Fachzeitschriften im digitalen Zeitalter

Ort
München
Veranstalter
Collegium Carolinum; Bayerische Akademie der Wissenschaften
Datum
30.11.2016
Von
Johannes Gleixner, Collegium Carolinum; Tobias Unterhuber, Bayerische Akademie der Wissenschaften

Der Workshop „Fachzeitschriften im digitalen Zeitalter“, den das Collegium Carolinum gemeinsam mit der Bayerischen Akademie der Wissenschaften am 30.11.2015 in München ausrichtete, war erfreulich gut besucht und zeichnete sich durch rege und kompetente Beteiligung aller Teilnehmer aus. ECKHARD ARNOLD (München) und JOHANNES GLEIXNER (München) erläuterten einleitend die Motivation der Veranstaltung: Wie sollten Fachzeitschriften, ob im Open Access, online oder klassisch im Print erscheinend mit dem digitalen Wandel umgehen? Welche Erfahrungen könnte man untereinander austauschen? Damit wollte man über den Konsens, dass Open Access, in welcher Form auch immer, grundsätzlich zu erstreben sei, hinausgehen.

Im ersten Panel „Leser und Autoren: Die Fachöffentlichkeit im digitalen Zeitalter“, stellte zunächst CHRISTIANE BRENNER (München) ihre redaktionellen Erfahrungen mit dem Onlinegang der nach wie vor zunächst im Print erscheinenden „Bohemia – Zeitschrift für Geschichte und Kultur der böhmischen Länder“.[1] So sei es vor allem eine Frage der Balance verschiedener Interessen, wie traditionelle Zeitschriften mit neuen Techniken umgingen. Wie veränderten darüber hinaus neue Techniken die Kommunikationsarten eines Faches? So sei etwa die Wirkung traditioneller Verbreitungsmethoden einer Fachzeitschrift, hier sei insbesondere der institutionelle Tausch genannt, nicht genau mess- und also nicht unmittelbar in eine Onlinepublikation überführbar.

In Koordination mit der Bayerischen Staatsbibliothek und gefördert von der DFG, hatte der Onlinegang der Bohemia in erster Linie die Retrodigitalisierung der bereits erschienenen 50 Jahrgänge zu meistern. Durch den kostenlosen Zugang dieser und der aktuellen Bestände konnte die Zeitschrift der vorschreitenden Internationalisierung des eigenen Faches seit 1989 Rechnung tragen und damit gerade jungen Universitäten in Osteuropa den Zugang zu aktueller Forschung ermöglichen. Das dortige Fachpublikum ist in einem doppelten Sinne auf einen offenen Zugang zu Fachjournalen angewiesen: In den ostmittel- und osteuropäischen Geisteswissenschaften spielt sowohl der Bezug von als auch die Publikation in Open Access-Zeitschriften angesichts knapper Budgets und weit verbreiteter Wissenschaftsmetriken eine kaum zu überschätzende Rolle.

Anschließend stellte CONSTANZE BAUM (Wolfenbüttel) ihre Arbeit an der „Zeitschrift für Digitale Geisteswissenschaften“ vor [2], der zwei Überlegungen zugrunde lagen: Erstens sollen Digital Humanities nicht nur als Methode, sondern mindestens im deutschsprachigen Raum als eigene Fachdisziplin dargestellt werden und zweitens sollen Zeitschriften als Gebrauchsgegenstand und nicht als bibliophiles Objekt verstanden werden. In diesem Sinne verpflichte sich die ZfDG einer Veröffentlichungspolitik nach den Maßstäben: Open Access, online only, first publication und publication first. Letzteres hätte zur Einführung eines post publication review-Prozesses geführt, bei dem vor der Veröffentlichung eines Textes nur eine sehr begrenzte redaktionelle Überarbeitung vorgenommen werde, die eigentliche Begutachtung aber erst nach der Veröffentlichung öffentlich erfolge. Dieses Vorgehen führe zu einer unmittelbareren Form wissenschaftlichen Austausches und könnte in gewisser Weise an die Diskurskultur des 19. Jahrhunderts anknüpfen.

In der Diskussion wurde anschließend angeregt über die Praxis des „post publication review“ diskutiert. Angemerkt wurde, dass auch dieser ja eine gewisse redaktionelle Vorauswahl der eingereichten Beiträge erfordere. Baum stellt dabei noch einmal das abgestufte Begutachtungsverfahren dar, das zu einer (begrenzten) Versionierungsrangfolge der Artikel führe.

