Öffentliche Erinnerung und Medialisierung des Nationalsozialismus: Eine Bilanz der letzten 30 Jahre

Ort
Dachau
Veranstalter
Amt für Kultur, Fremdenverkehr und Zeitgeschichte, Große Kreisstadt Dachau; Prof. Dr. Gerhard Paul, Institut für Geschichte, Universität Flensburg; Jugendgästehaus Dachau
Datum
09.10.2009 - 10.10.2009
Von
Thomas Vordermayer, Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte, Universität Augsburg

Anknüpfend an das im Jahr 2000 veranstaltete, auf den Umgang mit der NS-Geschichte während der ersten Nachkriegsjahrzehnte fokussierte 1. Dachauer Symposium zur Zeitgeschichte widmete sich das diesjährige 10. Symposium der öffentlichen Erinnerung und Medialisierung des Nationalsozialismus innerhalb der vergangenen dreißig Jahre. In seinem einführenden Vortrag unterstrich GERHARD PAUL (Flensburg) die für den Untersuchungszeitraum charakteristische Wechselwirkung von Medien- und Gesellschaftsgeschichte: Die signifikant gewandelte Art der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus könne nur unter Berücksichtigung veränderter struktureller Rahmenbedingungen verstanden werden. Paul betonte insbesondere die Bedeutung des mit höherer Sensibilität und neuen Erkenntnisinteressen gegenüber der NS-Geschichte verbundenen Generationenwechsels, verwies aber auch auf den Durchbruch eines neuartigen, massenkulturell geprägten Konsumverhaltens. Nur vor dem Hintergrund dieser Strukturfaktoren sei etwa der Erfolg des 1979 ausgestrahlten ‚Holocaust‘-Films zu verstehen: Getragen von einer innovativen Vermengung von fiktionaler Erzählung und dokumentarischer Bild- und Filmmaterialien, sowie einer bewusst emotionalisierenden weil personenzentrierten Nahperspektive habe der Film den Holocaust schlechterdings „massenmedial diskursfähig“ gemacht und infolge dessen die entsprechende historische Sensibilität im deutsch- und englischsprachigen Raum signifikant verstärkt. Diesem Effekt der Medialisierung stellte Paul zugleich erhebliche Schattenseiten zur Seite: Erwägungen der „Aufmerksamkeitsökonomie“ hätten eine Hinwendung zu Betroffenheitspathos und substanzlosen Schockeffekten nach sich gezogen. Zugleich seien schwer vermittelbare strukturelle Erklärungsmodelle bewusst ausgeblendet worden, sodass mit der gestiegenen medialen Präsenz des Nationalsozialismus letztlich kein wesentlicher Gewinn an Hintergrund- und Detailwissen einhergegangen sei. Vielmehr stelle sich die Frage, ob die zwar häufige, an anspruchsvoller analytischer Auseinandersetzung aber desinteressierte mediale Beschäftigung mit NS-Themen nicht als „zeitgenössische Form des Verschweigens“ verstanden werden könne. Als Kernfragen der Tagung fasste Paul abschließend fünf Gesichtspunkte ins Auge: Die Veränderung unserer Geschichtskultur (1) und mögliche Nivellierung der wissenschaftlichen Historiographie (2) durch die auf Entertainment fokussierte Medialisierung des Nationalsozialismus. Damit zusammenhängend das Verhältnis zwischen emotionalisierender und sachlich erkenntnisorientierter Auseinandersetzung mit NS-Themen (3) und die Möglichkeit der aufklärerischen Nutzung der Zwänge der Aufmerksamkeitsökonomie (4); schließlich das Verhältnis der betont sachlich argumentierenden Geschichtswissenschaft zu dem öffentliche Diskurse prägenden „emotional begründeten Plädoyer für mehr Menschlichkeit“ (5).

