Medien der Außenbeziehungen von der Antike bis zur Gegenwart

Ort
Würzburg
Veranstalter
AG Internationale Geschichte im Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands
Datum
19.03.2015 - 21.03.2015
Von
Andreas Flurschütz da Cruz / Michaela Grund / Andreas Lutsch, Institut für Geschichte, Universität Würzburg

Internationale Geschichte erfreut sich wachsender Aufmerksamkeit. Vor diesem Hintergrund wurde auf dem Historikertag 2014 in Göttingen die AG Internationale Geschichte im Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands gegründet. Vom 19. bis 21. März 2015 fand an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg die erste, internationale Tagung der AG unter dem Titel „Medien der Außenbeziehungen von der Antike bis zur Gegenwart“ statt. Sie wurde von der Gerda Henkel Stiftung gefördert. Veranstalter der gut besuchten Konferenz waren die Würzburger Lehrstuhlinhaber Peter Hoeres (Neueste Geschichte) und Anuschka Tischer (Neuere Geschichte).

In seiner Einführung erläuterte PETER HOERES im Anschluss an Friedrich Kittler diachrone und synchrone Funktionen von Medien, die Überwindung räumlicher Entfernungen, die Speicherung von Wissen durch die Zeiten und das Prozessieren: Medien verändern, rahmen und beeinflussen Informationen, laden diese symbolisch auf und verändern die Kommunikation zwischen In- und Output. Nötig dazu waren Akteure und Aktanten – in diesem Fall in den Außenbeziehungen –, deren Rolle durch die geschichtlichen Epochen hindurch zu betrachten sei. Ein besonderes Augenmerk richtete Hoeres auf die Funktion technischer Innovationen wie zum Beispiel das Telefon und die Art und Weise, wie diese internationale Kommunikation veränderten. Er warf zwei Fragen auf: Inwiefern hatten zudem Mediennutzung, Medienpräsenz und Zunahme an Öffentlichkeit Auswirkungen auf Prozesse von Außenbeziehungen? Wurden außenpolitische Prozesse transparenter oder gab es, im Gegensatz dazu, Abschottungen wider den Trend der Zunahme an Öffentlichkeit (‚Arkanisierung‘)?

