Postgraduiertenforum der Deutschen Gesellschaft für Amerikastudien

Ort
Gießen
Veranstalter
Deutsche Gesellschaft für Amerikastudien; Institut für Anglistik/International Graduate Centre for the Study of Culture, JLU Gießen
Datum
04.11.2011 - 06.11.2011
Von
Andreas Hübner, International Graduate Centre for the Study of Culture, JLU Gießen

Bereits seit über zwanzig Jahren diskutieren die NachwuchswissenschaftlerInnen der Deutschen Gesellschaft für Amerikastudien (DGfA) ihre aktuellen Arbeiten im Rahmen des Postgraduiertenforums (PGF) der DGfA. Wesentlicher Vernetzungspunkt ist dabei die Jahrestagung des PGF. Diese wurde in diesem Jahr vom 4. bis 6. November an der Justus-Liebig-Universität Gießen abgehalten und vom Institut für Anglistik sowie vom International Graduate Centre for the Study of Culture (GCSC) ausgerichtet. Für die Tagung fanden sich knapp 60 NachwuchswissenschaftlerInnen in Gießen ein. Sie erörterten in 21 Vorträgen, die acht thematischen Panels zugeordnet waren, die neuesten Forschungsergebnisse der BeiträgerInnen und der Amerikastudien.

Das PGF der DGfA gründete sich ursprünglich als Reaktion auf ein intensives Interesse unter den NachwuchswissenschaftlerInnen, die neuesten methodischen, theoretischen und konzeptuellen Entwicklungen innerhalb der transnationalen Amerikastudien zu erfassen. Es organisiert jährlich eine Jahrestagung sowie das Young Scholars Forum und den PGF-Workshop während der DGfA-Jahrestagung. Damit stellt es eine der wichtigsten Institutionen der Nachwuchsförderung und -qualifikation in den deutschen Amerikastudien dar. Gleichzeitig verdeutlichte das diesjährige PGF auch die zunehmende Transnationalisierung und Internationalisierung der Amerikastudien. So wurde BeiträgerInnen aus Nordamerika – aus dem Umfeld der Harvard sowie der Tulane University – auf dem PGF ein Forum geboten, ihre Arbeiten vorzustellen und zu besprechen. Das PGF plant zudem in Zukunft auf die zunehmende Internationalisierung der Amerikastudien durch die Vertiefung der bestehenden Kooperationen mit europäischen Graduiertenforen der Amerikastudien zu reagieren.

Vor der diesjährigen Tagung in Gießen hielt das PGF seine Jahrestagungen unter anderem in Leipzig, München, Münster, Erlangen und Chemnitz ab. Im nächsten Jahr werden sich die NachwuchswissenschaftlerInnen des PGF in Marburg zusammen finden. Die jetzige Tagung wurde unterstützt durch die Deutsche Gesellschaft für Amerikastudien (DGfA), das Institut für Anglistik der Justus-Liebig-Universität Gießen, die Gießener Hochschulgesellschaft und das International Graduate Centre for the Study of Culture (GCSC). GRETA OLSON (Institutsdirektorin am Institut für Anglistik, JLU Gießen), WOLFGANG HALLET (Mitglied des Executive Board des GCSC), UDO HEBEL (Präsident der DGfA) und FLORIAN BAST (für COPAS Regensburg) eröffneten mit ihren Beiträgen die Konferenz. Erstmals beinhaltete das Tagungsprogramm eine Keynote Lecture, die Greta Olson beisteuerte. In dieser rief sie unter dem Titel „Political Positions in American Cultural Studies“ die versammelten NachwuchswissenschaftlerInnen dazu auf, den Amerikastudien mit ihren Arbeiten immer neue Impulse zu verleihen, sukzessive ältere Arbeiten herauszufordern und dabei kritisch das ‚Politische‘ innerhalb der transnationalen Amerikastudien zu reflektieren. In einer ebenfalls erstmals durchgeführten Filmdiskussion erläuterte MARTIN LÜTHE (München) in seinem Beitrag „The Sword and the Sample: Jim Jarmusch‘s Ghost Dog: The Way of the Samurai and Hip Hop Culture” die Verschränkungen der Hip Hop-Kultur mit dem zeitgenössischen amerikanischen Film.