Der Vortrag FRANK BÖSCHs (Gießen) nahm im Anschluss daran die Darstellung des Holocausts in Film und Fernsehen seit 1979 in den Blick. Für die 1980er-Jahre verwies Bösch auf den nachhaltig prägenden Einfluss des ‚Holocaust‘-Films auf deutsche Filmproduktionen: Der Hollywood-Vorlage seien diese insofern gefolgt, als besonders Frauen und Kinder in das Zentrum der Handlung gerückt worden seien. Die Täterperspektive wäre hingegen zu Gunsten der Konzentration auf positiv konnotierte Protagonisten „couragierter Hilfsbereitschaft“ ausgespart worden. Bei jüdischen Charakteren wiederum habe die Fokussierung auf ‚assimilierte‘ Juden zu einer Ausklammerung eigenständiger jüdischer Traditionen geführt. Den Einfluss des ‚Holocaust‘-Films auf deutsche Fernsehdokumentationen zur NS-Geschichte verortete Bösch vornehmlich in dem verstärkten Rückgriff auf Zeitzeugen, deren subjektive Perspektive zum dominierenden Erzählmittel geworden sei. Zugleich sei es (trotz der Absicht auf sachliche Aufklärungsarbeit) zur schrittweisen Zurückstellung der zuvor gepflegten engen Zusammenarbeit mit wissenschaftlichem Fachpersonal gekommen. Für die NS-Themen adaptierenden Filme der 1990er-Jahre bilanzierte der Referent die Etablierung neuer Erzählweisen, einerseits hinsichtlich einer Schwerpunktverlagerung auf alltags- und regionalgeschichtliche Themen mit dem „Anspruch authentischer Geschichtsvermittlung“, andererseits betreffs freierer, auch humoristischer und kontrafaktischer Darstellungsweisen. Hinsichtlich der Fernsehdokumentationen seit den 1990er-Jahren bestritt der Referent abschließend das gängige Bild des ‚Siegeszugs der Zeitzeugen‘. Vielmehr könne von einem „Sieg der Drehbuchautoren“ gesprochen werden, insofern sich diese mittlerweile für jedwede ihrer Thesen passendes Zeitzeugenmaterial zusammenstellen könnten.

Der bildlichen Darstellung des Nationalsozialismus im Schulbuch widmete sich im Folgenden SUSANNE POPP (Augsburg). Unter explizitem Verzicht darauf, mittels der Schulbuchinhalte Rückschlüsse auf die Unterrichtspraxis zu ziehen, betonte Popp den „unverzichtbaren“ Quellenwert von Schulbüchern zur Klärung der Frage, wann welchen Geschichtsbildern ein normativer, staatlich legitimierter Verbindlichkeitsanspruch zugekommen sei. Bis heute, so die Referentin, entstamme die Schulbuchbebilderung zur NS-Geschichte im Wesentlichen Gerhard Schoenberners bereits 1960 publizierter Studie ‚Der gelbe Stern‘. Diesen Sachverhalt unterzog Popp einer vehementen Kritik: Den von ausbleibender Reflexion über die Entstehungsgeschichte und Aussagekraft der Bilder bedingten, mangelnden quellenkritischen Impetus bemängelte sie hierbei ebenso, wie die fehlende Sensorik für den seit den 1960er-Jahren fundamental veränderten gesellschaftlichen Umgang mit dem Nationalsozialismus. Dieser werde, so Popp, in Schulbüchern nach wie vor ohne klaren Erkenntnisgewinn als ein über die Zivilisation hereingebrochenes Fremdes, absolutes und abstraktes Böses dargestellt. Außerdem werde in einer Fokussierung auf die unmittelbaren Nachkriegsjahre die nichtverfolgte deutsche Bevölkerung (insbesondere Vertriebene, Bombenopfer und Kriegsgefangene) noch immer als die größte Opfergruppe portraitiert. Zudem seien in trennenden Titulierungen wie ‚die Deutschen‘ und ‚die Juden‘ Versatzstücke nationalsozialistischer Rhetorik gedankenlos weitertradiert worden. Ferner werde der rassistisch begründete Vernichtungskrieg im Osten bis dato als quasi gewöhnlicher Krieg verharmlost, ohne die Leiden und Leistungen gerade der polnischen Bevölkerung ausreichend zu würdigen.

