Werkstattgespräch Demokratie/Geschichte 1918/19

Ort
Berlin
Veranstalter
Archiv der sozialen Demokratie (AdsD), Friedrich-Ebert-Stiftung
Datum
27.01.2017
Von
Anna Zachmann, Berlin Email:

Im Hinblick auf die beiden Jubiläumsjahre zur Novemberrevolution und den Beginn der ersten deutschen Demokratie 2018/19 veranstaltete das Archiv der sozialen Demokratie (AdsD) der Friedrich-Ebert-Stiftung ein Werkstattgespräch mit dem Ziel, die Netzwerkarbeit geschichtswissenschaftlich und erinnerungspolitisch arbeitender Initiativen und Projekte zu unterstützen und voranzutreiben. Vertreter/innen und Initiator/innen von Forschungsprojekten oder Ausstellungsvorhaben wurde so die Möglichkeit geboten, ihre Jubiläumsbemühungen im Kontext der Novemberrevolution, dem Beginn der Demokratie und der Weimarer Republik vorzustellen und noch während der Vorbereitungsphase mit anderen Akteur/innen in Kontakt zu treten.

Nach ihrer Begrüßung unterstrich ANNA-MARIA GÖTZ (Bonn) die Tragweite der Revolution von 1918/19, welche als Beginn der deutschen Demokratie(n) angesehen werden könne. Sie betonte den Werkstattcharakter der Veranstaltung und wies auf das Potential des im Anschluss an die Kurzvorstellung der Projekte vorgesehenen Wissenschafts-Speed-Dating hin, welches einen jeweils 3-minütigen Dialog zwischen den einzelnen Teilnehmenden ermögliche.

Im ersten Impulsvortrag stellt FRANKLIN KOPITZSCH (Hamburg) eine vielschichtige Jubiläumskooperation vor, an der unter dem Titel „Netzwerk Demokratielernen“ mehrere Institutionen wie der Forschungsverbund Kulturgeschichte Hamburgs, das Museum für Hamburgische Geschichte, der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, das Axensprung Theater sowie die Landeszentrale für Politische Bildung beteiligt sind. Diese Kooperation ist als ein Teil der Initiative „Hamburg 1918/19. Aufbruch in die Demokratie“ zu verstehen, die federführend von der Hamburger Senatskanzlei für die Jubiläumsvorhaben 2018/19 verabschiedet worden ist. So werde die geplante Sonderausstellung im Museum für Hamburgische Geschichte mit dem Titel „Revolution! Revolution?“ flankiert von einem vielfältigen Begleitprogramm, unter anderem einer Inszenierung vom Axensprung Theater (Hamburg). Mit den Veranstaltungen verschränkt seien darüber hinaus die Feierlichkeiten anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Hamburger Universität. In der anschließenden Diskussion betonte Kopitzsch, dass die Jahre 1918/19 für die Hamburger Geschichte eine Zäsur bedeuteten; umso dringender sei die historische Perspektive mit aktuellen Fragestellungen, etwa nach der Rolle der Gewerkschaften oder der Frauenbewegung, zu verbinden.

DORIS TILLMANN (Kiel) berichtete vom Kieler Imageprojekt „Demokratie erkämpfen. Demokratie leben“. Höhepunkt der im Jubiläumsjahr 2018 geplanten zahlreichen Veranstaltungen wie Konzerten, Vorträgen, einer Oper und einer Wanderausstellung sei die Ausstellung „Die Stunde der Matrosen. Kiel und die Deutsche Revolution 1918/19“: Diese solle nicht nur Begrifflichkeiten, Vorgeschichte, Ereignisse und Forderungen der Revolution thematisieren, sondern auch aufzeigen, inwiefern der Matrosenaufstand – nicht zuletzt mittels der polarisierenden Bildung von Mythen und Legenden – historisch instrumentalisiert wurde. Nachdem der Aufstand lange umstritten war, positioniert sich Kiel nun erstmals positiv zu dem Ereignis. In der anschließenden Diskussion wurde allerdings herausgestellt, dass die positive Selbstzuschreibung Kiels als „Geburtsort der Demokratie“ auch von anderen Städten, wie etwa Weimar, beansprucht werden könne.

