Die Frühzeit der Thüringer. Archäologie, Sprache, Geschichte

Ort
Jena
Veranstalter
Forschergruppe „Name und Gesellschaft“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft; Leitungskommission des Reallexikons der Germanischen Altertumskunde bei der Akademie der Wissenschaften, Göttingen; Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte und Thüringische Landesgeschichte, Friedrich-Schiller-Universität Jena
Datum
20.10.2006 - 22.10.2006
Von
Mathias Kälble, Friedrich-Schiller-Universität Jena

Das Königreich der Thüringer zählte einst zu den mächtigsten germanischen Reichen außerhalb des römischen Imperiums. Sein Herrschaftsbereich erstreckte sich zu Beginn des 6. Jahrhunderts von der oberen Donau und dem oberen Maintal bis in den niedersächsischen Raum, von der Werra bis zur mittleren Elbe. Als Teil des ostgotischen Bündnissystems Theoderichs wurden die Thüringer zum wichtigsten Machtfaktor gegen das expandierende Frankenreich östlich des Rheins, dem sie aber letztlich nicht standhalten konnten. Nach Theoderichs Tod († 526) unterwarfen die merowingischen Könige Theuderich I. und Chlothar I. die Thüringer nach einer katastrophalen Niederlage an der Unstrut 531 der fränkischen Herrschaft. Das Thüringerreich wurde zerschlagen, die thüringische Königsfamilie durch Flucht, Deportation und Mord ausgelöscht.

Der Untergang des Thüringerreiches hat schon bei Zeitgenossen tiefen Eindruck hinterlassen. Er fand seinen Niederschlag in der mittelalterlichen Heldensage und Historiographie und wurde zu einem wichtigen Faktor thüringischer Identität. Dagegen hat die neuere Forschung den Thüringern im Vergleich zu anderen Völkern der Merowingerzeit bislang nur wenig Beachtung geschenkt. Während ein Großteil der völkerwanderungszeitlichen Gentes inzwischen monografisch behandelt wurde, standen die Thüringer eher abseits des allgemeinen Forschungsinteresses. Aus diesem Grund veranstalteten die Forschergruppe „Name und Gesellschaft“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft, die Leitungskommission des Reallexikons der Germanischen Altertumskunde bei der Akademie der Wissenschaften in Göttingen und der Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte und Thüringische Landesgeschichte der Friedrich-Schiller-Universität Jena ein internationales Kolloquium zum Thema „Die Frühzeit der Thüringer. Archäologie, Sprache, Geschichte“, das vom 20.-22. Oktober 2006 in Jena stattfand. Im Mittelpunkt des interdisziplinär ausgerichteten Kolloquiums, an dem Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Dänemark, Deutschland, Österreich, der Schweiz und den USA teilnahmen, standen Fragen nach der thüringischen Ethnogenese und der Struktur des Thüringerreiches, der Sprache und Kultur der frühen Thüringer, ihrem Verhältnis zu den Nachbarvölkern und den politischen Beziehungen der Königsfamilie und nicht zuletzt den Ursachen und Folgen der Katastrophe von 531.

Nach einem Überblick über den Forschungsstand und einer knappen Einführung in das Tagungsthema durch HELMUT CASTRITIUS (Braunschweig) eröffnete KAREN HØILUND NIELSEN (Århus) die erste Sektion der Tagung, die der Archäologie der Thüringer gewidmet war, mit einem Vortrag zu den Beziehungen zwischen Skandinavien und Thüringen im 5./6. Jahrhundert. Der Vergleich der in den letzten Jahren in Dänemark und Südschweden geborgenen Fibeln mitteldeutscher Machart mit gleichartigen skandinavischen Fibeltypen aus thüringischen Gräbern ergab, dass es für den fraglichen Zeitraum enge Handelskontakte zwischen Thüringen und dem skandinavischen Raum gegeben haben muss, die sich an zentralen Plätzen (Gudme, Lundeborg, Uppåkra) konzentrierten. Im mitteldeutschen Raum konnten bislang keine entsprechenden Warenumschlagsplätze nachgewiesen werden, was zunächst mit dem für dieses Gebiet ungleich schlechteren Forschungsstand zu erklären ist. Auffallend sind jedoch einige in Thüringen geborgene Tierkopffibeln und Goldbrakteaten, die als einheimische Imitate skandinavischer Vorlagen aus dem mittleren Drittel des 6. Jahrhunderts angesprochen wurden. Eine stichhaltige Erklärung für diesen Rezeptionsvorgang sei beim derzeitigen Kenntnisstand – so Høilund Nielsen – allerdings noch nicht möglich. Insgesamt ließ sich das Bild von den Beziehungen zwischen beiden Räumen, das sich bislang allein auf die auffallende Verbreitung von Ortsnamen mit dem Suffix –lev/–leben und von Gräbern der Hassleben-Leuna-Gruppe in Thüringen und Südskandinavien stützen konnte, durch die skandinavischen Neufunde der letzten Jahre um einen wichtigen Baustein ergänzen.

