Sovietizing the Periphery. A Comparative Approach

Ort
München
Veranstalter
Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien
Datum
04.07.2014
Von
Max Trecker, Graduiertenschule Ost- und Südosteuropastudien, München

In den letzten Jahren ist viel Forschungsliteratur unter dem Oberbegriff der „Sowjetisierung“ entstanden. Der Fokus dieser Studien lag in erster Linie auf den Vorgängen, die zu einer Adaption sowjetischer Institutionen und Politik in den nach 1945 in Osteuropa entstandenen sogenannten Volksdemokratien geführt haben. Wenig Aufmerksamkeit hingegen hat die Sowjetisierung derjenigen Randregionen der Sowjetunion erfahren, die im Umfeld des Zweiten Weltkrieges an die Sowjetunion selbst angegliedert wurden. Um einen Beitrag zur Füllung dieser Lücke zu leisten, fand am 4. Juli 2014 an der Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien in München ein Workshop zum Thema „Sovietizing the Periphery. A Comparative Approach“ statt. Ziel des Workshops war es, Forscher aus verschiedenen Ländern zusammenzubringen, die zu diesem Themenfeld arbeiten, und ihre aktuellen Forschungsprojekte zu besprechen. Nach einer kurzen Einführung durch Sören Urbansky (München) und Felix Ackermann (Vilnius) begannen direkt kritische Kommentierung und Diskussion des ersten Aufsatzes. Jeder der fünf Beiträge wurde von zwei anderen Workshopteilnehmern kommentiert und anschließend nach einer Replik des Autors dem ganzen Plenum zur Diskussion gestellt.

TARIK CYRIL AMARs (New York) Beitrag „A Soviet Borderland of Time. Lviv’s Soviet Memory“ stand als erstes zur Diskussion, die Kommentierung erfolgte durch Andreas Renner (München) sowie Ekaterina Melnikova (St. Petersburg). Das im Beitrag geäußerte Hauptargument lautet, dass nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs der Versuch unternommen wurde, das sowjetische und ukrainische Lviv zu vereinen, auch wenn es sich bei Lviv vor 1939 um eine primär polnisch-jüdische Stadt gehandelt habe. Die Sowjetisierung kann nicht als rein sowjetisches Ergebnis betrachtet werden, sondern ist mit der deutschen Herrschaft verknüpft, die vom Blickpunkt 1945 aus betrachtet in der Westukraine länger angedauert hatte als die sowjetische vor dem Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion. Bemängelt wurde von den Kommentatoren und in der Diskussion die fehlende Theoretisierung des Begriffs Sowjetisierung und die Unklarheit darüber, was die konstituierenden Merkmale einer sowjetischen Stadt seien. Zudem fehlten die grundlegenden Fakten der Machtübernahme der Sowjets in der Stadt und ihrer zentralen Institutionen sowie der Wirtschaft.

EKATERINA MELNIKOVAs (St. Petersburg) Beitrag „Sovietization of the former Finnish territories“ stand als zweites zur Diskussion. Die Kommentierung übernahmen Andreas Renner (München) und Helena Barop (Freiburg). In ihrem Aufsatz behandelt die Autorin die Frage, was nach der Deportation der finnischen Bevölkerung im Anschluss an den Winterkrieg in Karelien geschah. Im Fokus ihrer Betrachtung stand nicht primär die Sowjetisierung einer Bevölkerungsgruppe, sondern die Sowjetisierung eines Territoriums, die Umwandlung der Region in ein militärisches Grenzgebiet und die ökonomische Umpolung auf die Bedürfnisse des Leningrader Gebiets. Die Kritik bezog sich in erster Linie wiederum auf die mangelnde Theoretisierung und unklare Begriffsverwendungen. In der anschließenden Diskussion wurde der Wunsch geäußert, die Autorin möge stärker auf die Identität der Migranten eingehen und der Grenzschützer, die sie als Sowjetisierer tituliert. Im Vergleich zu Lviv scheint die Sowjetisierung widersprüchlicher und weniger erfolgreich verlaufen zu sein.

Die Fortsetzung des Workshops erfolgte mit FELIX ACKERMANNs (Vilnius) Beitrag „Autosovietization. Social Acculturation in the Western part of Soviet Belarus“. Als Kommentatoren standen Jan Arend (München) sowie Violeta Davoliuté (Brüssel) zur Verfügung. Autosowjetisierung im Sinne des Autors meint die automatische Übernahme des Ideals einer städtischen sowjetischen Gesellschaft durch die Migration der weißrussischen Landbevölkerung in die Städte. In der Diskussion wurde angemerkt, dass Personen in bestimmten Räumen eine sowjetische Identität angenommen und sich außerhalb derer eher als Weißrussen wahrgenommen haben könnten. Als Beispiel dafür, dass Folklore und Rückbesinnung auf vermeintlich eigene Identität nicht zwangsläufig destabilisierend wirken müssen, könnten die USA herangezogen werden.