Mehrere Vorträge gaben Einblicke in die Mediennutzung außenpolitischer Akteure unterschiedlicher Epochen. Im Blick auf die griechische Welt nach den Perserkriegen arbeitete MARIA OSMERS (Würzburg) Praktiken der polisübergreifenden Kommunikation heraus. Die Durchsetzung der Polis-Kultur in der außenpolitischen Entscheidungsbildung und eine Tendenz zum Panhellenismus hätten zu einer Einschränkung des Spielraums der Akteursgruppe der Polis-Gesandten geführt. Sie konstatierte eine Zunahme außenpolitischer Kommunikation und gab einen systematischen Überblick über genutzte Medien wie etwa mündliche Absprachen, Inschriften, Verhandlungsorte wie Olympia sowie Formen des religiösen Kults. DANIEL POTTHAST (München) analysierte die Praxis des diplomatischen Austauschs im gehobenen Briefstil zwischen Herrschern andalusischer bzw. maghrebinischer Reiche und europäischen Herrschern vom 13. bis zum 16. Jahrhundert. Er wies auf Funktionen des brieflichen Austauschs hin (etwa Pflege des Handels). Er betonte, dass die Nutzung dieses Mediums durch islamische Herrscher aufgrund der zahlreichen religiösen Formen und Bekehrungsaufrufe in solchen Briefen unter erschwerten Bedingungen erfolgt sei. Anhand des Beispiels der Konferenz von Bandung 1955 präsentierte JÜRGEN DINKEL (Gießen) internationale Konferenzen postkolonialer Staaten als deren außenpolitische Medien. Angesichts rudimentär ausgeprägter diplomatischer Kanäle sei multilaterale Konferenzdiplomatie für solche Staaten von herausragender Bedeutung gewesen. Selbst wenn es eine eigene Steuerung außenpolitischer Kommunikation kaum gegeben habe, hätten solche Konferenzen Gelegenheiten zur Herrschaftslegitimation geboten. PATRICK MERZIGER (Leipzig) beschrieb staatliche Hilfsaktionen der Bundesrepublik Deutschland als Medium ihrer Außenpolitik, wobei er die humanitäre Hilfe für Biafra 1968 als Wendepunkt hin zu einer aktiven Mediennutzung beschrieb. In der Praxis von Hilfsaktionen seien nationale Interessen sowie geopolitische und militärische Überlegungen der Bundesrepublik zunehmend in den Vordergrund gerückt. Das außenpolitische Medium humanitärer Hilfsaktionen habe sich von einem Medium der Hilfe und Beziehungspflege hin zu einem Medium der interessenpolitisch-zweckbedingten Intervention gewandelt. MATHIAS HAEUSSLER (Cambridge) postulierte in einer Fallstudie zu Bundeskanzler Helmut Schmidt, dass für die Mitte der 1970er-Jahre eine Intensivierung der Gipfeldiplomatie auf Ebene der Staats- und Regierungschefs festzustellen sei. Gleichzeitig habe die begleitende, personenbezogene Medialisierung eine neue Qualität erreicht. Diese Entwicklungen seien vor dem Hintergrund einer enormen Komplexitätssteigerung in der außenpolitischen Kommunikation wie in den internationalen Beziehungen der 1970er-Jahre zu verorten. AGNES BRESSELAU VON BRESSENSDORF (München) präsentierte Hans-Dietrich Genschers Krisendiplomatie nach dem Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan 1979 als eine Mischung aus intensivierter „media diplomacy“ über die Massenmedien und dem Versuch, die deutsche Außenpolitik auf Genscher zu konzentrieren. Qualitative Differenzen in Genschers außenpolitischer Sprache in den feststellbaren Kommunikationskanälen seien nicht feststellbar. Selbst wenn Genscher als „mäandernder Stratege“ zu verstehen sei, seien seine diplomatische Arkanpolitik und mediale Kommunikation nicht gegensätzlich ausgerichtet gewesen.

Einen weiteren Schwerpunkt der Tagung bildete das Thema Geschenke als Medien der frühneuzeitlichen Diplomatie. Im Mittelpunkt stand hier das Frankreich Ludwigs XIV. in seinen Außenbeziehungen, vor allem zum Osmanischen Reich. TILMAN HAUG (Münster) unterschied in der Praxis des Schenkens zwischen einer symbolisch-expressiven und einer instrumentellen Ebene von Gaben. Geschenke dienten vornehmlich der diplomatischen Kommunikation und kultivierten Beziehungen. Ebenso existierten aber auch Ökonomien des diplomatischen Schenkens, die für entsprechende Sprengkraft sorgen konnten. CHRISTINE VOGEL (Vechta) identifizierte zur Zeit Ludwigs XIV. und seines osmanischen Pendants Mehmet IV. drei Kategorien des Schenkens: Beim offiziellen, repräsentativen, ja zeremoniellen Schenken wurden Gaben ausgetauscht, die von den Osmanen mehr oder weniger als verbindliche Tarife für Pflichtgeschenke verstanden wurden, während pragmatisch-instrumentelles Schenken die Funktion der Bezahlung konkreter Dienstleistungen erfüllte. Informell-okkasionelles Schenken wiederum diente der Netzwerkbildung und Informationsbeschaffung, somit auch der Herstellung von ‚Freundschaft‘ in ihrem weit gefassten, nicht unbedingt emotional zu interpretierenden Spektrum. Mit den Beziehungen zwischen Westeuropa und dem Osmanischen Reich beschäftigte sich auch FLORIAN KÜHNEL (Berlin), der die von Vogel aufgezeigten kulturellen Unterschiede des Gabentauschs konkretisierte. Gaben europäischer Herrscher seien, dem Grundsatz von der „orientalischen Despotie“ entsprechend, als Tribute angesehen worden. Dies zumindest sei der Eindruck der westeuropäischen Botschafter gewesen. Der Grund lag in einem fundamental verschiedenen Verständnis der Funktion von Botschaftern: Während diese in den westeuropäischen Ländern als Abbild des Monarchen agierten, gab es diese Zurechnungsfiktion an der Hohen Pforte nicht. Dort wurden Botschafter ausschließlich als Interessenvertreter angesehen. NADIR WEBER (Bern) brachte Tiere als Medien und Akteure auf den frühneuzeitlichen Gabentisch. Der Austausch von Jagd-, Begleit- oder exotischen Tieren, vor allem von Pferden, hatte nicht nur lange Tradition im Austausch zwischen Fürsten. Er erfüllte auch besondere Funktionen, deren Erfolg oder Misserfolg vom Verhalten des Tieres entscheidend mitgeprägt wurde. So avancierte der vom Prinzregenten Pedro von Portugal 1668 nach Frankreich gesandte Elefant zur großen Attraktion der Ménagerie von Versailles, während der zahme ‚Tiger‘, den Ludwig XIV. 1682 vom marokkanischen Sultan als Geschenk erhalten hatte, sich im Nachhinein als Leopard entpuppte und den Schenker lächerlich machte, als das Tier im Kampf gegen eine Kuh unterlag.

