Phantomgrenzen in Ostmitteleuropa: Zwischenbilanz eines neuen Forschungskonzeptes

Ort
Berlin
Veranstalter
BMBF-Kompetenznetzwerk „Phantomgrenzen in Ostmitteleuropa“; Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW)
Datum
17.02.2014 - 19.02.2014
Von
Andrew Tompkins, Humboldt-Universität zu Berlin

Ein Gespenst geht um in Osteuropa – und damit ist nicht (nur) der Kommunismus gemeint. Neben den sozialistischen Volksrepubliken sind auch zahlreiche Staaten und Imperien über die Jahrzehnte und Jahrhunderte „gestorben“ und von der Landkarte verschwunden. Jedoch scheinen die Grenzen dieser vergangenen Territorialeinheiten den Raum weiter zu strukturieren – im Handeln der Menschen, in den Diskursen und in der Infrastruktur. Ein durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördertes Kompetenznetzwerk erforscht seit mittlerweile drei Jahren das Phänomen der „Phantomgrenzen“ und erarbeitet dabei ein Konzept, das über Ostmitteleuropa hinaus von Bedeutung ist. Bei einer Konferenz in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW) vom 17.-19. Februar 2014 haben die Mitglieder des Netzwerkes ihre bisherigen Arbeiten öffentlich präsentiert und der Kritik gestellt.

Diese erste Bilanz des Projektes fand im Rahmen des BBAW-Jahresthemas „Zukunftsort Europa“ statt, in einem Jahr, wo die bevorstehenden Europawahlen die Bedeutung von Europas Grenzen in die öffentliche Debatte eingeführt haben. Solche Debatten und ihre (meist mangelhafte) Verbindung zu wissenschaftlichen Erkenntnissen waren auch zentrales Thema der Podiumsdiskussion, mit der die Konferenz eröffnet wurde: dabei haben BOGDAN MURGESCU (Bukarest), GÜNTER VERHEUGEN (Frankfurt an der Oder), ETIENNE FRANÇOIS (Berlin), und CLAUDIA KRAFT (Siegen) mit HANNES GRANDITS (Berlin) über die inneren Grenzen Europas gesprochen. Murgescu stellte fest, dass die aktuelle, von Teilen der Politik angeheizte Debatte über „Armutszuwanderung“ viel mehr über die Ängste in reichen Ländern als über das reale Ausmaß der Migration aussage. Es gebe in Europa einen Wunsch nach mehr Demokratie (François), der aber an den internen Hierarchien der EU-Länder scheitert und dessen „Export“ durch die Hybris führender Kräfte untersagt wird (Kraft). Die Werte und Ideen, die mit Europa verbunden sind, seien aber kein Eigentum der EU-Mitgliedsstaaten oder -Institutionen (Verheugen).

