IEG-MAPS: Server für digitale historische Karten am Institut für Europäische Geschichte, Mainz

Titel
IEG-MAPS · Server für digitale historische Karten.


Hrsg. v.
Kunz, Andreas <maps@ieg.uni-mainz.de>
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Klaus Kost, (b)Geschäftsführer der PCG PROJECT CONSULT GmbH, (a)Geographisches Institut der Ruhr-Univesität Bochum; Stefan Stracke

Jeder Schüler, jeder Geschichtsinteressierte, jeder Historiker kennt die Namen großer Schlachten: „Schlacht bei Tannenberg“, „Schlacht bei Sedan“, „Schlacht bei Waterloo“ – allesamt Schlachten von weltgeschichtlicher Bedeutung. Doch wo liegen Tannenberg, Sedan oder Waterloo? Wo erstreckten sich die Frontlinien im Westen und Osten im Oktober/November 1914? Wo verliefen die Grenzen des Deutschen Reiches im Jahr 1871?
Antworten auf diese und weitere Fragen zum räumlichen Bezug historischer Ereignisse und Sachverhalte geben historische Karten – als bedeutende und wertvolle Zeitdokumente, die mitunter einen hohen ästhetischen Wert aufweisen. Historische Karten bzw. Kartenserien dokumentieren nicht nur die räumliche Verortung einmaliger Ereignisse wie Feldzüge oder Schlachten, sondern auch Veränderungen des Raumes und der Landschaft über mehrere Jahrhunderte sowie besondere Entwicklungsprozesse wie Bevölkerungswachstum oder Industrialisierung [1]. Sie bieten dem Nutzer nicht nur Hilfestellungen, um grundlegende Fragestellungen geopolitischer Interessenkonstellationen zu analysieren, sondern auch um dem persönlichen Interesse an geschichtlichen und räumlichen Zusammenhängen sowie kartographischen Darstellungen nachzugehen. Mittels Visualisierung von räumlichen Gegebenheiten historischer Tatbestände führt die historische Kartographie demzufolge die geschichtswissenschaftliche und die geographische bzw. kartographische Disziplin zusammen. Historische Kartographie bietet für beide Disziplinen wechselseitige Anknüpfungspunkte.
Insbesondere seit Mitte der 1990er Jahre hat die Ausbreitung des Internets eine dynamische Entwicklung erfahren [2]. Das Medium Internet bietet unterschiedliche Nutzungsformen. Besondere Relevanz kommt den www-Browsern zu, die neben der kommerziellen Nutzung – mit der leider auch eine Fülle negativer Entwicklungen verbunden ist – ebenfalls einen beachtlichen Gewinn für den Wissenschaftsbereich bedeuten. In diesem Kontext bietet das Internet als rasch zugängliche Ressource und als Informations- und Kommunikationsplattform eine sinnvolle und zweckorientierte Nutzungsform – zweifelsohne auch für geschichtswissenschaftliche und geographisch-kartographische Fachgebiete. Hierzu zählen u.a. die Onlinedienste vieler Bibliotheken sowie der schnelle und internationale Zugriff auf Bilder/Graphiken, statistisches Material und wissenschaftliche Buch- oder Zeitschriftenbeiträge, die im digitalen Format zur Verfügung stehen. Das Internet trägt nicht nur zur Optimierung des Forschungsstandards bei, sondern auch zum Informations-, Gedanken- und Ideenaustausch insbesondere junger Wissenschaftler.
Parallel zur rasanten Entwicklung des Internets hat in den letzten Jahren die Verwendung digitaler Karten und Geodaten im Vergleich zu konventionellen gedruckten Karten an Bedeutung gewonnen: Stadtpläne finden zunehmend in digitaler Form Verwendung. Geodaten bilden die Grundlage für Leitstellensysteme von Rettungsdiensten, für Navigationssysteme in Pkw, Lkw, Schiffen und Flugzeugen oder auch für Geographische Informationssysteme, die z.B. von Forschungsinstituten, Unternehmen und Kommunen genutzt werden.
Von dieser Entfaltung des Internets und der digitalen Kartographie sind die Geschichtswissenschaft und die Geographie/Kartographie sowie die Historische Kartographie als Bindeglied beider Disziplinen nicht unbeeinflusst geblieben. So wird am Institut für Europäische Geschichte in Mainz seit dem Jahr 2000 ein Internet-Server für historische Karten kontinuierlich aufgebaut, der digitale Grundkarten zur deutschen und europäischen Geschichte seit der Französischen Revolution zur persönlichen Nutzung als kostenlose Downloads bereitstellt. Das Projekt zum Aufbau des Kartenservers wurde von der Gerda Henkel Stiftung (bis 2004) gefördert. Die unter der URL http://www.ieg-maps.uni-mainz.de/ abrufbaren Karten fokussieren auf die Themenbereiche Politik, Wirtschaft, Verwaltung und Verkehr.

