Adolf Deißmann – Ein (zu Unrecht) fast vergessener Theologe und Philologe

Ort
Berlin
Veranstalter
Theologische Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin; Zentral- und Landesbibliothek Berlin
Datum
26.04.2013 - 27.04.2013
Von
Marc Bergermann / Jan Bobbe / Renate Burri / Vera von der Osten-Sacken, Lehrstuhl für Ältere Kirchengeschichte, Humboldt-Universität zu Berlin

Anlässlich des 75. Todestages des Theologen und Philologen Gustav Adolf Deißmann im November 2012 veranstalteten die Theologische Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin, an der Deißmann seit 1908 bis zu seiner Emeritierung 1935 lehrte, und die Zentral- und Landesbibliothek Berlin, in der sich ein Großteil des Nachlasses von Deißmann befindet, ein internationales Kolloquium, um dessen Bedeutung für Theologie und Philologe für die heutige Wissenschaft herauszustellen und einen Einblick in noch unveröffentlichte Dokumente des Nachlasses zu gewähren.

Eröffnet wurde das Kolloquium mit einem Vortrag von BARBARA ALAND (Münster), in welchem sie mittels zentraler Werke Deißmanns den Fragen nachging, wie dieser exegetisch gewirkt hat und ob er überhaupt als Paulusexeget bezeichnet werden könne. Deißmann habe zwar keine ausführlichen, eigenständigen Exegesen der paulinischen Schriften ausgearbeitet, jedoch anregend auf die Paulusexegese der Folgezeit gewirkt, die sich bisweilen in Abgrenzung von oder im Anschluss an Deißmann positionierte. Aland wies insbesondere auf die in Deißmanns Paulusbiographie zentrale "Christ-Innigkeit" bzw. Christusmystik des Paulus hin, die sowohl von Vertretern der "New Perspective" (E.P. Sanders) als auch in jüngeren Publikationen[1] im Sinne einer Christusteilhabe wahrgenommen wird.

CILLIERS BREYTENBACH (Berlin) widmete sich in seinem Vortrag der Bedeutung der Beiträge Deißmanns für die Erforschung des Urchristentums auf den Gebieten der Sprach-, Literatur-, Religions- und Kulturgeschichte. Deißmann habe mit seinen Arbeiten zur Sprach- und Literaturgeschichte maßgeblich die Einordnung der frühchristlichen Texte in die allgemeine Literaturgeschichte der Antike angeregt, erste Ansätze zur kulturgeschichtlichen Einbettung des Urchristentums geleistet und sich somit als einer der ersten Religions- und Kulturhistoriker des frühen Christentums hervorgetan. Für Deißmann dürfe jedoch das Religiöse in den urchristlichen Schriften nicht unter das Historische subsummiert werden: Es sei diesem vielmehr darum gegangen, die religiöse Anschauung, die psychologischen Motive und das Ethos des Christuskultes zu erfassen und diese im Kontext ihrer Kulturgeschichte darzustellen.

ALEXANDER WEIß (Leipzig) legte dar, wie Deißmann durch das Studium griechischer Papyri seine These vom Urchristentum als Religion der Unterschichten entwickelte und diese zur Hauptthese seines Erfolgsbuches "Licht vom Osten" machte, sie aber als Reaktion auf vielfache Kritik später entschärfend modifizierte. Dabei zeigte Weiß auf, dass Deißmann mit seiner These nicht auf einer zu seiner Zeit geschlossenen Forschungsmeinung im Sinne eines "old consensus" aufbaute, und arbeitete sowohl die Schwächen dieser These – zum Beispiel Deißmanns Fehleinschätzung der koinē als unliterarischer Sprache – als auch ihre innovativen Ansätze, insbesondere die soziale Schichtung als multidimensionales Phänomen und somit die Vorformulierung des "new consensus", heraus.

DAVID DU TOIT (München) befasste sich mit Deißmanns unvollendetem Lebenswerk, dem Wörterbuch des Griechischen des Neuen Testaments. Beginnend mit der Verbrennung der Zettelkästen Deißmanns, die Vorarbeiten zum Wörterbuch enthielten, durch russische Soldaten im Jahr 1945 zeichnete du Toit rückblickend die geschichtlichen Stationen dieses gescheiterten Vorhabens nach. So schien das Projekt gegen Ende des ersten Jahrzehntes des 20. Jahrhunderts weit fortgeschritten, kam dann aber im zweiten Jahrzehnt zum Erliegen, was du Toit mit den Umwälzungen im Ersten Weltkrieg, aber insbesondere mit Deißmanns intensivierter Arbeit im akademischen Betrieb erklärte. Schließlich sah Deißmann im "Griechisch-deutschen Wörterbuch zu den Schriften des Neuen Testaments" von Walter Bauer einen zentralen Aspekt seiner Anliegen und möglicher Kriterien zur Gestaltung eines eigenen Wörterbuches bereits verwirklicht: Die Verortung des Wortschatzes des Neuen Testamentes in den lebendigen Kontext seiner Zeit.

Der Vortrag von KARL DIENST (Darmstadt) wurde wegen krankheitsbedingter Abwesenheit des Referenten von Christoph Markschies verlesen. Der an Namen und Daten reichhaltige Beitrag gab einen Überblick über die Geschichte, die Kirchenpolitik und die konfessionellen Verschiebungen in der Heimat Deißmanns seit der Reformation und beschrieb den Bezug Deißmanns zu den Nassauer Landen sowie deren Bedeutung für seine weitere Laufbahn.