Im anschließenden Vortrag ging ALFONS KENKMANN (Leipzig) der Präsentation des Nationalsozialismus in den Printmedien nach. Zur Aufhellung seiner Fragestellung wählte der Referent drei unterschiedliche Zugriffe: Zunächst nahm er die Rolle der Medien während der ‚Goldhagen-Debatte‘ in den Blick. Anschließend beschäftigte er sich (am Beispiel der ‚Frankfurter Allgemeinen Zeitung‘, der ‚Süddeutschen Zeitung‘ und der ‚Welt‘) mit NS-Themen gewidmeten Artikeln überregionaler Tageszeitungen zwischen 1979 und 2009, um sich schließlich einschlägigen Titelbildern des ‚Spiegel‘ zuzuwenden. Bezüglich der ‚Goldhagen-Debatte‘ verwies Kenkmann darauf, dass die der Studie Goldhagens vorausgegangene, sensationsheischende PR-Kampagne entscheidend zur Dynamik und Schärfe der sich anschließenden Auseinandersetzungen beigetragen habe: Ohne die zu erheblichen Teilen von Selbstreferenzialität getragene massenmediale Aufmerksamkeit hätte die Debatte erheblich kleinere Kreise gezogen. Hinsichtlich der Berichterstattung der Tagespresse arbeitete der Referent anschließend anhand der jeweils ersten Kalenderwochen der Jahre 1979, 1989, 1999 und 2009 eine zunehmende thematische Ausdifferenzierung, zugleich aber auch Trivialisierung der Inhalte heraus. Bezüglich der Illustration von NS-Themen in Titelbildern des ‚Spiegel‘ zeigte Kenkmann daraufhin unter Einbezug zahlreicher Fallbeispiele charakteristische Wandlungen in der Bildsprache auf. Die Wirkung der Titelblätter als „kognitiv-emotionale Leitbilder“ hervorhebend wies der Referent hierbei auf eine zunehmende Beliebigkeit bzw. „Universalisierung“ des ‚Holocaust‘-Begriffs hin, ebenso wie auf den zunehmenden Einbezug alltags- bzw. mikrogeschichtlicher Perspektiven und eine erst verspätet erschlossene Tätergeschichte.

Den sukzessiven Bedeutungszuwachs digitaler Informationsmedien betonend unterteilte WOLFRAM DORNIK (Graz) im folgenden Vortrag das einschlägige Onlineangebot zu Nationalsozialismus und Holocaust in vier Kategorien: Erstens repräsentative Seiten anerkannter Institutionen, zweitens sich auf die Darstellung spezifischer Materien konzentrierende Websites, weiterhin Service- und Informationsportale, schließlich inhaltlich mannigfaltige Internetseiten, etwa die Onlineausgaben von Printmedien. Der Referent arbeitete heraus, dass die Beschäftigung mit NS-Themen im Internet wenig eigenständige Impulse entwickle, sondern im Kern auf „langfristige Diskurse“ rekurriere und diese fortschreibe. Charakteristisch für Internetangebote sei deren „Interaktivität, Konnektivität und Internationalität“. Im Ergebnis führe dies zu „hybriden Erinnerungskulturen“ und einem verstärkt individualisierten Umgang mit Geschichte, da sich der Einzelne unabhängig von seiner Herkunft aus einem Meer von Informationen die ihn „ansprechendsten Elemente“ isolieren und auswählen könne. Anschließend diskutierte Dornik wesentliche Probleme des Online-Lexikons ‚Wikipedia‘. Er verwies hierbei vor allem auf die Diskrepanz zwischen dem Anspruch des Lexikons, gleichsam das gesammelte Weltwissen in sich zu vereinen und der von willkürlicher Löschung seriöser Informationen, sowie der Machthoheit nicht akademisch ausgebildeter Administratoren gekennzeichneten Realität. Abschließend betonte der Referent den steigenden Einfluss des Internets auf Museen, Archive und Gedenkstätten, deren Verantwortung es vor diesem Hintergrund sei, ihren Status als „Wahrer der Materialität und Authentizität“ zu erhalten und zu verteidigen.

