"...nur in Europaisch so ausdrüken" Sprachen, Politik und Geselligkeit im Varnhagenschen Kreis

Ort
Kleve
Veranstalter
Varnhagen Gesellschaft e. V.
Datum
01.10.2004 - 03.10.2004
Von
Kornelia Löhrer, Hürth

Nach "Rahel Varnhagen und ihre Schwestern" (Evangelische Akademie, Iserlohn, 1998) und "Ludmilla Assing in Florenz" (Villa Romana, Florenz, 2000) stand die dritte Fachtagung der Varnhagen Gesellschaft e. V. unter dem Motto "Sprachen, Politik und Geselligkeit im Varnhagenschen Kreis". In Kooperation mit dem niederländischen Germanistenverband und gefördert durch die Arbeitsgemeinschaft Literarischer Gesellschaften e. V. aus Mitteln der Staatsministerin für Kultur und Medien, trafen sich über dreißig Teilnehmer aus Deutschland, England, Frankreich, Italien, den Niederlanden und den USA in Kleve. Der einstige Brückenkopf Preußens nach Westeuropa, und besonders Schloß Gnadenthal - als freiherrlicher Familiensitz derer von Klotz, deren Abkömmling Jean Baptiste 'Anacharsis' Clootz dem Nationalkonvent angehörte und 1794 als Gegner Robespierres hingerichtet wurde -, kamen der Thematik entgegen: Angestrebt war ein Austausch über weltliterarische und kosmopolitische Tendenzen bürgerlicher Geselligkeit um 1800, speziell des Kreises um Rahel und Karl August Varnhagen, deren Salons als Nachrichtenbörse und Umschlagplatz für Weltliteratur dienten.

Rahel Levin (1771-1833) beherrschte das Französische (von ihr beharrlich "Europaisch" genannt) so gut, daß sie für Freunde in Paris Goethes Lyrik übersetzte. Ihre Schwester Rose heiratete den niederländischen Staatsrechtler Carel Asser, der gemeinsame Sohn Tobias Asser wurde als erster Niederländer mit dem Friedensnobelpreis geehrt. Karl August Varnhagen (1785-1858) beschäftigte sich früh mit Altphilologie, übersetzte Dramen aus dem Französischen, erlernte noch in vorgeschrittenem Alter Russisch und machte die Deutschen als erster auf Puschkin und andere bedeutende russische Dichter aufmerksam. Varnhagens Schwester Rosa Maria Assing in Hamburg bearbeitete gemeinsam mit Adelbert von Chamisso die Lyrik der französischen Troubadoure. Ihre Töchter Ottilie (1819-1884) und Ludmilla Assing (1821-1880) leisteten in der zweiten Generation einen politischen Ideentransfer: die eine durch Zusammenarbeit mit dem afroamerikanischen Bürgerrechtler Frederick Douglass und Übersetzung seiner Autobiographie ("Sclaverey und Freiheit", 1860) , die zweite durch aktive Beteiligung am Risorgimento und Übersetzung der "Gesammelten Schriften" Mazzinis in zwei Bänden (1868).

Nach dem Grußwort der Schirmherrin, der Bundestagsabgeordneten Barbara Hendricks, und dem Eröffnungsvortrag von Ina Pfitzner (Berlin) über das "glückliche Babel" der erweiterten EU mit ihren 20 Amtssprachen erörterte die ersten Sektion das Verhältnis der bürgerlichen Salons zum literarischen Schaffen ihrer Teilnehmer. Christiane Nägler (Wiesbaden) stellte die geographische, personelle und thematische Internationalität der Salons in den Vordergrund und bezog dabei auch deutsche, quasi "ambulante" Salons in Rom (Henriette Herz, Caroline von Humboldt) und Paris (Henriette Mendelssohn) mit ein. Miriam Haller (Köln) zog eine Linie von der Theorie kollektiven Schreibens, wie es die Surrealisten um André Breton mit ihren Cadavres-exquis-Texten praktizierten, zurück in den romantischen Kreis des "Nordsternbunds", dem Karl August Varnhagen, Friedrich de la Motte Fouqué, Chamisso, Ludwig Robert, Julius Eduard Hitzig und andere angehörten. Vier Autoren dieses Kreises schrieben im wechselseitigen brieflichen Austausch den Kollektivroman "Die Versuche und Hindernisse Karls. Eine deutsche Geschichte aus neuerer Zeit" (1809), in dem durch Auftritte von Jean Paul, Wilhelm Meister, durch Montage metrischer Formen wie Canzone, Streckvers und (mißglückte) Hexameter eine "Autorschaft als Werkherrschaft" durchbrochen und die zeitgenössische Genieästhetik persifliert wurden.