In der Diskussion wurde das Spektrum frühneuzeitlicher Gabenpraxis um Geschenke ergänzt, die an die Öffentlichkeit gerichtet waren, etwa in Form von Empfängen für die Bevölkerung. Diese Geschenkart schien es in der osmanischen Welt nicht zu geben, hier herrscht zumindest noch Forschungsbedarf. Auch auf die Rolle der Übersetzer (Dragomane) für die Wahrnehmung der Diplomaten bei der Übermittlung der Geschenke wurde ausführlich eingegangen.

Im Bereich „Menschen als Medien – Menschen in den Medien“ führte FABIAN FECHNER (Tübingen) in die südamerikanischen Strukturen des Jesuitenordens ein. Politik, so Fechner, sei ein Bündel von Aushandlungsprozessen gewesen. Die Vorstellung des Ordens als reiner oder doch zumindest hauptsächlicher Schriftorden sei zu korrigieren. Dieser Aspekt wurde auch in der Diskussion noch einmal hervorgehoben. Menschen als Medien seien in der Forschung bisher unterrepräsentiert, was im eklatanten Gegensatz dazu stünde, dass bei wichtigen und wichtigsten Anlässen Menschen anstatt Briefen geschickt wurden. Zentrale Gesichtspunkte in Verhandlungen, die persönlich besprochen und verhandelt wurden, seien über die vorhandenen Quellen möglicherweise nicht greifbar. Eine weitere Gruppe personifizierter Außenmedien beleuchtete NORMAN DOMEIER (Stuttgart) in seinem Vortrag zu den ausländischen Journalisten im „Dritten Reich“. Diese Akteure als Gegenstück des Propaganda-Apparats unter Joseph Goebbels habe die historische Forschung bisher nahezu ignoriert. Domeier charakterisierte die ausländischen Journalisten im „Dritten Reich“ als „eigenständige Konstrukteure von Medienereignissen und damit als genuin politische Akteure“, die mit Staatsgeheimnissen wie den Konzentrationslagern oder militärischen Interna umzugehen hatten. Er betonte indes die Vielfalt der Auslandspresse, die nicht als homogen betrachtet werden könne, ja teilweise sogar mit Hitler zusammenrückte (Georg Ward Price). PETER GEISS (Bonn) setzte sich mit dem bewegten Bild in der Geschichtswissenschaft auseinander, einer noch nicht vollständig etablierten Disziplin, obwohl die internationale Politik maßgeblich von bewegten Bildern geprägt gewesen sei, was er mit eindrücklichen Beispielen belegte. So besuchten 1938/39 rund 21 Millionen Briten die Wochenschau, während die größten britischen Zeitungen eine Auflage von bis zu zwei Millionen Exemplaren gehabt hätten. Film sei eben nicht nur Unterhaltungs-, sondern politisches Medium gewesen.