Die zweite Sektion des Symposiums eröffnete HABBO KNOCH (Hannover) mit seinen in drei Entwicklungsphasen gegliederten Ausführungen zur Gedenkstättenkultur der Bundesrepublik: In einer ersten, bis in die 1970er-Jahre hineinreichenden Phase hätten NS-Gedenkstätten in Deutschland keine staatliche Förderung erfahren. In den als Tatorte nationalsozialistischer Gewaltverbrechen stigmatisierten Städten hätte Verdrängung und Abschottung vorgeherrscht, ein Zustand der erst infolge der die zweite Entwicklungsphase einläutenden ‚Gedenkstättenbewegung‘ der 1980er-Jahre habe überwunden werden können. Durch sie sei es unter regionalspezifischen Vorzeichen zur Schaffung neuer Erinnerungsorte und zum Zusammenschluss von „Kommunikationsgemeinschaften“ gekommen. Die Bedeutung des ‚Holocaust’-Films für die Genese der Gedenkstättenbewegung relativierte Knoch: Lange vor dessen Ausstrahlung hätten bürgerschaftliche Initiativen der Bewegung bereits ein „Resonanzfeld“ geschaffen. Den Beginn der dritten Entwicklungsphase datierte der Referent schließlich auf die Jahre 1989/90. Seit dem Ende des Ost-West-Konflikts seien Gedenkstätten erhöhte gesellschaftliche Aufmerksamkeit und staatliche Förderungsprogramme zuteil geworden. Auch mit Blick auf die zahlreichen Neugründungen von Gedenkstätten seit den 1990er-Jahren verneinte der Referent einen entscheidenden Einfluss medialer Ereignisse. Ausschlaggebend seien vielmehr langfristige lokalspezifische Entwicklungen gewesen, etwa die Entstehung politischen Handlungsdruck kreierender, öffentlicher Protestinitiativen. Abschließend unterstrich Knoch die geringe Prägekraft der Gedenkstätten auf die mediale Geschichtskultur unserer Zeit. Vielfach würden Ausstellungen trotz verstärktem Medieneinsatz die von den Massenmedien geprägten Erwartungshaltungen der Gedenkstättenbesucher enttäuschen.

Die Darstellung des Nationalsozialismus in Museen grenzte STEFANIE SCHÜLER-SPRINGORUM (Hamburg) von jener in Gedenkstätten ab, indem sie den betont nationalen Bezugsrahmen von Museen als „Orte nationaler Verständigung“ unterstrich. Die Referentin illustrierte am Beispiel der Darstellung jüdischer Geschichte zwei grundlegende didaktische Konzepte praktischer Museumsarbeit während der vergangenen 30 Jahre. Hierbei stellte sie dem bewusst emotionalisierenden, auf Individuen fokussierten Zugriff ein schwerpunktmäßig auf historische Kontextualisierung konzentriertes Modell gegenüber. Für den Zeitraum bis Ende der 1970er-Jahre verwies Schüler-Springorum auf die Vorreiterrolle einzelner, in Katalogen vervielfältigter Ausstellungen zur jüdischen Geschichte. Diese hätten sich indes weitgehend auf die Zeit vor 1933 konzentriert und bezüglich des Dritten Reichs auf jedwede Berücksichtigung von Tätergeschichte verzichtet. Für die 1980er-Jahre beschrieb die Referentin einige Gründungen jüdischer Museen und Erweiterungen bestehender Ausstellungen um jüdische Abteilungen. Diesen Wandel führte sie auf ein von generationellen Faktoren bedingtes, neues Erkenntnisinteresse an Verfolgungs- und Tätergeschichte zurück. Dem ‚Holocaust‘-Film sprach sie keinen entscheidenden Einfluss auf die deutsche Museumslandschaft zu. Als Zäsur und Initialzündung könnten vielmehr die 1988 sowohl in der BRD als auch in der DDR organisierten, an die Novemberpogrome der Nationalsozialisten erinnernden Ausstellungen gelten. Für die Gegenwart resümierte Schüler-Springorum einen vergleichsweise geringen Medialisierungsgrad der Museen und mahnte vor dem Hintergrund einer notorisch komplexreduzierenden Medienlandschaft die Vermittlung von historischem Kontextwissen zum Nationalsozialismus als bedeutsamste Aufgabe der Museen an.