Am Folgetag ging es mit der Vorstellung des gemeinsam erarbeiteten Forschungskonzepts sowie Präsentationen über einzelne Projekte im Rahmen des Kompetenznetzwerkes weiter. Claudia Kraft skizzierte einige Leitlinien des Konzeptes: demnach sollen „Phantomgrenzen“ nicht als alles bestimmende, deterministische Strukturen betrachtet werden, sondern müssen akteurszentriert analysiert werden – mit Hinblick auf die Vorstellungen, Erfahrungen und Produktion von Räumen. Der aus der interdisziplinären Osteuropaforschung entwickelte Ansatz zeige, dass area studies nicht den sogenannten „allgemeinen“ Disziplinen (Geschichte, Soziologie, Geographie) untergeordnet sind. Bei seinem Kommentar zum Vortrag identifizierte HOLM SUNDHAUSSEN (Berlin) drei Varianten von Phantomgrenzen, die dann in den weiteren Präsentationen immer wieder auftauchten: erstens Phantomgrenzen als eine Ressource, zweitens Phantomgrenzen als unbewusste Einflüsse der Vergangenheit auf die Gegenwart und drittens Phantomgrenzen als materielle Überreste der Vergangenheit, die das Handeln von Menschen beeinflussen und ihre Diskurse aufladen. Nach der Vorstellung des Konzeptes stellte BÉATRICE VON HIRSCHHAUSEN (Berlin) ihre laufende Arbeit über die seit den 1990er-Jahren entstandene Wasserversorgungsinfrastruktur in Rumänien dar, die im ehemals österreich-ungarischen Banat viel schneller entwickelt wurde als im Rest des Landes; dies zeige sich deutlich beim Vergleich zwischen den Dörfern Mâtnicu Mare (Banat) und Noapteşa (Oltenien). Trotz strukturellen Unterschieden (im Bauwesen, Stadtstruktur, Verkehr) erklärten die Dorfbewohner die ungleiche Wasserversorgung als Ergebnis des „moderneren, ehrgeizigeren Charakters“ des Banats; durch diese Phantomgrenze werden die strukturellen Daten also „subjektiviert“. HANS-JOACHIM BÜRKNER (Potsdam) argumentierte in seinem Kommentar, dass die Einbettung breiterer gesellschaftlicher Kontexte (Globalisierung, Systemwechsel, Ethnisierungsprozesse) in dieses lokale Untersuchungsfeld entscheidend sei. Das erste Panel wurde mit dem Vortrag von HANNES GRANDITS (Berlin) zum Abschluss gebracht, der von der wechselhaften Geographie Ostmittel- und Südosteuropas sprach. Dabei stellte er fest, dass nach 1989 überraschend wenig verändert wurde: zwar haben die Verwaltungsgrenzen des ehemaligen Jugoslawiens einen neuen Status als Staatsgrenzen gewonnen, generell wurde aber das Prinzip uti possidetis, ita possideatis („so, wie ihr besitzt, sollt ihr besitzen“) angewendet und der Grenzverlauf erhalten. In der Umbruchsphase der 1990er-Jahre wurden auch die längst nicht mehr relevanten Phantomgrenzen des Habsburg-Imperiums mit „struktureller Nostalgie“ aufgeladen und zum Zwecke der Legitimierung nationalistischer Forderungen rhetorisch reaktiviert. Wie CHRISTIAN GIORDANO (Fribourg) kommentierte, seien Begriffe wie „Phantome“ und „Nostalgie“ aber nicht als Zeichen einer Irrationalität, wie sie den Akteuren im Südosteuropa immer wieder vorgeworfen wird, zu interpretieren. Bei der Diskussion haben die Vortragenden betont, dass Phantomgrenzen nicht immer und nicht automatisch Remanenz zeigen – ihre Wirkung hängt von Akteuren ab, die in einem bestimmten Kontext agieren.

Die Teilnehmer des zweiten Panels, FLORIAN RIEDLER (Berlin) und JAN MUSEKAMP (Frankfurt an der Oder), befassten sich in unterschiedlichen Kontexten mit der Infrastruktur von Grenzen. Riedler behandelte die Geschichte der Stadt Niš, deren Festung abwechselnd von Osmanischen und Habsburgischen Herrschern im 18. Jahrhundert gebaut wurde – teilweise nach den (Stadt-) Plänen des jeweiligen Gegners. So entstand, dem Kommentar von ULRIKE FREITAG (Berlin) zufolge, „konsekutiv […] eine Art Gemeinschaftsbau“. Mit der Übernahme der Stadt durch das Fürstentum Serbien 1878 wurden infolge einer „De-Osmanisierung“ fast alle muslimischen Einwohner vertrieben und viele osmanische Gebäude zerstört. Die Festung aber blieb. Zwar diente Niš weiter als Garnisonstadt, allerdings wurde das Militär in Kasernen verlegt. Auch in der Präsentation von Musekamp stand, nach den Worten Freitags, mittlerweile „funktionslos“ gewordene Grenzinfrastruktur im Zentrum, nämlich die Grenzbahnhöfe in Aleksandrów Podgraniczny und Zbąszynek, die früher an polnischen Grenzen lagen. Die polnische Eisenbahn, dessen Netz lange auf imperiale Hauptstädte außerhalb Polens ausgerichtet war und noch heute im ehemals preußischen Gebiet viel dichter ist, gilt gemeinhin als Beweis der Fortwirkung der polnischen Teilung – also ein scheinbares Paradebeispiel für Phantomgrenzen. Jedoch zeigte Musekamp, dass sowohl die Dominanz der Verbindungen nach außen als auch die Lücken im Inneren Polens längst „korrigiert“ wurden, unter anderem weil andere Verkehrsmittel (Straßen-, Bus- und Luftverbindungen) dieses Netz ergänzt und auf die gesamte nationale Fläche ausgeweitet haben. Nicht jede ehemalige Grenze ist also eine Phantomgrenze; direkte kausale Beziehungen zu Gegenwartsphänomenen bestehen nicht immer.

