz das Organ der übersinnlichen Wahrnehmung und wird mit einem unreinen und blinden Spiegel verglichen. Es gilt für den Sufi, diesen Spiegel von seinen Flecken zu säubern. Mit dem Spiegel verbinden sich gebrochene Bilder. Es geht dabei nicht allein um Widersprüche in der sozialen Realität der Russland-Muslime, sondern wie bei jeder Begegnung mit asiatischen Kulturen – sei es der Orient oder China – um Metaphysik, was bedeutet: Entfernung vom Selbst und Entdeckung des Anderen im Spiegel. Dies bringen auf der website die orientalischen Gedichte (leider nicht in russischer oder anderer Übersetzung) zum Ausdruck, es geht für die Russland-Muslime nicht um die Konstruktion des Begriffes Kolonialismus, sondern um „gelebten“ Kolonialismus, ein Ansatz, den Russlandhistoriker bei einer „theoretischen“ Erörterung des russischen Kolonialismus berücksichtigen sollten.

Gemessen an anderen websites lässt „Zerrspiegel“/Zerkala“ Professionalität vermissen. Im Vergleich zu der website der Orientabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin [1]oder auch der Vifaost (Virtuelle Fachbibliothek Osteuropa an der Universität München) [2], die dem Benutzer klare Kategorien an die Hand geben, verschwindet man – Experten ausgenommen - beim virtuellen Eintritt in den „Zerrspiegel“ in den Weiten des russischen Orients. Einen optischen Blickfang bietet die Seite jedenfalls nicht. Angesichts der symbolträchtigen Bedeutung des Spiegels im Orient, wäre eine spiegelverkehrte Kalligraphie auf der Eingangsseite gut platziert, denn auch die Schrift spiegelt nicht zuletzt die Begegnung zweier Kulturen wider. Das Spiel mit der Schrift kennt die orientalische Kalligraphie. In einigen Kalligraphien werden Namen in umgekehrter Symmetrie – von rechts nach links – geschrieben. Hier zeigt es sich, dass Kolonialismus – mit dem Aufeinandertreffen zweier Schriften – eine Geschichte der Symbole ist.

Ärgerlich ist, dass wichtige Informationen wie Postadresse, Telefon- und Faxnummer, Web- und e-mail-Adresse des betreuenden Instituts fehlen. Es bleibt unklar, welche Zielgruppen angesprochen werden. Die Navigation erfolgt über einen Sachindex mit 48 Suchbegriffen, die unvermittelt aneinander gereiht werden wie z.B. administracija (Verwaltung), eda i napitki (Speisen und Getränke), konfessional’nye gruppy (konfessionelle Gruppen), religija (Religion) usw. Etliche Begriffe lassen sich unter andere fassen, so dass der Index an Übersichtlichkeit gewinnen würde. Ein weiteres Manko ist, dass der Suchindex nur russische Begriffe, aber keine orientalischen Termini enthält. Diese wären eine gute Suchhilfe für Orientalisten, die des Russischen nicht mächtig sind. Über interne Links werden die Quellentexte ziemlich unvermittelt abgerufen. Gerade um die Datenbasis für Studenten (und nicht nur für Spezialisten) attraktiver zu gestalten, müssten ausgehend von zentralen Schlüsselbegriffen die Texte mittels einer kurzen Einführung in einen historischen Kontext gestellt werden. Nicht immer leuchtet die Einteilung ein: warum erscheint z.B. die Reisebeschreibung B.L. Tageevs unter dem Stichwort „administracija“ (Verwaltung). Um die Orientierung zu erleichtern, sollte unbedingt eine geografische Untergliederung in die Regionen Kaukasus und Zentralasien, Persien, Osmanisches Reich erfolgen. Es ist unerklärlich, warum unter dem Schlüsselbegriff „administracija“ religiös-politische Unruhen in Persien erwähnt werden. Neben Verwaltung, Militärwesen und Alltagsleben sollten Handel und Wirtschaft stärker berücksichtigt werden, etwa durch die Aufnahme von Handelsverträgen im alltäglichen Geschäftsverkehr. Eine Fundgrube stellen dagegen die Petitionen muslimischer Untertanen dar, die Einblick in Rechtsnorm und –praxis geben. Aufschlussreich, allerdings ausbaufähig sind die Zeugnisse über das Leben muslimischer Frauen sowie über das städtische Leben Taškents. Hilfreich für die Einordnung der orientalischen Texte wären Kurzbiografien ihrer Verfasser. Der zeitliche Rahmen der Quellenbasis erfasst die Jahre 1850 bis 1914. Hier drängt sich die Frage auf, warum die für die Auflösung des russischen Kolonialreiches wichtige Phase vom Ersten Weltkrieg bis zur Oktoberrevolution ausgeblendet wird. Welche Auswirkungen hatte der Erste Weltkrieg auf die muslimischen Untertanen?