BERNHARD SCHOßIG (München) beschäftigte sich in seinem Vortrag anschließend mit den Veränderungen der kommunalen Geschichtspolitik der Stadt Dachau, insbesondere hinsichtlich ihres Umgangs mit der KZ-Gedenkstätte. Einleitend verwies Schoßig auf den engen Zusammenhang zwischen der Entwicklung der Gedenkstätte und der allgemeinen Geschichtspolitik des Freistaats Bayern, der bis Mitte der 1990er-Jahre kein ernsthaftes Engagement für NS-Gedenkstätten an den Tag gelegt habe. In Dachau sei es erst infolge der 1996 von Kurt Piller gewonnenen Kommunalwahl zu einer geschichtspolitischen Zäsur gekommen: Anders als in den von Versuchen der Exklusion des KZs aus der ‚eigentlichen’ Stadtgeschichte gekennzeichneten Jahrzehnten zuvor, wäre die Stadt seither sukzessive zu einem offenen Umgang mit ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit übergegangen. Für die Zeit vor 1996 betonte Schoßig die Verdienste, die sich die ‚Arbeitsgemeinschaft zur Erforschung der Dachauer Zeitgeschichte’ für eine Aufarbeitung der Stadtgeschichte nach 1933 erworben habe, insbesondere durch die Organisation zahlreicher Ausstellungen. Zum „Symbol- und Kristallationspunkt“ des Umgangs der Stadt mit ihrer NS-Vergangenheit sei schließlich die Debatte um die Einrichtung einer Jugendbegegnungsstätte geworden. Die letztlich beschlossene Gründung des Dachauer Jugendgästehauses, der beherbergenden Stätte des Symposiums, müsse in diesem Zusammenhang als eine von Widerständen im Stadtrat bedingte Kompromisslösung angesehen werden. Gegenwärtig, so resümierte Schoßig, stelle die Gedenkstätte „kein parteipolitisches Konfliktthema“ mehr dar. Mittels eines konstruktiven und integrativen Umgangs mit ihrer Geschichte habe sich die Stadt mittlerweile mit ihr versöhnt.