Im folgenden Panel wurde die Überwindung von Phantomgrenzen in Recht und Normen thematisiert. DIETMAR MÜLLER (Leipzig) befasste sich mit der Bodenreform in Rumänien nach dem ersten Weltkrieg und mit der Frage, wie das Recht in diesem neuen Nationalstaat vereinheitlicht wurde. Der Versuch, das Modell des habsburgischen Bodenrechts auf das Nationalgebiet auszuweiten, scheiterte. Die Auseinandersetzungen zwischen den siebenbürgischen Geodäten und Notaren sowie den Bukarester Abgeordneten und Juristen (die alle unterschiedlich von der Einführung eines Kataster- oder Kaufvertragssystems profitiert hätten) haben den politischen Prozess gebremst. In seinem Kommentar hob WOLFGANG HÖPKEN (Leipzig) hervor, dass die Akteure zur Durchsetzung ihrer Interessen nicht nur mit der Effizienz der jeweiligen Systeme argumentierten, sondern auch gegen die angebliche „kulturelle Fremdheit“ eines „österreichisch-deutschen“ Katastersystems bzw. eines „französischen“ Kaufvertragssystems polemisierten. Vorstellungen vom Eigenen und vom Fremden waren auch Bestandteil des Beitrags von NENAD STEFANOV (Berlin), der die Wirksamkeit der ehemaligen serbisch-bulgarischen Grenze, die nur 7 km von der jetzigen entfernt ist, ansprach. In der dazwischen liegenden „Phantomregion“, die seit 1920 ganz zu Serbien (bzw. Jugoslawien) gehört, sprechen – und distanzieren sich – manche Bewohner immer noch von „bulgarischen“ Nachbardörfern auf serbischer Seite. Dies bedeutet aber nicht, dass die Bewohner dieser von der Hauptstadt missachteten Provinz nationale Vorstellungen übernehmen, sondern dass sie durch nationale Zuschreibungen lokale Selbstverständnisse und Dorfkonkurrenzen ausdrücken. Nach der Anregung von Ulrich Schmid bei einem früheren Werkstattgespräch schlug Stefanov vor, die Karte dieser Region wie eine Wetterkarte mit beweglichen Hoch- und Tiefdrucken vorzustellen. Höpken kommentierte den Vortrag mit der Bemerkung, diese Phantomregion sei ein Laboratorium für Identitäten, das von einer Dialektik zwischen Aufhebung und Reifizierung der Grenze geprägt sei.

