Aktuelle Methoden für digitale Editionen historischer Karten und Texte

Ort
Greifswald
Veranstalter
Reinhard Zölitz; Institut für Geographie und Geologie, EMAU Greifswald; Jens E. Olesen, Historisches Institut, EMAU Greifswald; Stefan Kroll, Historisches Institut/Arbeitsbereich Multimedia in den Geisteswissenschaften, Universität Rostock; Martin Schoebel, Landesarchiv Greifswald
Datum
27.10.2011 - 28.10.2011
Von
Michael Busch / Anke Maiwald / Verena Schmidtke, Arbeitsbereich Multimedia, Universität Rostock

An den Universitäten Greifswald und Rostock wird seit 2008 an dem von der DFG geförderten Projekt „Die Schwedische Landesaufnahme von Pommern 1692-1709. Eine GIS-gestützte Auswahledition des ersten deutschen Katasters im Internet“ gearbeitet. Zum Ende des Jahres 2011 werden die Arbeiten abgeschlossen sein. Um ihre Ergebnisse zu präsentieren und mit Kollegen aus dem In- und Ausland Erfahrungen auszutauschen und zu diskutieren, veranstalteten die Projektleiter eine Tagung in Greifswald.

Nachdem Reinhard Zölitz (Greifswald) und Stefan Kroll (Rostock) kurz in das Tagungsprogramm eingeführt hatten, übernahm Martin Schoebel (Greifswald) die Moderation des ersten Teils der Tagung. PATRICK SAHLE (Köln) sprach in seinem einleitenden Vortrag über „Digitale Editionen 2011 – zum aktuellen Stand von Theorie und Praxis.“ Sahle skizzierte im ersten Teil seines Vortrags verschiedene Aspekte einer umfassenden Editionstheorie und glich diese mit aktuellen Projekten ab. Es wurde deutlich, dass Texte in digitalen Editionen, die ein Protokoll der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der jeweiligen Überlieferung darstellen, nicht mehr als Produkt teleologisch und scheinbar objektiv ‚realisiert’, sondern, so Sahle zugespitzt‚ als Teil eines andauernden Forschungsprozesses ‚aufgeführt’ würden. Sahle konnte nachweisen, dass sich innerhalb digitaler Editionen mehr und mehr gleiche Muster und Standards etablieren und diese eine ähnliche Funktionalität aufweisen. Als Perspektive nannte er generische statt individueller Lösungen, die anhand spezieller Software wie das niederländische eLaborate zu globalen Lösungen führen und den Arbeitsaufwand beschränken helfen. Als Beispiel für die „Edition in Serie“ verwies Sahle auf die digitalen Editionen der Ecole Nationale des Chartes, des Huygens Instituut und der HAB Wolfenbüttel. THOMAS STÄCKER (Wolfenbüttel) zeigte in seinem Vortrag „Texte und Paratexte in digitalen Editionen – Perspektiven der Anreicherung und Probleme der Abgrenzung von Editionen in einer Internetumgebung“ zu Beginn verschiedene Komponenten digitaler Editionen auf. Der ‚Geist des Modularen’, so Stäcker, mache es notwendig, Texte und Paratexte teils auch aus anderen Datenbanken mit den Editionen zu verknüpfen. Dabei sei es zwingend geboten gängige Standards einzuhalten: Für Texte habe sich TEI durchgesetzt und für die Dokumentstruktur METS, EAD, LIDO oder EDM. Als Standards für persistente Verlinkungen führte Stäcker PURL, URN, DOI und andere auf, für Entitäten wie Personen habe sich die Personennamendatei (GND) für Orte GeoNames oder „The Getty Thesaurus of Geographic Names (TNG)“ etabliert. Stäckers Fazit war, Editionen im Netz entstünden unter neuen Bedingungen im Hinblick auf Standards, Schnittstellen, Datenbanken, Rechte und anderes mehr. Innen und Außen einer Edition verschränkten sich und müssten im Hinblick auf die Autorisierung eines Textes und seiner Paratexte definiert werden; diese seien in der Regel nicht transferfähig, spielten aber eine konstitutive Rolle bei digitalen Editionen, dort seien sie auch weitaus vielfältiger als in gedruckten.

