Spuren des Kolonialismus in Hannover

Titel
Spuren des Kolonialismus in Hannover.


Hrsg. v.
Rost, Inga-Dorothee (Wissenschaftliche Leitung)
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Detlef Briesen

Die Website „Spuren des Kolonialismus“ in Hannover ist das Produkt eines Projektes des Fachbereiches Geschichte der dortigen Universität, das seit 2003 die Hannoveraner Kolonialgeschichte erforscht. Nach den Angaben des verantwortlich zeichnenden Helmut Bley geht es in diesem scheinbar paradoxen Unterfangen darum, Bezüge zwischen der Lokalgeschichte der „Welfenstadt“ und der Historie des deutschen Kolonialreiches aufzuzeigen, so wie dieses bis zum Ersten Weltkrieg bestanden hat. Darüber hinaus sollten zudem die Verbindungen Hannovers zur postkolonialen Entwicklung Afrikas deutlich werden. Kernthese oder Hauptaufgabe der Studie wie auch der Internetpräsentation sind dabei jene „unerwarteten Funde“, nach denen selbst eine Stadt des Binnenlandes wie die Niedersachsen-Metropole enger mit der deutschen imperialen Geschichte verbunden ist, als man zunächst vermutet.
Es bietet sich an, sich dieser These und Ihrer Veranschaulichung zunächst aus einer inhaltlichen Perspektive, dann aus eher formellen kritisch zu nähern. Anschließend empfiehlt sich eine Einschätzung, wie gelungen Inhalt und Internetauftritt miteinander verbunden worden sind.

Inhalt der Präsentation

Zur Veranschaulichung Ihrer These haben die Autoren insgesamt acht thematische Blöcke gewählt, welche auch die erste Seite ihres Auftrittes strukturieren. In „Afrika in Hannover“ bemüht sich die Autorin – dies lässt sich als Einleitung interpretieren – um eine Zusammenfügung von kolonial- und lokalgeschichtlichen Ansätzen. Leider bleiben hier viele Aussagen zu pauschal, so dass über die allgemeinen Feststellungen zum deutschen Kolonialismus und der folgenden Geschichte der Vorurteile gegenüber Afrika kaum Bezug auf spezifisch Hannoveranerisches genommen wird. Interessant wäre es hier nicht nur gewesen, etwas über die Allgemeinheiten der deutsch-afrikanischen Geschichte zu erfahren, sondern über konkrete persönliche und bisher unbekannte Beziehungen von Kaufleuten, Industrieunternehmen, Forschern oder Missionaren. Dieser eher oberflächliche Eindruck über die Präsentation verdichtet sich auch in den weiteren Teilen, so etwa mit Blick auf die vorgestellten „Personen“. Dass Rudolf sen. und Rudolf jr. von Benningsen, Carl Peters, Alfred von Waldersee und Erich Obst bedeutende Kolonialisten bzw. Afrikaforscher waren, ist so grundsätzlich neu nicht. Die zum Teil relativ oberflächlichen Charakterisierungen zeigen sich besonders bei Gustav Noske, der zunächst zum Erstaunen des Betrachters ebenfalls mit der Kolonialgeschichte Hannovers in Verbindung gebracht wird. Über Noske erfährt man in einem tabellarischen Lebenslauf pauschal nur, dass er die Kolonisierung in Afrika begrüßt hatte und schon vor dem Ende des Ersten Weltkrieges eine Rückgabe der Kolonien forderte. Es lässt sich fragen: Meinte dies übrigens die Rückgabe an Deutschland oder an die Afrikaner?
Ausführlicher und besser recherchiert wirken dagegen die Beschreibungen der „Denkmäler“ und der „Straßennamen“, liegen doch hier immerhin leicht zu erschließende konkrete Bezüge von Kolonien und Hannover vor. Insofern werden die Denkmäler für Carl Peters, Benningsen und für die Gefallenen im Krieg in Deutsch-Südwestafrika gut beschrieben. Unklar ist wiederum, selbst nach Aussage des Autors, die Aufnahme der Hannoveraner Bismarck-Säule in eine Präsentation über den Kolonialismus in Afrika. Den gleichen, eher positiven Eindruck gewinnt man über die umfangreichen Recherchen zum lokalen „Afrikabild“: Ausführlich und interessant zeigen sich hier Forschungsergebnisse zu den lokalen Afrika- und Kolonialschauen, zum Bild Afrikas in der Wissenschaft und zu dessen Präsentation während der Expo.
Für wenig gelungen halte ich die „Zeitleiste“: Hier wird die Gründung des Außenamtes der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1951 unter „Ereignisse im deutschen Kolonialismus“ verbucht! Ausreichend erscheint immerhin die beigefügte Liste der Literatur bzw. der Links; auch auf Grund des Themas überwiegen dabei klassische Literaturangaben über Internet-Links.