Die auf dem Server vorgehaltenen Kartenserien wurden computergestützt neu erarbeitet, d.h. von Geographen/Kartographen manuell digitalisiert und „geo-informatisch“ aufbereitet. Es wurden keine analog vorliegenden Karten eingescannt. Zur Kartenerstellung wurden die Programme THEMAK2 und ArcViewGIS verwendet. Konzeption und wissenschaftliche Betreuung wurde von Geschichtswissenschaftlern geleistet. Die Karten sind nicht georeferenziert. Projektionsgrundlage ist eine Weltkarte im Maßstab 1 : 1.000.000 (Lambertsche Projektion). Sie sind vom Nutzer in verschiedenen Zoom-Modi und Dateitypen abrufbar. Die bereitgestellten Karten bilden einen in sich geschlossenen Datensatz, der zu einem umfangreichen historisch-geographischen Informationssystem ausgebaut werden soll [3].
Der Bestand des Karten-Servers IEG-MAPS beläuft sich inzwischen auf über 500 zur Verfügung gestellte digitale Karten zu Themengebieten mit folgender Schwerpunktsetzung:
· politische Entwicklung in Deutschland / im deutschen Raum seit 1806
· politische Entwicklung in Europa seit 1789
· wirtschaftliche Einigung Deutschlands 1828 bis Ende des 19. Jahrhunderts
· Entwicklung der Verkehrswege (Eisenbahn, Schifffahrt, Straßen) in Deutschland seit Beginn des 19. Jahrhunderts
· administrative Gliederung in Deutschland seit Beginn des 19. Jahrhunderts
· Staatsgebiete einzelner Territorien / Bundesländer in Deutschland sowie europäische Staatsgebiete seit Beginn des 19. Jahrhunderts

Die nach Themenbereichen sortierten Kartenserien (thematische Serien) bilden Gebietsveränderungen im zeitlichen Verlauf ab. Dem Nutzer stehen insgesamt elf Kartenserien zur Auswahl:
· Deutschland 1806-2003
· Europa 1789-2003
· Europäische Großregionen 1789-2003
· Wirtschaftliche Einigung Deutschlands 1828-1901
· Eisenbahnen in Deutschland 1835-1885
· Schifffahrtsstrassen in Deutschland 1850-2003
· Strassen in Deutschland 1820-1848
· Verwaltungsstrukturen in Deutschland 1818-1932
· Staatsgebietskarten der Einzelterritorien in Deutschland
· Europäische Einzelstaaten und
· Animierte Karten

Einzelne Serien werden sinnvoller Weise nochmals unterteilt. Beispielsweise wird die Serie 1 „Deutschland 1806-2003“ (Gesamtgebiet und Staatenbünde) in die weiteren Teilgebiete
· deutsche Territorialstaaten im Zeitalter Napoleons
· deutsche Staaten von 1815 bis 1870
· Deutsches Reich 1871 bis 1937 sowie
· Deutschland 1945 bis heute
mit entsprechenden Kartenserien gegliedert. In den zusätzlichen Serien 1-1 bis 1-6 werden regionale Ausschnittskarten, z.B. zu den Thüringischen Staaten 1812-1871 oder den Anhaltischen Herzogtümern 1812-1871 zur Verfügung gestellt.

