Digitalisierte historische Kinderbücher aus Beständen der Universitätsbibliotheken Oldenburg und Braunschweig (Retrospektive Digitalisierung)

Titel
Digitalisierte historische Kinderbücher aus Beständen der Universitätsbibliotheken Oldenburg und Braunschweig (Retrospektive Digitalisierung).


Rezensiert für H-Soz-Kult von
Monika Wicki, Pädagogisches Institut, Abt. Allgemeine Pädagogik, Universität Zürich

Der Markt für Kinderliteratur ist in der westlichen Gesellschaft riesig, kaum ein Kinderzimmer kommt ohne ein eigenes Bücherregal aus. Kinderliteratur nimmt in der westlichen Kultur ein grosses Feld der schriftstellerischen Arbeiten ein, sie wird und wurde von einem breiten Publikum, von Kindern wie auch von Erwachsenen, gelesen. Die Figuren zahlreicher Bücher sind Teil des Bewusstseins sehr vieler Personen geworden. Noch vor knapp 200 Jahren wurden Kinderbücher hauptsächlich als didaktisch und erzieherisch wertvoll angesehen. Um 1850, nach
Peter Hunt (1994) ein „Epizentrum“ der Kinderliteratur, begann das Lesen an sich eine anerkannte Beschäftigung der Kinder zu werden, so dass hundert Jahre später die Kinderliteratur etabliert war und sich als ein unterscheidbares Gebiet von hunderten von Publikationen darstellte. [1]

Die Projekte zur Retrodigitialisierung historischer Kinderbücher der Universitätsbibliotheken Oldenburg und Braunschweig sind für an Kinderbüchern Interessierte aus Forschung und Wissenschaft, aber auch für andere Nutzer von grosser Bedeutung, da sie den Zeitraum der Etablierung der Kinderliteratur fokussieren. Auf der Website der Universitätsbibliothek Oldenburg können 392 überwiegend farbig illustrierte historische Kinderbücher aufgerufen werden, welche vor allem aus dem 19. Jahrhundert stammen. Fast 550 digitalisierte Kinderbücher sind über die Universitätsbibliothek Braunschweig aufzurufen (http://www.biblio.tu-bs.de/digibib.htm).
Die Kinderbücher der Universitätsbibliotheken Oldenburg und Braunschweig wurden für die Präsentation im Internet in einem von der DFG (http://www.dfg.de/) geförderten Projekt bearbeitet.

Kinderbücher scheinen trivial zu sein, dennoch sind sie Teil einer machtvollen Beziehung zwischen Kindern und Erwachsenen, da sie von Erwachsenen für Kinder geschrieben wurden, die über weniger Lebens- und Leseerfahrung verfügen, die weniger in der Kultur erzogen wurden wie die Erwachsenen. Kinderbuchautoren sind in der verantwortungsvollen Position kulturelle Werte zu vermitteln. Da Kinder oft als sich entwickelnde Leser betrachtet werden, beinhalten Kinderbücher auch das, von dem Erwachsene denken, dass es die Kinder verstehen können oder das, von dem die Erwachsenen denken, dass es die Kinder verstehen sollen. Kinderliteratur erzieht und beeinflusst, viel mehr als dies in der Literatur für Erwachsene geschieht. [2]

Kinder- und Jugendliteratur wird als publizistisch-moralische sowie als ästhetische Gattung und als Dokument des gesellschaftlichen Diskurses zu und um Kindheit und Jugend untersucht. Die Verantwortlichen der Universitätsbibliothek Oldenburg haben vorerst überwiegend farbig illustrierte Kinderbücher digitalisiert.
Aus diesem Grund erhalten besonders Forscher/innen, die für (erziehungs)historische Untersuchungen Bildmaterial systematisch nutzen möchten ein erziehungswissenschaftliches Bildarchiv, das es zu nutzen gilt, auch wenn der Umfang dieses Archives vorläufig noch relativ klein ist.

Der Einstieg in das Archiv der digitalisierten historischen Kinderbücher erfolgt einfach. Selbst ein Laie findet den Einstieg über Suchmaschinen nach Eingabe der Suchbegriffe „digitalisierte Kinderbücher“. Auf der Homepage (www.bis.uni-oldenburg.de/retrodig/der) wird der Besucher sofort über den Bestand und den Zeitrahmen des Angebotes informiert. Zudem wird die Verbindung mit der Universitätsbibliothek Braunschweig sowie der DFG aufgezeigt.