Das vorletzte Panel umfasste vier Präsentationen, die sehr unterschiedliche Fälle diskursiven Wandels behandelten. ĐORĐE TOMIĆ (Berlin) sprach über die Vojvodina-Region im heutigen Serbien. Die Region genießt seit 1974 Rechte als autonome Provinz von Jugoslawien bzw. Serbien, aber 1988 wurden ihre autonomen Institutionen de facto ausgeschaltet. Seitdem ist ein Diskurs der Vojvodina-Autonomie entstanden, der auf die Habsburgische Geschichte zurückgreift, die Region als (Mittel-) Europa zugehörig versteht, und dem serbischen Nationalismus entgegensetzt. Die Autonomisten fordern jedoch keinen unabhängigen Staat, vielmehr besteht ihre Rhetorik auf (und aus) Symbolik. Der Vortrag regte Kommentator ROBERT TRABA (Berlin-Warschau) zufolge zu Gedanken über die Aneignung von Raum und die Bedeutung von Autonomie im Alltag der Menschen dieser Region an. Alltagserfahrungen mit „Phantomgrenzen“ ganz anderer Art standen im Mittelpunkt des Vortrags von MICHAEL ESCH (Leipzig-Berlin), der die Aneignung von urbanem Raum in polnischen Großstädten durch Fußballhooligans analysierte. Vor allem in Städten wie Lodz, Warschau oder Krakau, in denen jeweils zwei große Fußballclubs ihre Heimstätte haben, teilen gegnerische Hooligangruppierungen die Stadt unter sich. Wer ein bestimmtes Viertel „beherrscht“ markiert dies an den „Eingangstoren“ mit aufwendigem Graffiti und besprüht den Raum des Gegners mit Angriffsparolen und -motiven. Diese Markierungen werden Teil der alltäglichen Stadtlandschaft, bleiben jedoch für die allgemeine, nicht eingeweihte Stadtbevölkerung nicht lesbar: diese Grenzen werden also nicht durch die Infrastruktur der Stadt, sondern durch die Eigenlogik der Akteure selbst gezogen und mit Bedeutung aufgeladen. Beim folgenden Vortrag befasste sich DRAGO ROKSANDIĆ (Zagreb) mit der Geschichte der kroatischen Städte Bihać, Karlovac, und Zadar, die sich alle drei an den Grenzen verschiedener, vergangener Imperien befinden. Die Eliten dieser Städte waren multikulturell geprägt, mit Städten außerhalb Kroatiens (wie zum Beispiel Padua oder Wien) eng vernetzt, und oft mehr an Modernisierung als an der Einheit der Südslawen interessiert. Die Modernität Kroatiens am Anfang des 20. Jahrhunderts war also durch das Erbe der italienischen, österreichischen, und türkischen Imperien stark beeinflusst. Die nähere Betrachtung solcher „heritages“, so Roksandić, könne also das Konzept der Phantomgrenzen gut ergänzen. THOMAS SERRIER (Paris-Frankfurt an der Oder) stellte wiederum die Konzeptionalisierung Europas neu vor: Europa sei ein „vertikaler Kontinent“, wo die von Norden nach Süden führenden Linien großer Flüsse, Wälder und Gebirgsketten häufig zur Legitimierung von Ost-West-Differenzierungen gedient haben. Vor allem entlang Flüssen wie Rhein, Oder, Neiße, oder Bug – die immer wieder im Diskurs als „natürliche Grenzen“ auftauchen – wird die trennende Funktion von Grenzen besonders wirksam, das Verbindende aber verdrängt. Nach der Auffassung MARTIN SCHULZE WESSELs (München) gelten diese Nord-Süd-Linien als Scheidelinien zwischen Rückständigkeit und Fortschrittlichkeit nicht immer, sondern nur an nationalen Grenzen. Bei der anschließenden Diskussion wurde den Fragen, wann diese „Vertikalen“ aktiviert werden (bzw. wann nicht) und warum die wissenschaftliche Dekonstruktion des Ost-West-Gegensatzes nicht in den öffentlichen Diskurs ankommt, einen großen Platz eingeräumt.