Die Ergebnisse dreier Dissertationsprojekte wurden im Komplex „Außenbeziehungen zwischen Publizität und Geheimnis“ präsentiert, und zwar jeweils innerhalb eines bi- (FREDERIKE GEHLHAR, Duisburg-Essen), multi- (ANDREAS LUTSCH, Würzburg) und supranationalen (MARTIN HERZER, Florenz) Bezugrahmens. Herzer setzte sich mit „Leaking“, der verbotenen Weitergabe von Informationen an die Medien, auf europäischer supranationaler Ebene auseinander. In Brüssel wuchs die Anzahl der akkreditierten Journalisten zwischen 1962 und 1998 von 100 auf über 800 Personen an. Der entstehende Wettbewerb unter den Journalisten habe, gepaart mit dem hohen Grad an Vertrautheit in Brüssel und mit der geringen Kohäsion der Europäischen Kommission aufgrund ihrer Heterogenität, Leaks als Mittel der Politik begünstigt. Andreas Lutsch beleuchtete die Vorgeschichte des NATO-Doppelbeschlusses von 1979 und die Rolle der Bundesrepublik als „nukleare Mittelmacht“, wobei er die These vertrat, dass die Regierung Schmidt bewusst nicht alle Mittel einer atlantisch fundierten Sicherheitspolitik ausgeschöpft habe. Lutsch differenzierte diverse außenpolitische Kanäle: vertrauliche Kommunikation in amtlicher Funktion, vertrauliche Kommunikation in halböffentlichen Kontexten, öffentlichkeitszugewandte Kommunikation über Printmedien, Radio, Fernsehen und im Parlamentsplenum. Die Fülle der außenpolitischen Kanäle habe im Fall der Bundesrepublik eine adressatenspezifische und situationsbezogene außenpolitische Sprache ermöglicht, die selbst den Eindruck scheinbarer Widersprüchlichkeit hervorrufen konnte und sollte. In ihrem Vortrag zur französischen Sicherheitspolitik und den Kanälen der französisch-sowjetischen Beziehungen im New Cold War der frühen 1980er-Jahre konnte Frederike Gehlhar ein komplexes System von Kommunikationspraktiken ausmachen, die sich gegenseitig stützten und so eine „Entgiftungskur“ der binationalen Beziehungen ermöglicht hätten. Persönliche Kontakte spielten, wie auch generell betont wurde, eine herausragende Rolle in den Außenbeziehungen. Die Fortsetzung der politischen Kontakte beider Staaten erfolgte in diesen Jahren unter erheblich veränderten Vorzeichen, die durch symbolische Kommunikation ermöglicht wurde.

Der Frage von Öffentlichkeit als Akteur und Adressat von Außenpolitik gingen die Vorträge von LISA DITTRICH (München), STEPHANIE SEUL (Bremen) und HERMANN WENTKER (Leipzig) nach. Erstere zeigte anhand dreier Fallbeispiele aus den Kulturkämpfen in Italien und Spanien auf, inwieweit sich die europäische Öffentlichkeit im Verlauf des 19. Jahrhunderts zunehmend zum eigenständigen Akteur entwickelte und in welcher Form sie sich um die Jahrhundertwende zu einer Kontrollinstanz etabliert hatte, die Regierungen und andere politische Akteure für die jeweiligen politischen Ziele gewinnen mussten. Seul wiederum legte dar, inwiefern Chamberlain im Zuge seiner Appeasement-Politik versuchte, die deutsche Öffentlichkeit durch die ab September 1938 durchgeführte Propagandakampagne zu instrumentalisieren. Chamberlain war bestrebt, vornehmlich via Rundfunk mit der deutschen Bevölkerung zu kommunizieren und diese als Verbündete gegen Hitlers Kriegspolitik zu gewinnen. Wentker richtete den Blick auf die durch die Medien erzeugten Bilder Gorbatschows und seiner Politik. Diese wurden sowohl von dem medienbewussten KPdSU-Chef selbst als auch von den Deutschen in ihrem jeweiligen Umfeld geprägt. Wentker zeigte auf, dass die Bundesregierung nicht nur Gorbatschows Politik, sondern auch dessen medialem Image Rechnung zu tragen hatte und dass Entscheidungen der bundesdeutschen Politik auch aufgrund eines in der westdeutschen Öffentlichkeit vorhandenen und durch die Medien geprägten Bildes maßgeblich beeinflusst werden konnten.

