Polnische Zeitgeschichte – heute und morgen

Ort
Breslau
Veranstalter
Markus Krzoska / Krzysztof Ruchniewicz, Willy-Brandt-Zentrum für Deutschland- und Europastudien an der Universität Wrocław; Gießener Zentrum Östliches Europa; Historisches Institut der Universität Wrocław
Datum
22.06.2012 - 24.06.2012
Von
Markus Krzoska, Historisches Institut, Justus-Liebig-Universität Gießen

Zeitgeschichte, im berühmten Rothfels’schen Sinne verstanden als Epoche der Mitlebenden und ihre wissenschaftliche Behandlung, ist einem ständigen Wandel unterworfen, der sowohl ihre Inhalte als auch ihre Methoden betrifft. Während die Jahre des Nationalsozialismus allmählich vom kommunikativen ins kulturelle Gedächtnis abwandern und das Jahr 1945 als eigentlicher Beginn der Zeitgeschichte immer wichtiger wird, geraten zusätzlich die 1970er- und 1980er-Jahre verstärkt in den Blick der Forschung, was auch mit der zumindest allmählich beginnenden Freigabe der Archivbestände zu tun hat. Zudem ist das Problem des Erbes des kommunistischen Systems nach wie vor so aktuell, dass es alle anderen Fragestellungen in den Hintergrund drängt und zudem die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus angesichts des unvermeidlichen Verschwindens der Generation der Augenzeugen deutlich überstrahlt. Die Erinnerung an den Holocaust wird auf veränderte Art und Weise vermutlich immer ein vorrangiges Thema wissenschaftlicher Forschung bleiben, ob das Gleiche auch für das Gedenken der zum Beispiel an den Polen verübten Verbrechen gilt, muss sich dagegen erst noch erweisen.

In den vergangenen Jahren hat die Diskussion über diese beiden Jahrzehnte in Deutschland allmählich an Fahrt aufgenommen. Gleiches gilt auch für Polen, wo die Gierek-Ära immer stärker in den wissenschaftlichen Fokus geraten ist.

Zugleich stellte sich allerdings heraus, dass außerhalb des Landes der Zeitgeschichte Polens nicht die ihr gebührende Bedeutung zukommt. Dies gilt auch und gerade für Deutschland, wo sich keine einzige Professur dieser Epoche widmet. Zwar gibt es heute praktisch keine Sprachbarriere unter Polenhistorikern mehr, doch lässt die Rezeption neuerer polnischer Arbeiten ebenso zu wünschen übrig wie die internationale Vernetzung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die sich mit der Zeitgeschichte Polens befassen.

Dem Ziel des Informationsaustausches und einer informellen Netzwerkbildung war ein internationaler Workshop gewidmet, der auf Initiative von MARKUS KRZOSKA (Gießen) und KRZYSZTOF RUCHNIEWICZ (Breslau) vom Willy-Brandt-Zentrum für Deutschland- und Europastudien an der Universität Wrocław, dem Gießener Zentrum Östliches Europa und dem Historischen Institut der Universität Wrocław veranstaltet wurde und vom 22. bis 24.6.2012 in Breslau stattfand. Die Durchführung wurde durch einen Zuschuss der Deutsch-Polnischen Wissenschaftsstiftung erleichtert. Eingeladen waren vor allem Historikerinnen und Historiker der jüngeren Generation, die bereits beachtete größere Studien zum Themenbereich vorgelegt haben, sowie einige Doktorandinnen und Doktoranden.

Die Entscheidung für eine offene Diskussionsform unter weitgehendem Verzicht auf inhaltliche Präsentationen war der Erfahrung der Organisatoren geschuldet, dass bei „normalen“ Tagungen Debatten über die Vorträge in der Regel zu kurz kommen und von einer ritualisierten Form geprägt sind. Stattdessen wurden die Diskussionen über eine thematische Blockbildung und 16 vorher versandte Leitfragen vorstrukturiert.