Hier zeigte sich ein von Publikum und Referenten wiederholt thematisiertes erstes Leitmotiv des Workshops: Das mögliche Ende der Zeitschrift als publizistischer Einheit und deren Ablösung durch den „Artikelcontainer“. Zwischen den Positionen einer fortlaufenden Aktualisierung einzelner, sich wandelnder Artikel einer- und der Zeitschrift als statischer, damit aber verlässlicher Momentaufnahme der Disziplin andererseits bewegte sich die Diskussion auch in der Folge.

Analog zu neuen Publikationsformen warfen die Diskutanten darüber hinaus die Frage nach Publikationsorten auf. KAI KARIN GESCHUHN (München) von der Max-Planck Digital Library eröffnete das zweite Panel „Publikation und Verstetigung“.[3] Sie forderte, die Rentabilität von Open Access neu zu bewerten. Als Ko-Autorin eines unlängst veröffentlichten Papers führte Sie den Beweis, dass eine Umstellung auf Open Access nicht nur kostenneutral, sondern sogar kostensparend durchgeführt werden könne, falls man das Business-Modell und damit das Finanzierungssystem der Publikationen verändere.[4]

Dieses vieldiskutierte white paper der MPDL reagiert auf das Unvermögen der bisherigen Open Access-Politik, einen weit verbreiteten Umstieg auf Open Access-Publikationen herbeizuführen. Statt neue Strukturen zu schaffen, sollen die bestehenden genutzt und schrittweise auf einen offenen Zugang umgestellt werden. Angemerkt wurde, dass das strukturkonservative Publikationsverhalten der Wissenschaftler, dessen sich diese Strategie annehme, an Zeitschriftentitel, nicht aber an Verlage gebunden sei. Gestärkt würden auch durch die neue Open Access-Politik aber wieder einmal letztere, wie ALEXANER GROSSMANN (Leipzig) anschließend kritisch ausführte.

Grossmann nahm sich Open Access aus Verlagsperspektive an und zeigte auf, dass es vor allem ein Problem sei, wie die Kommunikation von und in der Wissenschaft verlaufe. Wissenschaftler seien schließlich Autoren, Leser und Gutachter in einem. Dieses zentrale Strukturproblem des wissenschaftlichen Publizierens, das Verlagen die Abschöpfung eines beträchtlichen Mehrwerts ermöglicht, werde aber nicht durch Open Access gelöst. Die öffentlich finanzierte Umstellung bestehender Publikationen habe also ambivalente Folgen: Aus Verlagssicht falle die Wertschöpfung durch Publikationsgebühren für einzelne Artikel (APCs) grundsätzlich nicht anders aus als durch Abogebühren. Schließlich lasse sich etwa keine Korrelation zwischen der Menge der publizierten Artikel und der Preisentwicklung finden.

In der anschließenden Diskussion gaben beide Referenten zu Bedenken, dass bestehende Modellrechnungen mit wenigen Ausnahmen auf Basis naturwissenschaftlicher Publikationen erfolgten. Die Geisteswissenschaften befänden sich nach wie vor in einer anderen, gewissermaßen vorteilhaften Situation.

Zu Beginn des dritten Panel „Qualitätssicherung digital und analog“ sprach FLAMINIO SQUAZZONI (Brescia) über seine langjährige Arbeit am Journal of Artificial Societies and Social Simulation[5], das bereits seit seiner Gründung im Jahr 1998 im Open Access erscheint. Im Besonderen beleuchtete er das Begutachtungsverfahren des Journals. So werde jeder Beitrag in mehreren Runden wie üblich „doppelt blind“ geprüft, bis sich mindestens drei Gutachter für eine Veröffentlichung aussprächen. Dabei würden aber sämtliche Informationen in jeden jeweils neuen Begutachtungszyklus übertragen. So erhalte der Autor am Schluss mit der Entscheidung über Annahme oder Absage auch die gesammelten Unterlagen der Gutachter. Zusätzlich stellte Squazzoni auch noch eine im JASSS angewandte, aus dem PEERE-Projekt stammende Begutachtungsmetrik vor.[6] Ranghohe Gutachter wurden nach diesem Maßstab schließlich in das editorial board der Zeitschrift aufgenommen.

HARALD KLINKE (München) wiederum berichtete von seinen Erfahrungen bei der Etablierung des International Journal for Digital Art History[7]. Für jeden „call for manuscript“ nutzt diese Zeitschrift Social Media-Plattformen, allen voran Twitter, die durch ihre Baumstruktur eine kaum voraussehbare Reichweite erzielen. Klinke zufolge sei die Zeitschrift ein Prozess des Ausprobierens und sei deshalb auch als living document zu sehen, das im Austausch mit seinen Lesern stehe. Man versuche im Entstehungsprozess der Publikation die bereits erwähnte Mehrfachfunktion von Wissenschaftlern als Leser, Autoren, Gutachter und Lektoren gezielt zu nutzen. Der Leser werde also nicht mehr als Konsument, sondern als „Prosument“ angesprochen. Die Zeitschrift selbst werde dadurch integraler Bestandteil eines Netzwerkes. Klinke merkte aber auf Nachfrage auch an, dass sich dieses Netzwerk nicht wie von selbst steuere. Eine Zeitschriftenredaktion müsse auch „Prosumenten“ genau vermitteln, welchen Grad der Beteiligung sie sich wünsche.