MARCUS BAUMGARTEN (Wolfenbüttel) bildete mit seinem Vortrag „Zwischen Anspruch und Wirklichkeit – zur digitalen Edition sämtlicher Lessing-Übersetzungen und deren Vorlagen“ den Einstieg zum zweiten Teil der Tagung, in dem aktuelle Texteditionen im Vordergrund standen. Nach einem kurzen Überblick über Leben und Werk Lessings stellte Baumgarten dessen Übersetzungsarbeiten vor, die recht heterogen und nach den jeweiligen Interessen Lessings zu Stande gekommen seien. Das Editionsprojekt, das zusammen von der Lessing-Akademie und der Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel betreut wird, umfasst etwa hundert Übersetzungsarbeiten Lessings, die als XML-codierter Textkorpus zur Verfügung gestellt werden und vielfältige Suchfunktionen zulassen, die eine schnelle und umfassende textliche Bearbeitung verschiedenster Forschungen zu Lessing ermöglichen[1]. Den Nachmittag, den Jens E. Olesen (Greifswald) moderierte, eröffnete HANS MOL (Leeuwarden) mit einem Vortrag zum „Ältesten Kataster der Niederlande als Grundlage eines detaillierten Historischen GIS: Probleme und Perspektiven der Digitalisierung.“ Nachdem Mol zuerst generell die Nutzbarkeit geografischer Informationssysteme (GIS) vorgestellt hatte, stellte er die Quellenbasis seines Projekts vor, vektorisierte Katasterkarten und digitalisierte Parzellenregister Frieslands der Jahre 1812 bis 1832. Diese werden, so Mol, als Grundlage genommen und mit weiteren Karten- und Datenschichten, wie beispielsweise den ältesten Volkszählungsdaten der ‚Hausnummerregistrationen’, kombiniert. Die so kumulierten Informationen können als thematische Karten dargestellt und für verschiedenste geografische und historische Subdisziplinen zur Forschung herangezogen werden. Mol schloss seine Ausführungen mit einem Ausblick; geplant sei eine Erweiterung auf Teile von Drenthe, Amsterdam und die Provinz Nord-Holland, um so die nördliche Hälfte des Landes vollständig im GIS bearbeitet zu haben[2]. Im zweiten Nachmittagsvortrag stellten FRANZ-JOSEF HOLZNAGEL und ANDREAS FINGER (Rostock) in ihrem gemeinsamen Vortrag „Alte Lieder – neue Medien: Das Digitale Archiv zum Rostocker Liederbuch“ ihr Editionsvorhaben zum Rostocker Liederbuch vor. Das Rostocker Liederbuch aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts vereinigt 60 Stücke in niederdeutscher, hochdeutscher und lateinischer Sprache der unterschiedlichsten Gattung und Provenienz und stellt die bedeutendste Quelle für deutsche Lyrik des 15. Jahrhunderts des norddeutschen Raumes dar. Geplant sei, so Holznagel, im Digitalen Archiv Rostocker Liederbuch (DARL) etwa 50 Liederbücher digital zu edieren, die jeweiligen Parallelüberlieferungen zur Verfügung zu stellen und die gesamte Forschung zur Liederbuchlyrik des 15. und frühen 16. Jahrhunderts in einer zentralen Datenbank der Liederbuchlyrik (ZDLL) zu dokumentieren. Hierbei werde, so Finger, die Nachhaltigkeit der Dokumentation durch das „Rostocker Modell“, die Zusammenarbeit von Rechenzentrum, Universitätsbibliothek und jeweiligem Institut, gewährleistet. Nach einer kurzen Kaffeepause, in der die Diskussionen, die jeweils nach den Vorträgen aufkamen, intensiv weitergeführt wurden, führte JENS BOVE (Dresden) mit seinem Vortrag „Das Kartenforum. Publikationsstrategien zwischen Massendigitalisierung und Quellenedition“ in die Editionsarbeit der Deutschen Fotothek in der Sächsischen Landesbibliothek ein. Die Fotothek, die über einen Bestand von 1,2 Millionen Bildern verfügt und täglich von 1500 bis 2000 Gästen genutzt wird, stellt auch zahlreiche historische Karten und Ansichten zur Verfügung, die im Rahmen eines DFG-Projekts zur exemplarischen Digitalisierung, Erschließung und Präsentation ediert worden sind. Nach einer Einführung in die Navigation der Fotothek wies Bove auf das umfangreiche Data-Linking des Archivs hin und schloss seinen Vortrag mit der Vision, das Kartenforum als Web Map Service zur Verfügung zu stellen, der breit nutzbar sei[3]. Im Abendvortrag „Der Ostseeraum um 1700“ lieferte JOACHIM KRÜGER (Greifswald) einen instruktiven Überblick zum historischen Raum des Gastgeberprojekts.