Die fachlichen Beiträge der einzelnen Panels fokussierten sich auf die Gebiete Literatur und Literaturgeschichte, Kunst-, Film- und Mediengeschichte/-wissenschaften, Kulturgeschichte und kultureller Wandel sowie neueste theoretische und komparative Ansätze der Geisteswissenschaften. Eine Vielzahl der Beiträger arbeitete dezidiert interdisziplinär und öffnete sich methodisch den transnationalen Amerikastudien. Beispielsweise konzentrierte sich KAROLINA GOLIMOWSKA (Berlin) in ihrem einleitenden Vortrag auf die wechselseitigen, transatlantischen Verflechtungen englischsprachiger Literatur zu 9/11. Mittels der Analyse des Dramas Stuff Happens von David Hare argumentierte Golimowska, dass die Idee eines amerikanischen Exzeptionalismus von europäischer Seite immer wieder ironisch aufgebrochen und die Gemeinsamkeiten der transatlantischen Beziehungen betont würden. Dezidiert interdisziplinär arbeitete MARGARET HUNT GRAM (Cambridge, MA) in ihrer literarisch-historiographischen Betrachtung der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. In dieser verstand sie die Bürgerrechtsbewegung vor allem als eine Auseinandersetzung um die Bedeutung und Funktion des amerikanischen Staates per se. Über die exemplarische Diskussion der Werke von Chester Himes veranschaulichte Gram dementsprechend, inwiefern diese Auseinandersetzung in Arenen des Kulturellen ausgetragen wurde und inwiefern die Auseinandersetzung diese Arenen gerade in literatur- und kulturwissenschaftlicher Hinsicht ausgestaltete. Während die amerikanische Bürgerrechtsbewegung nicht zuletzt durch ihre Formen gewaltlosen Protests anerkannt ist, reflektierte DAVID ROSE (Berlin) in seinem literaturhistorischen Beitrag die Rolle der Gewalt in der amerikanischen Geschichte als fundamentalen Faktor sozialer Interaktion und gemeinschaftlichen Zusammenhalts. Anhand ausgewählter „Western Pioneer Narratives“ des 19. Jahrhunderts erörterte Rose, wie literarische Repräsentationen von Gewalt historisch-dichotomische Differenzierungen von Gewalt, zum Beispiel von Siedlergewalt als ‚good violence‘ und amerindianischer Gewalt als ‚bad violence‘, nachhaltig beeinflusst hätten.

Auch die Beiträge der film- und medienwissenschaftlichen sowie der kunstgeschichtlichen und geschichtswissenschaftlichen Panel wiesen ein hohe Dichte an Interdisziplinarität aus. LUISA SEHLLEIER (Köln) widmete sich beispielsweise den Darstellungen von ‚Disabilities‘ im englischsprachigen Film. Medienwissenschaftliche, poststrukturalistische und psychoanalytische Ansätze verbindend analysierte Sehlleier die Mechanismen der Darstellungen von körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen. Sie argumentierte, dass beeinträchtigte Personen oftmals als ‚natürlich‘, unzivilisiert, unkontrollierbar und kindlich repräsentiert und damit ähnlichen Diskriminierungsmechanismen unterliegen würden wie andere Gruppen. Ebenfalls auf die Mechanismen der Darstellung bestimmter Akteure konzentrierte sich ANDREAS BEER (Rostock) in seinem Beitrag. Dieser wendete sich allerdings nicht dem Medium Film sondern dem Medium Zeitung zu. Beer untersuchte die Verschränkungen transnationaler bzw. transkultureller textueller Diskurse in nicaraguanischen und amerikanischen Zeitungen zu den so genannten amerikanischen Filibustern. Deren Ziel war Mitte des 19. Jahrhunderts die privatmilitärische Invasion latein- und zentralamerikanischer Staaten. Beer zeigte dabei, dass die textuellen Diskurse amerikanischer Zeitungen zu den Filibustern in nicaraguanischen Zeitungen häufig schon adoptiert, neu verhandelt und transformiert wurden, bevor die Filibuster selbst überhaupt in Nicaragua eingetroffen waren.

Wie Beer versuchten die unterschiedlichen Beiträge generell die Chancen neuer methodischer Ansätze für die Amerikastudien zu illustrieren. So erläuterten zum Beispiel CARRIE KHOU (Mannheim), MARIA BLAIM (Rostock) und EVA BRUNNER (Berlin) Identitätskonstruktionen, -konfigurationen und -normierungen im amerikanischen Drama und Roman sowie der Poesie über Konzepte kultureller Hybridität (Homi Bhabha) oder narrativer Identität (Paul Ricoeur). SEBASTIAN HUBER (München) führte grundlegend in die Perspektiven des französischen Philosophen Alain Badiou und seine Vorstellungen zu einer ‚mathematischen‘ Ontologie ein. Auch die weiteren, hier nicht genannten Beiträge wiesen ein hohes Maß an methodischer und interdisziplinärer Reflexivität aus. Sie verdeutlichten damit das Potenzial thematisch offener Postgraduiertenkonferenzen für den Austausch unter NachwuchswissenschaftlerInnen.