Der zweite Tag widmete sich zunächst dem "Weltkulturerbe" Goethes, dessen Verehrung in den Salons um 1800 kultische Züge angenommen hatte. Klaus F. Gille (Amsterdam) hinterfragte die These von saint-simonistischen Tendenzen im Spätwerk, die in Varnhagens Rezensionen unterstellt und später von Karl Grün zu der These "Wilhelm Meister war Kommunist" zugespitzt wurde. In Goethes Sozialutopie glaubte Varnhagen ein "Vorwärtsschauen in eine reiche Zukunft" zu erkennen, übersah aber dabei den konservativ-kulturkritischen Grundzug, mit dem Goethe die utopische Gesellschaft der "Wanderjahre" als handwerkerliche, von der Industrialisierung abgekoppelte Idylle schildert. Holger-Falk Trübenbach (Berlin) stellte Überlegungen Goethes und der Frühromantiker zur Übersetzungstheorie vor und analysierte insbesondere das 68. "Blüthenstaub"-Fragment des Novalis. In der anschließenden Diskussion wurde Deutschland für die Zeit 1700-1900 als klassisches Importland für literarische Güter bis hin zu den Versformen bezeichnet, während die deutsche Philosophie zum Exportartikel geworden sei. Beate Weber (Berlin) zeichnete den japanischen "Import", nämlich die Übersetzungsleistung des Japaners Mori nach, der unter dem Pseudonym Ôgai Goethe und weitere deutsche Schriftsteller übersetzt hatte und zahlreiche Neuprägungen für die im Japanischen fehlenden Wörter schuf ("Schönheit", "Forschung", "Arbeit", "Förderung der Wissenschaften" u.a.).

In der Sektion "Deutsches - Jüdisches - Europäisches" verglich Marjanne E. Goozé (Athens, Georgia) die politischen Schriften Wilhelm von Humboldts mit seinen persönlichen Korrespondenzen, in denen es an judenfeindlichen Bemerkungen nicht fehlt. Das Engangement für die Emanzipationsbestrebungen habe, so die Referentin, unter dem rassistisch motivierten Vorbehalt einer Verschmelzung des Judentums mit der umgebenden christlichen Kultur gestanden. Gerlinde Röder-Bolton (Surrey) berichtete vom - teils mißlungenen - deutsch-britischen Ideentransfer durch George H. Lewes und Marian Evans (George Eliot), die in Berlin bei Varnhagen verkehrten und von diesem zu ihren literaturkritischen Arbeiten über Goethe und Heine inspiriert wurden. Christina Pareigis (Hamburg) berichtete von den Bemühungen osteuropäischer US-Immigranten in der Zeit des Ersten Weltkriegs, Heines Lyrik ins Jiddische zu übersetzen.