Scheinen die Verbindungen zwischen Skandinavien und Thüringen in erster Linie auf Handelskontakte zurückzugehen, so ergibt die Verbreitung von elbgermanisch-thüringischem Fundgut des ausgehenden 5. und frühen 6. Jahrhunderts im Rhein-Main-Gebiet ein anderes Bild. MARKUS C. BLAICH (Halle/Saale) brachte sie mit dem freiwilligen Zuzug elbgermanisch-thüringischer Ansiedler in Verbindung, die ursprünglich entweder als germanische Söldner im spätrömischen Heer oder als fränkische Hilfstruppen zur Sicherung der neu hinzugewonnenen Gebiete angeworben worden seien. Begründet wurde diese Ansicht mit dem Hinweis, dass die Fundplätze einen deutlichen Bezug zur spätrömischen Infrastruktur erkennen ließen und den Eindruck vermittelten, als sei die Landschaft in diesem Raum beinahe flächig aufgesiedelt worden. Von einer „geschlossenen fränkischen Staatskolonisation“ dürfe man jedoch nicht ausgehen, da die insgesamt geringe Zahl der Funde eher gegen eine straffe politische Organisation spreche. Ihre Bindung an einzelne Friedhöfe und ein bestimmtes Totenritual widersprächen aber ebenso einer Deutung der Funde als Ausdruck einfacher „Modeerscheinungen“ ohne konkreten Migrationshintergrund. Die Besiedlung des Rhein-Main-Gebietes mit elbgermanisch-thüringischen Bevölkerungsgruppen war demnach nicht erst das Ergebnis fränkischer „Zwangsumsiedlungen“, sondern erfolgte nach Blaich schon deutlich vor dem Untergang des Thüringerreiches 531.

Was ist und ab wann gibt es archäologisch betrachtet typisch Thüringisches? Diese Frage stellte JAN BEMMANN (Bonn) mit Blick auf das mitteldeutsche Fundmaterial des 5. und 6. Jahrhunderts. Bemmann konstatierte für die Zeit um 450 einen tief greifenden Wandel der archäologischen Kultur wie er im Aufkommen der Waffenbeigaben, der West-Ost-Orientierung von Gräbern, der Entstehung von Grabkammern und Gräbergruppen etc. zu erkennen sei. Konzentrierten sich die völkerwanderungszeitlichen Funde noch deutlich östlich der Saale, so breiteten sie sich vom späten 4. bis zum mittleren 5. Jahrhundert auch auf die Westseite des Flusses aus, wobei Franken und die Wetterau von der Entwicklung im Elb-Saale-Raum unabhängig blieben. Bemmann hob außerdem hervor, dass sich die thüringischen Fundgruppen keineswegs auf den mitteldeutschen Raum beschränkten, sondern ebenso in Böhmen, Mähren sowie im Rhein-Main-Gebiet vorkommen. Auch die ältesten langobardischen Gräberfelder an der nördlichen und mittleren Donau weisen thüringische Merkmale auf. Schließlich wurde die Bedeutung der politischen Niederlage der Thüringer gegen die Franken insofern relativiert, als in Mitteldeutschland nach 531 keine Änderung der archäologischen Kultur zu beobachten sei, was auf eine fortdauernde kulturelle Selbstständigkeit der Bevölkerung in diesem Raum schließen lasse.

