Wochenschau Archiv

Titel
Wochenschau-Archiv.


Hrsg. v.
Kühn, Karin [verantw. Redakteurin]
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thomas Hammacher

Mehr als ein halbes Jahrhundert lang gehörten Wochenschauen zum festen Repertoire eines jeden Kinoprogramms. Ihre Bilder sind ein fester Bestandteil des visuellen Gedächtnisses und ein unverzichtbares Reservoir für historische Fernsehdokumentationen geworden. 1906/07 in Frankreich nach dem Vorbild der Zeitungen als periodisches Nachrichtenmedium entwickelt, mußten sie erst in den 1970er Jahren vor der Informations- und Unterhaltungsdominanz des Fernsehens kapitulieren.

Zunächst beherrschten die französischen Wochenschauen konkurrenzlos auch den deutschen Markt, deutsche Unternehmungen scheiterten zumeist am mangelnden Kapital und den fehlenden internationalen Kontakten. Erst 1913 gelang dem Berliner Zeitungsverlag August Scherl mit der Produktion der „Eiko-Woche“ eine auch wirtschaftlich tragfähige deutsche Wochenschau, die von dem internationalen Korrespondentennetz des Zeitungshauses profitierte.

Während des Ersten Weltkrieges änderte sich die Situation grundsätzlich. Die Enteignungen der französischen Wochenschauniederlassungen in Deutschland schufen ein Vakuum, auf das die deutschen Filmgesellschaften zunächst nicht vorbereitet waren. Auch die militärische Führung stand dem neuen Massenmedium Film in den ersten Kriegsjahren eher ablehnend gegenüber. Erst 1916, unter dem Eindruck der massiven Propaganda der Entente-Staaten, erkannte man hier die Bedeutung des Films für die psychologische Kriegsführung. Zuständig für die Filmpropaganda wurde das Bild- und Filmamt (Bufa) innerhalb des Großen Generalstabs, das auch den Aufbau von deutschen Wochenschauen forcierte.
Diese setzten sich nach dem Krieg als modernes Berichterstattungsmedium endgültig durch. Fast jede große Filmgesellschaft produzierte zumeist unter ihrem Namen eine eigene Reihe, die schon bald zum festen Bestandteil des jeweiligen Kinobeiprogramms gehörte. Die Vielzahl an Namen darf dabei nicht über die tatsächlichen Besitzverhältnisse täuschen. Die zunehmende Konzentration der deutschen Filmindustrie vor allem in den späten 1920er-Jahren betraf auch die Wochenschauen. Von den 11 wichtigsten Reihen zwischen 1919 und 1933 gehörten allein neun zum Ufa-Konzern. Auch unter den demokratisch-parlamentarischen Voraussetzungen der Weimarer Republik waren die Wochenschauen in wirtschaftlichen und politischen Abhängigkeiten befangen. Die Programme der Ufa, insbesondere nach der Übernahme des Konzerns 1927 durch Alfred Hugenberg, waren der parteipolitischen Linie der Konservativen, vor allem der DNVP verpflichtet, wohingegen z.B. die SPD versuchte, über die „Emelka-Woche“ politischen Einfluß zu gewinnen.[1]

In der Propagandamaschinerie der Nationalsozialisten kam der Wochenschau eine zentrale Rolle zu, zumal durch die Einführung des Tonfilms 1930-33 das gesprochene Wort und die für die NS-Wochenschau so wichtige Musik der medialen Indoktrination neue Möglichkeiten eröffneten.1936-1938 wurden die Wochenschauen ganz auf die Erfordernisse der Kriegspropaganda eingestellt. Die vier nach der Zentralisierung und Gleichschaltung der deutschen Filmindustrie noch existierenden Wochenschau-Gesellschaften wurden 1940 zur „Deutschen Wochenschau GmbH“ fusioniert.

Nach dem Krieg entstanden infolge der Entflechtung der deutschen Filmwirtschaft zunächst unter der Administration der Besatzungsmächte, dann auf privatwirtschaftlicher Grundlage, wieder mehrere konkurrierende Wochenschauen. Bereits 1949 wurde die „Neue Deutsche Wochenschau GmbH“ als bundeseigenes Unternehmen gegründet, die 1950 mit der „Neuen Deutschen Wochenschau“ wieder eine staatlich finanzierte und gesteuerte Wochenschau in die Kinos brachte, die für mehrere Jahrzehnte das mediale Selbstbild der Bundesrepublik entscheidend mit prägte.