Der erste Tag des Kolloquiums wurde abgeschlossen mit dem Beitrag von GREGORY HORSLEY (New England/Australien), der Deißmann als Philologen vorstellte, wenn auch als einen untypischen. Horsley hob den in mancherlei Hinsicht pionierhaften Charakter von Deißmanns philologischen Arbeiten hervor und ging der Frage nach, warum Deißmann dennoch als Philologe so schnell vergessen wurde. Von den Vorarbeiten des nie realisierten Projekts eines neutestamentlichen Wörterbuches vermochten drei kurze handschriftliche Notizen Deißmanns einen Eindruck zu vermitteln, die vielleicht einen kleinen Überrest der von du Toit erwähnten Zettelkästen bilden.

Der den zweiten Tag eröffnende, sehr biographisch ausgerichtete Beitrag von ALBRECHT GERBER (Australien) nahm die Wochenbriefe in den Blick, die Deißmann sieben Jahre lang für eine internationale protestantische Leserschaft verfasste. Die besondere mitmenschliche und seelsorgerliche Dimension dieser Schriften machte, so Gerber, die Briefe Deißmanns gegenüber anderen zeitgenössischen Wochenschriften zu einem sehr persönlichen Zeugnis, in dem der Theologe und "humane Weltbürger", als der Deißmann sich verstand, sich für eine spezifisch christlich und evangelisch gegründete Verständigung unter den Völkern stark gemacht und sich gegen religiös bemäntelte Kriegspropaganda abgegrenzt habe – nicht ohne gelegentlich selbst ihrem Reiz zu erliegen.

DIETZ LANGE (Göttingen) verglich den deutschen Theologen Deißmann mit dessen Freund und schwedischem Kollegen Söderblom, indem er die Wege dieser beiden sehr unterschiedlichen Charaktere zu einander und zu einer liberalen Theologie schilderte, die Reaktionen der beiden Theologen auf die Folgen des Ersten Weltkriegs nebeneinanderstellte und schließlich den ökumenischen Gedanken entfaltete, der beide bewegte, aber originär vor allem von Söderblom stammte. Beide Theologen wollten der "Zerrissenheit unter den Völkern" einen – protestantisch verstandenen – christlichen Einheitsgedanken entgegenstellen, der vom exklusiven Wahrheitsanspruch der Religionen abgelöst wurde und zu einem friedlichen Wettstreit unter ihnen führen müsse.

In die ereignisreiche und von vielen Konflikten geprägte Zeit von Oktober 1930 bis Oktober 1931 fällt Deißmanns Rektorat der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität. Dieses jährlich wechselnde Ehrenamt bekleidete der weder in der Akademie der Wissenschaften noch in den meisten einflussreichen Netzwerken beheimatete Theologe Gustav Adolf Deißmann als hundertster Rektor. CHRISTOPH MARKSCHIES (Berlin) betrachtete den vermeintlichen Höhepunkt in der Karriere Deißmanns anhand von Überresten aus dessen Nachlass, die zeigen, wie stark politische Faktoren, wie die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise, aber auch die zunehmende Radikalisierung und Gewaltbereitschaft Studierender in dieser Zeit das Klima an der Universität prägten, und wie Deißmann seine Alma Mater mit der Macht des Wortes und sehr wechselndem Erfolg in friedlichere und solidarischere Bahnen zu lenken hoffte.

Das Kolloquium beleuchtete umfassend und erstmalig das Lebenswerk von Adolf Deißmann und führte die einzelnen Stränge seines Schaffens zusammen, wobei sowohl wegweisende Einsichten Deißmanns für spätere Entwicklungen pointiert herausgearbeitet als auch dessen Positionen in den verschiedenen Bereichen einer kritischen Prüfung unterzogen wurden. Die Ergebnisse des Kolloquiums sollen demnächst in einem Sammelband bei De Gruyter erscheinen.

Konferenzübersicht:

Barbara Aland (Münster): Deißmann als Paulusexeget

Cilliers Breytenbach (Berlin): Deißmann als Historiker des antiken Christentums

Alexander Weiß (Leipzig): Deißmann und die Unterschichtenthese

David du Toit (München): Deißmann und die Lexikographie des Neuen Testaments

Karl Dienst (Darmstadt): Adolf Deißmann und die Nassauer Lande

Gregory Horsley(New England/Australien): Deißmann as a Philologist

Albrecht Gerber (Australien): Deißmanns Wochenbriefe. Ein Vorbild für unsere Zeit

Dietz Lange (Göttingen): Deißmann und Nathan Söderblom

Christoph Markschies (Berlin): Deißmann als Rektor der Universität Unter den Linden

Anmerkung:
[1] Zum Beispiel Michael Wolter, Paulus. Ein Grundriss seiner Theologie, Neukirchen-Vluyn 2011.

Zitation
Tagungsbericht: Adolf Deißmann – Ein (zu Unrecht) fast vergessener Theologe und Philologe, 26.04.2013 – 27.04.2013 Berlin, in: H-Soz-Kult, 10.10.2013, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5070>.