Am Beginn des sprachwissenschaftlichen zweiten Teils der Tagung stand der Vortrag von WOLFGANG HAUBRICHS (Saarbrücken), der auf der Grundlage einer überlieferungskritischen Sichtung sämtlicher Namensbelege für die Thüringer von der Antike bis ins Mittelalter eine neue Deutung des Thüringernamens vorschlug. Seine onomastisch-sprachwissenschaftliche Analyse, bei der sowohl die Schreibweisen mit der dahinter stehenden Phonologie als auch die Morphologie berücksichtigt wurden, ergab, dass der Thüringername zu einem germanischen Adjektiv thur- ‚stark, machtvoll, groß, reich’ mit einer Ableitung auf ing zu stellen sei. Er sei damit jenen Völkernamen zuzuordnen, die die Stärke und die Größe der Stammesangehörigen betonten. Eine Etymologie von der Basis germ. dur- ‚Hügel, Erhebung’ (J. Udolph) sei sprachwissenschaftlich ebenso wenig möglich wie die jüngst vorgeschlagene Herleitung des Namens von den ostgermanischen ‚Terwingi’ (H. Grahn-Hoek).

Nach einer Einführung in die Forschungslage zu den geographischen Namen Thüringens und einer Erläuterung sprachhistorisch-ortskundlicher Methoden widmete sich ALBRECHT GREULE (Regensburg) den ältesten Ortsnamensschichten in Thüringen, die er in Anlehnung an Hans Walther in vier chronologisch aufeinanderfolgende Schichten einteilte: (1) eine vorgermanische Schicht, die nur an wenigen, für die Siedlungsgeschichte kaum aussagekräftigen Namen fest gemacht werden könne (Sala-Schicht); (2) eine intensive, über den gesamten Elb-Saale-Raum verbreitete frühgermanische Schicht, die von den Trägern der nachfolgenden Schicht teilweise slawisch überformt worden sei (Werre-Helme-Schicht); (3) eine zwischen Saale und Weißer Elster flächendeckend verbreitete slawische Schicht, die sich westlich der Saale mit abnehmender Intensität bis zur Werra erstreckte; (4) die „frühdeutsche“ Schicht, die sich in eine frühere Gruppe der apersonalen Siedlungsnamen (Typ Weimar) und in die später große Zahl der personalen Siedlungsnamen mit Personennamen im Erstglied (Typ Teutleben) gliedere. Die altthüringische Hydronomie weist nach Greule ein klares früh- oder altgermanisches Gepräge auf.

Auf weitgehend unbekanntes Terrain begab sich anschließend MARTIN H. GRAF (Zürich) mit seinem Vortrag über die Runeninschriften von Weimar, die er vor dem Hintergrund der neueren Thüringerforschung zu deuten suchte. Zurückhaltend zeigte sich Graf gegenüber der in der Forschung vertretenen These, die runische Schriftpraxis sei aus Südskandinavien durch thüringische Vermittlung in den fränkisch-alemannisch-bairischen Raum gelangt, da die auf verschiedenen Gegenständen der Necropole von Weimar entdeckten Inschriften aufgrund graphematischer Überlegungen zumindest keinen direkten skandinavischen Einfluss erkennen ließen. Vielmehr seien die Runenzeugnisse von Weimar mit der gebotenen Vorsicht unter einem eher ostgermanischen Horizont zu verorten, was den Inschriften im Spiegel jüngerer archäologischer (U. Koch; M. Martin; S. Fischer) und geschichtswissenschaftlicher (H. Grahn-Hoek; M. Springer) Forschungen eine besondere Aktualität verleihen könnte.

Die Frage nach den Anfängen der Thüringer und ihrer ethnischen Herkunft ist eine der großen Unbekannten der Thüringerforschung. Lange Zeit verbreitet war die Annahme, die Thüringer seien aus den im 1./2. Jahrhundert bezeugten elbgermanischen Hermunduren hervorgegangen. Die von Kaspar Zeuß 1837 erstmals formulierte, von Eduard Schröder, Walter Schlesinger und anderen mehrfach kritisierte These wurde von MATTHIAS SPRINGER (Magdeburg) noch einmal einer kritischen Prüfung unterzogen und als unhaltbar zurückgewiesen.