Dennoch erwies es sich als hilfreich, den Workshop mit zwei Impulsreferaten begingen zu lassen. Zunächst berichtete der Vorsitzende des staatlichen polnischen Instituts für Nationales Gedenken, ŁUKASZ KAMIŃSKI (Warschau), über den Stand, vor allem aber die Defizite der aktuellen Zeitgeschichtsforschung. In seinen Ausführungen, die er eher traditionell nach den idealtypisch getrennten, zugleich aber entlang den Kriterien Unterstützung, Anpassung und Widerstand miteinander verflochtenen Kategorien „Machthaber“ und „Gesellschaft“ unterteilte, verwies er unter anderem auf die deutlich umfangreichere Forschung zu den ersten beiden Jahrzehnten der Volksrepublik. Dies sei allerdings nicht so sehr eine Folge der archivalischen Sperrfristen, sondern vielmehr des schlechten Erhaltungsgrades neuerer Akten. Besonders schlecht sei die Lage bei der Erforschung der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei, ihrer Strukturen und Herrschaftsmethoden im Staat. Auch für andere Institutionen wie die Armee, Regierung und die Verwaltung auf verschiedenen Ebenen sei der Forschungsstand nach wie vor von großen Lücken geprägt. Gleiches gelte für die lange vernachlässigte Wirtschaftsgeschichte. Selbst in Bezug auf die katholische Kirche, zu der zahlreiche Arbeiten vorlägen, würde der Faktor der Haltung zu Staat und Partei überbetont. Trotz der Höhe der materiellen Ressourcen – etwa 40 % aller Arbeiten zur Zeitgeschichte in Polen werden vom Institut für Nationales Gedenken / Instytut Pamięci Narodowej (IPN) durchgeführt – ist es bisher nicht gelungen, bestimmte Schwachpunkte, die Kamiński auch für die Biographistik, vergleichende sowie Mikrostudien ausmachte, anzugehen. Da einige grundlegende Monographien fehlten, sei es auch schwer, vergleichende Arbeiten zu verfassen. Besonders problematisch sei dies beim Ländervergleich innerhalb des kommunistischen Systems.

Diese prosopographische Bilanz konfrontierte CLAUDIA KRAFT (Siegen) mit stärker begrifflich und methodologisch ausgeprägten Bemerkungen. Sie konstatierte dabei ein deutliches Übergewicht der politischen, Beziehungs- und Erinnerungsgeschichte in der deutschen Zeitgeschichtsforschung über Polen. Zugleich könne man Phänomene einer Skandalisierung der Geschichte Polens beobachten, etwa wenn man besonders die jüdische Kritik an Polen und dem „polnischen Antisemitismus“ im Zweiten Weltkrieg thematisiere. Anschließend warf sie die Frage auf, ob nicht die Übernahme von Forschungsmethoden aus Nachbardisziplinen manchmal zu unkritisch erfolge. Allerdings habe eine anthropologische Denkweise eine deutlich intellektuell bereichernde Wirkung. Aus der Distanz von zwanzig Jahren appellierte sie auch an die Zunft, die Zäsur des Jahres 1989 gerade im polnischen Kontext nicht zu stark zu machen, sondern vielmehr etwa die Zäsur der 1970er-Jahre mehr wahrzunehmen, als die Ostblockstaaten zunehmend von den ökonomisch-technischen Fortschritten des Westens abgekoppelt worden seien. Dies würde auch eine stärker europäische und globale Perspektive eröffnen. Eine weitere Schwierigkeit stelle die Beschäftigung mit Polen innerhalb der allgemeinen Geschichte an deutschen Hochschulen dar, wofür in der Zukunft neue Wege und Methoden gesucht werden müssten.