Der vierte Aufsatz, der besprochen wurde, trug den Titel „Under the Red Star’s faint light. How Sakhalin became Soviet“ und war von SÖREN URBANSKY (München) und HELENA BAROP (Freiburg) verfasst worden. Die Kritik übernahmen Pascale Siegrist (Konstanz) und Tarik Cyril Amar (New York). Im Mittelpunkt des Aufsatzes steht die Sowjetisierung der an der östlichen Peripherie gelegenen Insel Sachalin, deren Sowjetisierung der mit Kaliningrad westlichsten Enklave der Sowjetunion gegenübergestellt wird. Sowohl der südliche Teil der Insel Sachalin als auch das Kaliningrader Gebiet kamen erst 1945 in den Besitz der Sowjetmacht, beide Gebiete erlebten einen umfassenden Bevölkerungsaustausch und die Deportation der alteingesessenen Bevölkerung, auch wenn es auf Sachalin bis 1949 eine Übergangsphase gab, in der sowjetische Siedler und alteingesessene Bevölkerung gleichzeitig auf der Insel lebten. Die Autoren des Aufsatzes nennen in ihrem Beitrag insgesamt drei Ebenen der Sowjetisierung: Die Einführung sowjetischer staatlicher Institutionen, die Entwicklung von sowjetischen Selbstidentifikationsangeboten für die Bevölkerung Sachalins sowie Repräsentationen der Zugehörigkeit zur Sowjetunion unter anderem in Form von Architektur oder Umbenennungen von Straßen und Flüssen. Insgesamt, so die These der Autoren, sei die Kontrolle der Politik vor Ort durch die Moskauer Zentrale sehr schwach gewesen, wodurch sich für die Akteure vor Ort bei der Umsetzung und Interpretation des Aufbaus der Sowjetmacht große Spielräume ergaben. Als Verbesserungsvorschläge äußerten die Kommentatoren und Diskutanten unter anderem einen Ausbau des Vergleichs mit Kaliningrad und einen stärkeren Fokus auf interkulturellen Austausch. Darüber hinaus wurden am Beispiel des Aufsatzes über Sachalin methodische Fragen erörtert.

Den Abschluss bildete die Diskussion des von VIOLETA DAVOLIUTÉ (Brüssel) verfassten Beitrags „Postwar Vilnius under late Stalinism (1945—1953)“. In ihrem Beitrag legt die Autorin dar, wie im Nachkriegslitauen die Verklärung des Mittelalters mit Vilnius als imaginiertem Zentrum und Bezugspunkt mit der sowjetischen Praxis einhergehen konnte. Der Versuch eines sowjetischen Narrativs erwies sich schließlich aber als nicht erfolgreich, da zu viele Widersprüche wie die Erzählung des Zweiten Weltkriegs angesichts einer verbreiteten Kollaboration nicht dauerhaft verdeckt werden konnten. Ekaterina Makhotina (München) und Felix Ackermann (Vilnius) betonten in ihren Kommentaren das Gelingen des von der Autorin gewählten Ansatzes, die im Gegensatz zur bislang verfügbaren Literatur, Litauer nicht nur als Objekte, sondern als Subjekte betrachte.

Nach der Diskussion der fünf Beiträge unternahm Julia Obertreis (Erlangen) den Versuch, die verschiedenen Diskussionsfäden wieder zusammenzuführen. Sie hielt fest, dass in den Beiträgen vor allem über kulturelle Sowjetisierung gesprochen wurde und wenig harte Fakten in Bezug auf die Bildung sowjetischer Strukturen, Institutionen und Wirtschaftsformen genannt wurden. Darüber hinaus bemängelte sie die fehlende Berücksichtigung des Themas Umwelt gerade in Zusammenhang mit dem in den Aufsätzen mehrfach erwähnten Bevölkerungsaustausch. Auch bleibt eine zeitliche und inhaltliche Definition des Begriffs Sowjetisierung weiter im Unklaren, auch wenn die Autoren erste Näherungsversuche in ihren Beiträgen und in den Diskussionen unternahmen. Klar sei jedoch, dass es sich entgegen der bisherigen Auffassung in der Forschung bei Sowjetisierung nicht um einen Vorgang handelte, der erst nach 1945 einsetzte, im Gegenteil. In Zentralasien, so Obertreis, müsse man wohl bereits in den 1920er-Jahren von Sowjetisierung sprechen. Andererseits erscheine es widersinnig, von einer bis 1991 andauernden Sowjetisierung in der Westukraine oder Belarus zu sprechen.

Konferenzübersicht:

Tarik Cyril Amar (New York), A Soviet Borderland of Time. Lviv’s Soviet Memory

Ekaterina Melnikova (St. Petersburg), Sovietization of the former Finnish Territories

Felix Ackermann (Vilnius), Autosovietization: Social Acculturation in the Western part of Soviet Belarus

Helena Barop (Freiburg) /Sören Urbansky (München), Under the Red Star’s faint light: How Sakhalin became Soviet

Violeta Davoliuté (Brüssel), Postwar Vilnius under late Stalinism (1945-1953)

Zitation
Tagungsbericht: Sovietizing the Periphery. A Comparative Approach, 04.07.2014 München, in: H-Soz-Kult, 19.11.2014, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5682>.