Bleiben die Anfänge der Thüringer und ihres Königtums demnach weiterhin im Dunkeln, so begab sich HEIKO STEUER (Freiburg) auf die Suche nach den ebenfalls noch weitgehend unbekannten Herrschaftssitzen der Thüringer. Steuer rückte vor allem die methodischen Probleme in den Mittelpunkt, die die Suche nach den königlichen Zentren der Thüringer erheblich erschweren, und warnte nachdrücklich davor, thüringische Prunkgräber, wie sie etwa im Umkreis von Erfurt gefunden wurden, vorschnell als Beleg für das Vorhandensein eines königlichen Herrschaftssitzes in Anspruch zu nehmen. In allen Fällen handle es sich um Gräber der Führungsschicht, die zwar königliche Qualität aufwiesen, deren Nähe zum Königshof jedoch nicht erwiesen sei. Steuer plädierte deshalb für eine klare Unterscheidung zwischen Fürstensitzen und Königshöfen. Letztere seien durch Hinweise auf die Anwesenheit des Königs (Königsschatz), ein Großgehöft mit Fest und Kulthalle, die Konzentration von Handwerk und Handel (Goldschmiede), fremde Luxusgüter sowie das Vorhandensein sakraler Orts- und Flurnamen definiert. Im Sinne dieser Definition fehlt für Thüringen bislang ein klarer Hinweis auf einen Königshof. Bleibt also vor allem die schriftliche Überlieferung, um sich dem thüringischen Königtum anzunähern.

GERLINDE HUBER REBENICH und MATTHIAS WERNER (beide Jena) taten dies, indem sie sich in einem Gemeinschaftsvortrag mit der verhältnismäßig dichten zeitgenössischen Überlieferung zur thüringischen Prinzessin Radegunde auseinandersetzten. Zwar stammen die Zeugnisse hierfür sämtlich aus dem unmittelbaren Umfeld der Thüringerprinzessin (Gregors von Tours, Venantius Fortunatus, Baudonivia), doch sei davor zu warnen, sie allein deshalb als besonders authentisch zu werten. Vielmehr seien die Texte, ihrem literarischen und kommunikativen Kontext entsprechend, hochgradig stilisiert und deshalb als historische Quellen mit erheblichen Problemen belastet. Huber-Rebenich zeigte dies vor allem am Beispiel der stark nach antiken Vorbildern (Ovid) gestalteten Gedichte Fortunats, die den bei weitem reichsten Fundus an Informationen zu Radegunde bieten. Dabei ragt eine Gruppe von Gedichten besonders hervor, die mit der Beschaffung der Kreuzesreliquie in Byzanz für das von Radegunde gegründete Kloster in Poitiers zu tun haben. In ihnen wird die Herkunft Radegundes aus dem thüringischen Königshaus besonders betont. Huber-Rebenich stellte in diesem Zusammenhang die Frage, für wen die thüringische Dynastie noch eine solche Bedeutung hatte, dass die Zugehörigkeit zu ihr im Rahmen einer „Überzeugungsstrategie als ‚Argument’“ dienen konnte. Werner wertete die Gedichte als Indiz dafür, dass die bei Venantius Fortunatus über Gregor von Tours hinausgehenden Informationen unmittelbar auf Radegunde und ihr Umfeld zurückgehen. Die davon unabhängigen Nachrichten Gregors belegten überdies, dass 40 Jahre nach dem Ende des Thüringerreiches noch eine recht genaue Erinnerung an die Verhältnisse in Thüringen und die Vorgeschichte des fränkischen Angriffs lebendig war, wobei die Erinnerung vor allem den Beziehungen zwischen den Königen und königlichen Familien der Thüringer und der Merowinger gegolten hätten. Die Bündnis- und Familienpolitik König Herminafrids, die nach dem Tod Theoderichs 526 vermutlich zu einer Neuorientierung und infolgedessen zu einer Instabilität der politischen Verhältnisse in Thüringen geführt habe, sei wesentlich für den Untergang des Thüringerreiches verantwortlich. Auf die Bedeutung verwandtschaftlicher Beziehungen zwischen den Königshäusern verweisen schließlich auch die Entführung Radegundes und ihre spätere Heirat mit dem Frankenkönig Chlothar, der damit eine Art Herrschaftslegitimation auf Thüringen erworben habe. Hier sei nochmals zu fragen, was die Zugehörigkeit Radegundes zum thüringischen Königshaus im Machtkalkül Chlothars eigentlich bedeutet habe und welche Wandlungen hier erfolgt seien; eine Frage, die in den Vorträgen von Jörg Jarnut und Wolfram Brandes noch einmal aufgegriffen wurde.