Der Freitag begann mit einem Vortrag von RALF BILL (Rostock) zur „Raum-zeitlichen Kulturlandschaftsforschung in einer virtuellen Forschungsumgebung (VKLandLab).“ Bill stellte das Rostocker Projekt vor, das eine virtuelle Forschungsumgebung zur interdisziplinären Kulturlandschaftsforschung aufgebaut hat. Die Grundlage dafür ist der mecklenburgische Raum über einen Zeitraum von 230 Jahren. Es wurde der flächendeckende Altkartenbestand der Wiebekingschen (1786) und Schmettauschen Karten (1798) eingearbeitet, diese wurden über eine rückschreitende Georeferenzierung über die preußischen Messtischblätter georeferenziert. Die besten Ergebnisse ließen sich durch eine maschenweise Affintransformation erreichen, die Dokumentation der Georeferenzierung jeder einzelnen Karte enthält die Dissertation von Lutz Kreßner[4]. Das VKLandLab soll eine moderne Kulturlandschaftsforschung ermöglichen und eine Einbeziehung anderer Datenquellen und Dokumenttypen unterstützen, wie beispielsweise Universitätskatalog und historisches Ortsnamenverzeichnis. Die Anwendungsmöglichkeiten seien dabei breit gefächert: Landschaftsökologie, Landschaftsplanung, Hydrologie, allgemeine Botanik, Geodäsie, Geomorphologie und Geschichtswissenschaften sind nur einige Disziplinen, die mit großem Nutzen auf die Informationen des VKLandLab zurückgreifen können[5]. Im Anschluss referierte MARTIN LABUDA (Bratislava) über „Historische militärische Aufnahmen – Brücke zwischen der Landschaft von Gestern und Morgen in landschaftsökologischer Sicht“. Labuda stellte zu Beginn seines Vortrags die Müllersche Landkarte Böhmens vor, die Jan Kryštof Müller im Jahre 1720 anfertigte und die als Unterlage für die erste militärische Kartierung im Maßstab 1:28000 diente. Die erste militärische (Josephinische) Mappierung aus den Jahren 1763 bis 1785 erfolgte nach Augenmaß und wies – gerade im Gebirge – große Abweichungen von bis zu 700 Metern auf, der Kartenbestand ist daher kaum zu georeferenzieren. Die zweite (Franziszesische) Landesaufnahme aus den Jahren 1806 bis 1869 wies durch Triangulation bereits eine höhere Präzision auf und die dritte Landesaufnahme der Jahre 1869-1887 verfügte bereits über präzise Reliefdarstellungen, nämlich Isohypsen ergänzt durch Böschungsschraffen nach Lehmann. Sie wurde in der damaligen Tschechoslowakei bis 1956 verwendet. Alle Karten stehen dem Benutzer im Portal[6] mit vielfältigen Funktionen zur Verfügung.

Der letzte Vortrag der Tagung war den Gastgebern vorbehalten; MICHAEL BUSCH (Rostock), BERND BOBERTZ und JÖRG HARTLEIB (Greifswald) stellten die Ergebnisse des DFG-Projekts „Die Schwedische Landesaufnahme von Pommern 1692-1709. Eine GIS-gestützte Auswahledition des ersten deutschen Katasters in Internet“ vor. Busch begann mit dem Teil der Textedition des Projekts, die vor allem in Rostock bearbeitet worden ist. Auf dem Portal des Projekts[7] werden dem Nutzer die vielfach verlinkten Transkriptionen und Übersetzungen der Landesbeschreibung von etwa 300 Orten Pommerns zur Verfügung gestellt, die reichhaltige Informationen zu Landschaft und Bewohnern, zu Grundbesitz, Viehhaltung, Landnutzung, Abgaben und Diensten, zu Grenzen, zu Fauna und Flora und vielem anderen mehr eines deutschen Territoriums enthalten und über mehrere Abfragemöglichkeiten durchsucht werden können. Ein wesentlicher Bestandteil der Edition ist die Verlinkung der Textbausteine mit den Flächen der dazugehörigen Karten. Bobertz erläuterte anschließend anhand schematischer Darstellungen den Aufbau des der Webseite zu Grunde liegenden Informationssystems inklusive der Datenbank und des WebGIS. Außerdem ging er auf die Georeferenzierung der den Beschreibungen zugeordneten historischen Karten ein. Basis hierzu stellen auf Orthophotos identifizierbare Lineamente (meist Gemarkungs- und Nutzungsgrenzen) dar. Abschließend stellte er die Funktionalität des WebGIS und dessen bidirektionale Verlinkung zu den Übersetzungstexten vor.