Das letzte Panel kombinierte mikrohistorische und regionale Perspektiven. In ihrem Vortrag analysierte SABINE VON LÖWIS (Berlin) ein Fest im Sommer 2013 im ukrainischen Dorf Sokyrynci – welches mit einer Grenzziehung zwischen den österreichischen und russischen Imperien im 18. Jahrhundert in zwei getrennte aber gleichnamige Dörfer aufgeteilt wurde. Mittlerweile leben ihre Bewohner seit 70 Jahren in demselben Land zusammen und in enger Verbindung zueinander, aber die außer Kraft gesetzte Grenze wirkt weiter. Beim Fest in dem westlichen Dorf wurde die langjährige, fortbestehende Trennung kaum offen angesprochen aber immer wieder angedeutet: zum Beispiel wurden die Bewohner des östlichen Dorfes explizit eingeladen, allerdings kamen sie im Programm lediglich als Gäste vor. Insgesamt werden die Dörfer, so der Kommentar von BOGDAN MURGESCU, gleichzeitig durch Trennung und Überbrückungsversuche geprägt. Um die Herausbildung einer Region als dauerhaft erkennbaren Raum ging es im Beitrag von KAI STRUVE (Halle), der die Geschichte Oberschlesiens seit dem späten 19. Jahrhundert analysierte. In diesem sprachlich gemischten aber überwiegend katholischen Gebiet führte der Kulturkampf ausnahmsweise zu sprachgruppenüberschreitender Zusammenarbeit und zum Erfolg der Zentrumspartei. Auch in der Zwischenkriegszeit wurden deutsche und polnische Nationalismen nicht unbedingt als gegenseitig ausschließend wahrgenommen. Nach dem zweiten Weltkrieg dürften viele Deutschmuttersprachler nach „Verifizierung“ ihres Polentums in der Region bleiben, aber Diskriminierungserfahrungen verstärkten das Gefühl einer spezifisch regionalen Identität, die noch heute in Volkszählungen zum Ausdruck kommt. Nach Einschätzung Murgescus haben die Bewohner der Region ihren Abwehrkampf gegen den Nationalismus zum Schluss verloren, aber für eine Minderheit wirken die Phantomgrenzen Oberschlesiens stark weiter.

Am Ende der Tagung sprach ETIENNE FRANÇOIS in seiner Synthese viele der immer wieder auftauchenden Fragen an, zum Beispiel wie sich „Phantomgrenzen“ als Typus von der allgemeineren Kategorie der „Grenzen“ unterscheiden und wie/wann/unter welchen Bedingungen Phantomgrenzen sich artikulieren. Insgesamt seien „Phantomgrenzen“ seiner Ansicht nach kein „Begriff“ im philosophischen Sinne, sondern ein anregendes Bild mit starker Impulswirkung. Sie seien wandelbar und treten nicht kontinuierlich in Erscheinung; der genaue Verlauf einer Phantomgrenze sei manchmal nicht so wichtig wie die (offenen) Räume, für die sie als Fixierungspunkte dienen. Deshalb sind die Fragen der Aneignung, der Verinnerlichung, der Umdeutung von Phantomgrenzen so wichtig. Zum Schluss plädierte er auch dafür, das Verbindende an Phantomgrenzen stärker in Betracht zu nehmen und die Tatsache nicht aus dem Blick zu verlieren, dass Grenzen jeder Art als Orientierungsmerkmale, als Steuerungselemente, sogar als Ressourcen funktionieren; sie sind damit auch normale Bestandteile des Alltags.

Insgesamt bestätigte die Konferenz das Urteil von François, dass „Phantomgrenzen“ ein sehr anregendes Bild darstellen. Darüber hinaus lieferten viele Teilnehmer mit ihren theoretischen Überlegungen zu Fragen wie Remanenz, Aktivierung, Funktionsverlust, und Umdeutung von Grenzen durchdachte analytische Ansätze. In der Tat benennt das Konzept „Phantomgrenze“ sehr präzise ein vielfältiges Phänomen, dessen Untersuchung von interdisziplinären Ansätzen beispielhaft profitiert und besonders ergiebig für transnationale Forschung sein kann. Es bleibt abzuwarten, wie die Forschung zu anderen Regionen diese Arbeiten aufgreift.

Konferenzübersicht:

Podiumsdiskussion „Die inneren Grenzen Europas: Vergangenheit oder Zukunft?“
Moderation: Hannes Grandits (Humboldt-Universität zu Berlin)
Etienne François (Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin)
Claudia Kraft (Universität Siegen)
Bogdan Murgescu (Universitatea din Bucureşti)
Günter Verheugen (Europa-Universität Viadrina, Frankfurt an der Oder)

Phantomgrenzen – Ein neues Forschungskonzept
Chair: Christian Voß (Humboldt-Universität zu Berlin)

Claudia Kraft (Universität Siegen): „‚Phantomgrenzen‘: Neue Impulse für die auf Ostmittel- und Südosteuropa bezogenen area studies?“