Die große Bedeutung cognatischer Verwandtschaftsverhältnisse im 6. Jahrhundert betonte auch GEORG SCHEIBELREITER (Wien) in seinem öffentlichen Abendvortrag über den „Untergang des Thüringerreiches aus Sicht des Frühmittelalters“, der in Kooperation mit dem Verein für Thüringische Geschichte in der Aula der Universität stattfand und auch die interessierte Öffentlichkeit ansprach. Scheibelreiter deutete den Krieg zwischen Franken und Thüringern als einen Machtkonflikt mit Streben nach Herrschaftsgewinn „auf der Grundlage von Zwistigkeiten um Ansprüche innerhalb eines komplizierten genealogischen Komplexes“. Darauf verwiesen vor allem die Darstellung Gregors von Tours und das aus sächsischen Quellen rekonstruierbare (thüringische?) Heldenlied, wobei die „gesellschaftlichen und mentalitätsmäßigen Voraussetzungen“ des Krieges bei Gregor bereits stark durch seine eigene Denkweise überlagert worden seien, in dem er nämlich den fränkischen Angriff auf Thüringen unter Verwendung literarischer Topoi moralisch legitimierte. Den Akteuren des Krieges sei eine solche Art der Legitimation jedoch fremd gewesen.

Ausführlich in den Blick genommen wurden die von Scheibelreiter in ihrer Bedeutung hervorgehobenen Sippenverflechtungen der Thüringer von den Referenten der vierten Sektion, die sich den Außenbeziehungen der Thüringer widmete. Am Beginn stand hierbei die schwierige, weil in der Forschung heftig umstrittene Frage nach dem Anteil der Sachsen an der Zerschlagung des Thüringerreiches. MATTHIAS HARDT (Leipzig) sichtete daraufhin noch einmal die sächsische Überlieferung und kam zu dem Ergebnis, dass es außer den späten Berichten Rudolfs von Fulda, Widukinds von Corvey und der Quedlinburger Annalen wenig verwertbare Hinweise für eine Beteiligung der Sachsen an der Zerschlagung des Thüringerreiches gebe. Zwar mache die zeitnahe Überlieferung deutlich, dass Sachsen und Thüringer schon im 6. Jahrhundert in Nachbarschaft lebten, das Verhältnis beider gentes zueinander bleibe jedoch weitgehend unbestimmt.

Wesentlich besser bezeugt sind dagegen die Beziehungen der Thüringer zu den Goten und Langobarden. Ausgehend von dem bekannten Brief Theoderichs des Großen an den Thüringerkönig Herminafrid anlässlich der Übersendung von Theoderichs Nichte Amalaberga nach Thüringen analysierte GERD KAMPERS (Bonn) die politischen Hintergründe des ostgotisch-thüringischen Ehebündnisses, das vor dem Zusammenbruch des außenpolitischen Sicherungssystems des Ostgotenkönigs in den Jahren 506/08 zu sehen sei. Die von Theoderich überlieferten Schreiben ließen erkennen, dass die Ehe Herminafrids mit Amalaberga frühestens im Jahr 507 geschlossen worden sei. Dies mache das politische Gewicht dieses Bündnisses erst richtig einsichtig. Allerdings sei zu beachten, dass die gotisch-thüringischen Beziehungen schon weiter zurückreichten, wobei das teilweise identische Namensgut von Angehörigen gotischer und thüringischer Herrscherfamilien auch auf genealogische Verbindungen hindeute.