Daran anschließend legte MICHAEL DREYER (Jena) die Bemühungen des Weimarer Republik e.V. dar, die Weimarer Republik als Erinnerungsort zu etablieren und im „Haus der Weimarer Republik“ räumlich zu fixieren. Mittels historischer Stadtrundgängen und einer seit 2015 durch Deutschland tourenden, an öffentlichen Orten wie Einkaufszentren positionierten Wanderausstellung sollen alle Bürger/innen und insbesondere junge Menschen erreicht werden. Dreyer, der auch die positiven Aspekte der deutschen Geschichte hervorgehoben sehen will, begreift „Weimar als Herausforderung“; so lautet auch der gleichnamige erste Band der gemeinsam mit ANDREAS BRAUNE (Jena) herausgegebenen „Weimarer Schriften zur Republik“, in welchen historische Forschungen mit aktuellen politischen Fragestellungen verknüpft werden.

ULRICH SCHÖLER (Berlin) berichtete von der Arbeit am gemeinsam mit THILO SCHOLLE geplanten Buchprojekt „Weltkrieg. Spaltung. Revolution – Sozialdemokratie 1916–1922“, welches eine Forschungslücke zum Thema Parteispaltung der Sozialdemokratie in SPD und USPD schließen und zugleich die politische Linke neu beleuchten soll. Angesichts eines Diskurses, welcher sich aus dem gegenseitigen Vorwurf von Verrat an den ursprünglichen Ideen einerseits und Demokratieabgewandtheit andererseits speiste, müsse nach einem anderen Umgang von Sozialdemokratie und Linken gesucht werden. In der anschließenden Diskussion betonte Schöler, dass sich nicht nur USPD und SPD, sondern auch andere Akteure wie KPO, SAP, ISK oder die Roten Kämpfer trotz der Spaltung auf ein gemeinsames Erbe berufen können.

Ebenfalls der Vorstellung eines geplanten Buchprojekts widmete sich PHILIPP KUFFERATH (Köln), der – gemeinsam mit Jürgen Mittag – anlässlich des 100jährigen Bestehens der Arbeiterwohlfahrt (AWO) an einer chronologischen Darstellung der Geschichte des Verbands arbeitet. Die Entstehungsgeschichte der AWO stehe beispielhaft für zahlreiche Verbände, Vereine und Genossenschaften, die sich in Folge der Revolution und ihrer gesellschaftlichen Nachwirkungen nach 1918/19 gegründet haben. Da die AWO stark regional geprägt ist, stütze sich die Recherche nicht nur auf Quellen aus dem Archiv der sozialen Demokratie, sondern auch aus zahlreichen, regionalen Stadtarchiven. Kufferaths Projekt wurde zum Anlass genommen, über historische Jubiläen als Gelegenheit für Aufträge für freiberufliche Historiker/innen zu diskutieren. Das ambivalente Verhältnis zwischen der möglichen Erwartungshaltung von Auftraggebern einerseits und dem Anspruch auf unabhängigen, wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn der Historiker/innen andererseits spiele in der Berufspraxis nach wie vor eine große Rolle.

Im letzten Beitrag erläuterte VERA ZAHNHAUSEN (Koblenz) das sich in Arbeit befindliche Internetangebot des Bundesarchivs, welches sich zum Ziel gesetzt hat, innerhalb von vier Jahren über sechs Millionen Digitalisate online zugänglich zu machen. Unter dem Titel „Weimar – Die erste deutsche Demokratie“ wird ein Quellenportal erstellt, das an einen Blog gekoppelt ist. Durch die Präsentation der im Zeitraum von 1919–1929 entstandenen Schriften, Fotos, Plakate, Ton- und Filmmaterialien zum Thema Revolution und Weimarer Republik soll die Zusammenarbeit mit wissenschaftlichen Einrichtungen und Schulen angeregt und intensiviert werden. Bei der Diskussion wurde das Projekt – etwa im Hinblick auf die Auswahl und Kommentierung der Digitalisate – kritisch hinterfragt, insgesamt jedoch sehr gelobt.