Indem man die Autoren und Titellisten durchstöbert ist es möglich, sich einen allgemeinen Eindruck vom dem zu verschaffen, was die Datenbank enthält. Anschließend kann im Menü "Suche" mit Eingabe von Autoren- oder Titelnamen, dem Erscheinungsjahr sowie dem Erscheinungsort gesucht werden. Das von mir willkürlich gewählte Erscheinungsjahr 1884 führte z.B. zu einer ungeordneten Liste von 12 bibliographischen Angaben von vollständig digitalisierten Versionen von Kinderbüchern. Für nicht gewerbliche und/oder wissenschaftliche Zwecke können digitale Versionen von noch höherer Auflösung und Qualität beim BIS zum Selbstkostenpreis telefonisch bestellt werden.

Bei der spontanen Suche über digitalisierte Kinderbücher des Jahres 1884 zeigte sich, dass von Luise Pichler und Carl Offterdinger gleich drei Titel des Jahres 1884 aufgenommen wurden. [3] Von dieser Liste lässt sich jeder Autorenname anklicken so dass auf der dadurch geöffneten Ebene die bibliographischen Angaben rechts oben und der Einband des betroffenen Buches selber im unteren Teil der Seite zu sehen sind. Mit dem Button „Buch öffnen“ gelangt der Betrachter auf eine Webseite, bei der das Buch Seite um Seite betrachtet und, bei angemssener Vergrösserung, gelesen werden kann. Es kann Seite um Seite oder es können je 5 Seiten umgeblättert werden. Jede Seite kann mindestens zwei Mal vergrössert werden, so dass die Texte auch lesbar und die Bilddetails erkennbar sind. Um nach einer derartigen Vergrösserung weiter zu blättern, ist man gezwungen, zurück auf die ursprüngliche Grösse zu gehen. Dies bedeutet, dass bei jeder zweiten Seite drei Mal die Maus benutzt werden muss, um umzublättern.
Zudem ist es nicht möglich auf eine bereits betrachtete Buchseite direkt zuzugreifen, da man nur entweder vorwärts oder rückwärts blättern, aber nicht eine bestimmte Seitenzahl des betrachteten Buches angeben kann. Auch wenn einige Bücher kaum 20 Seiten umfassen, hätte man in einer digitalisierten Version zugleich die Inhaltsverzeichnisse der Bücher aufnehmen können, wie dies bei den digitalisierten Kinderbüchern der Universität Braunschweig gemacht wurde, wo so jede einzelne Geschichte, jedes Kapitel, direkt angegangen werden kann.

Das Angebot ist zwar inhaltlich überzeugend, doch das Design und die Struktur des Internetauftrittes erscheint eher bieder und auf ein absolutes Minimum beschränkt. Die Suche ist nur nach Autoren, sowie nach dem Titel, dem Erscheinungsjahr und dem Erscheinungsort möglich. Das Angebot des Menüpunktes "Autoren" ist jedoch unvollständig präsentiert. So wurden im oben besprochenen Beispiel zwar auf einer ersten Titelversion sowohl Luise Pichler als Autorin wie auch Carl Offterdinger als Illustrator genannt, beim Einstieg in das Buch selber wurden die bibliographischen Angaben ohne Carl Offterdinger vorgenommen. [4] Auch erscheint der Name Carl Offterdinger nicht im Autorenverzeichnis, so dass eine Suche nach den Illustratoren nicht möglich ist. Da jedoch besonders schön illustrierte Kinderbücher digitalisiert wurden, wäre es wichtig, anhand der Illustratoren eine Auswahl der Bücher vornehmen zu können.
Wird nach den digitalisierten Kinderbüchern gefragt, die nach 1900 erschienen sind, so erscheint maximal eine Liste von 20 Einträgen, auch wenn vielleicht 60 Titel nach 1900 digitalisiert wurden. Es ist nicht möglich nach den 20 Titeln weiter zu blättern, wie dies in Bibliothekskatalogen üblich ist.

Die digitalisierten historischen Kinderbücher stammen aus Beständen der Universitätsbibliotheken Oldenburg und Braunschweig, dennoch besteht weder ein Link auf der Webseite der digitalisierten Kinderbücher der Universitätsbibliothek Oldenburg zu der Universitätsbibliothek Braunschweig noch wurde umgekehrt die Website der digitalisierten Kinderbücher der Universitätsbibliothek Braunschweig mit der Website der Universitätsbibliothek Oldenburg verlinkt. Des weiteren bestehen keine Links zu zusätzlichen Angaben über die Autoren oder die Werke.