Konferenzübersicht:

Keynote Lecture
Greta Olson (Gießen), Political Positions in American Cultural Studies

Panel 1 Contemporary U.S. Literatures
Chair: Sophia Komor (Hamburg)

Karolina Golimowska (Berlin), British Laughter and US smartness / Transatlantic Perspectives on post-9/11 Fiction: A Close Reading of David Hare’s Drama Stuff Happens (2004)

Tanja Reiffenrath (Paderborn), ‘I Am Average Because…:’ (Re)Constructing Normalcy in Steve Martin’s The Pleasure of My Company

Panel 2 Film and the New Medias
Chair: Birte Christ (Gießen)

Benjamin Betka (Frankfurt), Blank Gaze & Vacant Skull: Cinema, Brains, (Dis)Affection

Luisa Sehlleier (Köln), Disability Imagery in Film: A Perspective from Psychoanalytic Disability Studies

Alexandra Herzog (Regensburg), Author’s Notes and Slash as Appropriative Strategies in Fanfiction Writing

Panel 3 Theoretical and Comparative Approaches
Chair: Thijs Willaert (Gießen)

Sebastian Huber (München), Event(u)al Disruptions: Alain Badiou and Critical Theory

Karsten Senkbeil (Hildesheim), Playing with God by their Sides: A Comparative Study of the Representation of Athletes’ Religiousness in American and German Sports Media

Panel 4 Film and Art Histories
Chair: Julia Faisst (Gießen)

Susanne Scharf (Frankfurt), American Art Abroad: The 1910 Ausstellung Amerikanischer Kunst in Berlin and Munich

Katharina Fackler (Regensburg), Picturing Poverty in the 1960s: The War on Poverty

Vincent Fröhlich (Gießen), Suspense-Formulas of contemporary American TV-Serials: Cliffhangers light in The Sopranos

Panel 5 Shifting Identities
Chair: Ottilie P. Klein (Gießen)

Carrie Khou (Mannheim), Re-Writing Femininity: The New Woman as the Agent of Hybrid Identity in Charlotte Perkins Gilman’s „Turned“

Maria D. Blaim (Rostock), Geographies of Diasporic Desire: Garden and Paradise in Iranian-American Self-Writing

Eva Brunner (Berlin), The Poetics of Extreme Selves: Identity and Emotionality in Sylvia Plath, Anne Sexton, and Robert Lowell

Panel 6 Historiographies
Chair: Andreas Hübner (Gießen)

Andreas Beer (Rostock), Southward the Course of Empire Took its way: The U.S. Filibusters in Nicaraguan and U.S. Newspapers

Will Buckingham (New Orleans, LA), Musical Training and Early Jazz in New Orleans’ Black Institutions of Education

Martin Eckstein (Jena), Court Martial Files as a Source for African-American Soldiers’ Perspective in the Civil War

Panel 7 African American Literatures
Chair: Daniel Holder (Gießen)

Margaret Hunt Gram (Cambridge, MA), Chester Himes, Civil Rights, and the Capacities of State

Matthias Klestil (Bayreuth), Reclaiming the ‘Eye’ and the ‘I’: Panopticism, the Self, and Toni Morrison’s Beloved

Silvia Chirila (Berlin), Between the Double and the Shadow: Tension and Paradox in the Construction of Narrative Identity in the Novels of Toni Morrison

Film Discussion
Martin Lüthe (München), The Sword and the Sample: Jim Jarmusch’s Ghost Dog: The Way of the Samurai and Hip Hop Culture

Panel 8 19th Century U.S.-American Cultures
Chair: Gero Guttzeit (Gießen)

David Rose (Berlin), Good Mob, Bad Mob: Violence, Community, and Western Pioneer Narratives

Elena Sawal (Mainz), The Importance of „Authors’ Carnivals“ in the Context of American Culture

Zitation
Tagungsbericht: Postgraduiertenforum der Deutschen Gesellschaft für Amerikastudien, 04.11.2011 – 06.11.2011 Gießen, in: H-Soz-Kult, 24.01.2012, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-4068>.