Besonders dicht erscheint das verwandtschaftliche Beziehungsgefüge zwischen Thüringern und Langobarden. Sieben von zehn der zwischen dem Regierungsantritt König Wachos (um 510) und dem Tod Rotharis († 652) herrschenden reges der Langobarden seien, so JÖRG JARNUT (Paderborn), Voll-, Halb- oder Viertelthüringer oder wenigstens mit einer Thüringerin verheiratet gewesen. Die Anfänge dieser Beziehungen sieht Jarnut ebenfalls vor dem Hintergrund der Bündnisbemühungen Theoderichs, Goten, Langobarden und Thüringer um 510 zu einer antifränkischen Koalition zu vereinen, aus welcher der Langobardenkönig Wacho allerdings noch zu Lebzeiten des Ostgotenkönigs wieder ausscherte; ein mit Blick auf den Sieg der Franken über die Thüringer 531 bislang noch kaum beachteter Faktor. Den Höhepunkt der thüringisch-langobardischen Beziehungen sieht Jarnut unter König Audoin (ca. 546-560/62), der zugleich Sohn und Gatte einer Thüringerin gewesen ist. Die von Kaiser Justinian eingefädelte Ehe des Langobardenkönigs mit einer unbekannten Tochter Herminafrids war wohl Teil der Bemühungen Justinians, in einer kritischen Phase des Gotenkrieges 546 ein politisches Bündnis mit den Langobarden zu zimmern, das zudem eine „starke thüringische Komponente“ aufwies (552 kämpfte Amalafrid, der Sohn Herminafrids, als byzantinischer Feldherr mit den Langobarden in Pannonien gegen die Gepiden). In diesem Zusammenhang verwies Jarnut auch auf die politischen Dimensionen der Heirat Radegundes mit Chlothar, die er um 548 ansetzte. Seiner Ansicht nach könnten Radegunde und ihr Bruder die politische Konstellation jener Jahre genutzt haben, um „auf eine Wiederherstellung des Thüringerreiches“ hinzuarbeiten. Mit der Ermordung von Radegundes Bruder und dem gescheiterten Aufstand der Sachsen und Thüringer nach dem Tod König Theudowalds im Jahr 555 aber seien dahingehende Hoffnungen zunichte gemacht worden. Abschließend skizzierte Jarnut den Anteil der Thüringer bei der Entwicklung des langobardischen Königtums im 6. Jahrhundert und verwies auf die in diesem Kontext sichtbar werdenden Verbindungen zwischen Thüringern und Warnen, woraus sich ein weiteres Indiz für den möglicherweise warnischen Ursprung der thüringischen Königsdynastie ergebe.

Noch kaum in den Blick geraten ist bisher die Frage, was aus jenen Thüringern geworden ist, die nach der Niederlage gegen die Franken 531 mit Amalafrid zunächst nach Italien flohen und von dort später nach Byzanz gelangt sind. WOLFRAM BRANDES (Frankfurt/Main) konnte diesbezüglich mit einigen von der Forschung noch nicht beachteten Hinweisen auf Thüringer und Thüringerinnen in byzantinischen Quellen aufwarten, die überraschend Licht in ein noch unbekanntes Kapitel thüringischer Geschichte zu bringen vermochten. Brandes begann zunächst mit dem in griechischen Quellen des 5. Jahrhunderts als Magnat am Hof Attilas und Vater Odoakers bezeugten Edico (Edikon, Edika), der nach dem Zeugnis eines Malchus-Fragments (5./6. Jahrhundert), das sich im Suda-Lexikon (K 693) aus dem ausgehenden 10. Jahrhundert erhalten hat, als erster namentlich bekannter Thüringer zu gelten hat. Gestützt wird diese Feststellung auch durch Jordanes, der Odoaker als „Torcilingorum rex“ bezeichnet, was nach Brandes aus „Thuringi rex“ bzw. „Thoringi rex“ verballhornt wurde. Diese in Anlehnung an Helmut Castritius formulierte Erkenntnis wirft nicht nur ein neues Licht auf den Zerstörer des Weströmischen Reiches, sondern auch auf die Frühzeit der thüringischen Königsfamilie, für die mit Odoaker, seinem Bruder Onoulf und ihrem Vater Ediko drei bislang nicht als solche berücksichtigte Angehörige aus der Mitte bzw. zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts identifiziert sind. Im zweiten Teil seiner Ausführungen suchte Brandes nach Spuren möglicher Nachkommen der nach 531 nach Byzanz verbrachten Angehörigen der Thüringerkönige. Er verwies dabei auf einen illegitimen Sohn des berühmten Kaisers Herakleios mit dem auffallenden Amalernamen Athalarich, der 637 in einen Umsturzversuch gegen seinen Vater verwickelt war und selbst nach der Kaiserkrone strebte. In ihm vermutet Brandes einen Enkel Amalafrids oder dessen Sohnes Artachis. Er wäre demnach der letzte nachweisbare Nachkomme der Thüringerkönige in Byzanz, etwa ein Jahrhundert nach der Zerschlagung ihres Königreiches. Auf das Fortleben thüringischer Traditionen in Byzanz verweist schließlich der Kult der angeblichen Gründerin der Stadt Taormina (griech. Tauromenia), Menia, der Gattin des ersten namentlich bekannten Thüringerkönigs Bisin, deren Name durch die Vermittlung im griechischen Dienst stehender Varäger Eingang in die Edda gefunden hat.