Ein weiterer thematischer Schwerpunkt der Tagung lag darin, Rolle und Stellenwert von Medien bei Wahrnehmungsprozessen in den Außenbeziehungen zu analysieren. Für die Frühneuzeit präsentierte INKEN SCHMIDT-VOGES (Osnabrück) Schlaglichter der Berichterstattung der periodischen französisch- und deutschsprachigen Presse zwischen 1710 und 1721. Diese Medien hätten die Wahrnehmung diplomatischer Friedensbemühungen beeinflusst, aber im Kontrast zur Diplomatie eine „eigene Agenda“ verfolgt und zu einem Bedeutungszuwachs des außenpolitisch relevanten Faktors der Leseöffentlichkeit im 18. Jahrhundert beigetragen. Den Übergang vom ausgehenden 19. zum frühen 20. Jahrhundert zeichnete MARC VON KNORRING (Passau) im Spiegel amerikanischer, englischer und deutscher Etiketteliteratur nach, die er aufgrund ihres hohen Verbreitungsgrades als eine wichtige Ergänzung zu anderen Medien der Außenbeziehungen einstufte. Solche Benimmbücher vermittelten Bilder von anderen Nationen, die überwiegend als Klischees und Stereotypen aufzufassen seien. Gleichzeitig seien diese Bilder über alle fundamentalen Veränderungen im Bereich der politischen Geschichte hinweg überraschend konstant geblieben. FLORIAN GREINER (Augsburg) postulierte eine herausragende Bedeutung der Berichterstattung in europäischen Massenmedien zwischen 1914 und 1945, vor allem in den Printmedien, um auch in Zeiten nationaler Auseinandersetzungen einen Resonanzboden für den Prozess der europäischen Integration nach 1945 zu schaffen. Massenmedial transportierte Europavorstellungen hätten eine wichtige Grundlage für die Europapolitik nach 1945 dargestellt. GABRIELE CLEMENS (Hamburg) wies anhand der US-amerikanischen „public diplomacy“ im Rahmen der Marshall-Plan-Hilfe für Europa auf die zentrale Rolle hin, die das Medium Film bei der Vermittlung der US-Europapolitik in den ausgehenden 1940er-Jahren gespielt habe. Solche Filme seien auf Breitenwirkung ausgelegt gewesen und entsprechend eingängig gestaltet worden. Sie sollten auch als „Befreiungsmaßnahme“ im Rahmen der re-education fungieren. OLEKSANDR SVYETLOV (Riga / Kiew) wies auf die große Bedeutung öffentlichkeitszugewandter Kommunikation durch Vertreter der EU und osteuropäische politische Akteure hin, um Europadebatten in der Ukraine seit den frühen 1990er-Jahren zu verstehen. Die entsprechenden Debatten seien ein wichtiges diplomatisches Instrument derer geworden, die auf eine Westbindung der Ukraine hinwirkten.