Im Anschluss widmete sich erneut Alexander Grossmann von ScienceOpen der Frage, ob die Veränderung des Workflows durch die Digitalisierung auch zu einer Verbesserung der Qualitätssicherung führe.[8] Grossmann sprach sich im Sinne der Förderung von Vernetzung, Diskurs und Diskussion für das Publizieren auf verlagsunabhängigen und diszplinenüberschreitenden Plattformen bzw. Megajournals aus. Mit open peer review und post publication review stellte er zwei Verfahrensgrundsätze vor, die gegenüber den traditionellen Single oder Double Blind Peer Review mehr Transparenz, mehr Austausch, aber auch eine schnellere Veröffentlichung ermöglichen würden.

Grossmann, Klinke und Squazzoni griffen damit ein Thema des ersten Panels wieder auf: Welche Anreize können Zeitschriften setzen, um über einen Kernbestand von fachlich geeigneten und hinreichend schnell arbeitenden Gutachter zu verfügen? An dieser Stelle zeigte sich eine weiterer Leitgedanke des Workshops: Die Debatte um verschiedene Möglichkeiten der Begutachtung (peer review, post peerreview etc.) drehte sich im Kern weniger um geeignete Verfahren, als vielmehr um Strategien, mit denen geeignete Personen gewonnen werden können. Wie auch aus dem Publikum angemerkt wurde, ist eine öffentliche fachliche Kommentierung wissenschaftlicher Artikel oft genug schwer zu realisieren. Squazzoni betonte ebenso wie vorher Constanze Baum daher auch die Wichtigkeit einer „Belohnung“ der Gutachter. Grossmann wiederum wies auf die wachsende Bedeutung von Gutachten in der Wissenschaftsmetrik hin.

Ob aber die Öffentlichkeit der Begutachtung tatsächlich diese Wirkung entfalten kann, blieb umstritten. Konflikte zwischen Wissenschaftlern könnten durch erfahrene Redaktionen oft besser entschärft werden als unter den Bedingungen maximaler Transparenz, gab Christiane Brenner zu bedenken. Andererseits, so Baum, seien in diesem Punkt weder offene noch geschlossene Verfahren von vorneherein geeigneter.

Das abschließende Panel widmete sich Aspekten der „Technik“. VOLKER SCHALLEHN (München) vom Referat für Elektronisches Publizieren der UB LMU gab Ratschläge, die man bei Online-Veröffentlichungen beherzigen sollte. So sprach er sowohl über Möglichkeiten der Suchmaschinenoptimierung, der Bedeutung von Google-Ranking, über die Wichtigkeit von responsivem Webdesign und https-Verschlüsselung als auch über verschiedene Optionen der Bekanntmachung der eigenen Veröffentlichung. Neben den verschiedenen Social Media-Plattformen stellte er hierbei eine ganze Palette an Möglichkeiten vor, wie BASE (Bielefeld Academic Search Engine), Open Archive Initiative (OAI), EZB (Elektronische Zeitschriftenbibliothek), DOAJ (Directory of Open Access Journals)oder auch der ISSN-Registrierung bei der DNB. Darüber hinaus ging er auf die Bedeutung von DOIs (Digital Object Identifier) und deren Counterpart URNs (Uniform Resource Names) ein, wobei gerade erstere durch ihre weltweite flexible Handhabung für Online-Journale unumgänglich seien.

BENEDIKT KROLL (München) vom Zentrum für Elektronisches Publizieren der BSB sprach schließlich über Publizieren mit Open Journal System (OJS). Als Journal-System bringe OJS von Haus aus alle notwendigen Funktionen für die typischen Arbeitsabläufe in Fachjournalen mit. OJS könne aber auch für die Retrodigitalisierung von Zeitschriften einschließlich der dazu gehörigen Aufbereitung und Anreicherung von Metadaten eingesetzt werden. Er stellte vor allem auch die Bedeutung dieser Bearbeitung für eine mögliche Langzeitarchivierung und für die Nutzbarkeit von Archivinhalten heraus. Dabei sei im Besonderen auf ein standardisiertes Metadatenformat, eine standardisierte Datenhaltung, eine effektive Speicherung und die Entwicklung der eigenen Datenbestände zu achten.