Während sich die Spuren der Thüringer in Byzanz im 7. Jahrhundert verlieren, lebte die Bevölkerung des untergegangenen Thüringerreiches unter den neuen Machthabern weiter und mit ihr thüringische Traditionen und Strukturen, die nun schrittweise in fränkische Zusammenhänge eingebunden wurden. Welche Faktoren zur Integration Thüringens in das Frankenreich beigetragen haben und inwiefern daraus Neues entstand, war Thema des Vortrags von MATHIAS KÄLBLE (Jena), der sich im Rahmen der fünften Sektion „Thüringen im fränkischen Reich“ mit der frühmittelalterlichen Ethnogenese in Thüringen beschäftigte. Seiner Ansicht nach führten die im 7. Jahrhundert in Thüringen geschaffenen politischen Strukturen zur Ausbildung eines neuen gentilen Bewusstseins, das erstmals über die im Umfeld des Bonifatius verbreiteten historischen Traditionen greifbar wird. Als prägend hierfür erwies sich die Zeit des von König Dagobert I. zur Grenzsicherung im Osten eingesetzten Thüringerherzogs Radulf, der nach den Angaben der Fredegarchronik eine gleichsam königliche Herrschaft in Thüringen errichtet hat. In dieser Zeit finden sich auch erste Ansätze einer Christianisierung Thüringens, die sich im Bewusstsein des 8. Jahrhunderts ebenfalls mit dem thüringischen Herzogtum Radulfs verband. In Anknüpfung an Forschungen von Reinhard Wenskus wurde versucht zu zeigen, dass sowohl die am Sturz Herzog Hedens II. 716/17 als auch die 785 an der Verschwörung Hardrads gegen Karl den Großen beteiligten thüringischen Adligen Angehörige eines sich auf das Herzogtum Radulfs beziehenden Traditionsverbandes waren, der als Träger eines ausgeprägten thüringischen Eigenbewusstseins zu gelten hat. Hervorgehoben wurde außerdem, dass sich der Begriff „Thüringen“ in den Augen der Zeitgenossen bis ins 8. Jahrhundert hinein vielfach noch auf jenen politischen Großraum bezog, den das Thüringerreich nach historischer Überlieferung vor seinem Untergang 531 umfasste. Erst mit der Eingliederung Thüringens in die karolingische Herrschaftsorganisation habe sich eine klare Vorstellung von der „Thuringia“ als politisch-geographischer Einheit zwischen Harz, Thüringer Wald, Werra und Saale durchgesetzt. Damit verbunden sei ein grundlegender Bewusstseinswandel gewesen, der sich in der politisch-geographischen Terminologie seit dem 9. Jahrhundert deutlich abzeichne.