In der von Peter Hoeres moderierten Podiumsdiskussion wurden die unterschiedlichen Medienbegriffe der Diskutanten erkennbar. Eine standardisierte Definition von Medien, so der allgemeine Konsens, sei weder disziplinübergreifend noch epochenspezifisch und auch nicht rein medienwissenschaftlich feststellbar. DOMINIK GEPPERT (Bonn) sprach sich im Blick auf die Moderne für einen eklektizistischen Umgang mit Medientheorien und -begriffen aus. PETER BURSCHEL (Berlin) zeigte sich distanziert. Im Blick auf die frühneuzeitliche Forschung präferierten er und INKEN SCHMIDT-VOGES das Konzept der „symbolischen Kommunikation“. Dieses sei für entsprechende Forschungen von Nutzen, weil es zur Abgrenzung symbolischer und instrumenteller Handlungsformen verwandt werden könne. TOBIAS NANZ (Dresden) differenzierte wie Hoeres zwischen unterschiedlichen Funktionen von Medien (etwa: speichern, übertragen, verarbeiten) und bezeichnete Phasen von Störungen in Kommunikationsprozessen in den Außenbeziehungen als besonders aufschlussreich, um die Rolle von Medien historisch zu vermessen. Die geschichtswissenschaftliche Anwendbarkeit von Bruno Latours medientheoretischem Ansatz der Akteur-Netzwerk-Theorie wurde unterschiedlich eingeschätzt. Nanz sah in der Theorie einen Gewinn. Es sei sinnvoll, technische Medien als potentielle nichtmenschliche Aktanten zu verstehen. Im Unterschied zu Geppert, der der Theorie Relevanz für die Geschichte der Moderne beimaß, schrieben die Vertreter der Frühen Neuzeit Latours Ansatz einen vergleichsweise geringen, aber für spezifische Aspekte feststellbaren Stellenwert zu. Burschel benannte exemplarisch die „Dinggeschichte“. Für die Geschichte der Außenbeziehungen in der Frühen Neuzeit spiele Latours Theorie bislang keine Rolle.

Skeptisch beurteilten die Diskutanten die These, dass die Praxis von Außenbeziehungen durch technische Innovationen bzw. neue Medien determiniert gewesen sei. Gleichwohl werde die Praxis von Außenbeziehungen auf jeweils spezifische, schwer verallgemeinerbare Weise durch neue Medien bedingt. Als Beispiel für die Frühe Neuzeit führte Schmidt-Voges den Buchdruck an, der schnell in politische Auseinandersetzungen miteinbezogen worden sei, beispielsweise im Zuge der Reformation. Daneben identifizierte Burschel bestimmte mediale Spezifika wie Chiffrierung und Serviertabletts für diplomatischen Schriftverkehr als Gewähr bzw. Insigne der frühneuzeitlichen repraesentatio maiestatis. Für die Moderne wies Nanz auf den herausragenden Innovationseffekt des Telegraphen und generell auf den Zusammenhang von Medien und Krieg für Innovationen bei der Mediennutzung in den Außenbeziehungen hin. Bestimmte Medien hätten die Anlage und Wirkung außenpolitischer Kommunikation vorstrukturiert, wenn auch nicht determiniert. Briefe und Fernschreiber seien Deeskalationsmedien, das Telefon hingegen ein Eskalationsmedium. Der Gebrauch des Telefons sei störanfällig, insbesondere wegen situativer Affekte und Emotionen. In der anschließenden Diskussion im Plenum wurde hinterfragt, ob Medieninnovationen zur Gestaltung von Außenbeziehungen stets angenommen und praktisch genutzt worden seien. Negativbeispiele seien die Erfindung des Buchdrucks in Asien (ANUSCHKA TISCHER) oder die lange Zeit mögliche, aber nicht erfolgte Nutzung des Fernsehgeräts im Auswärtigen Amt der Bonner Republik (PETER HOERES).

Weder einen kontinuierlichen Trend zur Transparenz noch zur Vermehrung von Arkanräumen angesichts einer zunehmend bürokratisierten außenpolitischen Kommunikation machten die Diskutanten im Blick auf die Frühe Neuzeit und die Moderne nicht aus. Burschel verwies auf die Schwierigkeit, formalisierte von substantiellerer Kommunikation zu unterscheiden. In der Moderne, so Geppert und Nanz, seien zahlreiche Versuche der Entformalisierung und Arkanisierung zu beobachten, ebenso aber Gegenbewegungen. Herausragend seien starke und kontinuierliche Trends zur Beschleunigung und Extension außenpolitischer Kommunikation. Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung böten Räume zu einer abgeschotteten, arkanen Kommunikation Gelegenheiten zur Entschleunigung und Konzentration von Kommunikation in den Außenbeziehungen.