Auch in der sowjetisch besetzten Zone hatte schon 1945 eine „Wochenschauabteilung“ der Deutschen-Film-Aktiengesellschaft (DEFA) ihre Arbeit aufgenommen, die im Februar 1946 die erste Ausgage des „Augenzeugen“ in die Kinos der SBZ brachte, der bis 1980 die einzige Wochenschau der DDR und Sprachorgan des SED-Führungsapparates blieb.

Im Unterschied zum bundesdeutschen Fernsehen, dessen parteipolitische Unabhängigkeit staatsvertraglich geregelt ist, waren die Wochenschauen weder wirtschaftlich noch politisch jemals autark, sondern immer Organe konkreter politischer Interessen. Gerade diese diskursiven Bindungen machen sie aber, quellenkritisch erschlossen, für die historische Forschung so interessant.

So ist der im Juni 2003 gestartete Versuch, den gesamten Wochenschaubestand deutscher Archive der historischen Forschung über das Internet zugänglich zu machen, prinzipiell zu begrüßen. Initiatoren und Träger des Portals www.wochenschauarchiv.de sind das Bundesarchiv-Filmarchiv Berlin, das den Wochenschaubestand bis 1945 sowie verschiedene bundesdeutsche Wochenschauen archiviert, die 1999 gegründete DEFA-Stiftung Berlin, die den Filmbestand der ehemaligen DDR verwaltet, und die Deutsche Wochenschau GmbH Hamburg, die nach dem Krieg unter anderem die bundesdeutschen Wochenschauen „Welt im Bild“ und „Neue Deutsche Wochenschau“ betrieben hatte und heute mit der kommerziellen Auswertung dieses Filmstocks befasst ist. Als weitere Partner zeichnen die Transit-Film GmbH München, die exklusiv mit der gewerblichen Auswertung der Filmbestände des ehemaligen reichseigenen Filmvermögens bis 1945 im Bundesarchiv-Filmarchivs und in der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung Wiesbaden betraut ist, sowie die Progress-Filmverleih GmbH Berlin, der die kommerzielle Verwertung des Filmbestandes der DEFA-Stiftung obliegt.[2] Gerade die Beteiligung der beiden letztgenannten Partner läßt vermuten, dass es sich bei der Unternehmung weniger um eine filmhistorische Aufarbeitung der Geschichte der deutschen Wochenschau(en), als vielmehr um eine kommerzielle Verwertung der entsprechenden Filmbestände handelt.

Der Zugang zum Portal erfolgt entweder als Gast oder als registrierter Benutzer. Die Registrierung ist kostenlos. Beide Zugänge öffnen den Recherchebereich und erlauben einen uneingeschränkten Zugriff auf alle Daten und eine Sichtung der Filme in einer Bildauflösung von 56 k, bei der das Geschehen auf Grund der hohen Komprimierung aber eher zu erahnen, denn zu erkennen ist. Registrierten Benutzern steht darüber hinaus eine höhere Auflösung von 250K zur Verfügung, für die allerdings ein DSL-Anschluß zu empfehlen ist. Die Recherche erfolgt entweder über den Namen der Wochenschauserie, dem Jahr ihrer Produktion, verschiedenen Kategorien wie Ort und Zeitpunkt der Handlung, Thema und beteiligte Personen oder eine Volltextsuche. Die Auswahl listet einzelne Wochenschaubeiträge auf, d.h. alle Wochenschauen sind in ihre Einzelbeiträge selektiert. Zurzeit (März 2005) sind knapp 6.000 Beiträge gelistet, berücksichtig wurden hierbei 27 Wochenschauproduktionen und einige Sonderreihen. Geplant ist, langfristig den gesamten Wochenschaubestand der Archive über das Netz zugänglich zu machen.

Die einzelnen Einträge öffnen sich in einem separaten Fenster. Neben standardisierten Textinformationen zu den verschiedenen Recherchekategorien sowie einer sehr präzisen Kurzbeschreibung des Beitrages besteht die Möglichkeit, den Film über den Mediaplayer abspielen zu lassen. Über den Storyboard-Button kann zudem eine Seite mit ausgewählten Standbildern geöffnet werden. Die Textinformationen bleiben rein deskriptiv und liefern eine ausschließlich auf das Sujet reduzierte Beschreibung des Bildes. Weitergehende quellenkritische Informationen, die eine historisch-kritische Bewertung der Bilder fördern würden, fehlen. Registrierte Benutzer können ausgewählte Beiträge in einem Warenkorb ablegen und von den Archiven im gewünschten Ausgabeformat anfordern. Angaben zu den hierbei entstehenden Kosten fehlen, sind aber etwas umständlich über die Seiten der beteiligten Archive z.B. der Deutschen Wochenschau GmbH [3], einzusehen.