Der Server weist eine ausgezeichnete Nutzerfreundlichkeit auf, da er eine einfach zu handhabende interaktive Führung durch den Bestand ermöglicht. Die Startseite des Kartenservers ist übersichtlich aufgebaut und bietet dem Besucher neben einer Option zum Aufruf der thematischen Serien ebenfalls eine Verlinkung zum Gästebuch, zu allgemeinen Informationen bezüglich Projektgruppe, Aufbau, fokussierten Themenbereichen und technischen Aspekten des Servers sowie Verlinkungen zum servereigenen Newsbereich, zum Institut für Europäische Geschichte der Universität Mainz und zum Parallelprojekt bezüglich des Aufbaus eines Historischen Informationssystems namens „HGIS Germany“.

Nach der Auswahl einer Serie durch den Nutzer erscheint ein Verzeichnis des Kartenbestandes der jeweiligen Serie mit Angabe der Jahreszahlen der einzelnen Karten. Mit Hilfe eines „Info“-Buttons sind nach Wunsch weitere inhaltliche oder technische Hinweise zur gewählten Serie abrufbar. Als nächsten Schritt wählt der Nutzer eine Karte durch „Anklicken“ aus. Es erscheint deren Eingangsseite mit einer Verkleinerung des Kartenbildes in der linken Hälfte des Bildschirmes. Der Nutzer findet hinreichende Angaben zum Titel, Bearbeiter, Kartographen und Herausgeber der Karte sowie einen Erläuterungstext bezüglich des dargestellten Karteninhaltes. Ferner erleichtert ein so genannter „Pfeil Browser“ das Blättern durch die einzelnen Karten der Serie. Es wird der Eindruck vermittelt, „einen digitalen historischen Atlas vor sich zu haben“ [4].

Eine Karte kann zum Anschauen und zum Herunterladen angewählt werden. Zum Betrachten können zwei GIF-Images in unterschiedlicher Größe (DIN A4 bzw. A3) auf dem Bildschirm angezeigt werden, so dass der Eindruck zweier Zoom-Modi erzeugt wird. Der Nutzer kann sich außerdem eine Version der Karte im PDF-Format anzeigen lassen. Zum Herunterladen werden neben Dateien im Raster- und PDF-Format zusätzlich Dateien im Postscript-Format mit vier Wahlmöglichkeiten angeboten:
· DIN A3, farblich, mit Beschriftung
· DIN A4, farblich, mit Beschriftung
· DIN A4, farblich, ohne Beschriftung
· DIN A4, schwarz/weiß, ohne Beschriftung

Die Möglichkeit, verschiedene Dateiformate mit entsprechend unterschiedlicher Dateigröße anzuwählen, stellt einen besonderen Vorteil des Karten-Servers IEG-MAPS dar. Die kleineren Dateien im GIF-Format eignen sich in besonderer Weise zu einer Visualisierung am Bildschirm, die mit kurzer Ladezeit verbunden ist. Die bereitgestellten Karten im PDF-Format erleichtern das Navigieren und „Hereinzoomen“. Das Anwählen des Postscript-Formates bedingt zwar längere Ladezeiten der Karte, allerdings eignet sich dieses Format aufgrund der höheren Kartenqualität für einen Ausdruck. Das Postscript-Format lässt Formatkonvertierungen zu, die u.a. für eine Weiterbearbeitung der Karte mit Hilfe vielfältiger Graphik- bzw. Desktop-Mapping-Programme hilfreich sind. Als sinnvolle Ergänzung zu den jeweiligen Kartenerläuterungen stellen die Serverbetreiber darüber hinaus eine Übersicht zur Verfügung, der der Nutzer zusätzliche Download-Informationen zu Kartentyp, Format, Dateigröße, Druckgröße und weitere Erläuterungen entnehmen kann.

Ebenfalls positiv hervorzuheben ist das Angebot an animierten Karten – insbesondere zum Themenfeld Verkehr – die historische Entwicklungsprozesse durch eine dynamisch wechselnde Abfolge der auf bestimmte Jahre bezogenen Karten einer Serie veranschaulichen, ohne dass der Nutzer den „Pfeil Browser“ betätigen muss. Die insgesamt sehr nutzerfreundliche Navigation des Servers wird abgerundet durch die zur Verfügung gestellte Suchfunktion, die eine Kartensuche sowohl nach geographischem Raum(ausschnitt) als auch nach dem dargestellten Thema ermöglicht.

