Titel
Gebrauchsanleitung für Archive.


Hrsg. v.
historicum.net: München, DE <http://www.historicum.net/>
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Nicolas Rügge

„Gebrauchsanleitung für Archive. Praktischer Leitfaden für den Einstieg in die Quellenrecherche“
http://www.lehre.historicum.net/architutorial/

Autor: Dr. Martin Burkhardt, Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg, Stuttgart
Träger: historicum.net, Köln/München

Das geschichts- und kunstwissenschaftliche Portal „historicum.net“ braucht hier nicht vorgestellt zu werden, kennen doch viele Interessierte z.B. die „Sehepunkte“, die „Zeitenblicke“ oder den „Server Frühe Neuzeit“. Vielleicht weniger geläufig erscheinen die Angebote für den (vor allem universitären) Lehrbetrieb, darunter die hier vorzustellende „Gebrauchsanleitung für Archive“. Der Autor Dr. Martin Burkhardt, selbst Archivar am Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg, teilt sein Thema in sieben Abschnitte, die meist weiter untergliedert und mehrfach miteinander verlinkt sind.

1. Anders als Museen oder Bibliotheken, die auf eine längere Tradition der Dienstleistung und „Kundenorientierung“ zurückblicken, umgibt die Archive in der Wahrnehmung vieler immer noch ein Ruch von Geheimwissen – obwohl die Mehrheit der Archive die Öffentlichkeit mehr denn je sucht. Der Autor wendet sich mit seinem „Leitfaden“ daher ausdrücklich an die „Archiv-Laien“: Er möchte „Schranken abbauen“ und versuchen, die Spannung aus dem Vorfeld „dorthin zu verlegen, wohin sie gehört: zu den aufregenden Entdeckungen beim Studium von Archivquellen“. Es sei schon vorweggenommen, dass er diesem Ziel in hohem Maß gerecht wird und die „Gebrauchsanleitung“ die schon vorhandenen Einführungen in die Archivbenutzung in willkommener Weise ergänzt (vgl. z.B. den „Kurzlehrgang“ der Archivschule Marburg: http://www.uni-marburg.de/archivschule/nutzer/Index.html oder die im Aufbau befindliche „Benutzerschulung“ des Bundesarchivs: http://www.bundesarchiv.de/benutzung/benutzerschulung/index.html).

2. Die grundlegende Frage „Was ist ein Archiv?“ beantwortet Burkhardt mit knappen und prägnanten Definitionen, die das Archivwesen von den Museen und dem Tätigkeitsfeld der Dokumentare abgrenzen. Nicht weniger konzise stellt er die meist im Verborgenen erledigten archivischen „Kernaufgaben“ vor: Übernahme, Erhaltung, Erschließung und Benutzung. Was hier ausgespart oder allzu knapp behandelt ist (z.B. Schutzfristen, Benutzungsgebühren), wird später ausführlicher erläutert – an dieser Stelle wären weitere Verweise durch Links nützlich gewesen. In einem Exkurs zur Online-Nutzung von Archivgut wirbt der Autor um Verständnis dafür, dass sich die digitale Aufbereitung auch künftig auf ausgewählte, herausragende Stücke wird beschränken müssen. Eine Ersatzdigitalisierung, wie in großem Stil für Sachsen in der Diskussion gewesen, wird erst recht abgelehnt: „Was bliebe, wenn Sie die Datenbank der gescannten und dann geschredderten Akten ‚Kreisgericht Meißen 1953’ anklicken würden, und der Bildschirm verkündete: ‚Zugriff auf die angegebene Quelle nicht möglich. Datenträger unbrauchbar’?“

3. Es folgt die unvermeidliche Vorstellung der verschiedenen Archivarten und -träger in Deutschland. Die Lichtung dieses komplizierten Feldes gelingt sehr gut und wird mit direkten bzw. indirekten Links (über die Listen auf der Homepage der Archivschule Marburg) sinnvoll unterstützt.