Beide Referenten sprachen auch über die Rolle der Bibliotheken als Dienstleister, die sich augenblicklich nur auf die Gewährleistung einer publizistischen Basisdiensleistung erstrecken könne. Moderne Journal-Systeme böten allerdings durch ihre Modularisierung den Vorteil, die individuelle Gestaltung der Zeitschrift von der Datenhaltung zu entkoppeln, wie Kroll am Beispiel von OJS noch einmal betonte. Das liefe auf eine neue Form redaktioneller Arbeitsteilung hinaus, deren Praxistest aber noch aussteht.

Trotz vielfältiger Vorträge kreiste die Diskussion im Ergebnis wohl doch um drei wesentliche Themen, die sich wie folgt zusammenfassen lassen: erstens die Frage nach dem zukünftigen Ort von Fachpublikationen, die bekanntermaßen seit Längerem geführt wird und sich nicht nur auf das Medium der Zeitschrift beschränkt. Hier zeigten Umgebungen wie OJS erste Ansätze, wie die zukünftige Arbeitsteilung zwischen Redaktionen und Trägerinstitutionen, seien es Bibliotheken oder Universitäten, aussehen könnten.

Zweitens die Suche nach Begutachtungsmodellen, mit denen eine ebenso fachlich hochwertige wie stetige Qualitätskontrolle sich unter den Bedingungen des Digitalen herbeiführen lässt. In mehreren Vorträgen rückten die Person des Gutachters und das einzelne Gutachten als Leistung in den Vordergrund.

Drittens schließlich die große Frage nach der Zukunft der (geistes)wissenschaftlichen Fachzeitschrift, die selbstverständlich offen bleiben muss. Ein Schlüssel dieser Entwicklung wird wohl die Erwartung des jeweiligen Faches an den einzelnen Artikels sein: Wird sich die Zeitschrift zur Plattform für Diskussionen, die sich um einzelne, womöglich versionierte Artikel entwickeln, wandeln? Oder bleibt die Zeitschrift mehr als die Summe ihrer Einzelpublikationen, nämlich das Abbild des Gesamtdiskurses ihres gesamten Fachbereichs? Schlussfolgerung ebenso wie Voraussetzung dieser Debatte wäre vielleicht, dass insbesondere die Geisteswissenschaften hier im Moment eine Wahl haben, die in anderen Disziplinen schon gefallen ist.

Konferenzübersicht:

Leser und Autoren: Die Fachöffentlichkeit im digitalen Zeitalter”

Christiane Brenner: Erfahrungen mit „Bohemia Online“

Constanze Baum: Das Projekt „Zeitschrift für digitale Geisteswissenschaften“

“Publikation und Verstetigung”

Alexander Grossmann: Open Access aus Sicht der großen Wissenschaftsverlage

Kai Karin Geschuhn: Strategien zum Umstieg auf Open Access

“Qualitätssicherung digital und analog”

Flaminio Squazzoni: JASSS und neue Wege des peer review

Alexander Grossmann: ScienceOpen

Harald Klinke: Das „International Journal for Digital Art History“: Leser und Prosumenten

Technik

Volker Schallehn: Der Weg zur elektronischen Publikation

Benedikt Kroll: Open Journal System – Erfahrungen und Hinweise für digitale Zeitschriften.

Anmerkungen:
[1] Bohemia Online: <http://www.bohemia-online.de> (05.02.2016).
[2] Zeitschrift für digitale Geisteswissenschaften: <http://www.zfdg.de> (05.02.2016).
[3] Max Planck Digital Library: <http://mpdl.mpg.de> (05.02.2016).
[4] Vgl. Schimmer, R., Geschuhn, K. K., & Vogler, A. (2015). Disrupting the subscription journals’ business model for the necessary large-scale transformation to open access. <http://hdl.handle.net/11858/00-001M-0000-0026-C274-7> (05.02.2016).
[5] JASSS: The Journal of Artificial Societies and Social Simulation: <http://jasss.soc.surrey.ac.uk> (05.02.2016).
[6] PEERE - New Frontiers of Peer Review <http://www.peere.org/> (05.02.2016).
[7] International Journal for Digital Art History: <http://www.dah-journal.org> (05.02.2016).
[8] ScienceOpen – research and publishing network: <http://www.scienceopen.com>

Zitation
Tagungsbericht: Fachzeitschriften im digitalen Zeitalter, 30.11.2016 München, in: H-Soz-Kult, 12.02.2016, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6391>.
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Veröffentlicht am
12.02.2016
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