Die rein am Sujet orientierte Präsentation der Filme und die hohen Kosten für die Verwertungsrechte lassen vermuten, daß man als Benutzer und potentielle Kunden offenbar vor allem den lukrativen und expandierenden Markt der Fernsehdokumentationen im Auge hat. Durch die Entkontextualisierung der Bilder und den Verzicht auf alle quellenkritischen Standards wird deren Quellenwert auf den bloßen Abbildcharakter reduziert. Die Programmdramaturgie der jeweiligen Wochenschauen geht verloren. Eine Wochenschau ist aber mehr als die Summe ihrer Beiträge. Andrea Naica-Loebell hat am Beispiel des NS-Kinos gezeigt, wie die propagandistische Wirkung eines Filmprogrammes durch das Zusammenspiel unterschiedlicher Formate wie Kulturfilm, Wochenschau und Hauptfilm optimiert wurde.[4] Vergleichbares gilt auch für das Programmgefüge einer Wochenschau. Erst im Miteinander, im kalkulierten und gestalteten Arrangement ihrer Einzelbeiträge entwickelt sich ihr ideologisches Potential, wird sie zu einer Ausdrucksform, die ihren Gegenstand nicht nur abbildet, sondern auch diskursiv einbindet, der so quellenkritisch erschlossen und interpretiert werden kann.

Die Öffnung der Archive ist zu begrüßen. Gerade für das Medium Film ist hierbei das Internet die geeignete Präsentationsform. Es erlaubt der historischen Forschung Recherche- und Sichtungsmöglichkeiten, die über die bisherige Praxis der Findbücher [5] hinausgehen. Den Besuch im Archiv ersetzen kann es aber noch nicht. Es wäre zu begrüßen, wenn die Archive die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit ihren Beständen stärker aufgreifen und in die Präsentation mit integrieren würden, denn „ohne eine intellektuelle Aufarbeitung der Sammlung fehlt der Schlüssel zur Information, kann die terra incognita nicht erforscht [...] werden.“[6]

Anmerkungen:
[1] zur Geschichte der deutschen Wochenschauen bis 1933 siehe vor allem: Klaus W. Wippermann: „Die deutschen Wochenschauen im Ersten Weltkrieg“, in: Pubizistik 16 (1971), H. 3, S. 268-278 und Klaus W. Wippermann: „Die Wochenschauen in der Weimarer Republik“, in: Publizistik 15 (1970), H.3, S. 242-251, sowie grundlegend: Hans Barkhausen: „Filmpropaganda für Deutschland im Ersten und Zweiten Weltkrieg“, Hildesheim 1982.
[2] siehe auch: Karl Griep: „Archivierung von Wochenschau-Serien im Bundesarchiv-Filmarchiv. Auswertungs- und Hinterlegungsverträge“, in: Mitteilungen aus dem Bundesarchiv 8 (1-2000), S. 51-55.
[3]http://www.deutsche-wochenschau.de
[4] Andrea Naica-Loebell: „Das totale Kino – Die Arbeit der Gaufilmstelle der NSDAP und die Jugendfilmstunde, konkretisiert am Beispiel München-Oberbayern“, in: Michael Schaudig (Hg.): Positionen deutscher Filmgeschichte – 100 Jahre Kinematographie – Strukturen, Diskurse, Kontexte, München 1996, S. 179-196.
[5] Peter Bucher (Bearb.): „Wochenschauen und Dokumentarfilme 1895 – 1950 im Bundesarchiv-Filmarchiv“, (= Findbücher zu Beständen des Bundesarchivs Bd. 8) Koblenz 1984
[6] Sabine Lenk: „Von der Notwendigkeit der Wissensverbreitung – Publikationen aus Filmarchiven und ihrem Umfeld“, in: Kintop – Jahrbuch zur Erforschung des frühen Films 7 (1998), S.176.

Rezenziert wurde die Website von Thomas Hammacher M.A., freischaffender Filmhistoriker,
scopium – Agentur für Recherche, Gestaltung und Präsentation historischer Bildmedien

Zitation
Thomas Hammacher: Rezension zu: Kühn, Karin [verantw. Redakteurin] (Hrsg.): Wochenschau-Archiv. , in: H-Soz-Kult, 19.03.2005, <www.hsozkult.de/webreview/id/rezwww-78>.
Redaktion
Veröffentlicht am
19.03.2005
Klassifikation
Weitere Informationen
Sprache Beitrag
Land Publikation