In ihrem Schlusswort zur Tagung betonte ANUSCHKA TISCHER die Variabilität des Medienbegriffs, der in den zahlreichen Beiträgen jeweils spezifisch verwandt wurde. Ein Trend zur Kommunikationsverdichtung und -beschleunigung in den Außenbeziehungen sei immer wieder deutlich geworden. Trotz der bisweilen benannten Diagnose einer „Re-Arkanisierung“ in den Außenbeziehungen sei indes keine entsprechende epochenübergreifende Entwicklung zu erkennen. Es sei vielmehr von einer dynamischen und fallweise zu differenzierenden Beziehung zwischen Öffentlichkeit und Geheimpolitik auszugehen.

Die Tagung sensibilisierte für die Bandbreite und den Einsatz ganz unterschiedlicher Medientypen in diversen Formen der Außenbeziehungen. Nicht nur die jeweilige Botschaft, sondern auch die technische Beschaffenheit des Mediums zu ihrer Übermittlung ist einer genauen Analyse zu unterziehen. Wie die Beiträge und die anschließende Diskussion eindrucksvoll verdeutlichten, hatte schon die Wahl des Übermittlungskanals bzw. der Kommunikationsebene beabsichtigte oder unbeabsichtigte Auswirkungen auf die Wahrnehmung der Botschaft, ganz unabhängig von deren Inhalt. Außenbeziehungen berührten stets Angelegenheiten von höchster Wichtigkeit. Akteure in den Außenbeziehungen waren immer diversen Herausforderungen ausgesetzt, insbesondere aber der schwierigen Aufgabe, mit kulturellen Unterschieden umzugehen. Die Tagung hat verdeutlicht, welches große Potential weiteren Forschungen zu Themen der internationalen Geschichte von der Antike bis zur Zeitgeschichte beizumessen ist, die einer medienhistorisch informierten Perspektive folgen und die genannten und in allen Epochen diagnostizierbaren Gegebenheiten angemessen berücksichtigen.

Konferenzübersicht:

Grußwort des Vizepräsidenten der Universität Würzburg
Wolfgang Riedel

Einführung
Peter Hoeres / Anuschka Tischer (Würzburg)

Panel 1: Außenpolitische Akteure und ihre Medien

Maria Osmers (Würzburg), Polisübergreifende Beziehungen im Wandel. Akteure und Medien der griechischen Außenpolitik in klassischer Zeit.

Jürgen Dinkel (Gießen), Internationale Konferenzen als Medien der Außenpolitik postkolonialer Staaten. Die Asiatisch-Afrikanische Konferenz in Bandung (April 1955).

Mathias Haeussler (Cambridge), Die Verdichtung außenpolitischer Kommunikation und „Personal Diplomacy“ als vertrauensbildende (Gegen)Maßnahme: Helmut Schmidt und die britische Europafrage, 1974-1975.

Agnes Bresselau von Bressensdorf (München), Personalisierung von Außenpolitik und „media diplomacy“. Hans-Dietrich Genscher und der sowjetische Einmarsch in Afghanistan 1979.

Panel 2: Geschenke als Medien frühneuzeitlicher Diplomatie

Tilman Haug (Münster), Symbolisierte Beziehungen oder entzauberte Gaben? Zur Praxis des Schenkens in den Außenbeziehungen Ludwigs XIV.

Christine Vogel (Vechta), Diplomatische Geschenke – höfische Geschenke. Praktiken des Schenkens französischer Botschafter im Osmanischen Reich im 17. Jahrhundert.

Florian Kühnel (Berlin), Nicht-Verstehen als Argument – Kulturelle Unterschiede des Gabentauschs zwischen Westeuropa und Osmanischem Reich.

Nadir Weber (Bern), Lebende Geschenke: Tiere als Medien und Akteure der frühneuzeitlichen Diplomatie.