Das Anliegen des Projektes, die schönsten historischen Kinderbücher des Bibliotheksbestandes zu digitalisieren, ist so begrüssenswert wie jede Digitalisierung historischer Buchbestände. Die Auswahlkriterien sind wohl ästhetischer Natur, wurden aber dem Betrachter nicht deutlich dargelegt. Auf diese Weise haben Forschende den Zugriff auf einen bestimmten Korpus historischer Kinderbücher. Für eine systematische Forschung wird der Weg in die umfangreiche Bibliothek der Universität Oldenburg weiterhin unerlässlich sein. Von daher ist es sicher empfehlenswert, den digitalisierten Bestand zu erweitern, um auch ältere Buchbestände zu konservieren und recherchierbar zu machen.

Die Retrodigitalisierung historischer Bestände wird zwar von verschiedenen Seiten gefördert und unterstützt, dennoch scheint es, dass Synergien zu wenig genutzt werden. Die Websiten „digitalisierte historische Kinderbücher“ der Universitätsbibliothek Oldenburg weisen für eine systematische Forschung gewisse Mängel auf, die Forschenden kommen über ein Stöbern in den Beständen nicht hinaus, da der inhaltliche Schwerpunkt eher ästhetischer Natur ist. Aus diesem Grunde sind die digitalisierten historischen Kinderbücher der Universitätsbibliothek Oldenburg vor allem für Forschende, die mit Bildern arbeiten, von grossem Nutzen. Die Qualität der Bilder ist sehr gut, die Bilder können einzeln abgespeichert werden. Wer aber die vollständigen Kinderbücher speichern möchte, wird sehr bald durch das Abspeichern einzelner Seiten an seine Grenzen gelangen.

Die DFG-Projekte zur Retrospektiven Digitalisierung der Bibliotheksbestände wurden von Alexander Czimiel et al. 2005 evaluiert. Auch diese Autoren haben darauf hingewiesen, dass nach der derzeitigen Konstruktion völlig unabhängig voneinander geförderter Projekte mögliche Synergien nicht genutzt würden. [5] Unter Anwendung der Ergebnisse dieser Evaluation könnten einheitlichere, umfassendere und besser verlinkte Internetauftritte gestaltet werden. Grundsätzlich ist aber die Entwicklung der zunehmenden Digitalisierung historischer Buchbestände sehr erfreulich, da sie selbst in der Schweiz situierten historisch forschenden Erziehungswissenschaftlerinnen den Zugang zu aussergewöhnlichen Buchbeständen enorm erleichtern.

[1] Hunt, Peter: An Indtroduction to Children’s Literature. Oxford New York: 1994
[2] vgl. ebd., S. 5ff.
[3] Die Titel werden in der folgenden Form präsentiert: Pichler, Luise ; Offterdinger, Carl [Ill.] : "Silberflocken : Silberflocken. Aus der Märchenfee Rocken. Lustige Geschichten und Märchen für die Jugend bearb. von Luise Pichler. Mit 6 Bildern [auf Taf.] in feinstem Farbendr. nach Aquarellen von C[arl] Offterdinger" - Stuttgart : Nitzschke, [1884]
[4] Silberflocken. Aus der Märchenfee Rocken. Lustige Geschichten und Märchen für die Jugend bearb. von Luise Pichler. Mit 6 Bildern [auf Taf.] in feinstem Farbendr. nach Aquarellen von C[arl] Offterdinger - Stuttgart : Nitzschke, [1884]
[5] Alexander Czmiel, Martin Iordanidis, Pia Janczak, Susanne Kurz, Gesamtredaktion: Manfred Thaller: Retrospektive Digitalisierung von Bibliotheksbeständen" Evaluierungsbericht über einen Förderschwerpunkt der DFG. Universität zu Köln, Januar 2005, S. 4. (http://www.dfg.de/forschungsfoerderung/wissenschaftliche_infrastruktur/lis/download/retro_digitalisierung_eval_050406.pdf)

Zitation
Monika Wicki: Rezension zu: Digitalisierte historische Kinderbücher aus Beständen der Universitätsbibliotheken Oldenburg und Braunschweig (Retrospektive Digitalisierung). , in: H-Soz-Kult, 18.06.2005, <www.hsozkult.de/webreview/id/rezwww-90>.
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18.06.2005
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