In dem das Symposium beschließenden Referat verwies MOSHE ZIMMERMANN (Jerusalem) einleitend auf eine zunehmende Deformierung des ‚Holocaust‘-Begiffs in der medialen Sprachpraxis: Der Begriff könne mittlerweile auf eine „Erfolgsgeschichte“ zurückblicken, insofern er als werbewirksames Schlagwort kontinuierlich Konjunktur habe und als politischer Kampfbegriff fernab seines historischen Kontexts funktionalisiert werde. Mit Blick auf NS-Themen aufgreifende Hollywood-Produktionen seit den 1990er-Jahren vertrat Zimmermann seine pointierte These, dass Deutschland (auf massenmedialem Wege) zum „Gewinner des 2. Weltkriegs“ geworden sei, durch Verweise auf die Filme ‚Schindler's List‘, The good german‘ und ‚Valkyrie‘. In ihnen seien jeweils deutsche Protagonisten mit intaktem Identifikationspotential in den Vordergrund gestellt worden, was eine erhebliche Imageverbesserung Deutschlands nach sich gezogen habe. Besonders in Israel, so der Referent, würden mediale Aufbereitungen des deutschen Widerstands gegen den Nationalsozialismus große Erfolge feiern, jedenfalls innerhalb der jungen Bevölkerung. Insgesamt werde der Nationalsozialismus in Israel mehrheitlich als „abgeschlossenes Kapitel“ betrachtet: Nicht als Erbe des Dritten Reichs, sondern als „ehrlicher Makler“ in einer Vermittlerrolle zwischen Israel und Palästina werde Deutschland wahrgenommen. Palästinenser und Araber entsprächen längst gleichsam als „Ersatztäter“ den ursprünglich von Deutschen besetzten Feindbildern. Nebst der Heroisierung Rommels innerhalb des israelischen Militärs verwies Zimmermann in diesem Kontext zudem auf Umfrage-Ergebnisse, nach denen 30 Prozent der israelischen Bevölkerung den polnischen Staat in gleichem Maß wie den deutschen für nationalsozialistische Verbrechen auf polnischem Territorium verantwortlich machen würden.

Wie gewohnt werden alle Referenten ihre Beiträge für einen weiteren Band der Reihe ‚Dachauer Symposien zur Zeitgeschichte‘ zu Papier bringen. Die Publikation des Bandes ist für Sommer 2010 geplant.

Konferenzübersicht:

Begrüßung:
GERTRUD SCHMIDT-PODOLSKY, Bürgermeisterin
NINA RITZ, Jugendgästehaus Dachau
BERNHARD SCHOßIG, Projektleiter

Einführung:
GERHARD PAUL (Flensburg): Von der Verdrängung zur Medialisierung: Veränderungen im Umgang mit der Geschichte des Nationalsozialismus

Sektion I: Nationalsozialismus und Holocaust in Film, Fernsehen, Schulbuch, Printmedien und Internet

FRANK BÖSCH (Gießen): Bewegte Erinnerung: Der Holocaust in Film und Fernsehen seit 1979
SUSANNE POPP (Augsburg): Medialisierung des Nationalsozialismus im Schulbuch
ALFONS KENKMANN (Leipzig): Nationalsozialismus als „Aufmacher“? Die Printmedien zwischen Bericht, Recherche und Sensation
WOLFRAM DORNIK (Graz): Maschine des Vergessens oder globaler Gedächtnisspeicher? Die Erinnerung an Nationalsozialismus und Holocaust im Internet

Sektion II: Nationalsozialismus und Holocaust in Gedenkstätten und Museen

HABBO KNOCH (Hannover): Die Rückkehr der Relikte. Gedenkstätten als Gedächtnisorte der Bundesrepublik
STEFANIE SCHÜLER-SPRINGORUM (Hamburg): Museen

Sektion III: Rezeptionsgeschichte des Nationalsozialismus

BERNHARD SCHOSSIG (München): Von der Last zum Lernort: Dachau und die Zeitgeschichte
MOSHE ZIMMERMANN (Jerusalem): Wie Deutschland sich in den letzten Jahrzehnten zum Gewinner des 2. Weltkrieges verwandeln konnte – eine Außenansicht

Kontakt

Thomas Vordermayer

Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte der Universität Augsburg
Universitätsstr. 10
D-86135 Augsburg

vordermayer-thomas@gmx.de

Zitation
Tagungsbericht: Öffentliche Erinnerung und Medialisierung des Nationalsozialismus: Eine Bilanz der letzten 30 Jahre, 09.10.2009 – 10.10.2009 Dachau, in: H-Soz-Kult, 16.11.2009, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2836>.
Redaktion
Veröffentlicht am
16.11.2009
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