Die etwa 25 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Polen, Deutschland, Frankreich und den USA nutzten die vier Themenblöcke Methoden-Begriffe-Zäsuren, Ereignisse, Transnational und Regional sowie Öffentliche Meinung-Erinnerung-Geschichtspolitik zu Grundsatzdiskussionen, bei denen Fragen der Geschichte zweiten Grades eindeutig im Vordergrund standen. Angesichts der politischen Aufladung dieser Felder in den letzten Jahren kann es nicht verwundern, dass die Rolle der Museen, Medien und der Öffentlichkeit überhaupt breiten Raum einnahm. Die Selbstreflexion des Historikers muss aber ganz zwangsläufig in diese Dimensionen führen, zumal eine Rückkoppelung an die gesellschaftliche Realität spätestens immer dann erfolgt, wenn es um Fragen der finanziellen Grundausstattung geht. Hier zeigte sich auch, dass die Forschungskontexte in der vom IPN dominierten und vom Staat finanzierten postdiktatorischen polnischen Zeitgeschichtsschreibung ganz anders aussehen müssen als im projektfixierten Deutschland oder erst im amerikanischen System. PADRAIC KENNEY (Bloomington) wies darauf hin, dass er in der gewissen Diasporarolle, die Osteuropastudien in den USA einnehmen, besonders auf vergleichende Fragestellungen achten müsse, um „seine“ Themen einbringen zu können. Allerdings zeigte sich auch im polnischen Kontext, etwa in den Stellungnahmen von BOŻENA SZAYNOK (Breslau) und BERNARD LINEK (Oppeln), dass die Bereitschaft zu Auftragsforschung aus gesellschaftlicher und historischer Verpflichtung heraus nicht überall vorhanden ist. Kontrovers diskutiert wurde auch darüber, ob eine wie auch immer verstandene Ethik des Historikers eine Rolle bei seinen Forschungen spielen müsse. Kamiński stellte in diesem Zusammenhang etwa die Frage nach der „Mission“ der Historiker, was bei den deutschen Teilnehmern eher Achselzucken auslöste.

Es zeigte sich letztlich, dass trotz eines gewissen Übergewichts traditioneller, die Dichotomie Staat/Gesellschaft betonender Studien auch in Polen in den letzten Jahren eine methodische und thematische Ausweitung stattgefunden hat. Eine Fragerunde zu den stärksten wissenschaftlichen Einflüssen, die die Teilnehmerinnen und Teilnehmer bisher erfahren haben, und den Personen, die sie am meisten geprägt haben, zeigte in den Antworten eine deutliche Internationalisierung.

Zu den Erkenntnissen des Workshops gehört, dass das Nebeneinander kleinteiliger Mikro- und Regionalstudien und gewünschter sowie letztlich auch benötigter wissenschaftlicher Synthesen die Forschungslandschaft in den nächsten Jahren prägen wird. Transnationale und vergleichende Fragestellungen gehören bereits jetzt zum selbstverständlichen Grundkanon der Beschäftigung mit der Zeitgeschichte Polens. Einig waren sich die Anwesenden jedoch auch darin, dass solche allgemeinen und theoretisierenden Überlegungen immer mit einem konkreten, quellengestützten Faktengerüst in Verbindung stehen müssen und man den Vormarsch metahistorischer Sprachhülsen sorgfältig beobachten sollte. Vielleicht sollte man in der Tat, wie MAREN RÖGER (Warschau) formulierte, die Fäden zwischen den oftmals scheinbar völlig separat handelnden Systemen im Luhmann’schen Sinne neu zu knüpfen versuchen, um zum Beispiel die Kategorien Wissenschaft und Gesellschaft einander wieder näher zu bringen. Klar ist jedenfalls, dass man um die Betrachtung generationeller Faktoren nicht herumkommt. Es scheint allmählich an der Zeit zu sein, auch das Wirken der „Generation der Versöhner“ im deutsch-polnischen Kontext seit der Mitte der 1960er-Jahre einer kritisch-würdigenden wissenschaftlichen Exegese zu unterziehen.