Ein bezeichnender Vorzug des übersichtlich katalogisierten Karten-Servers IEG-MAPS besteht in dem für den Nutzer kostenlosen Angebot, digitale Geometriedaten anzuwählen und herunterzuladen, denen er neue Elemente hinzufügen kann, um somit thematische Karten nach eigenem Gestaltungswunsch zu erstellen – sofern er über eine entsprechende Programmausstattung und –kenntnis verfügt. Aufwendige Digitalisierungen erübrigen sich dementsprechend. Den Kartenbestand zu pflegen und trotz Ablauf des Projektes inhaltlich-differenziert kontinuierlich zu erweitern – z.B. in Bezug auf mittelalterliche Karten – ist ein wünschenswertes Anliegen aller Nutzer, dem der Serverbetreiber wohl zweifelsohne nachgehen wird, zumal der Bedarf an netzbasierten Informationen und digital zur Verfügung stehenden kartographischen Produkten zunehmen wird.

Der Aufbau digitaler Kartenserver wird insbesondere im angelsächsischen Forschungraum lanciert [5]. In Deutschland wächst die Zahl der Kartenserver – häufig werden jedoch Karten zu planungsrelevanten, hydrologischen oder bodenkundlichen Inhalten bereitgestellt. Es stehen nur wenige Server für digitale historische Karten zur Verfügung, die einen umfassenden Kartenbestand aufweisen [6]. Deshalb ist es von besonderem Wert für Privatnutzer und Wissenschaftler, dass das Institut für Europäische Geschichte in Mainz das Ziel verfolgt, den Bestand des Servers IEG-MAPS an frei zugänglichen historischen Kartensammlungen mit europäischem und deutschem Raumbezug beständig fortzuentwickeln und auszuweiten. Der Aufbau des Kartenservers ist als positiver Beitrag zur interdisziplinären historisch-geographischen Forschung mit Schwerpunkt auf elektronische Medien zu schätzen.

Anmerkungen:

[1] Ausführliche Definitionen zum Kartenbegriff bieten insbesondere Hake, Günter; Grünreich, Dietmar; Meng, Liqiu (2002): Kartographie. Visualisierung raum-zeitlicher Informationen. 8. Aufl. Berlin sowie Wilhelmy, Herbert (2002): Kartographie in Stich-worten. 7. Aufl. Berlin (überarbeitet von Hüttermann, Armin und Schröder, Peter)

[2] vgl. u.a. Hörisch, Jochen (2004): Eine Geschichte der Medien. Von der Oblate zum Internet. Frankfurt/Main; Matis, Herbert (2002): Die Wundermaschine. Die unendliche Geschichte der Datenverarbeitung. Von der Rechenuhr zum Internet. Bonn

[3] vgl. Rubrik Allgemeine Informationen unter http://www.ieg-maps.uni-mainz.de/info.htm sowie Kunz, Andreas (2004): IEG-MAPS. Ein Server für digitale historische Karten am Institut für Europäische Geschichte in Mainz. In: Arbeitsgemeinschaft außeruniversitärer historischer Forschungseinrichtungen in der Bundesrepublik Deutschland e.V. (AHF) (Hrsg.): Jahrbuch der historischen Forschung in der Bundesrepublik Deutschland 2003. München, S. 87-92

[4] vgl. Nachrichten aus der Archäologie unter http://www.archaeologie-online.de/magazin/news/detail.php?n=47

[5] vgl. GWU-Kolumne „Information Neue Medien“ unter http://www.lehre.historicum.net/kolumne/kolumne_02_2003.html

[6]Eine Übersicht historischer Kartenressourcen im Internet liefert der Dortmunder Linkkatalog zur Geschichtswissenschaft unter http://www.geschichte.fb15.uni-dortmund.de/links/Ressourcen/Historische_Karten/

Zitation
Klaus Kost: Rezension zu: IEG-MAPS · Server für digitale historische Karten, in: H-Soz-Kult, 09.09.2005, <www.hsozkult.de/webreview/id/rezwww-99>.
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Veröffentlicht am
09.09.2005
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