Panel 3: Mediale Konstruktionen Europas

Florian Greiner (Augsburg), Europäisierung durch Medialisierung? Die Konstruktion Europas durch Massenkommunikation (1914-1945).

Gabriele Clemens (Hamburg), Mediale Kommunikation: Die Rolle von Filmen bei der Konstituierung und Implementierung des europäischen Integrationsprozesses.

Oleksandr Svyetlov (Riga/Kiew), ‘Europe’ as a cultural code in the EU-Ukraine political communication.

Panel 4: Menschen als Medien – Menschen in den Medien

Fabian Fechner (Tübingen), Die Herausbildung spezialisierter Prokuratorenämter zur diplomatischen Kommunikation zwischen dem Jesuitenorden und spanischen Verwaltungs- und Entscheidungsträgern (1540-1580) – Informationsvermittlung, Privilegienverhandlung, Missionspolitik.

Norman Domeier (Stuttgart), Die Auslandskorrespondenten als politische Akteure im Dritten Reich.

Peter Geiss (Bonn), Internationale Politik in bewegten Bildern – britische Wochenschaufilme der Zwischenkriegszeit als Quellen.

Panel 5: Öffentlichkeit als Akteur und Adressat von Außenpolitik

Lisa Dittrich (München), Europäische Öffentlichkeit als Akteur von Außenbeziehungen im 19. Jahrhundert: Strukturwandel und emotionale Gemeinschaft.

Stephanie Seul (Bremen), Diplomatie und Propaganda als komplementäre Säulen in Chamberlains Appeasement-Politik, 1938-1940.

Hermann Wentker (Leipzig), Massenmedien und Öffentlichkeit als Faktor der Politik: Die Wirkungen der innen- und außenpolitischen Neuansätze Gorbatschows auf die westdeutsche Gesellschaft und Regierung (1985-1990).

Panel 6: Außenbeziehungen zwischen Publizität und Geheimnis

Martin Herzer (Florenz), Euroleaks – Die Europäischen Gemeinschaften, die Medien und Geheimnisverrat im supranationalen „news hub“ Brüssel (1958-1979).

Andreas Lutsch (Würzburg), Balance of Power-Politik als Summe nuklearer Staatskunst. Die Bundesrepublik Deutschland als ‚Nicht-nukleare Mittelmacht‘ und die Genese des NATO-Doppelbeschlusses (1978/79).

Frederike Gehlhar (Duisburg-Essen), Chance oder Schaden? Die französische Sicherheitspolitik und Kanäle der relations franco-soviétiques im New Cold War.

Podiumsdiskussion: Alles nur Kommunikation? Medien und Innovationen in den Außenbeziehungen

Peter Burschel (Berlin), Inken Schmidt-Voges (Osnabrück), Dominik Geppert (Bonn), Tobias Nanz (ERC Forschergruppe „Principle of Disruption“), Moderation: Peter Hoeres

Panel 7: Wahrnehmungskonstruktionen in den Außenbeziehungen

Daniel Potthast (München), Diplomatischer Austausch zwischen Muslimen und Christen. Religiöses Formular in arabischen Staatsbriefen zwischen Konservativismus und Pragmatismus.

Inken Schmidt-Voges (Osnabrück), Mediale Konstruktionen von Frieden in Europa 1710–1721.

Marc von Knorring (Passau), Bilder fremder Nationen in Etiketteliteratur des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Deutsche, britische und US-amerikanische Publikationen im Vergleich.

Patrick Merziger (Leipzig), Humanitäre Hilfsaktionen der Bundesrepublik Deutschland (1951-1991) als „Signale der Menschlichkeit. Von der Beziehungspflege zur Intervention.

Schlusswort
Anuschka Tischer (Würzburg)

Zitation
Tagungsbericht: Medien der Außenbeziehungen von der Antike bis zur Gegenwart, 19.03.2015 – 21.03.2015 Würzburg, in: H-Soz-Kult, 17.06.2015, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6027>.