Hannes Grandits (Humboldt-Universität zu Berlin): „Verwandelte Wissensordnungen, neu gefasste Nostalgien: Zur Aneignung ‚vergangener‘ Raummuster in Ostmittel- und Südosteuropa nach 1989“

Béatrice von Hirschhausen (Centre Marc Bloch, Berlin): „Phantomgrenzen zwischen Erfahrungsräumen und Erwartungshorizonten“

Kommentare:
Hans-Joachim Bürkner (Universität Potsdam)
Holm Sundhaussen (Freie Universität Berlin)
Christian Giordano (Université de Fribourg)

Bebauung und Erschließung des Raums
Chair: Nora Lafi (Zentrum Moderner Orient, Berlin)

Florian Riedler (Zentrum Modern Orient, Berlin): „Die Architektur der Grenze. Niš und seine Festung seit dem 18. Jahrhundert“

Jan Musekamp (Europa-Universität Viadrina, Frankfurt an der Oder): „Produktion von Raum im polnischen Staat. Imperiale Infrastrukturen in postimperialer Zeit“

Kommentar: Ulrike Freitag (Freie Universität Berlin und Zentrum Moderner Orient)

Recht, Normen und Institutionen
Chair: Xavier Bougarel (Centre Marc Bloch, Berlin und École des Hautes Études en Sciences Sociales, Paris)

Dietmar Müller (Universität Leipzig): „Professionen und Institutionen des Bodeneigentums als Arenen rechtskultureller Phantomgrenzen im östlichen Europa“

Nenad Stefanov (Humboldt-Universität zu Berlin): „Von Grenzziehungen und Randerscheinungen. Phantomgrenzen als Ansatz für eine national dezentrierte Geschichte des Zentralbalkan“

Kommentar: Wolfgang Höpken (Universität Leipzig)

Diskursive Repräsentationen im Wandel
Chair: Marie-Elizabeth Ducreux (Centre Marc Bloch, Berlin und École des Hautes Études en Sciences Sociales, Paris)

Đorđe Tomić (Humboldt-Universität zu Berlin): „‚Phantomgrenzen‘ in Zeiten des Umbruchs: Die Autonomieidee in der Vojvodina seit Ende der 1980er Jahre“

Michael G. Esch (Universität Leipzig und Centre Marc Bloch, Berlin): „Gewalt, Geschichte, Topographie: Soziale Praktiken und Phantomräume polnischer Hooligans“

Kommentar: Robert Traba (Centrum Badań Historycznych, Berlin)

Chair: Christian Giordano (Université de Fribourg)

Drago Roksandić (Sveučilišta u Zagrebu): „Heritages as Weapons: Urban War Mobilizations in Bihać, Karlovac and Zadar in 1914”

Thomas Serrier (Europa-Universität Viadrina, Frankfurt an der Oder und Université Paris-VIII): „Europa vertikal. Grenzen und Scheidelinien in der Ost-West-Gliederung Europas“

Kommentar: Martin Schulze Wessel (Ludwig-Maximilians-Universität München)

Gesellschaftliches Verhalten und politische Instrumentalisierung
Chair: Catherine Gousseff (École des Hautes Études en Sciences Sociales, Paris)

Sabine von Löwis (Centre Marc Bloch, Berlin): „Slava Iїsusu Chrystu. Dobryj den’. Zdravstvujte. Erinnerung, Konstruktion und Aufhebung einer Phantomgrenze auf einem Dorffest“

Kai Struve (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg): „Grenzen der Nationalisierung und die Konstituierung einer Region: Oberschlesien seit Ende des 19. Jahrhunderts”

Kommentar: Bogdan Murgescu (Universitatea din Bucureşti)

Abschluss
Etienne François (Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin)

Zitation
Tagungsbericht: Phantomgrenzen in Ostmitteleuropa: Zwischenbilanz eines neuen Forschungskonzeptes, 17.02.2014 – 19.02.2014 Berlin, in: H-Soz-Kult, 16.04.2014, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5310>.
Redaktion
Veröffentlicht am
16.04.2014