Die Frage nach der Integration Thüringens in das Frankenreich ist in der Forschung eng verbunden mit der Diskussion um das Fortleben eigenständiger thüringischer Rechtsgewohnheiten, wie sie in der um 802 aufgezeichneten „Lex Thuringorum“ zu vermuten sind. Inwieweit sich spezifisch thüringisches Recht in der von Karl dem Großen in Auftrag gegeben Rechtskodifikation erhalten hat, ist in der Forschung allerdings umstritten. Besondere Aufmerksamkeit verdient deshalb der Versuch von HEIKE GRAHN-HOEK (Braunschweig), Eigentümlichkeiten thüringischen Rechts und die rechtlichen Beziehungen der Thüringer zu den „gentes“ ihrer Zeit aufzuzeigen. Eine der wichtigsten Traditionen thüringischen Rechts sei das Ständesystem, das im Gegensatz zu den fränkischen Rechten einen Geburtsstand mit eigenem Wergeld oberhalb der Freien („liberi“) kennt, deren Angehörige mit dem volkssprachlichen Wort „adalingi“ bezeichnet werden. Hierbei scheint es sich noch um eine breitere Schicht ‚altfreier’ Thüringer zu handeln, die sich wenigstens aus den in der Regel erstgeborenen Männern freien Standes mit einem zuvor mindestens einmal vererbten Stammsitz zusammensetzte. Als spezifisch thüringisch gilt auch der besondere Stellenwert des Diebstahls von Pferden in der Lex Thuringorum, der sich aus der schon um 400 bezeugten großen Bedeutung der Pferde für die Thüringer erklären lasse. Hier scheint thüringisches Recht unmittelbar übernommen. Nur ansatzweise zu erkennen seien dagegen die rechtlichen Beziehungen der Lex Thuringorum zu anderen Leges, doch scheinen Beziehungen zu den Sachsen und Friesen deutlicher als zu den Bayern und Alemannen. Berührungspunkte mit den Angeln ergäben sich aber nicht nur aus dem spät bezeugten Titel „Lex Angliorum et Werinorum hoc est Thuringorum“, sondern unabhängig davon auch aus der Geschichte des Rechtsinstituts des Heergewätes und dessen volkssprachiger Bezeichnung im angelsächsischen Recht sowie aus der anglischen Schreibweise des Wortes „rhēdo“ in der Lex Thuringorum. Darüber hinaus bestehe ein inhaltlicher Zusammenhang zwischen dem thüringischen Begriff „adalingus“ und dem angelsächsischen Word „èðel“ für ‚Stammgut’. Das Verhältnis von Angeln, Warnen und Thüringern lasse sich mit Hilfe der Lex freilich nicht näher bestimmen. Einen Einfluss des fränkischen Königs sieht Grahn-Hoek im Königbann und im Friedensgeld, mögliche Gemeinsamkeiten zwischen Thüringern und Westgoten im Fehlen eines Standes von ‚Halb-’ oder ‚Minderfreien’, wie er in den Leges aller Nachbarstämme in irgendeiner Form zu beobachten sei. Die fehlende Unterscheidung zwischen Mord und Totschlag und die Bedeutung des Zweikampfes in beiden Stämmen könnten – so die Referentin – ebenfalls noch die Folgen einer alten gemeinsamen gotisch-„theruingischen“ Tradition sein.

Abschließend richtete THOMAS SCHARFF (Braunschweig) in seinem Beitrag „Die Thüringer und der Krieg – Mythen und Realitäten“ den Blick auf das Ende des Thüringerreiches im Spiegel der mittelalterlichen Historiographie. Ausgehend von der Beobachtung, dass militärische Siege bei Geschichtsschreibern unterschiedliche Funktionen erfüllen, wurde die Frage gestellt, welche Bedeutung die Thüringer als Verlierer in der historiographischen Überlieferung der Sieger hatten. Am Beispiel der Darstellungen Gregors von Tours und Widukinds von Corvey wurde gezeigt, dass der Sieg der Franken über die Thüringer einmal als Zeichen göttlichen Zuspruchs gegenüber den Merowingerkönigen im Kampf gegen die Heiden und Häretiker, im Falle Widukinds als Legitimation der sächsischen Landnahme gedeutet wurde. Die „Bewältigung“ der Niederlage lasse sich aus der bei Widukind teilweise wiedergegebenen Iringsage zumindest ansatzweise rekonstruieren. Scharff plädierte dafür, solche unterschiedlichen Formen der Sinngebung militärischer Niederlagen im Anschluss an Jan Assmanns Konzept einer „Sinngeschichte“ aus der Sicht der Sieger und, wo möglich, aus der der Verlierer zu analysieren, um so zu einem besseren Verständnis der historiographischen Texte zu gelangen.

Mit dem Resumée von DIETER GEUENICH (Duisburg-Essen), das zu einer Schlussdiskussion überleitete, ging die Tagung zu Ende. Interessierte hatten am folgenden Tag noch die Gelegenheit an einer Exkursion zu Erinnerungsorten der thüringischen Frühgeschichte teilzunehmen. Ziele waren die schon 704 bezeugte Mühlburg (Burg und Radegundiskapelle), einer der ältesten urkundlich nachgewiesenen Orte in Thüringen, die Tretenburg bei Gebesee, die als Versammlungsplatz der Thüringer über Jahrhunderte hinweg von zentraler Bedeutung war, und Erfurt (Petersberg, Domhügel), dem nach bonifatianischer Überlieferung ältesten Zentralort in Thüringen. Es ist geplant, die Beiträge 2007 in einem Tagungsband zu veröffentlichen.

Zitation
Tagungsbericht: Die Frühzeit der Thüringer. Archäologie, Sprache, Geschichte, 20.10.2006 – 22.10.2006 Jena, in: H-Soz-Kult, 22.12.2006, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1429>.
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Veröffentlicht am
22.12.2006
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