Die Abschlussdiskussion, die Martin Schoebel (Greifswald) moderierte, wurde vom Thema der Nachhaltigkeit digitaler Editionen bestimmt. Im Vordergrund stand dabei die institutionelle Anbindung der Editionen. Man war sich einig, dass dieses keine Frage der Umsetzung, sondern eher des herrschenden Bewusstseins sei, deren Lösung noch offen, aber von großer Bedeutung und Dringlichkeit sei.

Forschung greift in vielfältiger Weise auf Dokumente und Monumente der kulturellen Überlieferung zurück. Zunehmend geschieht dieser Rückgriff auf digitalisierte schriftliche Kulturdenkmäler, die aus konservatorischen Gründen die Bibliotheks- oder Archivumgebung nicht mehr verlassen müssen. Digitale Editionen sollten möglichst fundierte und gut handhabbare Arbeitsgrundlagen für die Forschung sein. Dabei gilt: Je vielschichtiger die Quelle und die Quellenumgebung, desto komplexer und mehrdimensionaler die Edition. Auf der Tagung wurden nicht nur anspruchsvolle Editionen, Editionsvorhaben und Geoinformationssysteme präsentiert, sondern auch grundsätzliche theoretische Überlegungen angestellt, in welcher Weise und mit welchen Standards künftige Editionen und Informationssysteme angelegt sein sollten, um deren wissenschaftliche Wertigkeit und Funktionalität nachhaltig zu steigern und zu sichern.

Konferenzübersicht:

Stefan Kroll (Rostock) und Reinhard Zölitz (Greifswald): Einführung in die Tagung

Patrick Sahle (Köln): Digitale Editionen 2011 – zum aktuellen Stand von Theorie und Praxis

Thomas Stäcker (Wolfenbüttel): Texte und Paratexte in digitalen Editionen – Perspektiven der Anreicherung und Probleme der Abgrenzung von Editionen in einer Internetumgebung

Marcus Baumgarten (Wolfenbüttel): Zwischen Anspruch und Wirklichkeit – zur digitalen Edition sämtlicher Lessing-Übersetzungen und deren Vorlagen

Hans Mol, Leiden (Leeuwarden): Das älteste Kataster (1832) der Niederlande als Grundlage eines detaillierten Historischen GIS: Probleme und Perspektiven der Digitalisierung

Franz-Josef Holznagel und Andreas Finger (Rostock): Alte Lieder - neue Medien: Das "Digitale Archiv zum Rostocker Liederbuch" (DARL)

Jens Bove (Dresden): Das Kartenforum. Publikationsstrategien zwischen Massendigitalisierung und Quellenedition

Joachim Krüger (Greifswald): Abendvortrag: Der Ostseeraum um 1700

Ralf Bill (Rostock): Raum-zeitliche Kulturlandschaftsforschung in einer virtuellen Forschungsumgebung

Martin Labuda (Bratislava): Historische militärische Aufnahmen - Brücke zwischen der Landschaft von Gestern und Morgen in landschaftsökologischer Sicht

Bernd Bobertz und Jörg Hartleib (Greifswald) Michael Busch (Rostock): Edition und WebGIS der Schwedischen Landesaufnahme von Pommern 1692-1709

Abschlussdiskussion, Moderation Martin Schoebel (Greifswald)

Anmerkungen:
[1]http://lessing-portal.hab.de/index.php?id=142
[2]http://www.hisgis.nl/
[3]http://www.deutschefotothek.de/db/apsisa.dll/ete
[4] Lutz Kreßner, Digitale Analyse der Genauigkeit sowie der Erfassungs- und Darstellungsqualität von Altkarten aus Mecklenburg-Vorpommern: dargestellt an den Kartenwerken von Wiebeking (ca. 1786) und Schmettau (ca. 1788), Rostock 2009, http://rosdok.uni-rostock.de/resolve?urn=urn:nbn:de:gbv:28-diss2009-0183-3&pdf;pdf
[5]http://www.vklandlab.uni-rostock.de/
[6]http://geo.enviroportal.sk
[7]http://svea-pommern.de

Zitation
Tagungsbericht: Aktuelle Methoden für digitale Editionen historischer Karten und Texte, 27.10.2011 – 28.10.2011 Greifswald, in: H-Soz-Kult, 10.12.2011, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3945>.