Form der Präsentation

Die gesamte Präsentation ist formell klar gegliedert und erschließt sich dem Leser und Betrachter gut. Überflüssige Manierismen sind nicht vorhanden. Dies mag zum Teil auch an der Einfachheit des gewählten Vorgehens liegen: Suchhilfen sind nicht erforderlich, weil keine umfangreichen Datenbestände präsentiert werden, weitgehend verzichtet wird zudem auf modischen oder störenden Multi-Media-Schnickschnack ohne tieferen Erkenntniswert, Download-Angebote gibt es ebenfalls aus nahe liegenden Gründen nicht. Man hört auch während des Ladens von Seiten weder Marschmusik noch afrikanische Trommeln, was inzwischen als beinahe positive Ausnahme angesehen werden kann. Negativ fällt auf, dass die Präsentation nur auf deutsch erfolgt und zudem keine Navigationshilfen wie beispielsweise eine Sitemap hat, was aber wiederum auf das Thema und den gewählten Ansatz zurückzuführen sein dürfte.

Gesamteinschätzung

Es bleibt unklar, an wen sich die Präsentation richtet und welche Ziele sie abgesehen von einer Dokumentation des Erarbeiteten überhaupt verfolgt. Dies wäre an sich nicht so bedeutsam, da sich die wissenschaftliche Arbeit zur Zeit ohnehin stark auf die Veranschaulichung von Geleistetem zu konzentrieren beginnt. Der Verweis auf einen Internet-Auftritt macht Kollegen neidisch und beeindruckt die Verwaltung. Ob daher etwas mehr oder weniger Speicherplatz auf irgendeinem Server belegt wird, ist eigentlich eher nebensächlich. Seriöse Arbeit in Wissenschaft und Lehre und die tiefere Beschäftigung mit Geschichte selbst in der Schule wird sich auch künftig kaum auf Internet-Auftritte zu beschränken haben. So geht es bei letzteren vorwiegend darum, mit ihrem begrenzten Potential Tätigkeiten zu demonstrieren und Zugang zu genaueren Informationen zu bieten. Allerdings haben Internet-Präsentationen keinen Wert an sich, sie sind daran zu messen, welche neuen Möglichkeiten sie Lesern bzw. Betrachtern bieten. Die hier besprochene Präsentation dürfte daher kaum die intensive Lektüre von Primär- und Sekundärquellen ersetzen. Erstere sind im Auftritt ohnehin kaum vorhanden. Auch die Einbindung in die digitale Welt der modernen Kolonialgeschichte erscheint so nur wenig gelungen. Es bleibt abzuwarten, welche Funktionen die hier besprochene Präsentation in der Öffentlichkeit oder eventuell im Schulunterricht wird spielen können. Empfehlenswert erscheint auf jeden Fall eine umfassende Ausweitung des Angebotes. Dazu haben die Autoren einen ersten wichtigen Schritt getan, der interessante Ergebnisse erwarten lässt.

PD Dr. Detlef Briesen, Universität Siegen, FB 1: Geschichte, briesen@fb1.uni-siegen.de

Zitation
Detlef Briesen: Rezension zu: Spuren des Kolonialismus in Hannover, in: H-Soz-Kult, 05.03.2005, <www.hsozkult.de/webreview/id/rezwww-76>.
Redaktion
Veröffentlicht am
05.03.2005
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