Eine genaue Unterscheidung in unveröffentlichte und veröffentlichte Quellen fehlt. Zwar werden Primär- und Sekundärquellen (Archivdokumente, Presseartikel) eindeutig nachgewiesen, bezüglich der Zeitungsartikel wünscht sich der Benutzer eine genaue Einordnung in die zeitgenössische russische und orientalische Presselandschaft. Nirgendwo werden die Kriterien der Auswahl genannt. Ausbaufähig sind der Bereich Privatkorrespondenzen, Tagebuchaufzeichnungen, Reiseberichte etc. Lobenswert ist die Berücksichtigung orientalischer Literatur, sie vermittelt einen guten Einblick in die zeitgenössische Mentalität zumindest der muslimischen Intellektuellen. Obwohl für die Erforschung des russischen Kolonialismus im Kaukasus und Zentralasien auch für Russlandhistoriker die Kenntnis der orientalischen Sprachen auf Dauer unabdingbar ist, sollte eine Kurzübersetzung bzw. Inhaltsangabe auf Russisch für Studenten beigefügt werden. Es reicht nicht einfach, das Thema stichwortartig anzugeben. Darüber hinaus müsste unter komparatistischen Gesichtspunkten auch die zeitgenössische russische Belletristik in die Quellensammlung aufgenommen werden, da Dichter wie Puškin und Lermontov das russische Bild vom „Orient“ entscheidend geprägt haben. Eine derartige thematische Ausweitung der Datenbasis wäre gerade auch für Slavisten interessant. Ebenfalls wünschenswert ist eine kurze Vorstellung der orientalischen Dokumentbestände im Russischen Staatlichen Historischen Archiv (Rossijskij Gosudarstvennyj Istori&#269;eskij Archiv/RGIA) in St. Petersburg sowie in den Archiven in Baku und Taškent. Kurz und gut, der Datenbasis fehlt ein kritischer Apparat. Manche Quellentexte wie z.B. über den Aralsee sind nicht aussagekräftig; die Aussagen können in jeder Enzyklopädie nachgelesen werden. Dass die Datenbank auch Bildmaterial enthält, geht unter, hier würde ein separater Link „Bilder-Datenbank“ Abhilfe schaffen. Das Bildmaterial ist sehr gut gewählt. Zu den „Bildern“, die sich Russen von den „Orientalen“ im 19. Jahrhundert und die Orientalen von den „Russen“ machten, gehört neben Texten auch der optische Eindruck. Die Bilder der website nähern uns dem Leben der Russland-Muslime im 19. Jahrhundert an und lassen uns über ihre soziale Konstitution, aber auch ihre spirituellen Grundlagen nachdenken. Die Fotografien, ein Wort, das in der arabischen Schrift mit „Bildern, die mit Licht gemacht werden“ umschrieben werden, wirft Licht in das Leben der Russland-Muslime. Orient – das sind aber auch Farben und Gerüche, worauf die Kategorie „Essen und Getränke“ hinweist.

Eine Vernetzung zu anderen Angeboten wie z.B. Orientabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin findet nicht statt. Ebenso fehlen Links zu den Archiven und Bibliotheken in Russland, Kaukasus und Zentralasien.[3] Ohne Anleitungen zu weiteren Recherchemöglichkeiten wird der Benutzer im Stich gelassen. Trotz der Mängel ist die Initiative „Zerrspiegel“ zu begrüßen, allerdings bedarf es einer Nachbesserung. Dann freilich würden sich neue Perspektiven für Osteuropahistoriker und historisch arbeitende Orientalisten ergeben. Dafür bedarf es einer längerfristigen Finanzierung dieses durchaus ausbaufähigen Projektes. Bis dahin gilt: Osteuropahistoriker und Orientalisten werden weiterhin alte Archivdokumente und Zeitschriften in den nationalen Archiven und Bibliotheken (natürlich auch in der Orient-Abteilung der Staatsbibliothek Berlin) durcharbeiten müssen. Die vom Orientalischen Institut an der Martin-Luther-Universität zu Halle-Wittenberg gestaltete website zum russischen Kolonialismus im Kaukasus und Zentralasien stellt ein erstes Angebot von Quellentexten dar. Trotz der erwähnten Mängel kann man „Zerrspiegel“ nur wünschen, den hier ausgesprochenen Empfehlungen nach zu kommen und über den bisher bescheidenen Rahmen hinauszuwachsen.

Anmerkungen:
[1]http://orient.staatsbibliothek-berlin.de
[2]http://www.vifaost.de
[3]http://orient.rsl.ru sowie Nationalbibliothek Azerbajdžan (Nacional’naja biblioteka im. M.F. Achundova unter: http://www.anl.aznet.org, Ališer Navoj Staatsbibliothek Taškent unter: http://www.tashkent/org/uzland/library.html

Zitation
Eva-Maria Stolberg: Rezension zu: Zerrspiegel / Зеркала, in: H-Soz-Kult, 14.01.2005, <www.hsozkult.de/webreview/id/rezwww-70>.
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Veröffentlicht am
14.01.2005
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