Die Weiterentwicklung von Formen des elektronischen Austauschs und der Kommunikation steht dabei auf der Agenda ganz oben, selbst wenn keiner der polnischen Teilnehmer den leidenschaftlichen Appell von MATTHIAS BARELKOWSKI (Berlin) aufgreifen mochte, doch endlich eine gesamtpolnische Internetplattform nach dem Vorbild von H-Soz-u-Kult für die historische Forschung und angrenzende Disziplinen ins Leben zu rufen. Dies würde nicht nur einen bisher kaum zu erhaltenden schnellen Überblick über die Aktivitäten der unterschiedlichen polnischen wissenschaftlichen Institutionen (Verlage, Institute, Universitäten) ermöglichen, sondern auch zur Vernetzung dieser Institutionen selbst beitragen, die zumindest aus deutscher Sicht häufig als „Einzelkämpfer“ und eben nicht als „Netzwerker“ agieren und wahrgenommen werden. FELIX ACKERMANN (Vilnius) regte an, gerade in der Lehre zur Zeitgeschichte neue Wege zu beschreiten und zu Beispiel Studenten die Bearbeitung von Wikipediaeinträgen nach wissenschaftlichen Kriterien als Hausarbeit aufzugeben, deren Ergebnis dann im Seminar diskutiert werden könne.

Die auch aus dem Bedürfnis eines Fehlens entsprechender Gesprächsplattformen entwickelte Workshopidee soll in den nächsten Jahren mit thematisch enger gefassten Fragestellungen unter Beibehaltung der gleichberechtigten Mitwirkung von Doktorandinnen und Doktoranden fortgeführt werden. Die zweieinhalb Tage der ausschließlich in polnischer Sprache durchgeführten Veranstaltung haben jedenfalls gezeigt, dass es bei aller Beharrungskraft traditioneller auch regionaler Milieus längst nicht mehr nationale Trennlinien sind, entlang derer sich fachinterne Debatten abspielen.

Konferenzübersicht:

Der Workshop bestand aus offenen aber vorstrukturierten Diskussionen anhand der folgenden Themenblöcke.

Block 1: Methoden, Begriffe und Zäsuren

Impulsreferate:

Łukasz Kamiński (Warschau)

Claudia Kraft (Siegen)

Block 2: Ereignisse

Block 3: Verflechtungen, Transnationales und Regionales

Block 4: Öffentliche Meinung, Erinnerung und Geschichtspolitik

Abschlussdiskussion

Teilnehmer/innen:

Felix Ackermann (European Humanities University Vilnius)

Matthias Barelkowski (Justus-Liebig-Universität Gießen/Berlin)

Jan C. Behrends (ZZF Potsdam)

Katarzyna Chimiak (Uniwersytet Warszawski)

Jonas Grygier (Europa-Universität Viadrina Frankfurt/Oder)

Grzegorz Hryciuk (Uniwersytet Wrocławski)

Łukasz Jasiński (Muzeum II Wojny Światowej w Gdańsku)

Łukasz Kamiński (Instytut Pamięci Narodowej w Warszawie)

Padraic Kenney (University of Indiana)

Claudia Kraft (Universität Siegen)

Markus Krzoska (Justus-Liebig-Universität Gießen)

Wojciech Kucharski (Ośrodek Pamięć i Przyszłość we Wrocławiu)

Bernard Linek (Instytut Śląski w Opolu)

Mateusz Matuszyk (Uniwersytet Wrocławski)

Maren Röger (Deutsches Historisches Institut Warschau)

Krzysztof Ruchniewicz (Uniwersytet Wrocławski)

Bożena Szaynok (Uniwersytet Wrocławski)

Pierre-Frédéric Weber (Uniwersytet Szczeciński)

Dariusz Wojtaszyn (Uniwersytet Wrocławski)

Łukasz Wolak (Uniwersytet Wrocławski)

Michael Zok (Justus-Liebig-Universität Gießen/Herder-Institut Marburg)

Zitation
Tagungsbericht: Polnische Zeitgeschichte – heute und morgen, 22.06.2012 – 24.06.2012 Breslau, in: H-Soz-Kult, 27.07.2012, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-4326>.