Damit ist der 4. und wohl schwierigste Punkt vorbereitet: „Von der Frage zur Quelle. Der Weg der Recherche“. Tatsächlich dürfte leider gelten, dass, „wer im Archiv recherchiert“, „Geduld und Frustrationstoleranz“ benötigt. Um so dringender sind Burkhardts Ratschläge zu beherzigen. Zunächst geht er ausführlich darauf ein, wie man überhaupt die richtigen Archive ermittelt, besteht hierin doch die erste und häufig größte Hürde. Da dem Autor angesichts des selbst für Archivare schwer zu durchschauenden Provenienz- und Zuständigkeitsdschungels eine wirklich simple Darstellung nicht recht gelingen will, stellt er am Ende etwas resigniert fest: „Um Sie nicht womöglich von einer Archivbenutzung abzuschrecken, bleibt das weitere Feld der Sonderfälle und Ausnahmen hier unbestellt.“ Stattdessen folgt die Empfehlung, „am besten anhand einer jüngeren Dissertation“ ein Archiv „mit wesentlichem Quellenbestand zum Thema“ zu ermitteln und dort auch nach weiteren Überlieferungsstellen zu fragen. Diese an Kishon oder andere satirische Ratgeber erinnernde Strategie (komplizierte Wegbeschreibungen mit der Pointe: „... und dort fragen Sie sich dann weiter“) entspricht bedauerlicherweise nicht nur dem dezentralen Aufbau, sondern weithin auch der mangelnden Transparenz des deutschen Archivwesens. Die nächsten Schritte fallen dann leichter, wie die ausreichend knappe Vorstellung unterschiedlicher Arten von Findmitteln zeigt.

5. Unter dem ausnahmsweise etwas gestelzten Titel „Varianz der Archivalquellen“ widmet sich Burkhardt diversen Informationsträgern und Speichermedien: Texten, Bildern, den „neuen“ Medien und den (gelegentlich auch ins Archiv geratenen) musealen Gegenständen. Die sich hier anschließenden Ausführungen zur „Wahrung persönlicher Rechte mit Hilfe von Archivalien“ sind treffend und wichtig, passen aber nicht recht in diesen Abschnitt, der (bisher) eine rein formale, keine inhaltliche Quellenkunde bietet. Mit Erläuterungen und Beispielen zu dem weiten Spektrum möglicher Fragen (rechtliche, geschichtswissenschaftliche, genealogische usw.) an unterschiedliche Quellen könnte das Thema allerdings sinnvoll erweitert und abgerundet werden.

6. Im Abschnitt über die Nutzungsbestimmungen werden zunächst die Archivgesetze mit ihrem sowohl informations- als auch datenschutzrechtlichen Hintergrund verständlich erklärt. Im Interesse einer konzisen Darstellung werden allenfalls die länderbezogenen Unterschiede – zum Glück, möchte man sagen – mitunter etwas zu stark vereinfacht. Der Autor bleibt dann auf dieser Ebene nicht stehen, sondern wendet sich auch den konkreten Details zu, so z.B. dem Benutzungsantrag und den Gegebenheiten, die den Besucher im Lesesaal erwarten. Mögen diese Informationen dazu beitragen, irgendwelche „Schwellenängste“ erst gar nicht aufkommen zu lassen.

7. Als „Service“ werden abschließend Literatur und Links zum Weiterstudium geboten.

Seinem Ziel entsprechend, ist Martin Burkhardt eine fundierte, präzise und verständliche, dabei gleichzeitig locker formulierte Einführung in das deutsche Archivwesen mit seinen Highlights und Untiefen gelungen. Gelegentliche Überpointierungen – wonach z.B. „Archivare ihre konkreten Bewertungsentscheidungen nie, deren allgemeine Grundsätze faktisch auch nicht zur öffentlichen Diskussion“ stellen – sind verzeihlich, soweit sie dem Zweck optimaler Verständlichkeit dienen. Unbedingt erfreulich ist der weite, „gesamtdeutsche“ und nicht zu staatslastige Blickwinkel des Autors. Dem Inhalt dient das von historicum.net bekannte Layout mit seiner Funktionalität im Ganzen gut. Ansprechend und übersichtlich gestaltet, nutzt es allerdings die Bildschirmbreite schlecht aus: Dadurch geraten die Schrift und die dankenswerterweise zahlreichen Abbildungen unnötig klein, wobei die Bilder durch Anklicken hinreichend vergrößert werden können. Mit seinem nützlichen und im besten Sinne geistreichen „Tutorial“ kann der Autor hoffentlich ein breites Publikum erreichen und so zum Ansehen und Gebrauchswert der Archive beitragen. Mögen es nicht nur viele Kolleg(inn)en, deren Beruf dieser Text alle Ehre macht, weiterempfehlen.

Nicolas Rügge, Niedersächsisches Landesarchiv - Staatsarchiv Osnabrück, E-Mail: nicolas.ruegge@nla.niedersachsen.de

Zitation
Nicolas Rügge: Rezension zu: Gebrauchsanleitung für Archive, in: H-Soz-Kult, 02.04.2005, <www.hsozkult.de/webreview/id/rezwww-80>.
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Veröffentlicht am
02.04.2005
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