Die Beiträge von JAN C. BEHRENDS (Potsdam) über ein Buchprojekt zur Wirkungsgeschichte der Russischen Revolution sowie von THOMAS LINDENBERGER (Potsdam) zu einer geplanten Vortragsreihe zu den Nachwirkungen des Kommunismus in Europa ab 1917 mussten kurzfristig ausfallen.

Im Anschluss an die zehnminütigen Beiträge erhielten die Teilnehmenden in einem Wissenschafts-Speed-Dating die Gelegenheit, gemeinsame Schnittmengen zu sondieren und Kontakte für mögliche Jubiläumskooperationen zu knüpfen. Entgegen anfänglicher Befürchtungen entpuppte sich das experimentelle Unterfangen als äußerst fruchtbar für alle Beteiligten, sodass in der 15minütigen Abschlussdiskussion mehrfach der tagungsdidaktische Wert dieses ungewöhnlichen Formats positiv hervorgehoben wurde. Somit wurde dem von Anna-Maria Götz geäußerten Resümee, die Forscher/innengemeinde möge sich weniger in Konkurrenz denn vielmehr als Ergänzung zueinander begreifen, durch den vertrauensvollen Austausch der Teilnehmenden untereinander Rechnung getragen. Des Weiteren lohne es sich, in Austausch zu bleiben über die Vermittlung historischer Ereignisse und ihrer aktuellen Bezüge gegenüber breiteren Zielgruppen.

Abschließend kann als eine alle vorgestellten Projekte umfassende Gemeinsamkeit die jeweilige Bemühung um eine Verknüpfung historischer Perspektiven mit aktuellen politischen oder gesellschaftlichen Fragen konstatiert werden: Die Beschäftigung mit dem erstmaligen Aufblühen der Demokratie in Deutschland nehmen die Forscher/innen zum Anlass, nach dem Zustand unserer heutigen demokratischen Strukturen und Prozesse zu fragen – und sie macht deutlich, dass Demokratie einer aktiven Beteiligung bedarf und immer wieder neu errungen, verhandelt und gestärkt werden muss.

Konferenzübersicht:

Projektvorstellung

Franklin Kopitzsch (Universität Hamburg, Forschungsverbund zur Kulturgeschichte Hamburgs) / Nele Fahnenbruck (Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge) / Mareike Ballerstedt (Museum für Hamburgische Geschichte) / Oliver Hermann (Axensprung Theater): „Netzwerk Demokratielernen 1918“

Doris Tillmann (Kieler Stadt- und Schifffahrtsmuseum): „Die Stunde der Matrosen. Kiel und die Deutsche Revolution 1918/19“

Michael Dreyer (Weimarer Republik e.V.): „Einrichtung des Hauses der Weimarer Republik. Forum für Demokratie“

Andreas Braune (Forschungsstelle Weimarer Republik e.V.): „Geplante Fachkonferenzen,Publikationen und Forschungsprojekte zur Revolution und ihren Folgen“

Ulrich Schöler (Freie Universität Berlin) / Thilo Scholle (Berlin): „Buchprojekt ‚Weltkrieg. Spaltung. Revolution – Sozialdemokratie 1916 – 1922‘“

Philipp Kufferath (Deutsche Sporthochschule Köln): „Geschichte der Arbeiterwohlfahrt (AWO) 1919–2019. Ein Forschungs- und Buchprojekt“

Vera Zahnhausen (Bundesarchiv): „Weimar – Die erste deutsche Demokratie. Ein neues Internetangebot des Bundesarchivs“

Wissenschafts-Speed-Dating

Abschlussdiskussion

Zitation
Tagungsbericht: Werkstattgespräch Demokratie/Geschichte 1918/19, 27.01.2017 Berlin , in: H-Soz-Kult, 29.03.2017, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7086>.