Mit Spannung erwartet wurde der Werkstattbericht von Ursula Isselstein (Genua), die mit ihrer Arbeitsgruppe "Centro Studi Rahel Levin" (Universität Turin) und Barbara Hahn in Princeton an der kritischen Ausgabe der Briefwechsel Rahel Levin Varnhagens arbeitet und deren "Tagebücher" ediert. Vorgestellt wurde eine ausgedehnte Liste der rezipierten französischen Werke sowie Exzerptblätter, in denen Rahel die ihr wichtigen Stellen notierte und kommentierte. Nach 1815 häufen sich allerdings kritische Kommentare zu Frankreich, das zuvor stets als "Vorvolk" aufgefaßt und bewundert worden war. Über die ambivalente Beziehung Rahel Varnhagens zu Madame de Staël und anderen französischen Salonnieren referierte Hannah Lotte Lund (Berlin). Christian Liedtke (Köln), der am Düsseldorfer Heinrich-Heine-Institut an der Digitalisierung des Briefwerks von Heinrich Heine arbeitet, analysierte die Briefe des Dichters aus dem französischen Exil im Verhältnis zu den journalistischen Korrespondenzen für Cottas "Allgemeine Zeitung", die von seinen Berliner Freunden als Teil der privaten Kommunikation gelesen wurden. Dies geht aus einem späten Brief Rahel Varnhagens hervor, die Differenzen mit Heine im Verhältnis zum Saint-Simonismus zu erkennen glaubte. Die persönliche Beziehung des eingeschworenen (und im November 1832 abgefallenen) Saint-Simonisten Gustave d'Eichthal zum Ehepaar Varnhagen untersuchte Paola Ferruta (Rom), die d'Eichthals ungedrucktes Manuskript über die messianische Rolle der jüdischen Frau als Idealisierung Rahels deutet.

Ulf Jacob (Berlin) führte die Erörterung der Saint-Simonismusrezeption am Beispiel des Fürsten Pückler fort, zu dessen Persönlichkeitsbildung Rahel und Karl August Varnhagen durch Überlassung entsprechender Schriften aus dem Besitz Albert Brisbanes beitragen wollten. Der Varnhagenkreis wurde so zum Umschlagplatz frühsozialistischer Ideen, wobei Karl August Varnhagen im Briefwechsel mit Pückler den "lieblichen Traum von der Verschönerung der Erde" skeptischer beurteilte als Rahel. Über internationale Reaktionen auf die "Briefe von Alexander von Humboldts an Varnhagen von Ense" (1860) sprach anschließend Nikolaus Gatter (Köln). Obwohl Verleger und Herausgeberin den Wortlaut Humboldtscher Äußerungen über die europäische Politik seiner Zeit erheblich abgemildert hatten, trug der Skandal zur "europaischen Reputation" (Pückler) der Varnhagen-Nichte bei. Christiane Ujma (Loughborough) schloß den Referateteil mit ihrem Vortrag über Ludmilla Assings Beziehungen zum linken Flügel des Risorgimento.

Die Tagung schlug auf diese Weise einen Bogen von den frühromantischen Bestrebungen einer das Leben durchdringenden Universalpoesie über den Traum der Frühsozialisten zu den handfesten politischen Zielen der Demokratie- und Arbeiterbewegungen Europas. Unbefriedigend war allerdings, daß kein Referat zu den amerikanischen Beziehungen Ottilie Assings oder zu den deutsch-russischen Mittlerleistungen Varnhagens Auskunft gab. Ihren Ausklang fand die Tagung mit einer Sonntagsmatinee in der Klever "Villa Belriguardo", bei der zu Klaviermusik von Felix Mendelssohn-Bartholdy und Isaac Albeniz Briefe von Voltaire und Friedrich dem Großen, Madame Récamier, Sophie von La Roche, Prinz Louis Ferdinand von Preußen und Rahel Varnhagen vorgetragen wurden.

Zitation
Tagungsbericht: "...nur in Europaisch so ausdrüken" Sprachen, Politik und Geselligkeit im Varnhagenschen Kreis, 01.10.2004 – 03.10.2004 Kleve, in: H-Soz-Kult, 03.11.2004, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-614>.
Redaktion
Veröffentlicht am
03.11.2004